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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

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Für meine Kinder

Es gibt drei Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln.
Die edelste durch Nachdenken,
die einfachste durch Zuhören,
und die bitterste, indem man sie selbst erleben muss.
 
KONFUZIUS
 
 
 
Wissen Sie, wie schön ein lachendes Kindergesicht ist?
Kennen Sie das Glitzern, das Leuchten in den Augen?
Wissen Sie, wie es ist, wenn kleine Kinderhände einem ein Geschenk aus den Händen reißen?
Kennen Sie das, wenn sie dann nichts mehr um sich herum sehen und hören?
Wenn die Schnuten vor Aufregung nicht mehr stillstehen? Dann haben Sie eine Idee davon, was ich verloren habe.
Dies ist die Geschichte von mir und meinem Sohn Felix, basierend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen. Sie dokumentiert die nicht enden wollende Suche nach Felix. Geschrieben, um ihm später von meiner Suche zu erzählen.
Sie erzählt von Hoffnung, Kampf, Stress, vom unendlichen Leid, von tiefer Verzweiflung und elementarer Angst.
Sie soll verstehen helfen, um die Hilfe für hinterbliebene Opfer zu verbessern, es ist ein Dankeschön an alle Menschen, die bei der Suche halfen, eine bleibende Erinnerung an meinen Sohn.
Sie ist meinem überlebenden Kind, Magdalena, gewidmet, die diese Zeilen vielleicht irgendwann braucht, um zu verstehen, was in dieser Zeit geschah, mit Felix und mit mir. Als all dies passierte, war sie erst zehn, zu klein für den Horror, der selbst für uns Erwachsene zu groß ist.
Opfer haben ein Gesicht, so wie meines und das meines Sohnes.

Prolog
Wie geht es Ihnen, Frau Wiese?
 
Es ist der 6. April 2005, ich bin in einer psychosomatischen Fachklinik irgendwo in Niedersachsen, zweite Etage, Bereitschaftszimmer, mein abendlicher Meldetermin, oder auch: Stimmungsbericht abgeben. Mir gegenüber sitzt die Nachtschwester, eine nette Frau, sie ist ungefähr in meinem Alter und beginnt das Gespräch.
»Wie geht es Ihnen, Frau Wiese?«
Diese Frage macht mir die ganze Absurdität meiner Situation deutlich. Frau Wiese! Ich bin nicht Frau Wiese, es ist nicht mein Name, ich bin Frau Wille. Zur Anonymität gezwungen, musste ich meinen Namen aufgeben, einen Teil meiner Identität ablegen. Und sie fragt mich: »Wie geht es Ihnen?«
Was für eine Frage, was glaubt sie, wie es mir gehen könnte? Welche Aussage würde diese Frage korrekt beantworten?
Vielleicht: »Den Umständen entsprechend«?
Oder: »Der Gesamtsituation angemessen«?
Möglicherweise möchte Sie nur ein »Gut« hören, aber das wäre gelogen.
»Wie, glauben Sie, könnte es mir gehen, in Anbetracht der Katastrophen, die über mich hereingebrochen sind?«, frage ich sie.
Es ist jetzt sechs Monate her, seit die erste Katastrophe mich mit voller Wucht traf, seit mein Leben zerbröckelte, ich die Bruchstücke nicht festhalten konnte. Seit, wie in der Unendlichen Geschichte von Michael Ende, meine Welt vom »Nichts« ausgelöscht wurde. Sich ein Monster durch mein Leben fraß und nur ein großes schwarzes Loch übrig ließ.

I
Hier passiert fast nichts
Ich lebe mit meinen beiden Kindern Felix und Magdalena, meinem Lebensgefährten Matthias, unserem Hund Basti, dem Kater Linus, vier Hühnern, einem Hahn, sechs Kaninchen, fünf Gänsen, zwanzig Masthähnchen und mindestens fünfzig von Felix gezüchteten Guppys in einem Resthof in Hipstedt. Eigentlich sind wir das erste Haus von Neu-Ebersdorf, aber wir sind in Hipstedt zugezogen und haben mehr Kontakte dorthin. Die Kinder gehen hier in die Dorfschule, ein Idyll zwischen Elbe und Weser im »nassen Dreieck«, gelegen an einem großen Naturschutzgebiet. Eine winzige Schule, in keiner Klasse mehr als fünfzehn Kinder. Wo gibt es das noch? Hier in Hipstedt, wo jeder jeden kennt, der Kaufmann noch anschreibt, wo man Eier und Kartoffeln an der Straße kauft nach dem Prinzip Selbstbedienung: einfach nehmen und bezahlen. Vertrauen gegen Vertrauen. Hier machen Krankengymnasten noch Hausbesuche, so wie ich. Meine kleine Firma ist spezialisiert auf die Rehabilitation Schwerbehinderter, im Termintakt fahre ich über das Land.
Hier passiert nichts … fast nichts.
Im Mai 2004 werde ich das erste Mal aufgeschreckt, ein Mädchen in Cuxhaven-Altenwalde ist verschwunden, das ist fünfzig Kilometer entfernt, einen Tag später findet man den Schulranzen und die Jacke des Mädchens in Flögeln, das sind nur noch fünfundzwanzig Kilometer, und der Ort gehört in meinen beruflichen Einzugsbereich. Ich kenne in dieser Gegend jede Abkürzung, jeden Schleichweg. Selbst in Bremerhaven würde ich noch den Taxischein bekommen. Nun haben wir drei verschwundene Kinder in dieser Gegend: Dennis’ Spur verlor sich auch nur fünfzig Kilometer von uns, dann Adelina in Bremen, auch das nicht weit weg, und nun Cuxhaven. Wenige Tage später ist das erste Flugblatt von dem Mädchen in der Post.
Ich bin im Auto unterwegs zum nächsten Hausbesuch, ich bin völlig erschüttert, mein Gott, das Mädchen ist erst acht, ist nur etwas älter als Felix, auch er wird bald acht.
Sie heißt Levke. Ich sehe Felix deutlich vor mir, und mir wird bewusst, wie klein er eigentlich noch ist, wie klein das Mädchen noch ist. Ich hänge die Flugblätter mit aus, spreche mit meinen Patienten über Levke, ermutige sie, die Augen aufzuhalten, bitte meine Mitarbeiter um Wachsamkeit. Das Kind kann doch nicht einfach weg sein, das gibt es doch gar nicht.
Meine Kinder müssen sich an strengere Spielregeln gewöhnen, sie verstehen das gar nicht. Es ist so schwer, ihnen kindgerecht klarzumachen, was Sorge ist, ihnen zu erklären, warum sie pünktlich sein müssen, warum sie nie in ein Auto einsteigen dürfen, warum ich wissen will, bei wem sie spielen. Wir üben Verlässlichkeit, aber einsperren kann und darf ich sie nicht. Aber sie lernen es, Verspätungen treten maximal im Bereich von zehn Minuten auf. Unter uns Eltern gibt es ein geheimes Abkommen. Ohne dass wir darüber gesprochen hätten, wird angerufen, wenn ein Kind unangekündigt zum Spielen kommt. Insgesamt sind alle aufmerksamer, man merkt sich mehr.
Ohne erkennbaren Anlass wird auf einmal ein außerordentlicher Gesamtelternabend angesetzt. Den Schulbusfahrern ist aufgefallen, dass seit längerer Zeit immer derselbe Pkw den Bussen folgt und der Fahrer die Kinder anspricht, das teilt uns ein Kontaktbeamter der Polizei mit. Wir Eltern sind in Aufruhr, er beruhigt uns, der Fahrer ist den Behörden bekannt und hatte bereits mehrfach »Besuch« von der Polizei. Es ist ein Pädophiler, aber der Polizei sind die Hände gebunden. Sie kann nichts weiter tun, als dem Mann Angst zu machen und ihm klar zu verstehen zu geben, dass man ihn im Auge hat. Denn wer Kinder einfach nur anspricht, macht sich noch nicht strafbar. Offensichtlich hat ihn das Vorgehen der Polizei aber so beeindruckt, dass der Mann inzwischen verzogen ist.
Es gibt also wieder Gespräche mit den Kindern: »Ihr steigt nie zu jemandem ins Auto.« »Wenn euch etwas Angst macht, könnt ihr zu jedem Erwachsenen gehen und es sagen, jeder wird euch helfen.« Ein Erwachsener steht von jetzt an immer mit den Kindern an den Haltestellen und wartet, bis sie eingestiegen sind.
Die Schule organisiert eine Projektwoche mit dem Thema »Selbstverteidigungsstrategien für Kinder«. Sie müssen lernen, wie weit sie an ein Auto herangehen dürfen, welche Tricks es gibt, um Kinder ins Auto zu ziehen. Die Kinder nehmen es mit Humor und Spaß. Der einzige Schutz für sie ist ein gesundes Selbstbewusstsein.
Im August wird dann ein totes Kind gefunden, vermutlich Levke. Irgendwo im Sauerland. Wie kommt sie ins Sauerland? Es ist furchtbar. Ich kenne das Kind nicht, und dennoch leide ich mit den Eltern. Wieder wandert mein Blick auf Felix, er wird jetzt auch bald acht. Sie sind doch noch so klein mit acht.

Felix, mein Kleiner

Felix ist meistens zu Streichen aufgelegt, ich darf mir auf den Elternabenden oft anhören, dass er im Unterricht eine Quasselstrippe ist und er häufig zur Strafe auf dem Flur sitzen muss. Erzählt hat er das nie, wahrscheinlich, weil er wusste, dass er zu viel geredet und diese Maßregelung verdient hat. Hätte er die Strafe nicht als angemessen empfunden, hätte ich es gewusst, denn nichts regt ihn mehr auf als Ungerechtigkeiten. Da kann er richtig böse werden, mein Kleiner, da steht er wütend vor mir, halb in Tränen vor lauter Wut, es ist ein herzzerreißendes Bild. Ich möchte ihn eigentlich nur trösten, aber in solchen Momenten darf man das nicht, weil er eben nur noch wütend ist. Innerlich muss ich oft lachen, er ist mir so ähnlich, gerade dieses Wutige und Störrische kenne ich zu gut. Ich weiß auch, dass er nur zu gern in den Arm genommen werden möchte, aber das darf man natürlich in solchen Momenten nicht zulassen. Also wütet er sich aus. Ich versuche die Welt wieder in Ordnung zu bringen, das ist allerdings nicht immer einfach.
Oder seine geliebten Yo-Gi-Oh-Karten, Sammelkarten, die unterschiedliche magische Zauberkräfte haben. Seine komplette Sammlung ist mit einer Jacke in der Waschmaschine gelandet. Mein Kleiner ist sauer. Nach »Du bist doof, mit dir rede ich nicht mehr« und »Geh weg« wird mir bewusst, dass ich wohl neue Karten kaufen muss. Aber immerhin darf ich ihn ins Bett bringen und nach längerer Zeit auch mit ihm kuscheln, und er teilt auch wieder seine Geheimnisse mit mir. Das ist ihm ganz wichtig, da wird er richtig grantig, wenn seine Schwester hinzukommt. Diese Zeit mit mir gehört ihm. Das Schönste ist für ihn natürlich den Rücken oder den Kopf kraulen.
Als ich ihm am nächsten Tag seine neuen Karten mitbringe, ist er völlig aus dem Häuschen, sie werden sofort gesichtet. Er erklärt mir, was eine gute Karte ist und was die alles können. Ausflippen tut er allerdings, weil ich das Spiel nicht begreife, er erklärt es mir, aber verstanden habe ich das immer noch nicht. »Ohh, Mama.« Tut mir ja leid, mein Kleiner, aber das verstehe ich nicht. Er gibt mir dann allerdings auch deutlich zu verstehen, dass er nicht mehr klein ist, ich soll nicht immer Kleiner sagen. Also gut, nun bist du der kleine Große. Das scheint besser anzukommen, aber irgendwie wird er ja immer der Kleine bleiben.
Sein neuestes Hobby ist BMX-Fahren. Er bastelt in der Werkstatt aus einem alten Fahrrad ein BMX-Rad, alles Überflüssige wie Gepäckträger oder Licht und noch andere Dinge werden entfernt. Das darf er natürlich nur mit einem alten Rad, sein gutes Rad muss verkehrssicher bleiben, mit einem defekten Fahrzeug darf er nicht auf die Straße. Er baut sich eine Rampe im Garten und übt Springen. »Mama, guck mal!«
»Ja, super, kleiner Großer, ich fahr mal das Auto weg.« Das steht genau in der Flugrichtung.
»Du hast gar nicht geguckt, ich spring noch mal, aber du musst hinschauen!«
Freitags fahre ich mit dem Kleinen zur Badeanstalt, er muss endlich lernen, sich über Wasser zu halten. Nächstes Jahr hat er Schwimmen in der Schule. Es macht ihm Spaß. Natürlich muss ich zusehen, wie die anderen Mütter auch. Er macht das ganz prima, und noch vor den Herbstferien schafft er sein »Seepferdchen«. Felix ist stolz wie Oskar, zur Belohnung darf er sich etwas wünschen. Welche Frage, er wünscht sich Yo-Gi-Oh-Karten und ein neues Paar selbst gestrickte Socken. Und weil wir gerade dabei sind, gibt es auch noch neue Schuhe. Zehn Zentimeter größer vor Freude als sonst, präsentiert er seine Urkunde und sein Abzeichen Matthias. »Matthias, Matthias, ich hab mein Seepferdchen, guck mal.« Ich sehe nur, dass Matthias auf der Couch liegt, und meine dunkle Ahnung wird Gewissheit, als er sagt: »Ich habe nichts anderes erwartet« und »Das wurde ja auch Zeit«. Er hat wieder getrunken und macht das, was er in diesem Zustand immer tut: die Menschen kränken, die ihn lieb haben. Felix entgleist das Gesicht, Tränen stehen ihm in den Augen, er dreht sich um und rennt in sein Zimmer. Ich weiß, dass es sinnlos ist, jetzt hinterherzugehen. Nichts ist Felix so viel wert wie die Anerkennung von Matthias, ein Lob von ihm wiegt dreimal schwerer als eins von mir. Er ist sein Vorbild, es ist deutlich zu merken. Leider imitiert er auch Matthias’ Trinkverhalten, zwar ist es Malzbier, aber aus der Flasche muss es sein. Ich beobachte es seit einiger Zeit mit zunehmender Sorge. Wenn Matthias nüchtern ist, kümmert er sich sehr um Felix. Er bastelt mit ihm, baut die Carrera-Bahn auf, spielt mit ihm und gegen ihn am Rechner Autorennspiele, übt mit ihm sicheres Radfahren, bringt ihm bei, wie man lötet. Wenn ich die beiden beobachte, sieht man deutlich, dass auch Matthias an ihm hängt.
Alles in allem läuft es eigentlich recht rund, die Sauferei ist allerdings ein echtes Problem, für das ich noch keine Lösung gefunden habe. Es wird Zeit für deutliche Konsequenzen von meiner Seite, um sein Trinken zu beenden. Aber ich scheue davor zurück. Ich liebe diesen Mann, und Felix hängt so sehr an ihm. So habe ich doch noch Hoffnung, dass er das Trinken mithilfe von außen abstellen kann, ohne dass die Beziehung beendet werden muss, aber es wird Zeit.

30. Oktober 2004, Samstag: Wo ist Felix?

Felix sprudelt über. »Mama, ich und meine Kumpels, wir wollen morgen BMX-Rad fahren, darf ich da hin?« Sie haben sich an der Schule verabredet um 14.30 Uhr. Auf dem Schulhof sind so schöne Hügel, andere gibt es hier ja auch nicht. Und seine Kumpels, das verstehe ich doch gleich, dass das wichtig ist. Ich erlaube es ihm. Erst später fällt mir ein, dass es ja ein Samstag ist. Eigentlich gibt es am Wochenende keine Verabredungen, die Wochenenden gehören der Familie, aber nun kann ich keinen Rückzieher mehr machen. Ich hab es einmal erlaubt, und dann muss ich zu meinem Wort auch stehen. Was ich meinen Kindern beibringe, das gilt natürlich erst recht für mich.
Ein schöner Herbsttag kündigt sich an, es wird noch einmal warm. Felix darf mit und gegen Matthias Autorennen am Computer spielen. Er fährt mit großem Enthusiasmus, lange hat Matthias mit ihm überlegt, wie man die Pedale der Spielkonsole auf eine Höhe bekommt, dass er sie mit seinen kurzen Beinchen erreichen kann. Nun gibt es ein kleines Podest für ihn, darauf die Pedale, dennoch »klemmt« er sich regelrecht hinter das Lenkrad.
Von einem entspannten Zustand kann keine Rede sein, aber mit Feuereifer fährt er, und er gewinnt.
Wir essen spät zu Mittag, am Wochenende will ich keinen Stress haben, da erhole ich mich mit meiner Familie. Während des Essens fällt Felix die Verabredung wieder ein. »Mama, meine Freunde warten auf mich, wie spät ist es?« Es ist halb drei. Felix muss los und sich beeilen. Er fragt mich noch, ob ich ihn bringen kann, aber das sehe ich nicht ein. Es ist zu umständlich, Fahrrad rein in den Kofferraum, raus aus dem Kofferraum. Schnell isst er zu Ende, flitzt in sein Zimmer, holt seine Armbanduhr. »Wann soll ich wieder da sein, Mama?« Um fünf, sage ich ihm, es wird mir zu früh dunkel, ich möchte, dass er im Hellen wieder zu Hause ist. Schuhe werden angezogen, dann höre ich ihn die Treppe runterpoltern, »Tschüss, Mama«. »Viel Spaß«, rufe ich ihm hinterher. Die Tür knallt, und ich sehe noch, wie er sich auf den Weg macht und kräftig in die Pedale tritt.
Wir verbringen einen ruhigen Nachmittag. Meine Tochter hilft mir, sauber zu machen.
Wir trinken Kaffee. Es wird 17 Uhr. Magdalena ist die Erste, die sagt, dass doch der Felix nun wiederkommen müsste. Na ja, ein paar Minuten geben wir ihm noch, meistens erscheint er genau in dem Moment auf dem Hof, wo ich daran denke, loszufahren. Aber er kommt nicht. Um 17.15 Uhr beschließe ich, ihn aufzusammeln. Wahrscheinlich ist mal wieder die Kette abgesprungen, und er muss schieben. Er wird fluchen wie ein Großer und sich riesig freuen, wenn ich ihn hole. Ich fahre los zur Schule, langsam natürlich, aber auf dem Radweg sehe ich keinen blonden, fluchenden Jungen. An der Schule ist er auch nicht. Wahrscheinlich war er exakt zur gleichen Zeit an der »Hindenburgkurve«, als ich dort vorbeifuhr. Es ist die einzige Stelle, an der der Radweg von der Straße aus nicht einsehbar ist. Dort ist ein kleiner Waldparkplatz mit einer riesigen Eiche, den Erzählungen nach hat Hindenburg sie dort gepflanzt, seitdem heißt diese Stelle »Hindenburgkurve«. Langsam fahre ich wieder zurück, wieder kein blonder, fluchender Junge, bestimmt hat er noch einen Abstecher zu Peter gemacht. Der wohnt direkt am Weg, und bei ihm ist es immer sehr spannend. Peters Mutter ist etwas irritiert, aber weder sie noch eines ihrer Kinder haben Felix gesehen. Er ist bestimmt in der Zwischenzeit zu Hause angekommen, ich fahre auf den Hof.
»Na und, ist er da?« Meine Tochter schüttelt den Kopf. Das gibt es doch gar nicht, wo steckt er denn? Das sieht ihm so gar nicht ähnlich. Gerade will ich seine Kumpels anrufen, da klingelt mein Vater durch. Ich habe keine Zeit, wie sonst mit ihm zu plauschen. Ich erkläre ihm, dass ich erst mal Felix auftreiben muss und wir uns morgen zum Aufbauen des Hochbetts sehen werden.
»Das ist immer Mist, ein Kind zu suchen«, sagt er. Ja, da hat er wohl recht. Ich rufe Lukas an, seinen engsten Freund, und die Mutter antwortet irritiert: »Wir waren beim Fußballturnier und gar nicht da. Mein Sohn hat nichts vom BMX-Fahren gesagt, er hat es wohl vergessen.« Mein Kleiner wird ganz schön sauer gewesen sein. Ich befürchte, dass sein Freund sich da einiges am Montag in der Schule anhören darf. Felix erwähnte, als er mich fragte, ob er am Samstag zur Schule fahren dürfe, aber nur Lukas. Welche anderen Jungen waren noch mit ihm verabredet? Mit wem könnte er noch gespielt haben? Irgendjemanden muss er noch getroffen haben, sonst wäre er jetzt hier. Ich rufe alle Jungen an, die in der Nähe der Schule wohnen und als Spielkameraden möglich sind. Aber mit wem ich auch spreche, keiner hat Felix gesehen oder mit ihm gespielt. Also, so langsam weiß ich auch nicht mehr weiter. Vielleicht ist er ja bei jemandem, der nicht in seine Klasse geht.
Es ist inzwischen 18 Uhr, als ich zur zweiten Fahrt aufbreche, diesmal mit Matthias. Wir treffen eine andere Frau, die auf der Strecke mit ihren Kindern spazieren geht, auch sie hat meinen Sohn nicht gesehen. Wir fahren wieder zur Schule, rufen nach Felix, uns antwortet nur ein Hirsch. Brunftzeit. Wir fahren zu Madita, sie spielt auch immer wieder draußen im Dorf, sie kennt Felix, vielleicht weiß sie was. Aber auch sie hat ihn nicht gesehen. Ihre Mutter aktiviert die Telefonketten aller Klassen, ihr Mann begleitet Matthias, um den Weg noch mal zu Fuß abzusuchen. Vielleicht ist Felix hingefallen und liegt nun im Graben. Ich fahre wieder zur Schule, vielleicht wollte er auf die Toilette und ist in dem Gebäude eingeschlossen worden, vielleicht ist er in der Turnhalle. Ich klingele die ganze Nachbarschaft durch, immer die gleiche Antwort. »Nein, wir haben Felix nicht gesehen.« Ratlos fahre ich durch das Dorf und schaue, ob sein Fahrrad irgendwo steht.
In der Kirche gibt es gleich ein Konzert. Der Pastor wird den Zuhörern Bescheid geben, dass wir Felix suchen. Die Veranstaltung ist ideal, um dies mitzuteilen: Jetzt weiß es schon mal das halbe Dorf. Ich fahre nach Hause, vielleicht ist der Kleine ja inzwischen da. Aber meine Tochter wartet immer noch allein. Matthias geht jetzt noch einmal los, um mit dem Rad die Waldpfade abzusuchen. Ich fahre auch wieder weg, meine Tochter bewacht das Telefon. Mein Weg führt mich jetzt in den nahe gelegenen Siedlungsteil. Dort wohnt noch ein weiterer Freund von Felix, der schon etwas älter ist. Der Vater hat einen blonden Jungen auf einem Rad gesehen, er ist sich aber nicht sicher, ob es Felix war. Er fragt seinen Sohn Charly, und der weiß es aber ganz genau. »Ja, das war Felix, und ich habe mit ihm noch auf dem Schulhof gespielt, bis halb sechs.« Immerhin, er war an der Schule. Die Uhrzeit irritiert mich allerdings sehr, sie passt einfach nicht.
Vielleicht ist er auf dem Rückweg noch beim Bauernhof mit den kleinen Katzen vorbeigefahren und darf helfen, die Tiere zu füttern. Aber es würde mich wundern, wenn er dort noch so spät aufgekreuzt wäre. Dennoch fahre ich hin, sicher ist sicher. Aber auch hier hat man ihn den ganzen Tag nicht gesehen.
Inzwischen ist es stockdunkel, auf der Heimfahrt drehe ich meine Überlegungen hin und her.
Wohin könnte Felix nach dem Spielen gegangen sein?
Wo habe ich noch nicht gesucht?
Wieso ist er noch nicht zu Hause?
Wenn er könnte, wäre er schon da. Was für Gründe kann es geben, dass er nicht da ist? Offensichtlich kann er nicht. Was für Gründe kann es geben, dass er nicht kann? Ein Gedankenblitz: Felix hatte vielleicht einen Unfall, liegt im Krankenhaus, und man wartet sehnsüchtig, dass sich die Familie des Kindes endlich meldet. Ich fahre nach Hause und rufe die Polizei an. Es ist 18.50 Uhr.

Die Polizei stellt Fragen

»Polizei Rotenburg/Wümme, guten Abend.«
»Guten Abend, Wille. Ist Ihnen ein Unfall mit einem unbekannten Jungen gemeldet worden?«
»Nein, warum?«
»Mein Sohn ist seit zwei Stunden überfällig. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn noch suchen soll.«
»Wie alt ist Ihr Sohn denn?«
»Acht, er ist doch erst acht.«
Es herrscht einen Moment Stille am Telefon.
»Kam Ihr Sohn schon öfter verspätet nach Hause?«
»Nein, er ist immer sehr zuverlässig und auf zehn Minuten pünktlich. Ich weiß nicht, wo ich noch suchen soll.«
Der Polizist nimmt eine Vermisstenanzeige auf. Ich gebe ihm die Daten, nach denen er fragt, und er schickt einen Streifenwagen zu uns. Das finde ich sehr nett, die haben bestimmt auch leistungsstarke Taschenlampen, denn unsere machen nicht genügend Licht. Ich sage meiner Tochter Bescheid, dass ich noch mal losfahre, und ich bitte sie, an das Telefon zu gehen, wenn es klingelt. Ich kann nicht einfach zu Hause sitzen bleiben, ich muss mitsuchen, auch wenn ich nicht mehr weiß, wo. Es gibt mir das Gefühl, etwas tun zu können.
Ich fahre die Strecke von Felix wieder ab und versuche, mit den Scheinwerfern des Autos den Weg auszuleuchten, halte Ausschau nach einem Reflektor, der in der Dunkelheit angestrahlt aufblitzt.
Der erste Streifenwagen kommt mir entgegen. Ich unterhalte mich mit dem Beamten, erkläre ihm, was passiert ist, wo wir schon gesucht haben, wie Felix aussieht.
Er schickt mich nach Hause. »Ihre Tochter wartet auf Sie, sie ist ganz allein und macht sich auch Sorgen. Sie werden jetzt von ihr gebraucht, wir suchen hier weiter«, erklärt er mir. »Es werden gleich noch mehr Kollegen hier sein.« Ich weiß, dass er recht hat, ich muss zu Magdalena, ich muss zurück. Ich fahre zu unserem Hof, sie ist auch schon ganz aufgelöst. »Habt ihr Felix gefunden?«
»Nein, meine Kleine, noch nicht, aber die Polizei hilft uns jetzt beim Suchen, sie bringen ihn bestimmt gleich her.« Es dauert nicht lange, und die nächsten Polizisten tauchen auf. Sie benötigen eine genaue Personenbeschreibung: Welche Kleidung hat Felix an, wie sieht das Fahrrad aus, mit dem er unterwegs ist, welche Größe hat es? Einige Dinge weiß ich sofort, andere sind schon schwieriger. Jeden Tag sieht man sein Kind mit dem Rad fahren, aber jetzt, wo exaktes Erinnern wichtig ist, fällt mir erst auf, wie wenig genau man beobachtet. Blau-gelb, das weiß ich, aber wo ist das Rad gelb und wo blau? Die Fahrradgröße kann ich erst präzise sagen, nachdem ich das Rad meiner Tochter angesehen habe, das ist eine Nummer größer.
Was mein Sohn heute trug? Ich saß ihm beim Mittagessen gegenüber und kann außer der Pullifarbe nichts sagen. Nicht einmal die Größe weiß ich, die Bekleidung fällt so unterschiedlich aus, dass ich es nicht mit Sicherheit richtig angeben kann.
»Ist es vielleicht möglich, dass Ihr Sohn bei seinem Vater ist oder vielleicht bei seiner Oma?« Das halte ich für völlig ausgeschlossen, aber sie bestehen darauf, dass ich dort anrufe und mich vergewissere. Ich möchte meine Mutter und meinen Exmann eigentlich nicht beunruhigen, aber es nützt nichts, ich rufe bei beiden an. Ich stelle mich auf Vorwürfe ein, die aber glücklicherweise nicht kommen. Aber auch sie können nicht begreifen, dass der Kleine einfach so spurlos weg ist.
Vielleicht hat er sich im Haus versteckt?
Interessante Ideen haben sie ja, aber Matthias hat den ganzen Hof bereits abgesucht. Das Rad ist nicht da und auch Felix nicht.
Erst später erfahre ich, dass außer den Beamten inzwischen das halbe Dorf durch den Wald streift und nach Felix sucht, sogar die Gäste einer Silberhochzeit im feinen Aufzug sind unterwegs, kämpfen sich auf Stöckelschuhen und in Lederschuhen durch das Unterholz. Alles haben sie stehen und liegen lassen, um mir bei der Suche nach meinem Kleinen zu helfen. Die Sirenen haben die freiwilligen Feuerwehren von drei Dörfern ausrücken lassen, ich hatte sie gar nicht gehört.
Ich verstehe das alles nicht, ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. Er ist offensichtlich bei keinem Mitschüler, er hatte keinen Unfall – was bleibt da an Möglichkeiten übrig?
Eine Abkürzung über die Waldwege?
Eher unwahrscheinlich, und es ist auch nicht wirklich eine Abkürzung. Felix weiß, dass es anstrengend ist, über diese Pfade zu fahren, dass sein Rad auf dem asphaltierten Weg viel besser rollt. Es sei denn … Ich denke nach. Ja, vielleicht wollte er uns eine Freude machen und wollte Pilze mitbringen, so könnte er, wie bei Hänsel und Gretel, tiefer als beabsichtigt in den Wald geraten sein. Vielleicht wurde er dort von der Dunkelheit überrascht und hat sich, da er ja ein schlaues Kerlchen ist, auf einen Jagdstand geflüchtet, um sich vor der Kälte zu schützen. Er hat ja keine Jacke mit und auch seinen Schlüssel vergessen.
Das ist die einzige logische Erklärung dafür, dass Felix nicht zu Hause ist und auch jetzt nicht mehr von allein den Weg schaffen wird.
Meinem Kleinen ist bestimmt kalt, schießt es mir durch den Kopf, er hat mit Sicherheit Hunger und furchtbare Angst. Ich fühle in mir, wie verzweifelt er sein muss, allein im Dunkeln, frierend, weinend, wartend, dass ich endlich komme und ihn ins Warme bringen. Ob er weiß, dass ich sein Rufen nicht hören kann?
Die ganze Nacht über rechne ich damit, dass es an der Tür klingelt und mir einer der Polizisten Felix nach Hause bringt. Spätestens morgen früh um zehn Uhr wird er aus seinem Zufluchtsort geklettert sein und direkt zu uns laufen. Ich hoffe inständig, dass die Nacht nicht so kalt wird, dass wir noch keinen Frost bekommen. Aber eine Erkältung wird er sich holen, ich werde ihn sofort unter die warme Dusche stellen.
In dieser Nacht schlafe ich höchstens drei Stunden.

Erster Tag der Suche, 31. Oktober 2004, Sonntag

Um 7.30 Uhr geht es hier los. Presse hat sich vorm Grundstück versammelt. Es klingelt. Felix!!! Er ist da! Wir spurten die Treppe runter, öffnen die Tür, und es steht niemand davor, keiner, nichts. Wir gehen ums Haus, irgendjemand muss ja geläutet haben, unsere hintere Eingangstür steht offen, der Schlüssel steckt noch. Ich muss gestern wohl vergessen haben, ihn abzuziehen. Mein »Lieblingsbeamter« kommt mir aus dem Flur entgegen. Diesen Polizisten haben wir in der Vergangenheit als wenig hilfreich erlebt. Er ist sehr eingenommen von sich, ein überheblicher, arroganter Typ. Als »Freund und Helfer« empfinde ich ihn nicht, er agiert eher wie ein Dorfrichter. An ihm führt aber kein Weg vorbei, wenn man die Unterstützung der Polizei braucht. Die Chance des vergessenen Schlüssels hat er sich natürlich nicht entgehen lassen, um ins Haus zu gelangen. Als wir ihn vorwurfsvoll ansehen, rechtfertigt er sich mit den Worten »Mir hat ja niemand aufgemacht«. Sein Gesichtsausdruck macht aber deutlich, dass er sich ertappt fühlt. Die Bemerkung ist auch reichlich blöd, denn mehr als rennen können wir auch nicht. Und man sollte vielleicht doch länger als zwanzig Sekunden warten, bevor man einen Schlüssel als Einladung betrachtet. Aber ich kenne unseren »Freund« nicht anders. Er müsse sich noch mal versichern, dass die Fahrradgröße stimme, sagt er.
Das verstehe ich nicht so ganz, das Thema hatten wir gestern doch abschließend geklärt. Aber bitte schön, wir gehen mit ihm wieder in die Scheune. Wieder nehmen wir das Rad meiner Tochter, erläutern ihm die nächstkleinere Nummer. Er ist zufrieden. Wir wollen nun ins Haus, können aber nicht, weil die Presse mit laufender Kamera vor dem Scheunenzaun steht. Es regt mich auf, woher wissen die, wo wir wohnen, wie soll ich sie verscheuchen, ohne gefilmt zu werden? Aber unser Polizist ist ja da, der wird das jetzt sicherlich regeln. Doch der regelt gar nichts. Er läuft schön langsam zu seinem Auto, zieht sich gemütlich andere Schuhe an, steigt in den Wagen ein und fährt weg. Ich kann es nicht fassen. Wieso schickt er die Leute nicht weg? Anscheinend kann er es wohl nicht, sie stehen nicht auf meinem Grundstück, vom Hausrecht kann er also keinen Gebrauch machen. Es scheint, als müssten wir da durch. Wir sind jetzt also Freiwild für die Presse. Es nützt nichts, wir müssen ins Haus zurück und werden dabei gefilmt. Ich finde es doch sehr befremdlich: Felix ist verschwunden, und die haben nichts Besseres zu tun, als daraus Auflage oder Quote zu schinden. Zu meinen und Felix’ Lasten, versteht sich. Mein erster Kontakt mit der seltsamen Welt der Medien, ich nehme sie als Perversion der Wirklichkeit wahr.
Aus der Küche heraus beobachten wir, wie sich langsam, aber sicher die Zahl der Fahrzeuge vor dem Hof erhöht, nun sind es zwei Kamerateams und drei Fotografen.
Mein Vater kämpft sich durch die Presseleute, er will das Bett aufbauen. Ob das unser Felix ist, dessen Suchmeldungen inzwischen durch das Radio laufen, will er wissen. Ich nicke traurig.
Die ersten Reporter wagen sich ans Haus, klingeln und bitten um Interviews. Ich will keine Interviews geben, ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst um meinen Sohn, was wollen die alle von mir? Immer wieder wird geläutet, erst versucht es der eine, dann trauen sich die anderen. Ich bleibe freundlich und schicke sie wieder weg.
Woher die Journalisten unsere Adresse haben, ist mir schleierhaft. Selbst die Post hat Probleme, Briefe und Päckchen richtig zuzustellen. Aber die da draußen wissen nicht einmal unseren Nachnamen und haben uns gefunden.
Gegen neun bin ich die Klingelei leid, offensichtlich gehört es wohl dazu, dass man zu seinem Kummer auch noch diese Schmeißfliegen loswerden muss. Jedes Läuten zerrt an den Nerven. Ich muss ja aufmachen, es könnte auch Felix sein, der nun so langsam auf dem Weg sein müsste von seinem Jagdhäuschen nach Hause.
Ich hab die Faxen so dicke, dass ich beschließe, die Leute nach und nach abzufertigen, damit ich sie endlich los bin. Es klingelt wieder. Ein Unsympath steht vor der Tür, neugierig späht er in den Flur. Die Bild-Zeitung, das war ja klar. Damit ich endlich meine Ruhe habe, werde ich auch ihn hereinlassen, aber alle schön der Reihe nach. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass sie nie das Interesse verlieren, nie satt sind. Dass es nie Frieden geben wird, egal was ich tue. Aber heute, jetzt und hier, habe ich die Hoffnung, sie nur einmal bedienen zu müssen, um dann Ruhe zu haben.
Ob er Felix’ Zimmer mal sehen kann? Es muss wohl sein. Ich zeige ihm das Zimmer meines Sohnes. Von Fotografieren ist allerdings nicht die Rede gewesen, aber der Typ fängt wie wild an zu knipsen.
»Ach, ein Aquarium. Sind das Felix’ Fische?« Knips.
»Ach, ein Buch. Hat er das zuletzt gelesen?« Knips.
Alles grabbelt er an, dreht die Bücher um.
»Ach, ein Hase. Ist das Felix’ Kuscheltier?« Er drückt mir den Hasen in die Hand. Knips.
Nein, das ist kein Kuscheltier, sage ich, so etwas hat Felix nicht. Das scheint den Journalisten aber nicht wirklich zu interessieren.
Mir reicht es, ich schicke ihn sehr nachdrücklich raus, denke aber nicht daran, mir den Film geben zu lassen. Warum auch? Hat er gefragt, ob er das veröffentlichen darf? Nein, hat er nicht. Immer wieder hatte ich ihm gesagt, er soll das lassen. Er hört nicht auf und fliegt nun raus.
Puh, Nummer eins bin ich los.
Ding-dong, der Nächste. Der Reporter ist sehr höflich und freundlich. Während wir reden, taucht wieder einer auf. Na, prima … Aber nein, er stellt sich vor: »Peters, Polizei Lüneburg, Verhandlungsgruppe.« Sehr deutlich, mit entsprechender Stimme, scheucht Herr Peters erst einmal alles an Presse weg. Allein dafür bin ich dem Mann unendlich dankbar. In der Küche erklärt er uns, dass gleich noch mehr Kollegen erscheinen, dass er dafür sorgen wird, dass die Presse uns nicht länger belästigt.
Inzwischen ist es zehn, Felix müsste jetzt jeden Moment aufkreuzen. Ich schaue aus dem Fenster, den Radweg entlang. Wieder und wieder denke ich mir, dass er doch gleich auftauchen muss. Aber es kommt kein kleiner blonder Junge, keiner, sein Rad bleibt auch verschwunden.
Herr Peters erklärt uns inzwischen seine Aufgaben, sagt, dass er und die weiteren Kollegen die sogenannte Verhandlungsgruppe bilden würden, sie setze sich aus Polizeibeamten der unterschiedlichsten Tätigkeitsbereiche zusammen. Sie hätten eine zusätzliche psychologische Ausbildung und sollen das Bindeglied zwischen den ermittelnden Beamten und uns sein. Dies soll einfach verhindern, dass unter Umständen ständig verschiedene Beamte bei uns erscheinen, um uns alle dasselbe zu fragen.
Irgendwie finde ich diesen ganzen Aufwand übertrieben. Hier ist eine Maschinerie angelaufen, die mich überrascht und auch erschreckt, denn ich bin mir ganz sicher, dass sie nur alle Jagdstände durchsehen müssten und dass da irgendwo Felix hockt. Eine andere logische Erklärung gibt es für sein Verschwinden nicht.
Inzwischen sind zweihundert Polizisten mit der Fahndung beschäftigt. Zweihundert Menschen suchen meinen Kleinen, sie werden ihn finden. Sogar ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera ist unterwegs. Ich verstehe nicht, warum er immer noch nicht da ist. So weit würde er nicht in den Wald gehen, sie hätten ihn in einem der Straße nahe gelegenen Hochstand finden müssen. Er geht nicht so tief in den Wald.
Die angekündigten Kollegen treffen ein, sie stellen sich vor, Herr Roth und Frau Tietjen, eine zierliche Frau, vielleicht so alt wie ich. Herr Roth mag so um die fünfzig sein. Unser Küchentisch wird mit Handys zugepflastert, jeder der Beamten hat mindestens zwei, dazu kommen unsere Festnetzanschlüsse und unser Mobiltelefon. Wenn es klingelt, suchen wir das richtige Gerät, allerdings ist bei uns das Handynetz so schwach, dass Gespräche meist nur über das Festnetz möglich sind.
Immer mehr Beamte bevölkern das Haus.
Plötzlich behauptet einer, das Rad von Felix stehe doch in der Scheune. Wir stürzen hinaus. Sollte er inzwischen da sein und traut sich nicht, ins Haus zu kommen, weil er sich so sehr verspätet hat? Das kann ich nicht glauben, um acht Uhr stand sein Fahrrad nicht in der Scheune.
»Da ist doch das Rad, blau-gelb«, sagt der Beamte. Hat der Mann Tomaten auf den Augen? Das Rad, auf das er zeigt, gehört meiner Tochter. Es ist zum einen zu groß, und zum anderen ist es orange. Ich erkläre ihm, dass dieses Fahrrad Felix’ Schwester gehört. Er streitet das rigoros ab, das Rad sei blau-gelb, das gehöre Felix. Ich werde ein wenig ärgerlich. Wenn jemand weiß, wem welches Rad gehört, dann ja wohl ich. Er gibt keine Ruhe. Da stünden ja so viele Räder herum, eines davon sei sicher das von Felix. Ich fasse es nicht. Ein Rad gehört mir, eines Matthias, eines meiner Tochter, eines ist für Spielkameraden, und eines wird gerade zerlegt. Aber das von Felix fehlt nun mal, so schön es wäre, aber das Rad ist nicht da. Mein Puls pegelt sich wieder ein. Er scheint es begriffen zu haben.
Beamte mit Hunden sehe ich auf dem Hof. Sie sollen Witterung aufnehmen, ob das in Ordnung gehe. Was für eine Frage.
Logisch geht das mehr als in Ordnung. Wir lassen die Hundeführer ihre Arbeit machen und bleiben in der Küche. Ich verstehe nur nicht, warum die auf den Dachboden wollen. Auf dem werden die Hunde bestimmt keine Witterung aufnehmen können. Ich frage nach. Einer der Beamten umschreibt es noch nett, aber es stimmt schon, es gibt Eltern, die man weinend im Fernsehen sieht, obwohl sie ihr eigenes Kind in die Tiefkühltruhe gepackt haben. Woran ich natürlich nicht gedacht habe. Und dann scheint es durchaus schon vorgekommen zu sein, dass sich Kinder manchmal derartig gut verkriechen, dass sie aus dem Versteck nicht mehr rausfinden. Der Beamte erzählt mir, dass sie einmal ein Kind nach Wochen verdurstet im hintersten Winkel im Elternhaus gefunden haben. »Das passiert einem nie wieder«, sagt er mir.
Das Telefon klingelt, es ist Maditas Mutter. Sie ist mit Geld nicht zu bezahlen. Sie gibt mir eine lange Liste mit Namen, Telefonnummern, Daten, wer im Dorf was gesehen hat, welches Auto wo gesehen wurde. Teilweise haben sich die Menschen die Kennzeichen gemerkt, manche sogar Baujahr und Typ.
Das ganze Dorf ist an der Suche beteiligt, hilft mit Informationen, ich bin beeindruckt. In dieser Gegend, wo jeder jeden kennt, fallen fremde Fahrzeuge auf. Die Menschen merken es sich.
Maditas Mutter meldet unter anderem ein fremdes Fahrzeug mit belgischem Kennzeichen, am Samstag stand es verlassen im Wald, die Nordic-Walking-Gruppe unseres Dorfes war ab 16.45 Uhr auf dem »Hindenburgplatz« und hatte es gesehen. Maditas Mutter sagt mir auch, welche Personen zu dieser Gruppe gehören. Der Jäger saß auf dem Hochsitz Stichweg/Stremelsheide, Frau Paul, die mit ihren Kindern spazieren war, hätte das und das gesehen und, und, und. Ich gebe die Informationen und das Telefon gleich an Herrn Roth weiter.
Es dauert nicht lange, da tauchen die nächsten Beamten auf.
Einer unterhält sich mit Matthias, eine Frau mit mir. Erst später wird mir klar, dass das eigentlich eine Vernehmung war. Zwei Stunden lang Fragen. Was haben Sie gestern gemacht? Wer war wo? Was ist Felix für ein Kind? Könnte er weggelaufen sein? Wie zuverlässig ist Ihr Sohn? Wie ist das Verhältnis der Geschwister zueinander? Wie das zu den Großeltern? Wie steht Felix zu Matthias und er zu ihm? Wo haben Sie Matthias kennengelernt? Und wieder die Fragen nach der Bekleidung und dem Rad. Von welchem Hersteller ist das Fahrrad, weist es spezielle Eigenheiten auf?
Ich zermartere mir das Hirn. Mein Gott, wie oft sieht man sein Kind mit dem Rad fahren, und jetzt, wo es drauf ankommt, kann ich mich nicht einmal an den Hersteller erinnern. Besonderheiten hat das Rad, das weiß ich sofort, ich habe meinem Sohn selbst den Fahrradtacho gekauft. Weiter und weiter geht es, immer mehr Fragen prasseln auf mich ein.
»Welche Größe? Welche Qualität? Wo wurden die Sachen gekauft? Welche Socken? Was für Schuhe? Wo und wann wurden die Sachen erworben? Wir brauchen Vergleichskleidung.
Ich kann mich nicht an den Pulli erinnern. Ich weiß nur noch: Er ist blau. Herrje, er hat mir gestern am Mittagstisch gegenübergesessen, und außer blau fällt mir nichts mehr ein.
Sie brauchen ein Foto!
Ich krame die Kiste mit den Bildern durch. Eine Aufnahme, möglichst frontal, auch das noch. Wieso hab ich bloß so wenig Fotos von meinem Junior? Wir müssen erst mal das aus seinem Pass nehmen. Die Qualität ist in Ordnung.
Die Hose, die er trug? Wir hatten davon zwei, eine war zu klein, wo um Himmels willen habe ich diese noch hingegeben? Ich rufe eine Freundin an, die die Kleider oft von uns erbt. Sie wird alles durchsuchen und wieder anrufen. Warum sie nach der Hose suchen soll, fragt sie noch zum Schluss. Sie wohnt in Sachsen, woher soll sie es wissen. »Unser Felix ist weg«, sage ich ihr. »Er ist vom Spielen nicht nach Hause gekommen, gestern. Die Polizei ist hier, wir brauchen ein Bild von der Bekleidung, und Felix hatte diese Hose gestern an.« Sie sagt noch, sie wolle sich beeilen.
Immer wieder ist die Suchmeldung im Radio zu hören. »Seit gestern 18 Uhr wird der achtjährige Felix aus Neu-Ebersdorf vermisst.« Mir stehen die Tränen in den Augen, ich schalte das Radio aus.
Wir hätten doch irgendwo das Fahrrad finden müssen, denke ich. Wo das Rad ist, ist auch Felix. Wieso ist er immer noch nicht da? Offensichtlich kann er nicht.
Vielleicht ist er gefallen und hat sich verletzt, hat sich irgendwo verheddert, ist in etwas reingestürzt. Aber dann müsste doch das Fahrrad irgendwo sichtbar herumstehen. Und in diesem Fall hätte man das doch schon gefunden.
Die Beamten brauchen eine Aufnahme von dem Rad. Wieder krame ich in der Fotokiste. Es ist zum Verzweifeln, ich habe kein Bild mit Felix auf dem Rad.
Ich suche die Versicherungsunterlagen durch, da müsste die Quittung liegen. Aber ich finde sie nicht. Wenigstens ist mir inzwischen der Hersteller eingefallen, Matthias recherchiert im Internet. Aber von diesem Modell gibt es keine Abbildung. Der Hersteller, so erfahren wir, legt das Rad jedes Jahr mit einer anderen Lackierung neu auf, das ist insofern gut, weil es uns beim Suchen hilft. Es ist kein Massenprodukt. Und ich weiß, wo es gekauft wurde. Wir werden am Montag sofort versuchen, ein Duplikat zu besorgen.
Und immer noch sitzt tief in mir das Gefühl, dass das, was gerade passiert, eigentlich gar nicht passieren kann, denn Felix ist pfiffig und wird hier irgendwo sein. Sie brauchen nur das Rad zu finden, irgendwo hier in meiner Nähe ist er.
Mein geschiedener Mann kommt mit seiner Freundin vorbei, er hat beim Suchen geholfen. Wieder Fragen. Kennt Felix die Strecke gut, die er gefahren ist? Wie oft hat er sie schon benutzt? Hat er vielleicht durch den Wald eine Abkürzung genommen? Ich habe die Fragen schon oft gehört, endlos habe ich sie beantwortet, und ich beantworte sie ihm wieder. Ich bitte ihn, unsere Tochter für eine Woche mitzunehmen, raus aus dem Trubel, weg von der Presse. Wie die Aasgeier hocken die Reporter hinter jedem Busch.
Magdalena nimmt ihre Schulsachen mit, ich erkläre der Freundin meines Exmannes, wie wir bislang gelernt und geübt haben. Sie hört aufmerksam zu, vermittelt mir den Eindruck, dass ich ihr meine Kleine beruhigt mitgeben kann.
Herr Roth und Frau Tietjen bleiben an diesem Tag sehr lange. Ich stehe in der Küche, sehe aus dem Fenster, auf den Radweg. Unbewusst halte ich Ausschau, warte, hoffe, dass mein Kleiner gleich um die Ecke saust. Autos fahren vorbei, hier bei mir steht die Zeit still, sie dehnt sich in die Ewigkeit. Die Dämmerung bricht herein, die Sonne, sie geht auf und sie geht unter, nur hier in diesem Haus tut sie das nicht mehr.
Die Zeit … sie steht.
Dämmerung heißt Abbruch der Suche, ohne dass Felix wieder da ist. Ich hoffe wieder auf eine Nacht ohne Frost. Es ist beklemmend, Felix wird Angst haben, kann verletzt sein, Schmerzen haben, hungrig sein, frieren. Ich friere mit ihm. Und ich kann nichts anderes tun als hoffen, dass es keinen Frost gibt und dass es nicht regnet. Wenn wir ihn nicht bald finden, wird er im Wald erfrieren, die Tage werden rasend schnell kürzer.
Ich sehe im fahlen Licht aus dem Fenster auf den Radweg. Die gesprochenen Worte um mich herum ziehen an mir vorbei. Ich antworte unbewusst.
Ich kann nicht essen, nicht schlafen. Immer wieder schrecke ich im Schlaf hoch, geweckt von Träumen. Es ist Felix, der mich ruft, ich sehe ihn und kann nicht zu ihm. Er weint. »Hol mich doch«, ruft er, sieht mich an, streckt die Arme aus. Tränen kullern über das kleine Gesicht.

Zweiter Tag der Suche, 1. November 2004, Montag

Wieder habe ich wenig geschlafen. Noch immer ist Felix nicht zu Hause. Mein erster Blick gilt dem Wetter. Es ist trocken geblieben, und es hat nicht gefroren, Felix kann auch diese Nacht überlebt haben. Ich füttere seine Fische und quäle mich zur Arbeit, Herr Roth und Frau Tietjen kommen erst gegen Mittag. Meine Handynummer haben sie, sobald es etwas gibt, rufen sie sofort an. Heute muss er auftauchen. Heute finden sie ihn. Heute bringen sie ihn mir wieder.
Auch meine Patienten hören Radio. Einige kennen meinen Sohn, manchmal habe ich ihn zur Arbeit mitgenommen. »Ist das Ihr Sohn, der gesucht wird?« Ich nicke, beschwichtige sie, beruhige sie, erzähle ihnen, dass Felix ein ganz pfiffiger Junge ist, dass er sich bestimmt irgendwo verfangen hat und dass er ganz bestimmt heute nach Hause kommt – und dass es ganz furchtbar ist. Dann versuche ich zu arbeiten. Ich versuche mich zu konzentrieren. Heute stehen nur Hausbesuche auf meinem Zettel, während des Fahrens suchen meine Augen unwillkürlich nach Felix’ Rad.
Mittags sind Herr Roth und Frau Tietjen wieder da. Mein Dienstplan ist auch für den Nachmittag voll, ich rufe meine Kollegin an und bitte sie, meine Termine zu übernehmen. Erzähle ihr von Felix’ Verschwinden. Sie ist sofort bereit und übernimmt meine Praxispatienten. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, jetzt zu Hause zu sein.
Wieder geht es um die Hose, um Vergleichskleidung. Meine Freundin hat sie nicht finden können. Öfter habe ich Wäsche in den Kindergarten gegeben, da Felix dort auch immer wieder mal neu eingekleidet wurde. Jede Pfütze war seine. Ich rufe im Kindergarten an, bitte, den Fundus durchzusehen und sofort anzurufen.
Die Schulleitung meldet sich bei mir. In dem Moment, wo ich die Direktorin höre, schießt es mir durch den Kopf: Ich habe vergessen, Felix für heute zu entschuldigen. Ich hole dies schnell nach, stammle eine Entschuldigung, dass ich es versäumt habe. Irgendwie verrückt, denn das ganze Dorf weiß ja, dass wir Felix suchen, natürlich auch die Schule. Die Direktorin, seine Klassenlehrerin und einige Eltern wollen mich besuchen kommen, ob es recht ist. Ich bin irritiert, warum wollen sie mich besuchen? Wir besuchen uns ja sonst auch nie.
Wieso sind die alle so aufgeregt? Felix kommt heute wieder nach Hause, sicher wird er eine dicke Erkältung haben, aber er wird auftauchen.
Die Polizei hat ein Flugblatt erstellt, ob ich es sehen möchte. Nein, ich will es nicht sehen. Ich halte das für überflüssig, weil der Kleine heute wiederkommt. Die Beamten lassen es auf dem Tisch liegen.
Es tut mir ja leid, dass alle so in Aktion sind, denn das Ganze wird sich heute noch aufklären.
Ich verfolge die Presse nicht, ich kann mir sowieso vorstellen, was die für eine Horrorgeschichte zusammengebastelt haben.
Reporter haben die Schule belagert, rein vorsorglich wird der Unterricht eine Stunde früher beendet, unsere Schulbusfahrer bringen die Kinder bis direkt vor die Haustür. Das sind Dinge, die ich nebenbei höre und registriere.
Die Kripo war in dem Geschäft, in dem Felix’ Fahrrad gekauft wurde. Auch die Ladeninhaberin ist mit Geld nicht zu bezahlen, denn sie durchsucht ihre gesamte Buchführung aus dem entsprechenden Jahr, um herauszufinden, wer das gleiche Fahrrad gekauft hat. Ich weiß, wie viel Arbeit es bedeutet, die Buchführung von zwölf Monaten zu durchforsten. Und es ist wichtig, Fehler sind nicht erlaubt, es geht um das Leben eines Kindes. Das ist nicht nur mir bewusst. Sie wird tatsächlich fündig. Da immer Bescheinigungen für die Versicherungen ausgestellt werden, konnte sie die Anschrift eines Käufers ermitteln, die Familie ist glücklicherweise nicht umgezogen und bereit, das Fahrrad zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen Fotos.
Die Kripo bringt das Rad erst zu uns, ob es auch wirklich das richtige ist. Mir schnürt es den Hals zu, als ich es sehe. Ein Duplikat von Felix’ Fahrrad. Aber Felix fehlt. Sie bringen es zur Einsatzleitstelle, direkt neben dem Pressezentrum im Nachbarort.
Einige Zeit später ruft mein Vater aufgeregt an. »Ihr habt das Fahrrad gefunden, habt ihr Felix?« Wieso Fahrrad gefunden? Ich weiß gar nicht, was er von mir will. Durch die Presse geistert, das Fahrrad sei gefunden. Ich sehe Herrn Roth irritiert an, der blickt aber genauso verwirrt wie ich und weiß auch von nichts. Die Journalisten konnten mal wieder die Pressekonferenz nicht abwarten und haben das Ausladen des Duplikats als Fund gewertet und dies voreilig gemeldet.
Ein Duplikat von Felix’ Schuhen wird noch benötigt. Wozu von den Stiefeln? Die Menschen werden doch eher das Fahrrad, die auffällige Hose oder Felix an sich erkennen, aber doch nicht die Schuhe. Herr Roth klärt mich auf, es gehe dabei um den Sohlenabdruck. Das leuchtet ein. Er sagt weiterhin, es wurden Spuren gesichert, alle möglichen am Wegesrand, man versuche festzustellen, wo Felix verschwunden sei und wann. Da hilft ein Schuhabdruck natürlich weiter. Hier kommt mir ein peinlicher Vorfall beim Kauf zu Hilfe. Felix hat die Stiefel erst vor den Herbstferien bekommen, das ist also noch nicht so lange her. Er wollte sich zu Hause gleich in die neuen Schuhe stürzen, sagte aber bald zu mir, sie seien komisch. Bei näherer Betrachtung stellten wir fest, dass uns die Verkäuferin zwei linke Stiefel verkauft hatte. Einen Tag später habe ich den passenden rechten geholt. So etwas passiert in Schuhgeschäften nicht so häufig, die Angestellte konnte sich dadurch auch sehr gut erinnern und ein Duplikat aus dem Regal für die Kripo sichern. Morgen werden sie abgeholt
Nach wie vor haben wir Schwierigkeiten, genau festzustellen, wann und wo Felix verschwand. Es gibt Differenzen in den Uhrzeiten. Felix’ Freund Charly schwört Stein und Bein, er habe ihn noch um 17.30 Uhr an der Schule gesehen. Er sei auf dem Heimweg gewesen und wollte gerade auf die Hauptstraße abbiegen.
Ich verstehe das überhaupt nicht, denn dann hätte ich Felix sehen müssen. Ich war ja gegen halb sechs an der Schule. Ich ärgere mich, weil ich nicht exakt sagen kann, wann ich das erste Mal losgefahren bin. War es nun 17.20 Uhr oder 17.25 Uhr oder 17.30 Uhr, vielleicht auch 17.15 Uhr?
Auch Frau Paul, der ich beim Suchen mehrfach begegnete, passt nicht in das Zeitbild. Sie war am Samstag spazieren mit ihren Kindern, sie ging den gleichen Weg, den Felix fuhr, er hätte ihr begegnen müssen. Sie war seit 15 Uhr unterwegs, um 17.30 Uhr traf ich sie im Dorf, sie hat Felix nicht gesehen.
Wir können bislang nur sagen, zwischen 16.15 Uhr und 17.30 Uhr verschwand Felix mit seinem Fahrrad spurlos.
Verschluckt, weg, einfach so.