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Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
Einleitung:
 
Teil I – Grundlagen
- 1 – - Das »wissende Feld«
Fragen zum Auftreten und Umfang des Feldes
Sich vom »wissenden Feld« führen lassen: »Bewegungen der Seele«
- 2 – - Im Augenblick sein – Phänomenologie
Die Kunst der Wahrnehmung
Die phänomenologische Vorgangsweise
Die innere Sammlung
Die innere Ausrichtung: Was gibt Kraft?
- 3 – - Lösungen im Einklang
»Ordnungen der Liebe«
Die Schritte der Lösung
Konkrete Lösungsmuster
Die Wirkung
- 4 – - Den Zugang zum Klienten finden
Sich auf das Gegenüber einstellen
- 5 – - Die persönliche Reife
Die eigenen Grenzen achten
»Blinde Flecken«
Die persönliche Entwicklung des Therapeuten
 
Teil II – Handwerkliches Können beim Familien-Stellen
- 1 – - Den guten Rahmen geben
Vorbereitung
Die Einführung der Teilnehmer
Der Beginn der Aufstellung
Das Aufstellen
Das Ende der Aufstellung
- 2 – - Der weitere Seminarrahmen
Der Rhythmus der Aufstellungen
Direkt nach der Aufstellung
Geschichten und Trancen
Der Umgang mit Grenzsituationen
Nachsorge
Abwandlungen der Aufstellungsform
- 3 – - Rolle und Verhalten des Aufstellers
Der Ernst
Die Schlüsselstellung
Gefahren im Gebrauch der Autorität
Der Klient im »Widerstand«
Schwierige Momente beim Aufstellen
- 4 – - Die Balance der Interventionen – Energie, Ordnung, Realität und der Fokus
Die Energie
Die Ordnung
Die Realität
Der Klient und sein Anliegen
Den Klienten im Auge behalten
Das Zusammenspiel
- 5 – - Der behutsame Umgang mit Worten, Körpersignalen und Gefühlen
Sprache, die heilt
Sprache, die aufdeckt und löst
Anregungen zum Sprachgebrauch
Körpersignale wahrnehmen
Der Ausdruck von Gefühlen
- 6 – - Die drei Grundmuster von Beziehungen
Die Beziehung der Kinder zu den Eltern
Die Paarbeziehung
Die Beziehung der Eltern zu den Kindern
- 7 – - Tod, Krankheit, Schuld und Familiengeheimnisse
Tod
Krankheit
Schuld
Familiengeheimnisse
- 8 – - Über die Familienaufstellung hinaus
Einzelaufstellung
Organisationsaufstellung
Aufstellungen von Gefühlen, Persönlichkeitsanteilen, Objekten und Strukturen
 
Zum Ausklang
Danksagung
Literatur
Empfehlungen und Adressen
Copyright

Buch
Durch die systemische Familientherapie von Bert Hellinger Können Spannungen und Konflikte innerhalb einer Familie aufgedeckt werden. Mittels Stellvertretern wird dem Betreffenden die psychische Dynamik der eigenen Familie vor Augen geführt, sodass sich destructive Muster offenbaren. Bertold Ulsamer legt in seinem Buch dar, worauf es beim Familien-Stellen ankommt. Er reflektiert die Arbeit und Rolle des Therapeuten im Spannungsfeld subjektiver Erfahrung und objektiven Wissens, befasst sich mit dem Einsatz der Sprache und erläutert den Umgang mit Emotionen. Sein Buch wendet sich an Theurapeuten und alle, die sich über Anwendungsmöglichkeiten und praktische Ausübung der Hellinger-Therapie informieren möchten.

Autor
Dr. Betold Ulsamer ist promovierter Jurist und Diplompsychologe. Er arbeite zunächst als Psychotherapeut, spezizlisierte sich dann auf NLP und war damit 15 Jahre lang als Managementtrainer tätig. Seit 1995 führt er Seminare mit Familienaufstellungen und Fortbildungen in mehreren Ländern durch. ER IST autor von Büchen zu den Themen Kommunikation und Selbstmanagement.
 
Bei Goldmann ist von Bertold Ulsamer bereits erschienen: Ohne Wurzeln keine Flügel (14166)

Vorwort:
Brief von Bert Hellinger
Lieber Bertold,
 
dein neues Buch Das Handwerk des Familien-Stellens kommt zu einer Zeit, in der viele sich fragen: Worauf kommt es letztlich beim Familien-Stellen an? Was ist zu beachten? Wo geht man vielleicht in die Irre? Welche anderen Kräfte wirken herein?
Darauf hast du detaillierte Antworten gefunden und sie übersichtlich und klar dargestellt. Du kommst vielen Aufstellern damit entgegen. Aber auch Klienten, die sich mit dem Familien-Stellen auf mehr allgemeine Weise vertraut machen wollen, finden darin wichtige Hinweise.
Eines fällt mir besonders auf. Du sprichst zur Seele. Mir hat es gut getan, das Buch ohne besondere Absichten einfach zu lesen und mich von der Fülle der Gedanken und Beispiele berühren zu lassen. Ich wünsche den Lesern, dass es ihnen dabei ähnlich ergeht wie mir.
 
In freundschaftlicher Verbundenheit Bert

Einleitung:
Auch das Familien-Stellen braucht Handwerk
Familienaufstellungen haben in den letzten Jahren eine enorme Breitenwirkung erlangt. Die Bücher von Bert Hellinger zur Aufstellungsarbeit erzielen Auflagen bis über 100 000. Die Seminare, die er vor Fachleuten zur Demonstration seines Vorgehens hält, sind überfüllt, obwohl mehrere hundert Teilnehmer in den Sälen Platz finden.
Gleichzeitig werden immer mehr »Familienaufstellungen nach Hellinger« angeboten. Seminare schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Kursleiter und Therapeuten kommen aus allen möglichen Berufsgruppen: Da sind Psychiater, Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker, Sozialarbeiter, Lehrer und Lebensberater. Viele fühlen sich von der Arbeit des Familien-Stellens angezogen, ja, »gerufen«; neutrale Beobachter der Szene werden allerdings schon besorgt ob der großen Anzahl derer, die da kommen, und ob der großen Unterschiede ihres Hintergrunds.

Die Entwicklung des Familien-Stellens

Familien-Stellen ist eine junge Disziplin. Zwar sind manche seiner Einsichten und Grundlagen auch Teil des Wissens anderer therapeutischer Richtungen. Dennoch unterscheidet sich das Familien-Stellen »nach Hellinger« in wesentlichen Elementen davon. Hellinger entwickelte seine besondere Form der Aufstellung, mit der er Gesetzmäßigkeiten entdeckte, die über die Generationen Familien regieren, allmählich vom Ende der Siebziger- bis Mitte der Neunzigerjahre im deutschsprachigen Raum.
Einige der Teilnehmer der ersten Gruppen bei Hellinger blieben mit ihm, seinen Entwicklungen und seinen Entdeckungen dauerhaft in Verbindung. Sie lernten und erfuhren das Familien-Stellen im Umgang und direkten Kontakt mit Hellinger. Schon Anfang der Achtzigerjahre fingen die Ersten an, selbstständig mit Familienaufstellungen in der damaligen frühen Form zu arbeiten.
Der große Durchbruch kam 1993 durch Hellingers erstes Buch Zweierlei Glück, herausgegeben von Gunthard Weber, dem bald als zweites Grundlagenwerk Ordnungen der Liebe folgte, und es entstanden immer mehr Bücher und Videos zum Thema. Es gibt mittlerweile allein auf Deutsch 90 Stunden Lehrvideos und 16 Bücher mit Aufstellungen und Materialien. Von Anfang an stellte Hellinger seine Einsichten allen, die daran Interesse hatten, zur Verfügung. Er war nie bestrebt, sein Wissen geheim zu halten oder zu lizenzieren.

Handwerk? Berufung?

Wer Bert Hellinger das erste Mal bei Aufstellungen erlebt, kommt ins Staunen. Sein Vorgehen scheint nicht nachvollziehbar und sich Erklärungen zu verschließen. Woher kommt die Sicherheit, die ihn trägt? Wie kommt es zu den augenfälligen Wirkungen und Veränderungen der Beteiligten? Ist es noch Therapie? Magie? Oder vielleicht sogar Scharlatanerie, wie manche vermuten?
Vor einigen Jahren stand ich zufällig in einer Veranstaltungspause neben Hellinger, als eine enthusiastische Teilnehmerin auf ihn zustürzte. »Ich bin ja so begeistert«, brach es aus ihr heraus. »Wo kann man das lernen?« – »Das kann man nicht lernen«, war seine lapidare Antwort.
Kann derjenige, der Familien stellen will, sich dann also nur auf seine Intuition und seinen Mut verlassen? Oder gibt es doch Grundlagen, die zu erwerben sinnvoll ist?
Sicherlich braucht, wer Familien stellt, immer wieder die Beherztheit, auf die eigene innere Stimme zu hören, die in unbekanntes Gelände, zu überraschenden Einsichten ohne vorgezeichneten Weg führt. Auf der anderen Seite braucht das Stellen ein fundiertes Wissen. Das Vorgehen beim Aufstellen sind nicht nur reine, von der Erfahrung geförderte Intuition oder blitzartige Eingebungen. Aufstellungen unterliegen in weiten Teilen bestimmten nachvollziehbaren Strukturen.
Das mag dem Zuschauer zunächst nicht so scheinen. Für ihn ist es oft nicht zu durchschauen. Er ist verblüfft, beeindruckt und verwirrt zugleich von den Interventionen des Aufstellers. Fragen tauchen auf: Warum hat er gerade jetzt die Plätze verändert? Warum nimmt er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die neue Person hinein? Warum fragt er die Eltern und nicht die Kinder?
Auch wer als Aufsteller beginnt, mag zunächst fast erschlagen von der Fülle der Möglichkeiten sein. Bisweilen fühlt er sich trotzdem in einer Sackgasse, ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Staunend erlebt er dann, wie sich doch neue Schritte ergeben und er zu einem guten Ende gelangt. Mit einer gewissen Erfahrung werden die Schritte dann aber für den Aufsteller ein Stück weit vorhersagbarer. Man erkennt Prioritäten und Systematiken.
Wie lernt man heute das Aufstellen? Die Strukturen des Vorgehens sind in früheren Aufstellungen Hellingers besser zu erfassen als in denen der letzten Jahre. Heute haben sie sich sehr verändert. Immer mehr vertraut er die Entwicklung einer Aufstellung den dort vorhandenen Energien an, immer seltener greift er ein. Fast parallel zu dieser Entwicklung haben Schüler von Hellinger jedoch angefangen, eine Fülle von Weiterbildungen zum Familien-Stellen anzubieten.
In einem Interview fragten Harald Hohnen und ich Bert Hellinger im Jahre 2000 erneut: »Kann man Familienaufstellung lernen?« Die Antwort lautete:
 
»Gewisse Dinge kann man lernen. Selbst wenn einer die Haltung hat, kann er deswegen noch nicht Familien stellen. Er braucht Wissen, er muss es sehen, und dann kann er bestimmte Dinge lernen. Das erleichtert ihm natürlich den Prozess. Er braucht nicht noch einmal von der Wurzel anzufangen, weil andere den Weg schon gegangen sind. Er kann den Weg ruhig mitgehen. Wenn er ihn dann offen mitgeht, dann kann er ihn auch eigenständig weitergehen.«

Das »richtige« Familien-Stellen?

Familien-Stellen ist ein sehr persönliches Tun, geprägt von den Lebenserfahrungen und dem persönlichen Wissen und Hintergrund des Therapeuten. Zahlreiche exzellente Familien-Steller leisten inzwischen in Deutschland und an vielen anderen Orten der Welt diese Arbeit. Ihr Vorgehen unterscheidet sich dabei enorm. Es gibt unzählige persönliche Spielarten. Dabei entwickelt jeder Aufsteller seinen eigenen Stil, seine eigene Handschrift, oft bestimmte »Lieblingssätze«, teilweise neu gefunden und damit wertvolle Erweiterungen.
Dennoch kann ich bei meiner persönlichen Arbeit und bei der Beobachtung der Arbeit von Kollegen immer wieder Vorteile und Nachteile von bestimmten Interventionen beobachten. Es ist eben nicht gleichgültig, welche Schritte jemand unternimmt – auch wenn durch die unterschiedlichsten Schritte kraftvolle und berührende Aufstellungen entstehen. In den Übungsgruppen meiner Weiterbildungen durfte ich beobachten, dass alles, was falsch gemacht werden kann, auch falsch gemacht wird.
Es gibt Schritte beim Aufstellen, die der Situation angemessen, und solche, die unangemessen sind. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Therapeut. Dabei sind – meist, aber nicht immer! – die Gegensätze »richtig-falsch« unangebracht. Sinnvoller scheint das Begriffspaar »günstig-ungünstig« zu sein. Denn oft gibt es keine eindeutigen und endgültigen Antworten. Stattdessen gilt es, abzuwägen zwischen Vor- und Nachteilen von Vorgangsweisen und Interventionen.
Ein Aufsteller beherrscht sein Handwerk, wenn er sich flexibel unterschiedlichen Situationen anzupassen versteht. Dabei sehe ich keinen Widerspruch zwischen Systematik und Intuition. Die Intuition eines Aufstellers kann umso reicher werden, je mehr Wissen um Systematiken er erworben hat. Mit diesem Buch verbinde ich deshalb nicht den Anspruch, das »richtige« Familien-Stellen zu lehren. Sicher gibt es manches oder vieles Gutes, was andere Aufsteller anders als ich machen. Aber ich hoffe, dass sich die fruchtbare Auseinandersetzung um das Aufstellen durch die folgenden Ausführungen weiterentwickelt.

Das Ziel dieses Buchs

Dieses Buch ist geschrieben für diejenigen, die sich intensiver mit der praktischen Tätigkeit des Familien-Stellens auseinander setzen wollen. Aber ist nicht bereits das ganze Handwerk in den vielen Büchern und Videos Hellingers enthalten?, wird sich manch einer fragen. Sicher, die Mitteilungen zum Handwerk sind jedoch sehr verstreut. Dieses Buch geht zusammenhängend auf viele praktische Fragen ein. Vieles beschreibe ich mit eigenen Worten und stütze mich dabei auf meine eigenen Erfahrungen in der Praxis.
Wenn ich in diesem Buch von Handwerk spreche, dann in der alten Bedeutung des Wortes. Wer Maler werden will, muss die Farben kennen, Maltechniken, Wissen um Perspektiven usw. Das ist das Handwerk als Voraussetzung der Kunst. Je geschulter die handwerklichen Fähigkeiten, desto gekonnter ist das Ergebnis, wenn ein neuer Ausdruck oder ein neues Thema gesucht wird.
Die Kunst und die Tiefe lassen sich dabei nicht lernen, das Handwerk schon. Und über den wenigen genialen Künstlern, die eigenständig Neuland erobern, braucht die große Zahl der »Kunsthandwerker« nicht vergessen zu werden. Sie beherrschen ihr Handwerk zum Teil in solcher Vollendung, dass sie auch ohne eigene neue, umwälzende Entwicklungen dem, was sie tun, Tiefe und Ausdruck geben.
In den mehrwöchigen Weiterbildungen zum Familien-Stellen, die ich immer wieder durchführe, hat sich ein Kern herauskristallisiert, den ich als Grundlagen des Handwerks an die Teilnehmer weitergebe. Durch die Rückmeldungen weiß ich, dass das eine tragfähige Basis für die Arbeit mit Aufstellungen gibt.
Dieses Know-how wird im Folgenden vermittelt. Gleichzeitig nehme ich an wichtigen Stellen Bezug zu Aussagen von Hellinger. Dazu nutze ich auch bisher noch nicht veröffentlichtes Material, das er mir zur Verfügung gestellt hat. Zitate von ihm mache ich dadurch kenntlich, dass ich sie einrücke.
Manchmal greife ich auf kurze Passagen aus meinem Einführungsbuch zu Familienaufstellungen Ohne Wurzeln keine Flügel zurück, wenn ich den Eindruck habe, die Formulierung von dort zurzeit nicht verbessern zu können.

Falldarstellung und Benennungen

Ich habe verschiedene Möglichkeiten gewählt, diejenigen, die eine Aufstellung leiten, zu bezeichnen: Leiter, Therapeut oder Aufsteller. Um die Darstellung zu vereinfachen, führe ich die weiblichen Formen wie Aufstellerin nicht eigens dazu an. Die Aufstellerinnen mögen es mir verzeihen! Für diejenigen, die ihre Familie aufstellen, habe ich regelmäßig die Bezeichnung »Klient« gewählt.
Wenn ich die Aufstellung selbst wiedergebe und »Vater«, »Mutter«, »Sohn«, »Tochter« usw. schreibe, sind immer die Stellvertreter und Stellvertreterinnen der Betreffenden gemeint, zum Beispiel sagt in einer Aufstellung der Sohn zum Vater: »Ich achte dich.« Es sagt dann der Stellvertreter des Sohns zum Stellvertreter des Vaters diesen Satz.
Häufig sind solche Sätze (»Ich achte dich«) zunächst vom Aufsteller vorgeschlagen worden, und der Stellvertreter hat sie nachgesprochen und dann als stimmig bejaht. Bisweilen äußert ein Stellvertreter auch spontan wichtige Sätze. Dann weise ich ausdrücklich darauf hin.

Teil I
Grundlagen
Jedes Handwerk hat Grundlagen und Grundhaltungen. Der Schreiner braucht Achtung vor dem Holz als lebendigem Material. Erst mit dieser Haltung wird er seine Werkzeuge geschickt und angemessen einsetzen.
Wer sich mit dem Handwerk des Familien-Stellens auseinander setzt, spricht deshalb sinnvollerweise erst von seinen Grundlagen. Ohne sie bleibt das handwerkliche Können beschränkt und wird zur Mechanik. Erst auf den richtigen Grundlagen kann es sich entfalten und weiterentwickeln.
Wer die Grundlagen des Familien-Stellens anschaut, wird dabei auf manches Bekannte stoßen. Denn erfolgreiches therapeutisches oder beratendes Handeln ähnelt sich in vielen wesentlichen Bereichen. Die Gemeinsamkeiten guter Therapeuten vieler unterschiedlicher Richtungen sind doch – bei allen Unterschieden – recht groß. Beispielsweise ist überall ein guter Kontakt mit dem Klienten die notwendige Ausgangsbasis, um konstruktiv auf ihn einzuwirken. Auch werden die persönlichen »blinden Flecken« eines jeden Therapeuten sein Handeln ungünstig beeinflussen. So ist vieles, was für den Familiensteller als Grundlage wichtig ist, auch in anderen Therapien bedeutungsvoll.
Dennoch gibt es zwei Bereiche, die sich deutlich von anderen Richtungen unterscheiden und die als Grundlagen für das Familien-Stellen entscheidend sind: das »wissende Feld« und die phänomenologische Grundhaltung.
Bevor ich darauf eingehe, stelle ich für diejenigen, denen das Familien-Stellen neu ist, eine kurze Einführung in den Ablauf eines Familienaufstellungsseminars voran.
Der Ablauf einer Familienaufstellung
In offenen Seminaren, so wie ich sie durchführe, treffen sich Teilnehmer, von denen jeder seine Familie aufstellen will. Meistens kommen sie für sich allein, denn die anderen Mitglieder ihrer Familie brauchen sie nicht für diese Arbeit. Manchmal kommen auch Geschwister, ein Elternteil mit einem Kind oder Paare. Seminare dauern meist zwischen zwei und fünf Tagen. Während dieser Zeit stellt jeder Teilnehmer einmal mithilfe der anderen Teilnehmer seine Familie auf. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Aufstellungen, einmal die der Familie, aus der jemand kommt (Ursprungssystem), und zum anderen die des Beziehungsnetzes des eigenen Lebens mit Partnern und Kindern (Gegenwartssystem).
Die praktische Durchführung sieht so aus: Wer aufstellen will, wählt zunächst Stellvertreter für jedes wichtige Mitglied der Familie – und auch für sich selbst. Anschließend gibt der Klient spontan, ohne zu sprechen und ohne jede weitere Erklärung, jedem Stellvertreter der Reihe nach im Raum einen Platz und eine Blickrichtung.
Wenn alle aufgestellt sind, nimmt der Klient wieder Platz. Von jetzt an bis zum Ende der Aufstellung ist er nur noch Zuschauer und beobachtet das, was der Leiter und die Stellvertreter sagen und tun.
Der Leiter bittet die Stellvertreter, sich auf die Empfindungen an ihrem Platz einzulassen. Nach kurzer Zeit fragt er sie einzeln nach ihren Wahrnehmungen. Spannungen, die in der Familie vorhanden sind, kommen dabei ans Licht. Im ständigen Kontakt mit den Rückmeldungen der Stellvertreter sucht der Leiter nach individuellen Lösungen. Diese spiegeln die Ordnungen wider, die Hellinger in seiner langjährigen Arbeit mit Aufstellungen herausgefunden hat. Häufig erweisen sich Lösungssätze als hilfreich, die ein Ausdruck dieser Ordnungen sind.
Eine Aufstellung dauert im Regelfall zwischen 20 und 45 Minuten, aber auch kürzere und längere Aufstellungen kommen vor.
Ziel bei der Aufstellung der Ursprungsfamilie ist es nicht, die unendliche Vielfalt aller Verbindungen in einer Familie aufzudecken, sondern nur die stärkste Verstrickung, in der jemand gefangen ist und die seine Kraft bindet. Insbesondere die Verbindungen mit früh verstorbenen und ausgeschlossenen Familienmitgliedern sind wichtig.
Bei der Aufstellung des Gegenwartssystems geht es darum, früheren Partnern einen Platz zu geben, die Beziehungen zwischen einem Paar selbst und die Beziehungen zwischen dem Paar als Eltern und seinen Kindern zu klären.
Oft ist eine gute Ordnung möglich, bei der jeder sich an seinem Platz wohl fühlt, und die Aufstellung hat ein natürliches Ende. Am Schluss nimmt der Klient dieses neue Bild auf, häufig, indem er sich auf den Platz seines bisherigen Stellvertreters stellt.

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Das »wissende Feld«
In Aufstellungen begegnen wir dem Phänomen, dass Stellvertreter Zugang zu einem Wissen finden, das – eigentlich – nur den betreffenden Personen zugänglich sein kann, die sie vertreten. Mit anderen Worten: Die Stellvertreter nehmen Gefühle und Beziehungen der fremden Personen wahr, die sie vertreten. Das ist die wesentliche Grundlage der Arbeit mit Familienaufstellungen, ohne die Aufstellungen nicht denkbar wären.
 
Der Klient stellt auf, weil er sich in seiner Rolle als Mann unsicher fühlt. Unter den anderen fünf teilnehmenden Männern des Seminars wählt er einen für seinen Vater und einen für sich aus. Auch für die Mutter wählt er eine Stellvertreterin aus. Dann gibt er, ohne dabei zu sprechen, jedem einen Platz im Raum.
Den Vater hat er so aufgestellt, dass dieser nach außen schaut. Auf Nachfragen äußert der Vater (Stellvertreter!), dass er sich schwach fühlt und dass es ihn von der Familie wegzieht.
Auf Nachfragen des Therapeuten stellt sich heraus, dass der ältere Bruder des Vaters im Krieg gefallen ist. Als ein Stellvertreter des Bruders dazu aufgestellt wird, strahlt ihn der Vater an. Zu ihm will er. Auch der Sohn ist erleichtert und glücklich, als er den verstorbenen Onkel sieht.
 
Wer das erste Mal an einer Aufstellung teilnimmt, gerät ins Staunen. Wie kommen Stellvertreter zu solchen Empfindungen und Reaktionen? Soll das wirklich echt sein? Kann es nicht an der Phantasie der Stellvertreter liegen? Ein liebevolles Theater? Aber es ist nicht immer liebevoll und voraussehbar, was Stellvertreter wahrnehmen.
 
Die Klientin stellt auf, unter anderem Stellvertreter für ihre Großmutter und deren ersten Mann, den sie im Krieg verloren hatte. Beide schauen sich an. Ich schlage der Großmutter den Satz vor: »Es war schlimm für mich, dass du gefallen bist.« Die Großmutter schaut einen Moment lang. Dann sagt sie spontan zu ihm: »Nein. Ich war froh darüber.«
 
Solche plötzlichen Aussagen schockieren. Sie waren durch keine weiteren Informationen vorbereitet. Aber stecken hier vielleicht die eigenen Probleme der Stellvertreterin dahinter? Bringt sie ihre persönliche Familiengeschichte mit hinein?
Doch immer wieder bestätigen die Klienten spontan die Richtigkeit dessen, was Stellvertreter ausdrücken. »Genauso ist es in meiner Familie«, heißt es stets aufs Neue. Ja, bisweilen verwendet ein Stellvertreter sogar die Sätze, die ein Familienmitglied immer benutzt hat, steht genau in der gleichen Körperhaltung da oder zeigt dessen Krankheitssymptome, ohne dass vorher darüber gesprochen worden war.
Die Plätze in einer Aufstellung haben ihre eigene Kraft, sodass jeder, der an dieser Stelle steht, ähnlich reagiert. Auch die anderen Stellvertreter reagieren nicht überrascht und befremdet auf solch unerwartete Aussagen wie die obige. Das, was geäußert wird, erweist sich als für alle stimmig.
Dieses Phänomen geschieht in jeder Aufstellung. Albrecht Mahr prägte dafür den Begriff »wissendes Feld«. Es ist ein »wissendes Feld«, das die Stellvertreter mit den vertretenen Personen verbindet und sich im Seminar ausbreitet. Mithilfe dieses »wissenden Feldes« lassen sich Konflikte in der jeweiligen Familie ans Licht bringen und Lösungen finden.
Auch andere therapeutische Richtungen sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Familienmitglieder die Energien der eigenen Familie aufnehmen. So entfalten in einer Familie Schicksalsschläge über mehrere Generationen ihre Wirkung, auch ohne dass den Kindern davon erzählt wird. Das ist an und für sich schon erstaunlich genug. Aber es ist nicht so verwunderlich, wie das, was wir in Aufstellungsseminaren erleben. Hier kommen wildfremde Menschen innerhalb kürzester Zeit zu einem sonst nur in der Familie vorhandenen Wissen.
Schlüssige Erklärungen, auf welche Weise dies geschieht, habe ich noch keine gefunden. Alle Erklärungsversuche, die mir bisher begegnet sind, scheinen mir zu kurz zu greifen. Sicherlich gibt es bei den Äußerungen der Stellvertreter manches, was sich auch rational nachvollziehen lässt. Der Kernbereich bleibt jedoch unerklärlich. Unerklärliches versetzt den Verstand jedoch in ständige Unruhe und Verunsicherung. Die vermag er nur kurze Zeit zu ertragen. Am Beispiel des »wissenden Feldes« lassen sich exemplarisch die folgenden Schritte beobachten.
Ursprünglich hat Hellinger Teilnehmern auf ihre Frage, was hier wirkt, geantwortet, dass es ein »Geheimnis« sei. Damit ist das Geschehen noch unbenannt. Der nächste Schritt ist, ein Wort für das Geheimnisvolle zu finden: »wissendes Feld«. Damit wirkt das Geheimnis schon ein kleines Stück weniger mysteriös und mehr greifbar. Dann wird das Phänomen mehr und mehr beschrieben. Dadurch ist es zwar nicht weniger geheimnisvoll, aber das gerät langsam in Vergessenheit, denn jetzt scheint der Mensch es mehr und mehr in den Griff zu kriegen. Schließlich kommt die genaue Erforschung durch wissenschaftliche Experimente. Diese beginnt gerade in der Aufstellerszene. Allmählich wird das Geheimnisvolle unmerklich ein Teil des Katalogs menschlichen Wissens, das niemand mehr erstaunt, weil es selbstverständlich geworden ist.
Dennoch ist und bleibt das Bewusstsein des Geheimnisvollen eine der kostbarsten Grundlagen des Familien-Stellens. Hellinger sagte dazu:
 
»Das Stehenbleiben vor dem Geheimnis ist, glaube ich, die wichtigste Kraftquelle für den Therapeuten. Wir kommen an die Grenze von Tod zum Beispiel und wissen, über das, was da vor sich geht, und wohin es führt, haben wir keine Macht. Oder die Geheimnisse von Schicksalen, von Zusammenhängen und Bindungen, dass einer etwas übernimmt, ohne dass er es weiß, und für etwas in den Dienst genommen wird, das er nicht versteht. Auch das ist eine Grenze, und ich bleibe vor ihr stehen.
Dieses Sich-Zurücknehmen und An-der-Grenze-StehenBleiben kosten viel Kraft, besonders am Anfang. Diese Leere hinter dem Geheimnis ist schwer auszuhalten. Wir suchen nach Erklärungen, um das Bedrohliche des Geheimnisses zu bannen. Es ist doch merkwürdig, dass jemand, wenn er für seinen Zustand eine Diagnose bekommt, sich oft besser fühlt, auch wenn die Diagnose falsch ist, weil er auf einmal eine Erklärung hat für etwas Unerklärliches. Sehr viel Religion zum Beispiel hat die Funktion, das Unerklärliche zu erklären oder ein Geheimnis zu lüften oder zu begreifen, das eigentlich verborgen bleibt und unbegreiflich.
Die Haltung des Stehenbleibens ist dem Geheimnis am gemäßesten. Aus der Achtung vor diesem Geheimnis fließt einem dann aus dem Verborgenen etwas zu. Viele Lösungen oder Worte, die mir während dieser Arbeit kommen, werden mir geschenkt, weil ich vor dem Geheimnis stehen bleibe. Weil ich vor einer Grenze in mir gesammelt bleibe, kommt mir aus dem Dunkel etwas ans Licht, das hilft: ein nächster Schritt oder eine Lösung oder was immer. Ich fange an, eine Familie aufzustellen, ohne dass ich weiß, wohin es führt. Ich mache den ersten Schritt, warte dann, komm an eine Grenze, weiß nicht, wie es weitergeht, und auf einmal kommt mir aus der Haltung des Stehenbleibens blitzartig eine Handlungsanweisung. Sie ist oft so unvermutet, dass man Angst hat, und manchmal scheint sie auch gefährlich zu sein. Wenn ich in dem Augenblick überlege: ›Darf ich das oder nicht?‹, befrage ich das Geheimnis sozusagen – und dann zieht es sich sofort wieder von mir zurück, und ich bleibe ohne Kraft.
Also, dieses Verblüffende, was manchmal hier abläuft, hat etwas damit zu tun, dass der Therapeut nicht wissen will. Aus dem Nicht-wissen-Wollen und der Bereitschaft, sich dem Geheimnis zu stellen und den Kräften, die er nicht versteht, kommt ihm der Mut und die Möglichkeit, damit hilfreich umzugehen. Das ist einer weit verbreiteten Vorstellung von Psychotherapie und auch von psychotherapeutischen Ausbildung völlig entgegengesetzt.«
 
Für mich als Aufsteller ist die Tatsache wichtig, dass sich dieses »wissende Feld« regelmäßig bildet. Ich kann mich auf sein Eintreten verlassen. In meiner Arbeit lerne ich immer mehr, dem Feld zu vertrauen und mich von ihm leiten zu lassen.
Auch wer sich als Kritiker mit Aufstellungen auseinander setzt, muss auf dieses Phänomen eingehen. Wer sich nur an der Person Hellingers reibt und die Erfolge auf sein Charisma zurückführen will, übersieht bewusst oder unbewusst die wesentliche Grundlage der Aufstellungen. Damit wird die Kritik nie fundiert werden.

Fragen zum Auftreten und Umfang des Feldes

Durch die vielen Aufstellungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten von Bert Hellinger und vielen anderen Therapeuten durchgeführt wurden, existiert bereits ein breites Wissen vom Auftreten und Umfang des »wissenden Feldes«.
 
• Braucht es besondere persönliche Fähigkeiten des Aufstellers?
Vermutlich zweifelt jeder Aufsteller, bevor er seine erste Aufstellung durchführt, daran, ob auch er das kann: Vielleicht hängt ja das Auftreten des »wissenden Feldes« von einer besonderen persönlichen Fähigkeit oder einer speziellen inneren Kraft ab. »Bert Hellinger kann das zwar – aber ich nicht.«
Bald erfährt er, dass das »wissende Feld« unabhängig von der jeweiligen Person auftritt. Allerdings braucht es eine gewisse Konzentration und innere Ruhe, was oft mit dem Wort »Sammlung« bezeichnet wird. Der Aufsteller muss einen Rahmen schaffen, in dem diese Sammlung möglich ist.
 
• Gibt es bestimmte Vorgehensweisen, die das Feld auslösen?
Bei den Aufstellungen wählt regelmäßig der Klient die Stellvertreter aus, nimmt sie dann an den Armen oder Schultern und führt sie an ihren Platz. Ist das vielleicht eine Voraussetzung?
Nein. In meiner Arbeit lasse ich meist nur die Kernfamilie, die Eltern und Kinder, vom Klienten aufstellen. Danach wähle ich selbst noch fehlende zusätzliche Mitglieder wie einen früh verstorbenen Onkel aus. Es reicht, wenn ich jemanden wähle, ihm einen Platz gebe und sage: »Du bist der früh verstorbene Bruder der Mutter. Bitte fühle dich ein.« Plötzlich werden ihm die Gefühle dieser Rolle zugänglich. Auch die Mutter und die anderen Familienmitglieder reagieren unmittelbar auf die neue Person.
 
In einer Weiterbildungsgruppe wählte ein Teilnehmer die Stellvertreter lediglich aus, vergaß, sie zu stellen, und setzte sich. Als Experiment forderte ich die Stellvertreter auf, sich einzufühlen und dann einen Platz nach ihrem inneren Gefühl zu suchen. Sie taten das und stellten sich im Raum durcheinander auf. Der Klient ging herum und fand ihre Aufstellung stimmig.
 
Teilnehmer, die in Stellvertreterrollen geübt sind, kommen oft schon in dem Moment, in dem sie gewählt sind, oder auch kurz davor, in Kontakt mit Gefühlen und Wahrnehmungen der fremden Person.
Es scheint, dass die Entscheidung genügt, aufstellen zu wollen, damit das Feld zu wirken beginnt. Hin und wieder ist in längeren Seminaren das Feld so stark, dass sich auch nicht als Stellvertreter gewählte Personen spontan in Rollen begeben.
 
• Braucht es den methodischen Hintergrund der Familienaufstellung?
Familienaufstellungen arbeiten mit einem Minimum an Vorgaben (anders zum Beispiel als das Psychodrama oder die Familienskulptur). Deshalb wird die stellvertretende Wahrnehmung besonders deutlich und sichtbar. Aber das Feld wirkt auch in anderen Richtungen und in anderen Zusammenhängen, wo es eher unbemerkt bleibt.
So schreibt die Psychodramatikerin Grete Leutz: »Das völlig spontane psychodramatische Spiel in der unbekannten Rolle eines anderen verläuft oft über lange Zeiträume so getreu den wirklichen Lebensumständen, Verfassungen und Reaktionen dieses anderen, dass das in objektiver Unkenntnis der Verhältnisse erfolgende Handeln des Psychodramaspielers oft kaum zu begreifen ist.«
Ein anschauliches Beispiel erlebte ich in einer Theatergruppe, an der ich teilnahm:
 
Ein Teilnehmer, der Probleme mit seinem Vater hatte, wurde zu einem Theaterspiel aufgefordert. Er wählte als Vater einen Mitspieler aus, der sich gleich auf die Bühne stellte. Plötzlich fiel dem Teilnehmer ein: »Übrigens, mein Vater hat im Krieg ein Bein verloren.« Er zögerte und meinte: »Plötzlich weiß ich gar nicht mehr, welches.« Der Mitspieler rief von der Bühne: »Ich glaube, es ist das rechte.«
 
Keiner der Anwesenden nahm Notiz von der Bemerkung des Mitspielers. Dass sich auch hier das »wissende Feld« zeigte, war offenbar nur mir mit dem entsprechenden Hintergrundwissen deutlich.
 
• Was zeigt das Feld? Die Wahrheit?
Die Stellvertreter geben zum einen Auskunft über ihren inneren Zustand und die Beziehungen, die sie zu anderen Familienmitgliedern wahrnehmen. Zum anderen spüren sie immer wieder auch Impulse, zum Beispiel ihren Platz zu verändern.
Darüber hinaus tauchen stets auch Aussagen zu Geschehnissen in der Familie auf. Erhalten wir so Auskunft über bisher unbekannte Fakten?
Aufstellungen sind jedoch gar nicht (oder wenig) dazu geeignet, Fakten und Realität zu ergründen. Der Bericht einer meiner Teilnehmerinnen macht das deutlich:
 
Eine erste Aufstellung hatte ergeben, so berichtete sie, dass der bisher als Vater angesehene Ehemann ihrer Mutter nicht ihr leiblicher Vater sei. Zu ihrem Vater hatte ihre Stellvertreterin in der Aufstellung keine Beziehung gespürt. Zusätzlich war noch ein anderer Mann aufgestellt worden. Zwischen dem neuen Mann und dem Kind zeigte sich eine große Liebe.
Die Frau beließ es jedoch nicht bei dem Ergebnis der Aufstellung. Der Vater lebte noch, und sie bat ihn, einen Bluttest machen zu lassen, um ihre Abstammung sicher festzustellen. Das überraschende Ergebnis: Er war tatsächlich ihr Vater. Er erzählte ihr aber, dass die Mutter vor Beginn der Schwangerschaft mehrere Geliebte hatte und dass er tatsächlich selbst Zweifel über die eigene Vaterschaft hegte.
 
Aufstellungen zeigen lediglich Energien, die in einer Familie existieren. Die Versuchung liegt nah, mittels Aufstellungen Fakten aus der Familie ergründen zu wollen. Damit begeben sich der Therapeut und sein aufstellender Klient jedoch aufs Glatteis. Eine Aufstellung kann zum Beispiel nie ein verlässlicher Vaterschaftsnachweis sein. Wer sicher sein will, wer sein Vater ist, muss einen medizinischen Test durchführen lassen.
Es ist wesentlich, Fakten und Aufstellungsenergien auseinander zu halten. Dazu noch ein Beispiel, das mir meine Kollegin Sneh Victoria Schnabel berichtete:
 
In der Aufstellung einer Teilnehmerin hatte die Stellvertreterin deutlich das Gefühl, vom Vater missbraucht worden zu sein. Auch der Stellvertreter des Vaters bestätigte das. Die Teilnehmerin selbst aber widersprach nach der Aufstellung. Sie sei nicht missbraucht worden.
Zwei Wochen später erhielt meine Kollegin einen Anruf von der Teilnehmerin. Sie hatte ihre Schwester besucht und ihr von der Aufstellung erzählt. Plötzlich sei die Schwester in Tränen ausgebrochen und hätte ihr gestanden, vom Vater missbraucht worden zu sein.
 
Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass die Energie von Missbrauch in der Familie vorhanden war. Wahrgenommen wurde sie aber von der Stellvertreterin einer falschen Person, nämlich der Schwester, die nicht missbraucht worden war.
Diese Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, als Aufsteller vorsichtig zu sein und keine Behauptungen über Tatsachen zu machen. Solche Behauptungen sind gefährlich. Therapeuten, die diese Energien in Aufstellungen mit Fakten verwechseln, können ihre Teilnehmer damit belasten und verwirren. So berichtete mir ein Arzt einer psychiatrischen Klinik von der Einlieferung einer Frau nach einer derartigen Aufstellung, bei der eine solche angeblich falsche Vaterschaft festgestellt worden war.
Gleichzeitig tauchen immer wieder unerwartete Hinweise auf bisher unbekannte Fakten in Familien auf. Für den Aufsteller wird dies zu einer Gratwanderung zwischen logischer Weiterführung des Bisherigen und unzulässiger Spekulation.
 
Die Klientin ist das einzige Kind. Sie ist schon ihr Leben lang ängstlich, fühlt sich immer wieder auch schuldig, ohne zu wissen, woher das kommt.
Als sie ihre Familie aufstellt, schaut der Vater nach außen zu Boden. Ihrer Stellvertreterin ist schlecht. Auf erneutes Nachfragen teilt sie nur mit, dass ihr Vater als Soldat fünf Jahre gekämpft hat. Mehr weiß sie nicht. Darüber wurde in ihrer Familie nicht gesprochen.
Offensichtlich gibt es Ereignisse in der Familie, die verborgen sind. Häufig haben diese Geheimnisse mit dem Geschehen im Krieg zu tun. Aber es ist nicht sicher. Als Aufsteller darf ich nicht meine eigenen Vermutungen als Tatsachen hinstellen. Aber es ist gut, solche Vermutungen zu überprüfen.
Ich lasse vier andere Teilnehmer als Opfer des Krieges sich vor dem Mann auf den Boden legen. Er bleibt teilnahmslos, aber die Tochter reagiert heftig. Ich lasse sie sich neben die Opfer legen, und sie ist sehr erleichtert und fühlt sich am richtigen Platz.
 
Immer noch weiß ich als Aufsteller nichts Genaues über Fakten, zum Beispiel, ob der Vater Kriegsverbrechen begangen hat. Aber eine solche Aufklärung ist hier nicht notwendig. Ich kann das offen lassen. Die Unschärfe, die damit verbunden ist, schadet nichts. Es ist genug, wenn wie hier Gefühle deutlich werden.
So begegnen wir in Aufstellungen zwar einer Wahrheit, aber nicht unbedingt der faktischen. Eine Aufstellung bringt uns in Kontakt mit tieferen Schichten der Energien, die im Untergrund einer Familie wirken.
 
• Kann auch der Klient direkt in Kontakt mit dem Feld kommen? Oder braucht es dazu Stellvertreter?
Auch der Klient selbst kann mit dem Feld in Kontakt kommen. Aber Aufstellungen sind leichter mit Stellvertretern durchzuführen. Sie sind flexibler und können eher Veränderungen zulassen, während die tatsächlichen Personen mehr an ihren Erinnerungen und Konzepten hängen.
• Spielen Stellvertreter eine Rolle wie Schauspieler?
Nein und ja. Nein, weil Stellvertreter nicht »spielen«. Das unterscheidet sie von einem Schauspieler, der eine vorgegebene Rolle ausfüllt. Denn die Energien des Feldes führen den Stellvertreter, übernehmen ihn und bringen Reaktionen hervor, die teilweise für den Stellvertreter selbst völlig unerwartet und ihm sogar unerklärlich sind.
Ja, denn der Stellvertreter erlebt sein Tun als Rolle einer fremden Person, die er für den abgegrenzten Zeitraum der Aufstellung übernimmt. Der Stellvertreter empfindet es als »Rolle«, denn mit einem Teil seiner Wahrnehmung ist er wie ein Schauspieler weiter mit sich verbunden; zum Beispiel kann er gleichzeitig persönliche Zweifel, Einwände, Zustimmung usw. haben.
 
• Muss der Klient anwesend sein, damit das Feld wirkt?
Nein. Therapeuten können zur Supervision die Familie des Klienten aufstellen, ohne dass der Klient anwesend ist. In meinen Weiterbildungsseminaren erlebe ich mit Staunen, dass es keinen Unterschied macht. Der Raum füllt sich mit der gleichen starken Intensität wie bei einer normalen Aufstellung durch den Klienten selbst.
 
• Stellt eine Aufstellung ein Bild aus einer bestimmten Situation oder einem bestimmten Zeitraum dar?
Aufstellungen sind grundsätzlich zeitlos. Wird etwas auf einem Platz empfunden, dann hat das nichts mit bestimmten Zeitabschnitten der Aufstellung zu tun, sondern mit einem grundlegenden inneren Bild. Wer bestimmte Zeitspannen hineinbringt, berührt nicht die volle Tiefe, die in einer Aufstellung möglich ist.