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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Als die Mauer fiel, lag sich das Volk innig in den Armen. Es herrschte euphorische Hochstimmung, die Rede war von blühenden Landschaften weit und breit. So nah wie damals waren sich Ossis und Wessis noch nie, doch so nah würden sie sich nie mehr sein. Das Erwachen war bitter – es ging mit gegenseitigen Vorwürfen zu wie nach einer zerbrochenen Liebe, die doch für die Ewigkeit gedacht schien. Die Wut auf beiden Seiten wächst, nie schien die Kluft zwischen Ost und West tiefer als heute. Jeder fünfte Wessi wünscht sich laut Umfragen die Mauer zurück, jeder dritte Ossi wählt entweder Neonazis oder die Nachfolger jener Partei, die einst die DDR verrotten ließ.
Zwar gnadenlos, aber immer mit Witz und Ironie entlarven Elis und Jürgs die jeweiligen Wunschvorstellungen, Vorurteile und Schuldzuweisungen – und schaffen so, politisch unkorrekt, die Basis dafür, dass in der Zukunft endlich tatsächlich etwas Gemeinsames, wirklich Neues wachsen kann.

Autoren
Michael Jürgs ist Journalist und war u.a. Chefredakteur von »Stern« und »Tempo«. Er schrieb Bestseller wie »Der Fall Romy Schneider« oder den Politthriller »Das Kleopatra Komplott«, »Der Fall Axel Springer«, »Die Treuhändler – wie Helden und Halunken die DDR verkauften«, »Alzheimer – Spurensuche im Niemandsland«, »Gern hab ich die Fraun geküßt – die Richard Tauber Biografie«. Viele seiner Bücher wurden verfilmt. Sein neuestes Buch beschreibt unter dem Titel »Der Tag danach« am Beispiel von prominenten Deutschen, wie sich über Nacht ihr Leben radikal veränderte.
 
Angela Elis, geboren in Leipzig, volontierte nach dem Studium der Theologie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse beim Hessischen Rundfunk und wechselte 1993 zum MDR. Zuerst als Redakteurin für »Brisant«, dann auch als Moderatorin für die Ratgebersendung »Telethek«, das Mittagsmagazin »Dabei ab zwei«, das Wirtschaftsmagazin »Umschau« und die Talkrunde »Auf dem Punkt«. Heute moderiert sie neben dem Magazin »Fakt« (ARD) auch das Jobjournal »Jojo«. Für 3sat präsentiert sie seit 1999 das Wissenschaftsmagazin »nano« und seit Januar 2001 führt sie außerdem durch das ZDF-Magazin »ZDF.umwelt«.

Von Michael Jürgs ist im Goldmann Verlag außerdem erschienen:
Keine Macht den Drögen. Menschen, Medien, Sensationen (15199)
Bürger Grass (15291)
Der kleine Frieden im Großen Krieg (15303)

Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Aus: Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen

PROLOG
Ihr oder wir …?
Einheitssoße? Getrennte Betten? Schlagabtausch?
Aus Freudentränen in einem deutschen Herbst sind bittere Tränen geworden. Man küsst sich nicht mehr, man zickt und zankt und jammert.
9. November 1989. Der Osten schockt den Westen: Die Mauer öffnet sich. Einfach so. Über Nacht. Trabis, die bisher nur über ihre Holperstraßen tuckerten, hupen und stinken plötzlich durch Westberlin. Ostler schunkeln auf der Staatsgrenze oder hacken mit Hammer und Sichel aus volkseigener Produktion am antifaschistischen Schutzwall herum.
Dass Ost und West sich wieder so nahe kommen würden, damit hatte keiner mehr gerechnet. Die deutsche Teilung schien zementiert, zwei deutsche Staaten längst normal. Doch in dieser Novembernacht wurden die Westdeutschen überrumpelt. Es passierte etwas, was nicht sie bestimmt hatten, sondern die anderen Deutschen.
Das waren für die Ostler die schönsten Stunden der deutschen Einheit. Als sie ihren Brüdern und Schwestern im Westen die Flasche reichen konnten. Und die begeistert mit ihnen tranken, obwohl es nur halbtrockener Rotkäppchensekt war.
Eng umschlungen schliefen wir den gemeinsamen Rausch aus. Aber schon beim Aufwachen danach: Katerstimmung. Kopfschmerzen. Entsetzen. Wer lag denn da neben uns im Bett? Mussten wir auch noch das Frühstück teilen?
Wer zu spät aufwacht, den bestraft das Leben, und so endete eine aufregende Nacht schnell am Altar der deutschen Einheit.
Westler und Ostler leben seit dem Jawort zwar in einem gemeinsamen Staat, doch inzwischen haben wir festgestellt: Viel gemeinsam haben wir nicht. Wir tun nur so, als seien wir ein Volk.
Ist das ein Grund zu jammern?
In Deutschland, wo das Volk traditionell schon immer grimmig grübelnd gegen fremde Völker und Nationen tümelte, statt sich fröhlich ins Volksgetümmel der Nationen zu stürzen, offenbar schon. Darum klagen Wessis über die Ossis und Ossis über die Wessis: Ihr habt uns nicht verdient, ihr seid uns fremd geblieben, ihr seid gemein, ihr seid was auch immer, aber nichts Gutes. Den einen Deutschen sind die Nachbarn aus Italien und Frankreich näher, den anderen die aus Tschechien und Polen. Das ist anhand der Landkarte zu erklären, also geografisch, aber auch politisch.
Denn im Westen wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen, was zusammengehörte, weil Demokratie, Menschenrechte und freie Marktwirtschaft die Grundlagen des gemeinsamen Wertesystems waren.
So lebten die Deutschen West.
Dieses Sein bestimmte ihr Bewusstsein.
Im Osten, dem proletarischen Gesamtkunstwerk, gab es auch ein gemeinsames Wertesystem, bestimmt von der Siegermacht Moskau, dem sich die Völker des Ostblocks – gezwungenermaßen – freiwillig anschlossen. Dessen Grundlagen: staatlich gelenkte Planwirtschaft, Aufhebung der Klassenunterschiede und soziale Absicherung von der Wiege bis zur Bahre.
So lebten die Deutschen Ost.
Dieses Sein bestimmte ihr Bewusstsein.
Als in jener Nacht die Mauer fiel, begann aber eine andere deutsche Geschichte. Eine Hochstimmung herrschte wie beim Ausbruch einer neuen Liebe oder wie bei der Wiederbelebung einer alten, die nach vielen Jahren erneut aufzublühen schien. Trotz vierzig Jahren Trennung waren sich Ossis und Wessis nahe – so nahe wie danach nie wieder, denn dieses Gefühl hielt nicht lange vor.
Der gemeine Wessi träumt inzwischen von seiner verlorenen Vergangenheit. In der gab es keine Solibeiträge, in der rückten einem keine Ossis auf die Pelle. Die Welt hatte eine feste Ordnung, denn die aus der DDR lagen noch nicht mit auf Mallorca im Sand und sangen auf Sächsisch »Baollabaolla«. Man hörte keine Ossidialekte in der Türkei und kein »Ei, gugge mol dao« auf dem Markusplatz. Früher sonnten sich Ossis unter sich an der bulgarischen Schwarzmeerküste, wo sie die Westler nicht störten, denn die fuhren da nicht hin.
Der gemeine Ossi, lebendiger und neugieriger als der Wessi, stört sich nicht an denen, die sich von ihm gestört fühlen. Er kommt in jedem Land und an jedem Ort zurecht, genießt das, was es gibt, und vor allem: Er kann in jeder Lage improvisieren. Nur in seiner Heimat fühlt er sich inzwischen fremd.
So erhob sich im Osten wie im Westen ein allgemeines Wehgeschrei. Im Laufe der Jahre schwoll es an. Jetzt ist es unüberhörbar geworden.
Wir jammern uns lieber gegenseitig kleinmütig zu Tode – Motto: Ihr im Osten, ihr im Westen! -, statt mutig gemeinsam das Jammertal zu verlassen.
Deshalb dieses Buch, denn das Land braucht andere Texte für seine Lieder. Diese Bilanz unserer gemeinsamen Jahre ist politisch inkorrekt, absichtlich gnadenlos, gemein zugespitzt. Es werden keine endgültigen Wahrheiten verkündet, in jedem Kapitel steht eine eigene Wahrheit West gegen eine eigene Wahrheit Ost, gemischt aus objektiven Tatsachen und subjektiv Erlebtem. Unbestreitbar dabei bleibt, dass die DDR ein Unrechtsstaat war und nur unverbesserliche Reaktionäre daran zweifeln und dass in der Bundesrepublik nicht alles gold war und nur unverbesserlich Gestrige sie verklären. Eine solche Abrechnung unter Brüdern und Schwestern ist längst fällig. Uns ist bewusst, dass es den typischen Wessi und die typische Ossi nicht gibt, dass nicht alle Wessis und Ossis so sind wie die von uns Beschriebenen.
Begleitet werden die Texte von Illustrationen der beiden Karikaturisten Dieter Hanitzsch und Klaus Stuttmann. Der eine zeichnet im Namen des Westens, der andere im Namen des Ostens. Auch das kann heiter werden.
Und wo steht das Gemeinsame? Da, wo es hingehört. Im Epilog.
 
Angela Elis, Leipzig Michael Jürgs, Hamburg
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1

West gegen Ost: Ihr habt uns nicht verdient

Unvergesslich. Unsere erste Nacht mit den Eingeborenen. Wer hätte gedacht, dass im Osten so viele davon leben. Es musste Nester voller Zonis geben. Zum ersten Mal seit 1961 dem Ausgehverbot entflohen, verloren sie alle Hemmungen. Hinter, über, vor und auf der Mauer vollzogen sich innerdeutsche Vereinigungen. Schrille Schreie in schrillen Dialekten. Wahnsinn.
Kann wohl nur ein Traum sein.
Dachten wir.
Aber am anderen Morgen waren sie immer noch da. Machten sich breit. Erklärten unsere kosmopolitische Matratze zum deutschen Doppelbett und blieben zum Frühstück. Das war im November 1989. Seitdem machen sie sich über unsere Vorräte her.
Bevor es weiter ans Eingemachte geht, muss erzählt werden, wie wir uns das alles eingebrockt haben.
Wir?
Nein, die haben uns das eingebrockt.
Die Zonis.
Sie haben sich mit ihren Biografien aufgedrängt, sich an uns rangeschmissen, obwohl wir ein höchst eigenes Leben hatten und an ihren Lebensläufen nicht sonderlich interessiert waren.
Von wegen, sie hätten sich doch nur am Mantel der Geschichte festgehalten, als der gerade mal ziellos durch die Nacht wehte. Das war unser Mantel und sie haben ihn sich gegrabscht. So war es.
Die andere deutsche Vereinigung, jene so enthusiastisch begrüßte Aufnahme der DDR in die Bundesrepublik, ist Geschichte. Die Begeisterung ist Melancholie gewichen, Mut auf Zukunft der Wut über die Gegenwart. Mehr als fünfzehn Jahre sind zwar schon vergangen seit dem deutschen Herbst der Freude, schöner Götterfunken. Doch die Vergangenheit ist unbewältigt, und was zusammenwachsen sollte, weil es nun mal zusammengehöre, ist auseinander gedriftet. Kein Todesstreifen trennt mehr Ost und West, aber ein tiefer Graben.
Das lässt sich, Stand Januar 2005, auch belegen:
Siebzehn Prozent aller Westdeutschen lehnen die Einheit ab, jeder fünfte Deutsche wünscht sich laut Umfragen die Mauer zurück. Jeder zehnte Bundesbürger hätte nichts dagegen, wenn es erneut zwei deutsche Staaten geben würde, elf Prozent sind es im Osten, sechs im Westen.
Solche Zahlen bewirken Wehgeschrei von Politikern und Pastoren. Bedenken- und Bartträger warnen in vereinigter Betroffenheit vor der Mauer in den Köpfen. Sie hätten die Ergebnisse auch anders auslegen können, aber positiv zu handeln und zu denken ist undeutsches Verhalten.
Denn auch das lässt sich belegen:
Dreiundachtzig Prozent der Deutschen haben sich mit der Einheit abgefunden. Achtzig Prozent sind froh, dass es keine Mauer mehr gibt, die Ost und West teilt, neunzig Prozent sind zufrieden, in einem gemeinsamen Staat zu leben.
Der Traum von zwei Staaten deutscher Nation ist dennoch verführerisch angesichts der Probleme, die der real existierende Einheitsstaat hat: zwei Staaten, nicht mehr durch Todesstreifen getrennt, sondern einander nah mit offenen Grenzen ohne Pass- und Visumszwang. So nah, wie uns die Schweiz und Österreich sind. Mehr Nähe braucht es nicht zum Glück. Zwei deutsche Demokratien, gleichberechtigt im Vereinten Europa, in dem es in Zukunft auf Anziehungskraft und Eigenheiten einzelner Regionen ankommt und nicht auf die der Staaten. Sachsen wäre in diesem Europa eine Region wie die Bretagne – wohin ich allerdings lieber fahren würde -, Brandenburg eine wie das Mezzogiorno – wo aber nicht so viele Nazis frei rumlaufen -, Mecklenburg-Vorpommern eine wie Flandern, Niedersachsen eine wie Jütland, Bayern eine wie Cornwall.
Weil solche Vorstellungen eine Illusion sind, lässt sich emotionslos über Ursache und Wirkung anderer Zahlen reden, die gleichfalls in Deutschland West und Deutschland Ost von den Demoskopen ermittelt wurden. Obwohl es nicht die Ossis und nicht die Wessis als homogene Gruppe, nicht pauschal so’ne und so’ne gibt, mischen sich bei der gegenseitigen Wahrnehmung Urteile und Vorurteile, Erlebtes und Erlesenes, Fakten und Fiktives zu einem Schwarz-Weiß-Bild mit scharfen Konturen.
So soll es auch sein, denn nur so lässt sich wenigstens beschreibend trennen, was nicht zusammengehört.
Ossis sind die wahren Gewinner der Einheit, sagen fast fünfzig Prozent der Westdeutschen. Für diesen Sechser im Lotto haben sie keinen Cent Einsatz bezahlen müssen. Die zonendödeligen Glückspilze haben uns nicht verdient, sondern mit uns unverdientes Schwein gehabt. Die Ostdeutschen dagegen halten zu fünfunddreißig Prozent Wessis für die Profiteure der Vereinigung und glauben, die westdeutschen Glücksritter hätten sicher an ihnen, aber ganz sicher nicht sie verdient. Das stimmt für eine gewisse Zeit sogar. Bis 1993 war der Anschluss Ost ein Konjunkturprogramm für den Westen. Dessen Manager haben per Einheit einen unverdienten Glückstreffer gelandet, als sie sich die verlängerte Werkbank Ost einverleibten und einen neuen Markt für ihre Produkte gewannen.
Die einen finden ihre Sündenböcke im Westen, die anderen im Osten. Sich gegenseitig anklagend, jammert Seit’ an Seit’ an der Klagemauer Deutschland, was in dieser Form zusammengehört. Die gesamtdeutsche Euphorie ist gesamtdeutscher Tristesse gewichen.
Gemeinsam jammern wir uns zu Tode. Ihr uns und wir euch.
Die Ursachen für den neudeutschen Kalten Krieg lassen sich kühl beschreiben: Die real existierende DDR war anders, als man sie den Westlern untergejubelt hatte. Von wegen eine der größten Industrienationen der Welt und im Ostblock eh die Nummer eins. In Wirklichkeit war das andere Deutschland wirtschaftlich gesehen pleite, und dies seit mindestens zehn Jahren. Statistiken beruhten auf gefälschten Zahlen. Die DDR entpuppte sich bereits am Jahresende 1990, nachdem Kohl die gesamtdeutschen Wahlen gewonnen hatte, als moribund. Ihre Hinterlassenschaft am Leben zu erhalten hat seitdem rund 1,25 Billionen Euro gekostet. Die real existierende Marktwirtschaft wiederum war anders, als es den Ostlern in der TV-Werbung vorgegaukelt, und keineswegs so sozial, wie es von westdeutschen Politikern versprochen worden war: Sie schuf keine blühenden Landschaften über Nacht und in denen Wohlstand für die Masse, sondern in verdorrenden Industriebrachen Arbeitslosigkeit en masse.
So fühlte sich jeder vom anderen getäuscht. Der Bocksgesang schwoll an. Klagelieder erklingen im Jammertal. Die Melodie ist gleich, der Text verschieden. Jammerossis hier, Besserwessis dort. Einmal haben Wessis und Ossis ihr Jammern kurzfristig vergessen, obwohl es da tatsächlich Grund gegeben hätte zu jammern. Das Wunder passierte während der Hochwasserkatastrophe 2002, als zum letzten Mal rührend die aus dem Westen denen aus dem Osten halfen und diese wiederum tief gerührt waren über so viel Zuwendung.
Inzwischen hauen sich die Zonis aus den damals gefluteten Zonen untereinander – was im Westen als typisches Ostverhalten betrachtet wird, weil es alle Vorurteile bestätigt -, üben sich lautstark in übler Nachrede. Angeblich habe dieser und jener Nachbar vor der Flut kein so schönes Haus besessen wie jetzt nach dem durch unsere Spenden finanzierten Wiederaufbau, sondern nur eine Bruchbude mit Plumpsklo hinterm Stall.
Seitdem es im Westen spürbar, sichtbar ans Eingemachte geht, seit hüben die Gemeinden so verschuldet sind wie die drüben, die Wessis größere Schlaglöcher auf den Straßen haben, als die dort auf ihren vor der Wende je hatten, ist Solidarität ein leeres Wort. Fünfzig Prozent der Bürger West sind davon überzeugt, dass die im Osten zu viel Geld bekommen. Unser Geld. Man schaue sich nur mal ihre Straßen an: eben!, die renovierten Innenstädte, die blitzenden Fassaden.
Aber was nützt das Jammern, wir wollten die Zonis ja unbedingt haben. Nur Oskar Lafontaine nicht, darum hat er 1990 auch die Wahl verloren. Als aber ausgerechnet der in Leipzig bei den Demonstrationen im Sommer 2004 den volksnahen Zonentribun gegen die Wessis gab, hatten die im Westen mal wieder die Schnauze voll von den Ossis. Bleibt doch unter euch drüben, wenn es euch mit uns nicht passt, und den Oskar könnt ihr auch behalten. Den geben wir euch als Zusatzzahl.
Die Beziehungen zwischen Ossis und Wessis sind zerrüttet, und die Vorwürfe, den anderen nicht verdient zu haben, wecken Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit. Insgesamt sei vor der Wende vieles besser und nicht alles schlecht gewesen.
Sagen beide.
Beide?
Beide.
Mit dem Arbeiter- und Bauernstaat starb nicht nur die totenbleiche Mutter DDR, was wir im Westen leichten Herzens verkraftet hätten, etwa wie den Tod eines fernen Verwandten, der vor vielen Jahren ausgewandert war. Es starb auch, aber die war in ihren besten Jahren, die geliebte Bundesrepublik. In der fühlten wir uns wohl. Das war unser Land.
Das haben die uns genommen. Diesen Totschlag werden wir ihnen nie verzeihen. Den Ossis.
Schon gut, sind auch Menschen. Und dass die noch immer so sind, wie sie immer schon waren, ist aufgrund ihrer Vergangenheit erklärbar. Gezwungenermaßen mussten sie über Generationen hinweg unter Deutschen leben, unter nichts als ihresgleichen. Inzucht über Jahrzehnte. Solches Sein prägt das Bewusstsein. Siehe Karl Marx. Wir waren schon lange Europäer, aufgeklärt, obrigkeitsfeindlich, lebensfroh, als die Mauer fiel, die uns trennte von diesen Deutschen. Plötzlich wurde alles wieder so verdammt deutsch, so wie einst, als man auch hier zu Lande noch an die eine Nation glaubte und deutsch zu sein ein Wert an sich war.
Die Vereinigung war ein Rückfall in unsere fünfziger Jahre.
Die Westdeutschen fühlten sich damals dem verkündeten Streben nach Wiederherstellung der Einheit der Nation verpflichtet. Das stand in der Verfassung. Da stand es gut. Spätestens ab Mitte der sechziger Jahre glaubte außer Axel Springer kaum noch jemand, dass die von drüben eines Tages tatsächlich noch kommen würden. Doch Springer, der seine Träume der Realität vorzog, behielt Recht, wir lagen falsch. Ausgerechnet er, verhöhnt als Brandenburger Tor, hat die Erfüllung seiner Träume nicht mehr erleben können. Da er nicht nur Patriot, sondern ein Ästhet war, hätte er sich allerdings bestimmt schnellstmöglich den Prolos dort genauso entzogen wie denen bei uns, für die er seine größte Zeitung machen ließ.
Als Ossis aufstanden, ging es ihnen um Freiheit, was okay war. Als sie kamen, begehrten sie Gleichheit, was nicht okay war. Gleiche Lebensverhältnisse bedeutete nicht nur, jedem Ostler eine Banane in die Hand zu drücken oder ins offene Maul zu schieben, was deshalb offen stand, weil er sich staunend nicht satt sehen konnte bei uns. Bananen hätten wir ihnen gern gegeben. Inzwischen ist Deutschland als Bananenrepublik eine gewachsene Einheit, pro Kopf West wie Ost werden pro Jahr 19,3 Kilo verzehrt.
In Wahrheit wollten die an unsere Konten ran. Wir sollten mit ihnen teilen. Das wollten wir nicht. Das war so nicht abgemacht.
Der amtierende Kanzler Helmut Kohl ließ im Abklingen nationaler Vollräusche, als die Deutschen Ost und West sich ein Volk wähnten, der Zukunft zugewandt und bereit, sie zu teilen, zwar die harte gegen deren schlappe Mark im Wert 1: 1 tauschen. Der Schlachtruf – entweder kommt die D-Mark zu uns, oder wir kommen zu ihr – zeigte bei uns Wirkung. Schon dafür, dass sie nicht kamen, sondern bei sich blieben, zahlten wir gern. Viele Milliarden flossen nach Dunkeldeutschland. Ein Solidarpakt für den Aufbau Ost. Im Glanze dieses unverdienten Glückes blühten allerdings nur einzelne Zonen im anderen Teil des Vaterlandes.
Daraufhin begann die Zeit der Jammer-Sessions. Ossis an sich neigen dazu, to get the blues. Doch nur wir hier haben Grund zu jammern. Uns ging es gold, bevor schwarzrotgoldene Einheit angesagt war. Wir brauchten die nicht, um glücklich zu sein. Ein gemeiner, also typischer Witz aus dem Westen hatte seinen Ursprung in der Volksmund-Parole Ost, die aus gegebenem Anlass 1969 aufkam: »Keine Kohlen im Keller, keine Kartoffeln im Sack. Es lebe der 20. Jahrestag!« Und der daraus abgeleitete doppelbödige Witz?
Nicht doch, liebe Zonis, ihr habt keinen Wasserkopf, nehmt eure Ballonmützen und holt mal zehn Kilo Kartoffeln aus dem Keller.
Ist nicht mehr ganz so lustig, wie er mal war, denn inzwischen sind auch unsere einst prall gefüllten Keller leer.
Womit haben wir das verdient?
Wir lebten, wie wir wollten.
Die mussten leben, wie sie sollten.
Wir hätten uns ohne die Invasion der fremden Heere Ost zwar irgendwann auch mal ändern müssen, weil die Fettlebe West ganz ohne die Ossis zum Infarkt geführt hätte, aber die Heilbehandlung hätten wir aus den Portokassen bezahlen können. Auch die sind inzwischen von denen leer geplündert. Die Neigung, alles so schwarz zu sehen, ist systemübergreifend und im deutschen Wesen verwurzelt. Jammernd sind wir tatsächlich ein Volk. Selbst die gut genährten, wohl versorgten, weit gereisten Wessis sahen sogar in Zeiten scheinbar unaufhaltsam wachsenden Wohlstands eher Probleme statt Chancen, Motto: abwarten und rückversichern, bevor es zu neuen Ufern und fernen Horizonten geht. Alexander von Humboldt hatte in beiden deutschen Staaten keine Erben.
Ein einziges Mal in der Nachkriegsgeschichte musste es einfach besser werden, als es war, denn schlimmer konnte es nicht kommen – nach 1945. Michel West erhob sich aus Ruinen, überließ Politik seinen Vertretern in Bonn, und bald torkelte er im Rausch des Wir-sind-wieder-wer-Wirtschaftswunders. Michel Ost richtete sich dem Zwang der Verhältnisse gehorchend in seinen Ruinen ein. Graue Städte, verfallende Mauern prägten das Bild der Zone, bevor die echte Mauer den Blick verstellte.
Der Mangel machte schlechte Laune, die Brüder und Schwestern sahen meist leidend aus, verkniffen, irgendwie ostig. Sie rochen anders, wie bei Pflichtbesuchen festzustellen war. Kernseifiger, braunkohliger, lysoliger. Wessis dagegen dufteten. Je nach sozialem Stand rochen sie rheinisch nach 4711 oder schon nach großer weiter Welt wie Armani. Zonis gingen auch anders. Bis heute sind sie an ihrem Gang erkennbar. Irgendwie zonig. Gedrückt. Dunkel grummelten sie in Dialekten, die man nicht verstand und nicht verstehen musste und die live erst bei der Großen Deutschen Wende in Wellen über uns zusammenschlugen, als die ersten Ausgereisten sich als neue Familienmitglieder vorstellten.
Okay. Willkommen. Für ein paar Tage. Aber dann Adieu. Bis bald mal. Wir kommen gelegentlich vorbei.
Doch sie blieben uns erhalten.
In unserer Güte hatten wir einst Kerzen in die Fenster gestellt, um ihnen in ihr Dunkeldeutschland zu leuchten, wo sie wegen der Mauer bleiben mussten. Die Regierenden drüben sahen den Schein ungern. In ihrer Mangelwirtschaft hatten sie nicht mal Kerzen, geschweige denn Engel, die mit ihnen hätten wegfliegen können in eine andere Welt, unsere. Die SED-Greise drohten bei Republikflucht harte Strafen an, Tod inbegriffen, bläuten ihren Untertanen das System ein durch einheitlich blaue Hemden oder tatsächlich durch Schläge, die blaue Flecken erzeugten. Der Sozialismus schaffe die beste aller Welten, versprachen sie. Es dauere halt noch eine Weile, aber das hehre Ziel sei erkenn- und das Licht am Ende des Dunkels sichtbar.
Es war nicht die rote Morgendämmerung, erstes Aufglimmen vom Paradies der Werktätigen, am Ende des Tunnels, es waren die Rücklichter eines leeren Güterzuges. Typisch für die Produktionskraft Ost, die Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Standard der fünfziger Jahre West erreicht hatte, war außerdem das Tempo der Lokomotive. Sie raste nicht, sie ruckelte nicht, sie schnaufte nur. So dauerte es fast vierzig Jahre, bis der Zug endlich stehen blieb, weil nichts mehr ging, weil die feurigen Parolen vom Aufbau und vom Sieg und von der stetigen Erfüllung der Norm erloschen waren.
Verdrängung von unbequemen Wahrheiten kannte man bei uns von anderen Seilschaften, den braun gefärbten. Mit Hitler und seinen Mördern war ja nicht die Geisteshaltung der Nazis untergegangen. Deshalb nannten sie hier Kapitulation, was in Wirklichkeit eine Befreiung vom Staatsterror war. Der Tag, an dem das Verbrecherregime endgültig zusammenbrach, der 8. Mai 1945, war dagegen in der Sowjetischen Besatzungszone und der aus ihr wuchernden DDR ein Feiertag so wichtig wie der internationale Tag des Proletariers aller Länder, der 1. Mai. Der nationale Tag der Befreiung vom Faschismus wurde mit Aufmärschen und Fahnen und Reden gefeiert wie der andere. Faschisten, alte wie neue, lebten angeblich nur in der Bundesrepublik.
Die Ostzone war eine nazifreie Zone.
Das allerdings war so ziemlich die einzige Freiheit, die sie ernst meinten, und selbst die war, wie sich nach der Wende herausstellte, eine verlogene. Die im deutschen nahen Osten gestrandeten Nazis hatten sich in der ersten deutschen Zeitenwende ohne Umschweife dem nächsten menschenverachtenden System verschrieben. Dass die Antifaschisten nach der Befreiung von den Faschisten in ihrer proletarischen Diktatur alle bürgerlichen Freiheitsrechte außer Kraft setzten, ist belegbar. Das nannten sie Fakt und wurde damals als Schlagwort gebraucht, wenn die objektiven Fakten der Wirklichkeit nicht standhielten.
Mit diesen Typen wollten wir nichts gemein haben. Wir hatten unsere bürgerliche Freiheit schwer genug erkämpft.
Wir Wessis hatten sie uns verdient.
Dieses Wir-Gefühl kann nicht an einer Generation festgemacht werden, damit sind nicht nur Nachgeborene gemeint oder die mit der Gnade der späten Geburt. Der betörende Charme von bürgerlichen Freiheitsrechten, die vielfältigen Chancen, das Leben selbst zu bestimmen, die nicht mehr durch überholte Vorstellungen von Moral und Ordnung zu unterdrückende Lust auf Lustgewinn prägten uns, die Wessis, über Generationen hinweg. Statt gebändigt waren wir unbändig – politisch, gesellschaftlich, geistig. Aufrechter Gang macht in jedem Alter einen kleinen Fuß. Demokratie und Freiheit sind erotische Verheißungen, und die erfüllten wir uns selbstverständlich.
All das kannten die drüben nicht, aber das störte uns nicht weiter, solange sie das mit und unter sich ausmachten. Immerhin: Für ihren Mut, am 17. Juni 1953 demonstrierend auf die Straßen gegangen zu sein, wurden die Brüder und Schwestern in vielen Sonntagsreden hier gepriesen, den sog. Tag der deutschen Einheit beging man dann aber auf westdeutsche Art, hedonistisch, und zu einem Fest der Lebensfreude umgewandelt, indem man ihn zum nationalen Feiertag West erklärte. Wir waren so frei, an dem Tag freizumachen.
Nach dem Mauerbau 1961 wurden dann die nicht geflüchteten Zonis, rund siebzehn Millionen Verbliebene, durch die normative Kraft des Faktischen – Todesstreifen, Schießbefehl, Knast – offenbar lebenslänglich dazu verurteilt, in ihrem Arbeiter- und Bauernparadies genannten Hochsicherheitstrakt zu bleiben. Sie mussten sich einrichten in dem Mief, und sie mussten sich mit dem Gestank abfinden.
Es gab Alternativen: mitlaufen und sich Partei und Staatssicherheitsdienst hingeben – freiwillig taten das viele, erpresst nur wenige. Oder aber das Maul halten und auf Karriere verzichten, sich in den kleinen Freiraum der Kirchen flüchten, weil die große Flucht unmöglich war.
An eine Einheit glaubte niemand mehr. Uns fehlte sie nicht. Wir kamen ohne einen großen deutschen Staat zurecht. Unser kleiner genügte uns vollauf. Angeblich haben wir die neuen Deutschen deshalb nicht verdient, denn die bringen ins große Ganze doch so wunderbare Sachen mit wie Herz, Tiefe, Treue.
Sach’ bloß.
Die sind noch nicht so weit wie wir seit Jahrzehnten schon. Den Wechsel von »der Ohnmacht zur Vollmacht« (Joachim Gauck) hatten sie sich – nach dem Arbeiteraufstand 1953, den die meisten Intellektuellen der DDR vom Balkon aus beobachteten – erst wieder 1989 getraut, als die Wut über die Herrschenden größer wurde als die Angst vor ihnen. Danach aber haben sie sich gebückt, um schnell zu grabschen, was ihnen die Westwindigen über die gefallenen Grenzen bliesen – Gebrauchtwagen, Pauschalreisen, Farbfernseher.
Die Freiheit, immer und überall sagen zu können und schreiben zu können, was wir wollten, auch Gemeinheiten wie in diesem Buch, ist uns selbstverständlich. Darüber reden wir nicht mehr. Basierend auf dieser Freiheit entwickelten sich unsere Stärken. Wir reisten in Länder, die uns gefielen, sobald wir es uns leisten konnten. Was wir uns leisten konnten, bestimmten wir selbst, indem wir dafür arbeiteten. Jobs gab es genug. Wir sangen von Good Vibrations, die anderen ihre Volkslieder von den Signalen, die man hören sollte, und dass die Partei immer Recht habe. Allenfalls durften sie über sieben Brücken gehen, bis aus Asche heller Schein würde, aber alle wussten, nicht einmal die erste Brücke würden sie überqueren können, ohne dass sie unter ihnen zusammenbrach.
Die Ossis haben sich unsere Lebensart, die wir uns verdient haben und nicht geschenkt bekamen, nicht selbst verdient. Sie nörgeln an unserer Art herum. Das nervt uns genau wie ihre Art.
Deshalb wird kein Pardon gegeben für Ostalgiker, die zudem dreist verkünden, so finster wie heute behauptet sei es nicht gewesen in ihrem System. Mehr noch: Wir hätten sie, die Zonis, nicht verdient, sagen sie, weil wir all die guten Eigenschaften, mit denen sie uns beglücken wollten, von oben herab verächtlich abgelehnt hätten.
Seien wir doch so kaltherzig, wie sie es uns vorwerfen. Fordern wir unser Geld zurück. Sperren wir die Innenstädte, und wer von den einheimischen Zonis rein will, muss Begrüßungsgeld bezahlen.
Die beste Lösung aller Probleme ist dem Satiremagazin »Titanic« eingefallen. Eine Kampagne »Zurück in die Vergangenheit«. Mit Hilfe seiner Leser soll die Mauer wieder errichtet werden. Dafür werde eine Partei gegründet. Jeder Sympathisant darf einen Stein kaufen – wer es sich leisten kann und trotz jahrelangen Solibeitrags Ost noch nicht pleite ist, auch mehrere Steine. Vom richtigen PR-Profi gemanagt, dauert der Wiederaufbau keine zwei Jahre.
Eines steht schon fest: Abschiedsgeld für die drüben wie einst Begrüßungsgeld wird es nicht geben.
003

Ost gegen West: Ihr habt uns nicht verdient

Was hat der Wessi da gerade behauptet?
»Wir lebten, wie wir wollten« – dass ich nicht lache. So kann sich wirklich nur ein Wessi täuschen.
Habt ihr also nicht gelitten bei euch im Westen: unter der ungleichen Verteilung des Wohlstandes, unter der Schmach durch soziale Ausgrenzung. War es euer freier Wille, euch 365 Tage im Jahr in eurem gut geschmierten Hamsterrad, das natürlich gepolstert war, damit die Pfötchen nicht wund werden, immer um das Gleiche zu drehen: Job, Karriere und Konsum. Dazu, wenn’s hochkommt, dreimal im Jahr ums Verreisen.
Geknechtet wart ihr, Wessis, und wurdet vornehmlich dann eurer Freiheit gewahr, wenn ihr jenseits der Zonengrenze endlich mal den Weltmann spielen konntet. Geschniegelt und gebügelt bis hin zur Stirnfalte. Genüsslich uns auf der anderen Seite der Mauer wissend, uns, denen es schlechter ging. Wir lebten hinter dieser Mauer mit Selbstschussanlagen, die ihr meistens nur von außen saht. Ein Ausflug in die Zone war also prima, denn dabei konntet ihr euch – ohne große Anstrengung – besser fühlen. Und deshalb seid ihr jetzt sauer, dass man euch die schöne Grenze nahm.
Jetzt müsst ihr Wessis doch viele, viele hundert Kilometer weiter gen Osten reisen, um mit euren Rabattschuhen zu protzen, die ihr im Schlussverkauf günstig erstanden habt. Müsstet für die längere Reise deutlich mehr investieren, und das wollt ihr natürlich nicht. Außerdem versteht ihr weder Russisch noch Rumänisch. Was nützen euch all die wohlfeilen Sprüche, die ihr so gerne über eure Errungenschaften klopft, ausgerechnet da?
Nun, rein gar nichts!
Palavern nämlich könnt ihr, das muss man euch lassen. Habt ihr euch wohl gleich mit der ganzen Presse- und Meinungsfreiheit zu Eigen gemacht.
Der windschnittige Businessman West würde an dieser Stelle übrigens betonen, dass er mit seiner Fähigkeit zum Labern über einen unique selling point verfügt.
Einen was?
Richtig, nicht einmal jeder Wessi versteht das.
Es handelt sich um ein »Alleinstellungsmerkmal«, wie wir Ossis ungeschnörkelt sagen. Denn Schnörkel, die brauchen wir nicht. Wir haben sie nicht nötig, wir überlassen euch Wessis das rhetorische Schönfärben oder eloquente Geknüppel ja gern. Fragen nur: Wozu eigentlich führt diese ausgeprägte Adel- und Tadelsucht?
Beziehungen zwischen Ost und West funktionieren doch letztlich wie jede Beziehung. Wird an mir herumgenörgelt, gibt es zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Ich empfinde mich als den größten Trottel der Nation und leide. Zugegeben, so sieht der Wessi den Ossi gern. Das gibt ihm das Gefühl von Erhabensein.
Nicht aufregen, liebe Mitossis, wie billig das ist, merkt der Wessi selber nicht. Also schwenken wir lieber zu Möglichkeit Nummer zwei: Wir bieten dem Wessi die Stirn. Auf Ossis, es geht darum, unsere Stärken zu zeigen. Ostdeutscher Widerstand gegen westdeutsche Miesmacherei!
Und im Widerstand, liebe Brüder und Schwestern, sind wir Ossis gut geübt. Nach über vierzig Jahren Überleben in der DDR-Diktatur können wir mit den subtilsten Protestvarianten fechten.
Ihr Wessis dagegen hängt hier mit erschlafften Meutermuskeln in den Seilen. Seid ihr doch kaum dafür trainiert, euch in einem widrigen System durchzuboxen, geschweige denn kräftig gegen den Strom zu schwimmen. War ja fast alles erlaubt in eurer kunterbunten Toleranz- und Pluralismusgesellschaft. So viel, dass ihr es nahezu verlernt habt, euch auch mal für eine Sache stark zu machen. Und genau das merken wir nun ganz deutlich an eurem Umgang mit der Wiedervereinigung.
Kaum war die erste Ekstase, um nicht zu sagen: der erste Orgasmus des Aufeinandertreffens und Ineinanderdringens vorbei, war die frische Braut nur noch dafür gut, sie auf ihre Benutzbarkeit hin abzutasten. Sprang da nicht durch die neue Beziehung eine feine Karriereoption heraus, ein attraktiver Job, natürlich in der Führungsetage? Gab es da nicht noch eine Buschzulage obendrauf, eine Entschädigung für Westler im Einsatzgebiet Ost? Und warteten da nicht im Hinterland noch ein paar nette Immobilien? Konnte man nicht sogar als Mitgift für die eingegangene Verbindung Ost eine glänzende Aussteuer mit Förder- und Finanzmitteln abgreifen? Einfach so. Ohne Ehevertrag und nicht gebunden an eine lebenslange eheliche Zugewinngemeinschaft. Oder – im Fall der Scheidung – an die Pflicht, den anderen wenigstens auszuzahlen.
So also hockten in den ehemaligen Bruchbuden der DDR, die jetzt schick sanierte Villen waren, bald die Neureichen West neben den Altkadern Ost, manchmal in herzlich verbundener Nachbarschaft. Man war schließlich wieder wer.
Nein, auf der Basis von Freiheit entwickelten sich im Westen eher selten menschliche Qualitäten, häufiger dagegen Egoismus, Hochmut und Arroganz. Aber dazu kommen wir später.
Hier bleibt zunächst festzuhalten: Es ist durchaus jämmerlich, welche Figuren der Wessi in den vergangenen Jahren der Wiedervereinigung uns angeboten hat.
Denken wir exemplarisch an den Baulöwen, der sehr gern sehr hoch gestapelt hat, erinnern wir uns an Jürgen Schneider: Er hatte den Osten nicht verdient, er hat sich nur vorübergehend an ihm gesund und berühmt gestoßen. Er war nicht der Einzige.
»Peanuts« das?
Für den gemeinen Ossi bedeutet die deutsche Einheit neben den ab und an blühenden Landschaften vor allem Demütigung und Zumutung.
So grenzt es fast an ein Wunder, dass Ossis nach all den Jahren noch in der Lage sind, ihren Weg zu gehen. Dass sie in einem Land, das nicht mehr ihre alte Heimat ist, dennoch mutig einen Fuß vor den anderen setzen.
Warum das fast ein Wunder ist?
Seitdem Schwester Ost dem Bruder West näher rückte, muss sie mit dem Eindruck leben, eine Verwandte zweiter Klasse zu sein, für die man sich zu schämen hat: nicht fein genug, nicht gebildet genug. Nicht mal das Spaßbad und die Radwege werden uns gegönnt.
Dabei ist eindeutig: Würdet ihr Wessis mal die Brille wechseln, könntet vielleicht auch ihr sehen, was euch entgeht von dem, was eure Ostverwandtschaft zu bieten hat.
So viel gelebtes Leben trotz widriger Umstände, so viel Kraft im Kampf gegen Entmutigung, so viel Neugier auf Neues, so viel Tatendrang. Das war so, und das ist so.
Und das muss man erst einmal schaffen. Da stellt sich doch die Frage: Wie eigentlich machen die Ossis das?
Erinnern wir uns an die wunderbaren Reisen. Na klar, dass wir nicht in Richtung Westen durften, um den bösen Kapitalismus mal selber in Augenschein zu nehmen, war furchtbar. Aber so war es nun mal. Geschenkt. Ständig gejammert darüber haben wir nicht, sondern munter unseren Rucksack gepackt, um unsere Neugier dahin treiben zu lassen, wo es solche Einschränkungen für uns nicht gab.
Die Kraxe (für Wessis: Rucksack mit Tragegestell) mit fünfundzwanzig Kilo und mehr gepackt. Mit Jagdwurstkonserven und Mortadella aus DDR-Produktion, Konsumtütensuppen und Tempolinsen, Spirituskocher, Zelt und Luftmatratze drin. Dann ging es los für uns, drei miteinander befreundete Kollegen. Mit dem Zug, teilweise auch getrampt. Bis nach Bulgarien.
Das ganze Jahr hatten wir uns schon gemeinsam die sehr speziellen Aufgaben in einer ostdeutschen Werbeabteilung geteilt. Dekorateure gespielt in einem Land, in dem es nichts zu dekorieren gab, denn was die Menschen wirklich begehrten, kam nicht in die Schaufenster. Lag verstohlen unter dem Ladentisch herum. Wir also hatten unsere liebe Mühe mit dem Rest: durften mit Seife, Mehl oder Eierteigwaren und ähnlichen verstaubten Ladenhütern die Verkaufsflächen gestalten. Kein Wunder also, dass wir während unserer Reise an den für uns südlichsten und äußersten geografischen Zipfel – das war Bulgarien – auf die Idee gekommen waren, die Grenze des Erlaubten zu überschreiten und ins damalige Jugoslawien abzuhauen. Von da aus wollten wir in den Westen.
Jugoslawien nämlich gehörte nicht zu den mit uns verbrüderten Ostblockstaaten. Sozialismus war eben nicht immer gleich Sozialismus. Eine Reise dahin war verboten und hätte im Knast oder tödlich enden können.
Doch für uns stand zunächst ein Besuch von Plovdiv an.
Wohin, nach Plovdiv?
Selbst die geschätzte Elke Heidenreich und der selbstgewisse Intellektuelle Roger Willemsen wussten in ihrer »Lesen«-Sendung im September 2004 nicht, wo in etwa das liegt. Eine zehnbändige Sammlung von Autoren aus Osteuropa, mit dem Titel: »Europa erlesen«, wurde zwar vorgestellt, ja gelobt. Es seien unglaublich poetische Miniaturen von Landstrichen im Osten darin, geradezu wunderbar. Aber einmal nachzuschauen, wo dieses Plovdiv nun liegt, so weit reichte das Interesse dann doch wieder nicht.
Nein, wir werden uns an dieser Stelle nicht über mangelnde Allgemeinbildung beschweren. Wir wollen lieber erzählen:
Plovdiv liegt ungefähr in der Mitte von Bulgarien, ist die zweitgrößte Stadt im Land und ein sehr alter, sehr traditionsreicher Ort. Besonders reizend ist die Lage, denn Plovdiv wurde auf drei Hügeln erbaut, die sich über die thrakische Hochebene erheben. Schon Römer, Osmanen und Kreuzzügler ließen sich hier nieder. Es war ein Knotenpunkt zwischen Orient und Okzident. Der Handel blühte, jedenfalls so lange, bis der Sozialismus kam.
Wir verweilten gerne dort. Privat untergebracht bei einem Maler, den wir von einem Austausch unter sozialistischen Bruderstaaten kannten, als der in Leipzig war. Ich werde nie vergessen, wie wir abends, nach bulgarischem Rotwein, Schafskäse und unglaublich tomatig schmeckenden Tomaten, völlig übermütig geworden das Fontänenballett des größten Springbrunnens von Plovdiv mit unseren mal gestreckten, mal in sich zusammenfallenden Beinen nachspielten. Und wie wir später auf unseren Luftmatratzen lagen und die halbe Nacht zerlachten.
Nach ein paar Tagen ging es südlich raus aus der Stadt, rein in die Rhodopen. Ein angrenzendes Mittelgebirge mit nahezu mystischem Flair. Dem Wessi gemeinhin unbekannt.
Der Rucksack ist gefüllt mit Konserven und Brot, aber wir müssen uns immer wieder Wasser an den Bergquellen besorgen. Frei laufende Schäfer geben hier gerne Auskunft, wo man es finden kann. Aber nicht nur das: Aus lauter Freude, dass wir uns begegnet sind, laden sie uns zum Abend auf ihre Hütte ein und schlachten, entgegen aller Proteste und Bitten für sein Leben, ein kleines Schaf. Weiß ein Wessi, wie lecker am offenen Feuer von eigener Hand gebrutzelte Lammteile schmecken? Wohl kaum. Gebratenes Lamm, das dürfte er nur als fertig zubereitetes Gericht aus dem Rahmenprogramm eines organisierten Touritrips kennen, serviert von der Vergnügungsindustrie. Oder vielleicht noch als flotte Übung aus einem wild gewordenen Managementseminar. Aber da steht er unter Erfolgsdruck und kann nicht genießen. Armes Schaf!
Und weiter geht’s auf unserer Fünfwochenreise, völlig frei von dem Stress, nur maximal zwei Wochen Urlaub nehmen zu können, weil er länger nicht sein darf, weil man in der Firma was verpassen könnte, weil man im Job ja sowieso unabkömmlich ist.
Wichtigwessi eben. Gönnen wir ihm das.
Wir mussten damals keine Angst haben vor dem, was ohne uns und während unseres Fortseins passieren mochte. Wir waren frei von solchen Karrierestrapazen und unbehelligt von der Frage, ob zu Hause die Kündigung lag, ausgesprochen während der urlaubsbedingten Abwesenheit. Bei uns lief alles seinen gleichförmigen sozialistischen Gang. So viel war sicher, und deshalb konnten wir in Ruhe weiterwandern.
Nächste Station war das Rilagebirge. Auch das, lieber Wessi, liegt in Bulgarien. Bauern nehmen dich im Eselskarren mit und holpern mit dir und deinem Gepäck durch die Pampa. Schöne Pampa. Spaß macht das.
Kein Handy, keine E-Mails. Einfach Leben im ursprünglichen Sinn des Wortes. Wir hatten sie noch im Osten, diese ganz andere Lebensgeschwindigkeit, die Zeit ließ, zu erleben, sich umzuschauen und nachzudenken. Und zu genießen, was möglich war.
Liegt nicht gerade darin das Geheimnis des Glücks? Nicht immer nur auf das große Ganze zu gaffen und auf das, was man nicht hat, sondern im Alltäglichen das kleine Jubelgefühl finden zu können? Wir erlebten das. Das sind die Chancen in einer Gesellschaft, die nicht viel zu bieten hat. Wir Ossis nutzten sie. Verstehen, sie zu nutzen.
Leben – das bedeutete damals Muße anstatt Betriebsamkeit. Zeit für Liebe, Zeit für Melancholie, Zeit für Menschlichkeit. Wir kannten nicht die hektische Geschäftigkeit West und das Diktat der 24-Stunden-Effizienzmühle. Im Mangel hatten wir den Luxus, die Zeit außer Acht zu lassen.
Spaßige Zeiten. Schön war das.
Auch wenn der Wessi mit seinem flüchtigen Blick so was nur als Faulheit interpretieren kann.
Moment mal, wie guckt der eigentlich? Sieht der in der Zeit nur das Geld? Je schneller, je mehr.
Beschleunigter Wessi. Gemächlicher Ossi.
Auch wir kamen in Richtung Hochgebirge nur langsam voran. Immer nur so weit, wie uns die Eselskarren oder andere alternative Mitfahrgelegenheiten beförderten. Am Ende kletterten wir rauf auf den Musala, einen Fastdreitausender, bestiegen den höchsten Berg auf dem Balkan. In Jesuslatschen, der üblichen Fußbekleidung Ost für unternehmenslustige Bergsteiger. Eine leichte, aber robuste Sandalette.
Was für ein Fest, in der prallen Gipfelsonne plötzlich im Schnee zu stehen. Wieder Kind zu werden und mitten im Sommer einen Schneemann zu bauen. Ja, es gab dieses gute Leben im falschen System. Und es trug über den Urlaub hinaus. Erlebnissatt sind wir dann doch wieder in die DDR zurückgekehrt. Die Flucht haben wir uns für andere Zeiten aufgespart.
Daheim im finsteren Ostalltag wechselten die Einladungen zu fröhlichen Dia- oder Fototreffen. Natürlich in den eigenen vier Wänden. Wo sonst? Restaurants, Cafés oder Clubs hatten wir ja kaum. Sie als Treffpunkt zum Erzählen der sehr persönlichen Erlebnisse zu wählen wäre im Überwachungsstaat auch viel zu gefährlich gewesen. Jeder ahnte: Stasi hört mit!
Außerdem war es gemütlich zu Hause auf durchgesessenen Sesseln bei Kerzenschein, selbst wenn sich die Wohnung meist nur über zwei Zimmer erstreckte. Und das Plumpsklo zum Erleichtern eine Treppe tiefer lag, im kalten Hausflur. Warum sich die Ossis übrigens meist nur nach dem Kacken die Hände waschen? Weil das Plumpsklo eben nur ein Klo und kein Bad oder gar Gäste-WC mit Gästewaschbecken war. Um sich die Hände zu säubern, hätte man also wiederum nicht nur eine Treppe hoch, sondern dort in die Küche gehen müssen. Sich da noch lange aufzuhalten hätte wertvolle Zeit gekostet, man hätte etwas von der spannenden Erzählung verpasst. Das war zu schade. So haben wir Ossis unsere Prioritäten gesetzt.
Eklig? Na und. Die Verbreitung diverser Krankheiten und insbesondere von Allergien hat im östlichen Teil Deutschlands erst nach der Wende zugenommen und sich in nur zehn Jahren dem Weststandard angepasst. Die Immunisierung mag offenbar die Schmuddelkinder und keine aseptische Sagrotan-Kultur. Ostler haben sogar die besseren Zähne. Da allerdings rätseln die Forscher noch, warum. Manche behaupten, es läge am öfter geübten Sich-Durchbeißen.
Die Wohnung jedenfalls, wer immer sie hatte, die Privatheit der eigenen vier Wände war eine wunderbare Nische in der Diktatur. Was haben wir geredet und gefeiert dort. Auch das Bett war nicht weit. Und wie romantisch kann eine Nacht im Dachgeschoss mit halb kaputtem Fenster sein, das den Blick auf den Vollmond freigibt. Selbst im kalten Winter, wenn die Erkältungsgefahr erst recht dafür spricht, möglichst schnell unter der dicken Bettdecke zu verschwinden.
Der Wessi denkt da sofort an Sex. Ja, den hatten wir auch, aber wir brauchten nicht gleich und nicht immer die stärksten Reize, um etwas zu spüren. Der Ossi spielt auf einer breiten Klaviatur des Sich-näher-Kommens …
Dafür haben wir sie geliebt, die DDR, und verwahren uns gegen die Herabsetzung unserer Biografien mit platten Pauschalurteilen.
Greifen wir zu einem anderen Aspekt: die Neugier der Ossis bis hin zum »Gugge mol dao«. Was haben wir nicht auf uns genommen, um auch als Sachsen in den achtziger Jahren die Ausstellung der Brücke-Maler in Berlin zu sehen. Sind zu fünft im kleinen Trabi in die Metropole des Ostens getuckert, haben stundenlang Schlange gestanden und dabei darüber spekuliert, welche Schätze uns erwarten würden. Uns ausgetauscht, wer alles ein expressionistischer Maler war.
Dass Bücher eigentlich Schätze sind, war uns Ostdeutschen bekannt. Viele waren verboten und wanderten unter der Hand von Hand zu Hand. Ob »Farm der Tiere« von George Orwell oder Hermann Hesses »Glasperlenspiel«. Wir haben jedem Satz, nahezu jedem Wort Beachtung geschenkt. Tage- und nächtelang gelesen, was meist nur für kurze Zeit geliehen war.
Und nicht verstanden, würde der Wessi hier sicher gern ergänzen. So wenig begreift er. Denn Texte ernst nehmen, sie auf Inhalt zwischen den Zeilen befragen, so macht man das mit verbotener Literatur. Zensur hat auch hier – wie so oft schon in der Geschichte – ihr Ziel verfehlt, letztlich das eingeschränkte Volk belesen gemacht. Das Verbotene reizt nun mal.
Daher, liebe Wessis, konnten wir nicht nur lesen. Wir waren von klein an geübt darin, die Botschaften in den Geschichten zu verstehen.
Dennoch verkündet der Wessi gern ungeniert, dass wir Ossis dumpfe Backen sind. Er weiß nichts davon, dass wir früher, infolge der merkwürdigen Planwirtschaft, sogar einen Auspuff gegen Theaterkarten tauschten. Darauf wäre der Wessi nie gekommen.