Dolf Hermannstädter

GOT ME?

Hardcore-Punk als Lebensentwurf

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Trust-Kolumnen 1986 – 2007

FUEGO

Trust #5 – März 1987

Neulich ist mir mal wieder was durch den Kopf geschossen, wie immer eine sehr komplexe Idee, mal sehen was draus wird. Das ganze dreht sich um das Wörtchen TOLERANZ bzw. INTOLERANZ. Wo ist da die Frage nach was wohl richtiger ist, werden sich wahrscheinlich einige Fragen, ist ja klar, Toleranz ist das was wir brauchen. Intolerant sind nur die Spießer und ähnliches Gesocks. Wollen doch mal sehen was das Wörterbuch zu dem Wort sagt, shit, ich hab ja gar kein Wörterbuch – also werde ich es mal aus meiner Erinnerung versuchen. Toleranz bedeutet, dass man andere Ideen/Lebewesen/Lebensformen, eben alles, was von der eigenen Einstellung abweicht, duldet (so seh ich es wenigstens). Dulden heißt aber noch lange nicht, dass man das Anderssein auch für gut befindet, man duldet es eben nur. Auch wenn man machmal lieber etwas dagegen machen oder sagen würde; da man ja aber nicht intolerant sein will, hält man eben den Mund und ist tolerant. Also ist es ja gar nicht tolerant, wenn sich innerlich alles dagegen strebt und man nur äußerlich tolerant ist, oder? Nun, man ist eben zur Außenwelt tolerant, hat eben doch noch seine kleine Intoleranz in sich. Sicherlich gibts auch die Toleranz, die nicht nur äußerlich, sondern innerlich ist. Das heißt also, man ist völlig tolerant und schert sich einen Dreck drum ob jemand seine Pomm Fritz mit der Gabel oder mit den Fingern ist. Das also erstmal zur Toleranz, jetzt weiter zur Intoleranz. Intolerant bedeutet, dass man andere Ideen/Lebewesen/Lebensformen, eben Dinge, die von der eigenen Einstellung abweichen, nicht duldet. Nicht dulden heißt in dem Fall also, es wird etwas dagegen unternommen, verbal oder sonstwie. Das heißt also, diese Leute sind zu ihrer Außenwelt intolerant und sind auch innerlich intolerant (natürlich gibts auch einige Fälle wo es vorkommt, dass man gewisse Dinge innerlich toleriert und sich der Umwelt gegenüber intolerant äußert, da eine Furcht besteht seine wahre Toleranz zu zeigen, das soll aber diesmal nicht mein Thema sein), weil sie sich eben um verschiedene Dinge kümmern. Nun sind wir an dem wichtigen Punkt angelangt. Wenn intolerante Leute sagen, was ihnen nicht passt oder sich drum kümmern, etwas zu ändern, während die toleranten alles dulden, weil es ihnen gleichgültig ist – dann stellt sich doch wohl die Frage, was besser ist. Ich weiß, so pauschal kann man das nicht sagen, da es ja ein großer Unterschied ist ob jemand duldet, wie eine andere Person isst, oder ob geduldet wird, wenn jemand unterdrückt wird. Ebenso besteht wohl zweifelsohne ein gewaltiger Unterschied, ob jemand gegen eine andere Person etwas unternimmt, weil ihm dessen Haarfarbe nicht passt oder weil er Frauen vergewaltigt. Für mich besteht da auf jedenfall einer. Was will ich jetzt mit diesen Überlegungen sagen, nicht das Toleranz in Zukunft automatisch mit Gleichgültigkeit gleichzusetzen ist (obwohl es irgendwo doch richtig ist) oder Intoleranz automatisch bedeutet, dass man sich um Dinge kümmert. Für mich haben nach all diesen Überlegungen die beiden Wörter Toleranz und Intoleranz einen ganz anderen Wert und ich werde in Zukunft sorgsamer damit umgehen. In diesem Fall bin ich nämlich intolerant und es ist mir nicht gleichgültig wie ich diese Wörter verwende, ich bin also intolerant, toleriere aber, wenn du dir keine Gedanken über das Geschriebene hier machst, das zeigt nämlich nur wie tolerant du bist, soll ich jetzt etwa sagen: Sei intolerant???

Jetzt noch was anderes, wie die meisten von euch ja mitbekommen haben war ich für zweieinhalb Monate in den USA. Ich wollt eigentlich wieder ein TRIPZINE machen, was mir allerding etwas schwerfallen dürfte, da ich fast die ganze Zeit in San Francisco war, also nicht besonders viel rumgetrippt bin. Das heißt also, das ganze dürfte mehr so tagebuchmässig ausfallen. Da ich ja niemanden langweilen will, frag ich also jetzt einfach ob Leute da sind, die über meinen Aufenthalt dort drüben (bzw. hier) lesen wollen was ich gemacht und erlebt hab, was für Leute und Konzerte ich gesehen hab usw. Ich kann für nichts garantieren, weiß aber, dass bei Interesse das ganze Ding von der Aufmachung her so ausfallen wird, wie das letzte Tripzine, wird allerding so ca. zwanzig A4-Seiten haben. Also bei Interesse bitte eine kurze Postkarte schreiben, wenn genügend Leute Bock drauf haben werd ich das Ding fertigstellen und drucken und dann zu einem billigen Preis unter die Leute bringen. Ich würds ganz gern machen.

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Trust #78 – Oktober 1999

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Trust #79 – Dezember 1999

Hat sich jemand gewundert, weshalb ich die letzen beiden Hefte keine Kolumne geschrieben habe? Nein? Ich mich auch nicht. Es war eine Mischung aus keiner Zeit und keiner Lust oder anders gesagt, machen Kolumnen eben nicht mehr Teile meines Lebens aus, sondern bestimmt heute halt das Leben einen Großteil von den Kolumen – wenn ihr wisst was ich meine. Nicht, dass es nichts zu sagen gäbe, es passiert ja ständig was, nach wie vor, immer schneller, immer häufiger & immer doller. Wenn ich da allein an den TRUST-Abend im August in Köln denke, was ‘ne Feier, den anderen tausend Leuten hat es wohl auch ganz gut gefallen & die Party, die wir immer geschickt in das Konzertgeschehen miteinflochten, war auch mal wieder unvergesslich. Keinerlei Flechtarbeit war dann bei Bettinas Party hier in Bremen im Oktober notwendig, Party pur, ohne drumherum. Viele Leute waren gekommen, da sind dann die paar TRUST-SchreiberInnen auch nicht weiter aufgefallen, hatten aber trotzdem Spaß – also ich hatte meinen, ohne Ende sozusagen. Ganz klar die beiden Highlights – bisher – dieses Jahr, wir erwarten aber noch ein drittes, nämlich Daniels Party in Frankfurt, diesen Monat, da gilt es zwar dann wieder die Party ins Konzert zu flechten, aber mit all der Übung die da ist, sollte das dann nicht weiter auffallen. Somit kann die vierte Party, die alle anderen dick feiern – Ende des Jahres – kommen. Ganz Deutschland feiert – wir feiern mit!

Ja, stimmt schon, AT THE DRIVE-IN waren wirklich super, aber das hab ihr ja schon von allen anderen gehört – waren sie auch, mit Abstand, unabhängig davon fand ich aber auch RUSTY JAMES, THE BOOM, KURT, CHUNG, HOT WATER MUSIK und AINA so gut, dass ich sie hier erwähnen will, das sind nicht alle guten Bands die ich die letzten Monate sah, aber Top-Dingsda sollen andere machen.

Genug gefeiert, es gibt ja auch noch ernste Themen, Leute sterben – wobei es meist viel schlimmer ist, wenn vereinzelte sterben die einem nahestehen, als wenn nicht nahestehende in Massen sterben – klingt komisch, ich weiß, ist aber so. Kommen wir zu den ›wirklichen‹ Problemen des Alltags. Stell dir vor, du bist in einem fernen Land – oder zumindest nicht zuhause – du greifst zum Telefon & rufst an, deinen Anrufbeantworter zuhause, weil du die eine oder andere Nachricht erwartest, eine Mischung aus meist relativ unwichtigen bis garnichtigen Kurznachrichten landen in deinem Gehörgang … da auf einmal – wusch, geballt knallt es aus dem Hörer – Musik! Nicht dass du diese hören wollen würdest, geschweige denn dass du die bestellt hast, nein, die ist auf deinem AB, minutenlang, blockiert all die anderen schönen Nachrichten, du hast keine Ahnung wie lang der Dreck, den du dir da anhören musst, ist. Zeit vergeht, Geld wird ausgegeben & du wirst richtig sauer. Außerstande irgendwas zu tun, nur weil dein AB keine Überspring-Funktion hat & du den Löschcode umprogrammiert hast oder sonstwas. Während du der Scheiße zuhörst & auf ein Ende wartest denkst du dir: »Hätte es nicht gereicht kurz eine Nachricht auf Band zu sprechen (was natürlich Quatsch ist, heute wird ja meist auf Chip gesprochen), mit dem Hinweis, dass falls Zeit, Lust & Geld vorhanden, die Möglichkeit besteht da & dort anzurufen um sich den Song anzuhören. Du stellst fest das sich dein AB in ein Endlosband (bzw. Chip) verwandelt hat & gibst entnervt auf. In Gedanken bist du schon dabei, dem Absender der Nachricht deine Telefonkosten + Zeit in Rechnung zu stellen. Was du aber eh nicht machen wirst (kannst). Sowas ist dir noch nie passiert?

Wundere dich nicht, mir auch nicht.

Was bei mir aber in letzter Zeit viel zu häufig vorkommt, ist dass irgendwelche Schwachmaten unangeforderte Dateien über das Internet verschicken und dann auch auf meine Festplatte. Da sitzt du dann – wenn du Glück hast nicht im Ausland – und irgendwelcher Datenmüll nistet sich schön langsam auf deiner Festplatte ein, doc-dateien, tif’s, mp3’s, sea’s, gif’s (alles natürlich ungezippt …) & wie die ganze Scheiße heißt. Nicht nur, dass es zeitaufwendig ist den Datenschrott runterzuladen & dann auch gleich wieder von der Festplatte zu löschen, nein – es geht um die Unverfrorenheit, die dahintersteckt. Ich weiß, wenn man die Software hat, die grad seit gestern auf’m Markt ist, wegen mir auch umsonst aus dem Netz geladen werden kann, dann ist das doch alles kein Problem – wenn man aber einfach keine Lust/Zeit (oder auch Geld) hat sich immer mit den letzten Updates zu beschäftigen – dann nervt das ohne Ende. Kannst du dir nicht vorstellen? Willkommen im Internet! Wo war ich, Unverfrorenheit, es gibt da ein ›Modewort‹: Netiquette wird das, glaube ich, geschrieben. Haste noch nie gehört? Präg es dir ein, sei kein Arschloch, schick keine unangeforderten Dateien an irgendjemand – kaum jemand will deinen Scheiß lesen, sehen oder hören. Und wenn ich schon dabei bin, wenn du unnötige Massenmailings (bulkmails) verschickst, dann doch bitte mit kurzem – auf den Punkt gebrachten – Inhalt/Text & verdammtnochmal benütze die bcc Funktion & nicht die cc Funktion. Die meisten Menschen sind scheiße, das wird durch die virtuelle Welt mal wieder klar wie Pisse nach dem siebten Bier.

Grade eben kommt der neue Rekordhalter rein, so sieht das dann aus:

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Paepste.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Programm.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Sophiain.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Tiedtick.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Grandmal.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Havannac.doc

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\InfoSoph.qxd

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\InfoTied.qxd

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\DiePaeps.jpg

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\GrandMal.jpg

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Karma.jpg

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Kulturni.jpg

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\Sophia.jpg

>Attachment Converted: C:\EUDORAL\tiedtick.jpg

Jetzt hat mir der Quatsch doch glatt einen meiner beliebten (also von mir beliebt, alle anderen lachen darüber) Übergänge verdorben. Hmmm, stell dir vor der letzte Satz den du gelesen hast wäre gewesen » … klar wie Pisse nach dem siebten Bier.«

Nicht so klar dürfte den meisten sein, dass man Briefmarken, die nicht entwertet – aber bereits aufgeklebt – sind, nicht einfach wiederbenutzen darf … – man freut sich ja immer wenn man eine Sendung bekommt, und die Marke ungestempelt ist – die wenigsten werden wohl zum Postamt gehen & sich einen ›Nachträglich entwertet‹ Stempel draufhauen lassen. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Geschäftskundenservice der Deutschen Post (die Dame wusste das auch nicht …) ist es nun klar. Das darf man tatsächlich nicht – aber was macht man nun, wenn eine Briefmarke versehentlich irgendwo plaziert wurde wo sie eigentlich garnicht hinsollte? Ganz einfach, man geht aufs Postamt & tauscht die Marke ein. Warum ich euch das erzähle? Na weil, wenn du ‘ne Marke wieder aufklebst, muss der Empfänger Nachgebühr bezahlen, wenn das auffällt – ich dachte mir, ich teile dieses Wissen mit euch – falls ihr hin & wieder Briefmarken benutzt.

Um den Bogen mal wieder zu spannen und zum Abschluss zu kommen, wollte ich euch dieses Zitat nicht vorenthalten: »Wir vermissen im Hardcore die In-die-Fresse-Mentalität. Es fehlt das Verrückte, das Chaos, die Schlägereien auf der Straße. Und da stehen wir halt drauf.« – sagt Rob von AGNOSTIC FRONT. Mir hat das noch nie gefehlt – die Schlägereien auf der Straße – und ich steh da auch nicht drauf – sagt Dolf vom TRUST.

Trust #80 – Februar 2000

keine Kolumne

Trust #81 – April 2000

keine Kolumne

Trust #82 – Juni 2000

keine Kolumne

Trust #83 – August 2000

keine Kolumne

Trust #84 – Oktober 2000

keine Kolumne

Trust #85 – Dezember 2000

Früher war alles besser, sagen Leute, die es nicht wirklich besser wissen, ich sag das in jedem Fall nicht. Ich würde sogar sagen, dass es nicht so ist, sondern dass es viel mehr so ist, dass sich die Leute (sowie auch natürlich ich) früher eher mit Antworten zufriedengegeben haben, Antworten die bei näherer Betrachtung aber keine sind. Dazu aber gleich mehr. Wow, die letzte Kolume von mir liegt gut ein Jahr zurück, eher sogar eineinhalb, denn die letzte war ja eher eine Abschrift von einem Gespräch mit Frau Orlowski. Woran lags? Zu Beginn meiner Abstinenz hatte ich irgendwie nicht das Bedürfnis, mich in dieser Form mitzuteilen, als das dann wiederkam hatte ich einfach nicht genügend Zeit, mal ein paar Sachen aufzuschreiben. (Dann war da ja noch das ›Projekt‹, das ich in der vorletzten Kolumne erwähnte, das kam nun aber auch zu einem erfolgreichen Abschluss und ist somit nicht mehr sooo spannend). Mal sehen ob ich die Zeit wieder regelmässiger finde, für Kolumnen, in der Zukunft. Denn, nach wie vor geschehen Dinge auf dieser Welt, die ich meine kommentieren zu müssen. Wobei ich den Bogen wieder spannen kann zu den eingangs erwähnten Antworten – die jetzt keine mehr sind, und eben eigentlich auch noch nie welche waren. War ich 1984 z.B. noch mit meinem Text für INFERNO’s Beitrag zu dem ›Welcome to 1984‹ Sampler sehr zufrieden, so sehe ich das heute natürlich etwas anders, aber hier erstmal der Originaltext:

 

›Perfekter Mensch‹

Gen-Manipulation

von perversen Bio-Chemikern

praktiziert

Wo soll das enden?

Superpflanzen, Supertiere, Superhirne

auf keinen Fall, ich will ich selber sein

nicht konstruiert von so’nem Schwein

Sie denken, sie machen es besser,

doch sie machen es nur schlimmer,

»Sperma gibts im Supermarkt«

Dosiert genau wie man es will!

Milliarden DM für die Forschung

doch die Welt verreckt durch sie!

Wir wollen keine Retortenbabys,

uns’re Kinder machen wir selber!

 

Erstmal würde ich die Damen und Herren Wissenschaftler heute, sechzehn Jahre später, nicht pauschal als »pervers« bezeichnen. Dass es dosiertes Sperma nicht im Supermarkt gibt, dafür aber sozusagen im Internet – woher sollte ich das damals wissen. Unsere Kinder wollen wir immer noch selber machen – sofern das gewünscht ist. Und die Forderung »Wir wollen keine Retortenbabys« ist so gesehen natürlich ein Witz. Es ist in jedem Fall ersichtlich, ich war als neunzehnjähriger gegen »Genmanipulation«. Im Jahr 2000 bin ich das nicht mehr, zumindest nicht generell. Ich bin aber auch nicht uneingeschränkt dafür, viel mehr ist es so, dass ich für mich auf die Frage(n) keine Antwort habe, weil ich sie eigentlich nicht beantworten kann. Natürlich kenne ich die unterschiedlichen Für- und Wider-Argumente, tendiere auch dazu, dass von Fall zu Fall das Für- einfach mehr Sinn macht. Aber ob letztendlich tatsächlich, das weiß ich nicht. Es soll sich hier jetzt auch nicht um dieses eine Thema drehen, mir geht es darum, das eben alte Antworten keine sind. Oder wenn ich mir den noch heute gebräuchlichen »Nazis raus«-Spruch als Antwort auf »Was passiert mit den Nazis« ansehe. Wohin? Raus aus Neumünster, rein nach Hamburg? Raus aus Deutschland, rein nach Polen? Das kanns doch nicht gewesen sein. Auch in diesem Fall hab ich wieder keine Antwort darauf, was man mit diesen Nazis machen soll. Verhauen, verbieten, umerziehen, umbringen oder – einfach genmanipulieren? Sag du es mir. Ich weiß nur, dass eine Handvoll Schwachköpfe hier Leute verprügelt und umbringt, weil es Ausländer sind. Oder sie stecken Synagogen an. Das darf nicht sein, sag ich mir, es ist aber so. Gleichzeitig, dieselbe scheiße passiert ja nicht nur in Deutschland, in Frankreich gibt es auch vermehrt antisemitische Aktionen, aus-länderfeindliche sowieso und dass die Palästinenser was gegen Juden haben, müsste auch allgemein bekannt sein. Gut, einen Juden, der der Meinung ist, am Sonntag dürften keine Autos fahren, wegen seiner religiösen Überzeugung, den kann ich einfach nicht ganz ernst nehmen, aber Religion hat mich ja noch nie interessiert, auch nicht die jüdische – abgesehen davon sind diese orthodoxen Spinner ja auch nicht die Mehrheit, aber eben eine radikale Minderheit. Am besten fände ich es, wenn die jeweils verfeindeten Gruppen sich endlich einigen würden und dann friedlich miteinander-getrennt leben würden. Aber geht das? Das autonome Jugendzentrum nur einen Steinwurf entfernt vom Nazitreff, Palästinenser und Juden leben friedlich miteinander-getrennt, genauso wie Kroaten und Serben, Moslems und Christen … ließe sich noch ein wenig fortführen. Natürlich geht das erstmal nicht, denn alle Seiten haben unterschiedliche Interessen und wollen diese auch durchsetzen. All diese Sachen kann man eigentlich nicht zusammen in einen Topf werfen, was aber nichts dran ändert dass ich auf all diese Fragen keine Antworten (mehr?) hab. Bzw. die von irgendwelchen vermeintlich schlauen Menschen vorgeschlagenen Antworten als nicht ausreichend abtun kann. Weil sie eben nicht funktionieren. Da nützt es dann auch nichts wenn irgendwelche Politiker, die eh nie, nie, nie in eine Situation kommen (weil sie eben nicht nachts öffentliche Verkehrsmittel benutzen, oder sich in den entsprechenden Vierteln rumtreiben) von den deutschen Zivilcourage verlangen, nicht wegschauen, sondern hinlangen, äh, nee, eingreifen haben die wohl gesagt. Damit haben sie ja garnicht unrecht, gerne mische ich mich ein, wenn es offensichtlich ist, dass Leute wegen ihrer Herkunft angegriffen werden, oder auch wegen ihrer Geschlechtszugehörigkeit – oft ist das offensichtlich. Aber, mische ich mich ein, wenn eine Horde Glatzen auf zwei Ausländer einprügelt? Zumindest nicht in der Form, dass ich aktiv eingreife, denn wie gesagt, ich sprach von einer Horde (Mehr-zahl) und mir (Einzahl). Hab ich jetzt keine Zivilcourage, weil ich meine Gesundheit nicht für das Ansehen Deutschlands (denn darum gehts ja denen eigentlich, nicht um den Ausländer) riskiere? Und, wie gilt es denn diese Zivilcourage einzusetzen? Nur wenn Ausländer angegriffen werden oder Synagogen beschmiert werden, oder soll ich auch Zivilcourage beweisen wenn Eltern ihre Kinder schlagen, oder – noch schlimmer, ihre Hunde. Wenn Kids ihre Tags anbringen, und somit Privat- oder Staatseigentum beschmutzen? Ich denke Zivilcourage könnte ein neuer Ausbildungsberuf werden, so viel hätte man da zu tun. Und nur gut, dass all die Brutalitäten, die sich täglich rund um den Alltag von Schulkindern abspielen, nicht dem Ansehen von Deutschland schaden, denn dann wäre es mit dem Aufruf zur Zivilcourage nicht getan, da müssten Schulen und noch mehr bewacht werden. Hier hab ich jetzt noch garnicht angeschnitten, dass blindes Eingreifen nicht immer einfach so gerechtfertigt ist, denn man weiß ja nicht worum es geht, oder ging. Wenn das kleine Kind seinem Kumpel grad beinahe das Auge ausgestochen hat, dann kann man den Klaps schon mal durchgehen lassen. Oder, was ja wohl nicht zu oft vorkommt, eine Horde Glatzen Ausländer verprügelt – kommt nicht häufig vor, na dass es sich um linke Glatzen handelt und um rechte Ausländer, Graue Wölfe beispielsweise. Oder wenn sich ein Pärchen streitet dass die Fetzen fliegen, steckt man da in deren Beziehung drin – man weiß es nicht. So einfach ist es eben nicht. Einfacher machen es sich da einige Spezies mit ganz anderen Sachen, ich bin mir sicher darüber schonmal ein paar Worte verfasst zu haben, aber, aufgrund der Unglaublichkeit, die einerseits fast schon wieder belustigend ist, andereseits sehr erschreckend, nochmal. Es gibt doch tatsächlich Gruppen von Leuten die behaupten, eine Vergewaltigung habe dann stattgefunden, wenn die Frau sich vergewaltigt fühlt. Nein, es hat nichts mit Gewalt und Penetration zu tun, das kann jede für sich definieren. Auch so im Nachhinein, zum Ende einer Beziehung zum Beispiel, irgendwie kann man sich ja dann doch vergewaltigt fühlen. Das ist so absurd und rückt eine wirklich schlimme Handlung, nämlich die Vergewaltigung, in eine lächerliche Ecke. Also, wenn das so ist, per Definition vergewaltigt, dann fühle ich mich dauervergewaltigt von solchen entsexualisierten Menschen. Stell dir das mal vor, deine ehemals geliebte Freundin behauptet, nachdem die Beziehung beendet ist, dass du sie vergewaltigt hast. Weil, eigentlich wollte sie ja nicht wirklich Sex in der ersten Nacht. Äh? Das bedeutet, man darf niemanden mehr verführen, oder es zumindest versuchen – jetzt erinnere ich mich, ich hab da schonmal drüber geschrieben. Lassen wir das, ich hoffe das sich nicht allzuviele unserer Leser in solchen enthumansierten Zirkeln bewegen.

Kampfhunde war ja auch so ein Thema, ist ja auch nicht so lustig, wenn die Viecher Menschen anfallen, keine Frage! Aber, ob es da mit einem Wesenstest für die Hunde getan ist? Wenn ich mir die Halter ansehe, der entsprechenden Klientel, dann kann das Tier meist nichts dafür. Überhaupt, warum denn nur die armen Kampfhunde und ihr noch ärmeren Besitzer? Gleich alle Haustierhaltung untersagen und fertig. Ha! Aber die ausführliche Argumentation könnt ihr euch bei den entsprechenden Tierrechtsgruppen abholen. Wie ich sehe, habe ich meine Fähigkeit, Gedanken anzuschneiden & sie dann nicht auszuformulieren, nicht verlernt. Vielleicht sollte ich jemanden bezahlen, der sich mit meinen Einstiegsgedanken befasst & dann einen gut lesbaren Text draus macht – aber wovon? Soll ich noch ein paar Worte über die Szene verlieren? Welche Szene frag ich mich, ist das nicht eher eine Branche. Wenn ich mir den Durchlauf des ›Nachwuchses‹ so ansehe, das geht ja so schnell, da bleibt so gut wie nichts hängen. Oder die Bands, die z.T. angesagt sind, absolut nichts zu sagen, was ja so schlimm nicht ist, absolut keine Loyalität (außer vielleicht zum Kapitalismus), absolut uninnovative Musik, was so schlimm auch nicht wäre, in short, absolut überflüssig. Sind sie natürlich nicht, sonst würden ja nicht so viele Leute die Scheiben kaufen & auf die Konzerte gehen, aber eigentlich ist mir das zu mühsam, mich darüber zu beschweren, deswegen ändert sich ja sowieso nichts. Obwohl, wenn ich mich an vergangen August an das TRUST-Konzert in Köln erinnere, da hab ich mich dann irgendwie doch gut gefühlt & nicht nur dort. Im nächsten Jahr wird das TRUST fünfzehn, noch ein Jahr dann darf es rauchen, bis 22h ausgehen & nicht-weinbrandhaltige-Getränke in öffentlichen Gastwirtschaften konsumieren – gut wa!

Trust #6 – Mai 1987

Anfang des Jahres war ich mir schon ziemlich sicher, dass dieses Jahr ›Wechsel‹ bringen wird. Ich mein jetzt nicht große Veränderungen im Sinne von Revolution oder so, sondern einfach irgendwelche Veränderungen in der Szene (die gabs früher und wird es auch weiterhin geben – logo – aber trotzdem). In den letzten drei, vier Monaten ist mir bei Gesprächen aufgefallen, dass sich viele Leute Gedanken über dieselben Themen machen und sich mit denselben Problemen beschäftigen, die auch mir so im Kopf rumschwirren … Es ist zwar schon irgendwie gut, wenn man seit Jahren aktiv ist (Band, Zine, Gigs, Vertrieb, Touren, usw.), aber auf der anderen Seite, was hat sich denn schon groß geändert? Nicht sehr viel, und deshalb denken viele Leute darüber nach, ohne auf eine vernünftige Lösung oder den Grund für dieses Ausbleiben zu kommen. Der Grund, warum ich hier von »Wechseljahr« spreche ist, dass eben einige Leute erkannt haben, dass es auf die Dauer nicht befriedigt, ›nur‹ in einer Band zu spielen oder ›nur‹ Gigs zu veranstalten und dadurch alles gut wird, sondern die Leute anfangen zu denken und gut draufkommen. Ich bin schon überzeugt, dass es sich jetzt zeigen wird, ob – vor allem ›alte‹ Leute – frustriert und desillusioniert von der Szene abspringen, oder ob alle auch in Zukunft genügend Energie haben alles durchzuziehen, um die Sache aufrechterhaltend voranzubringen. Oft ist dies aber garnicht so einfach, denn dadurch, dass sich die Leute untereinander schon so lange kennen, sind die Beziehungen natürlich oft viel tiefer, so dass es einen dann ganz besonders hart trifft, wenn nach all den Jahren einige Leute ihr wahres Ich zeigen oder sich einfach ändern. Dann muß man feststellen, dass die am Anfang geglaubten, gemeinsamen Ziele und Ideen so gemeinsam gar nicht sind, oder sich einfach die Art des Lebens völlig voneinander unterscheidet. Aber über das Thema hab ich ja schonmal geschrieben … Ich rede hier auch garnicht von Beziehungen zwischen zwei oder vier Leuten, viel eher glaub ich, dass sich das auf die ganze Szene niedergeschlagen hat; was nicht schlecht ist. Ich finde es hervorragend, dass die Leute sich besser kennen! Es ist unheimlich wichtig, denn wir wollen ja keine ›Geschäftsverbindungen‹ aufbauen, wo alles ganz nüchtern abläuft. Diese Kommunikation ist wichtig – es muß die Möglichkeit bestehen – mit Leuten auch über andere Dinge zu reden, eben mehr als nur ›Geschäftliches‹. Ich will dieses Näherkennenlernen auch garnicht kritisieren. Ganz im Gegenteil: Es sollte intensiviert werden, damit man sieht, ob man selbst fähig ist, gemeinsam zu arbeiten, selbst wenn die Arbeit nicht so supereffektiv ist; weder in Bezug auf die großen Veränderungen, noch irgendwie finanziell gesehen (obwohl ich glaub, dass man Geld damit verdienen könnte. Das soll aber nicht vorrangiges Interesse sein/werden). Ich sehe das, einige Leute wissen nicht mehr so recht, was eigentlich los ist. Vielleicht liegt das auch nur allgemein am momentanen Zustand der Szene? Denn es läuft ja alles ganz gut. Wenn man sich das Netzwerk ansieht, das sich in letzter Zeit so aufgebaut hat, wie die Leute miteinander arbeiten, auch über große Entfernungen in ganz Europa und in den Staaten, dann ist das schon aufbauend. Ich finde es eben faszinierend, wenn Leute vom Punk A in Europa nach Punk B in den Staaten fliegen können und genau wissen, dass man in B bei einem Kumpel übernachten kann. Es gibt in vielen Städten gute Leute, die was drauf haben, und es kommen auch neue Leute dazu. Auch das ist sehr wichtig, denn die neuen Leute bringen neue Ideen und sind oft sehr enthusiastisch bei der Sache. Aber dann stellt sich vielleicht auch wieder die Frage nach dem ›Sinn‹ der ganzen Sache – wo ist der Sinn, welcher Sinn? Der Sinn des Lebens oder der Sinn der Szene? Für mich ist das alles eins: Das Leben, mein Leben und das der anderen; ich bin immer ich, egal ob auf einem Gig oder in der Arbeit. ›Privatleben‹ gibts nicht. Etwas, das im Zusammenhang mit einigen oben angesprochenen Punkten steht und das auch einige beschäftigt, ist, wenn Leute feststellen, dass sehr viel von den Aktivitäten zur Routine wird. Man muß jede Woche ein Konzert machen, man muß jeden Abend telefonieren, man muß regelmäßig ein Heft rausbringen – es entsteht eine Art ›Zwang‹, und es wird Routine. Klar wird’s das früher oder später, aber alles wird zur Routine, wenn man es professionell (muß nicht kommerziell heißen) und regelmäßig macht. Es geht natürlich auch, dass jeder nur das macht, worauf er hunderprozentig Bock hat. Das ist auch ok. Dann verfällt aber leider der Anspruch, zuverlässig zu sein, gerade in Bezug auf Regelmäßigkeit … Wenn ein Tourneeveranstalter mit Leuten zusammenarbeitet, die nur was machen, wenn sie Bock drauf haben – gut und recht, nur sehe ich den armen Veranstalter schon am Rande des Wahnsinns (vorausgesetzt, er hat Verantwortungsbewußtsein gegenüber seinen Bands). Wenn er dann zum zehnten Mal bei jemandem anruft und nach einem Gig fragt und hört dann: »Ich weiß noch nicht, vielleicht, mal sehen, bla bla bla.« Oder stell dir eine Band vor, bei der ein Mitglied nach anfänglichem Enthusiasmus plötzlich anfängt: »Schon wieder üben und auch noch zweimal die Woche … Was, schon wieder touren, usw.« Es sollte eigentlich bekannt sein, dass es sehr schwierig ist, immer alles total abwechslungsreich zu machen. Hier ist auch das Stichwort für ein weiteres Thema (das aber auch dazugehört) gefallen. ›Abwechslungsreichtum‹. Momentan scheint die Entwicklung ja dahin zu führen, dass auch Nicht-HC-Bands ›präsentiert‹ werden. Im Warehouse in Berkeley war das ja von Anfang an geplant. Dieselbe Entwicklung kann man auch in der Van Hall Amsterdam beobachten, wo auch Gigs ohne eine einzige Punkband stattfinden. Warum das? Weil es eben einigen Leuten mit der Zeit langweilig wird. Teilweise ist die Musik gleich, und leider ist es ja auch nicht so, dass Leute die in einer HC/Punkband spielen, automatisch gut drauf sind. Eigentlich solllte das ja der Fall sein, und leider nützen einige dieses ›Image‹ auch aus, so nach dem Motto: Wir sind ne HC-Band, wir sind gut drauf. Aufgrund dieses Images vertrauen ihnen dann auch andere Leute aus der Szene. Leider stellt sich nur allzuoft heraus, dass die Bandmitglieder eigentlich auch nicht viel zu sagen haben und in einigen Fällen sogar totale Wixer sind, denen nicht geholfen zu werden braucht. Das ist natürlich schlecht. Diese Leute erheben einen gewissen Anspruch und erfüllen ihn nicht. Was für Konsequenzen können aus all dem gezogen werden? Was muß man tun, um abwechslungsreiche Musik und gute Leute zu bekommen? Na, ist doch klar: Einfach andere Bands besorgen, Reggae, Blues, Experimentelles usw. Tja, diese Bands machen zwar andere Musik, aber erheben auch nicht irgendwelche Ansprüche. Die sind da ganz ehrlich und sagen, wir spielen nicht unter der und der Garantiesumme, was für die ja ok ist, da sie nie davon gesprochen haben, nur für Sprit zu spielen. Was folgt daraus? Entweder, man läßt mal all die Bands spielen, die keinen Punk machen und trotzdem independent sind (die gibts ja auch), und dann müssen eben hohe Summen für die anderen Bands hingelegt werden. Oder man bleibt bei den HC-Bands, die zumindest vorgeben, diesen gewissen Anspruch zu haben und hört weiterhin dasselbe. Nun, mittlerweile kommen ja glücklicherweise auch aus dem HC-Bereich Bands, die sich weiterentwickelt haben und/oder neue Sachen ausprobieren. Ich denk da z.B. an VICTIMS FAMILY oder EMBRACE. Diese Bands sind immer noch HC, auch wenn sie nicht die typische Musik machen. Es ist wichtig, dass sich da eine Weiterentwicklung tut, gerade auch im musikalischen Bereich. Die Ideen müssen mal pauschal dieselben bleiben, aber musikalisch gibt es wohl keine Grenzen, solange die Musik interessant und originell ist. Das soll jetzt nicht heißen, dass jede Combo nun mit aller Gewalt andere Musik machen soll, auf keinen Fall, denn viel von dem ›typischen‹ HC ist echt geil, aber man sollte mal drüber nachdenken. Ähnliches gilt natürlich auch für mich/uns/für das Zine, natürlich auch für alle anderen. Aber ich seh’s ja, die letzte Ausgabe war zu musikalisch, und es sollen doch auch andere Sachen drin sein: Zum einen politische Sachen, was aber auch nicht so leicht ist (oder sollen wir mal einen Artikel über Anarchie …) und einfach schon Vorhandenes z.B. aus dem Spiegel soll ja auch nicht einfach übernommen, umgeschrieben oder gar abgeschrieben werden. Es soll auch über andere Sachen berichtet werden oder geschieht einfach nicht so viel? Ich weiß auch nicht, wir werden’s auf jeden Fall versuchen. Wie oben schon erwähnt, gesamt gesehen finde ich den Stand der Szene momentan schon ganz gut; das Netzwerk von Leuten, wie zusammengearbeitet wird und alles so abläuft, geil. Auch kristallisieren sich immer mehr Leute heraus, auf die wirklich Verlaß ist und die mit Energie an die Sache rangehen. Klar, es gibt auch noch viele Lutscher, aber die springen früher oder später eh ab, oder schaufeln sich langsam das eigene Grab. Ja, es ist gut, das Feeling, allerdings müssen alle noch härter daran arbeiten, alles muß weiter ausgebaut werden um eine solide Basis zu bekommen, einen Background. Ohne starke Basis ist’s fast unmöglich, was zu erreichen. Zur Zeit ist das auch einer der wichtigsten Punkte, warum ich die Sache weiter durchzieh. Es ist ja ein Weiterkommen zu erkennen, aber DIE große tolle Sache ist es auch nicht. Irgendwo will doch jeder noch was ändern. Und um das zu machen, muß an die Öffentlichkeit getreten werden. Allerdings kann man mit den begrenzten Mitteln, die Bands, Ziner, Veranstalter, etc. momentan zur Verfügung stehen, nicht besonders effektiv arbeiten. Es ist eben nicht so, dass wir mit unserer kleinen Auflage viele Leute zum Denken anregen können. Erstmal müssen weltweit Leute da sein, die wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können und auch völlig vertrauen. Wo es dann eben genügt, einmal anzurufen, die Facts rüberzulassen und der andere dann konkret sagt, was Sache ist, und man auch hundertprozentig sicher ist, dass der/diejenige das durchzieht und alle Energie da reinsteckt. Wenn eine solche Basis mit Leuten rund um die Welt geschaffen ist (ich rede jetzt nicht davon, dass alle genau dieselbe Meinung haben sollen, nur die Grundideen brauchen gleich zu sein) kann begonnen werden Sachen anzupacken, die auch effektiv sind. Irgendwie sind diese Ziele ja doch ziemlich hoch, ob sie jemals erreicht werden ist ungewiß … Aus diesem Grund denke ich mir, praktisch so als kleine ›Hintertür‹, selbst wenn nicht alles so klappt, obwohl eine Basis da ist, die von allen gemeinsam aufgebaut wurde, dann hat man immer noch »seine eigene HC-Welt«, und man kann dann eben sonstwo hinfahren und trifft immer irgendwelche Leute, die gut drauf sind. Dann hat man wenigstens ein schönes Leben. Das ist zwar nicht das Hauptziel, und soll es auch auf keinen Fall sein/werden, aber es ist immerhin etwas – wenn alles nichts nützt, dann war es zumindest nicht ganz umsonst. Es liegt an uns, let’s go …

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Trust #86 – Februar 2001

Wisst ihr, wo die Aleuten sind? Nein? Ich sags euch, das ist eine Inselkette vor Alaska, die noch zu den Usa gehört, obwohl sie ja auch vor Kamtschatka liegt. Was aber noch viel interessanter als die Lage der ca. hundertfünfzig Inseln ist, dass es dort etwas gibt, das ich wohl gerne auch hier sehen würde. Bei den Ureinwohnern dort gilt nämlich der Diebstahl von Zeit als schadensersatzpflichtiges Delikt. Wow!

Wow dachte ich mir auch, als ich um die Weihnachtszeit eine Kolumne von mir aus dem Jahr 1994 ausgegraben habe, das will ich aus aktuellem Anlass doch hier nochmal auszugsweise bringen. Hinzufügen werde ich natürlich, dass ich meine Einstellung mittlerweile leicht modifiziert habe. Und da fragt man sich, wieso die Medien ständig darüber berichten, jetzt wo es doch sowieso zu spät ist. Mal sehen, ob die BSE-Opfer-Zahlen in unabsehbarer Zukunft die der Aids-Opfer noch übertreffen.

»Der letzte Grund zur Freude war, die sich ausbreitende Verbreitung einer schnuckligen Krankheit die da Rinderwahn (BSE) genannt wird. Tolle Sache: Wie der Name sagt werden die Rinder wahnsinnig und sterben – und das beste ist – die Krankheit wird auch auf den kadaverfressenden Menschen übertragen. Da passiert dann dasselbe, der Haken an der Sache ist, dass es ziemlich lange dauert – aber wäre ja auch zu schön, wenn mal was perfekt wäre. Nicht schlecht, wenn dann bald die von fleischfressenden und profitsüchtigen unnatürlich geschaffenen Tiermassen alle sterben und die ganzen Fleischfresser auch. Müssen dann eben nur noch die Kadaver verbrannt werden. Wenn jetzt der Eindruck entsteht, ich hätte was gegen Fleischfresser – falsch. Das kann jeder für sich selber entscheiden, solange jemand BEWUSST Fleisch konsumiert sehe ich da kein Problem. Probleme hab ich mit den anderen. Aber denen gehts ja jetzt dann früher oder später an den Kragen. Einige schaffen ja vielleicht noch rechtzeitig den Absprung zum Vegetarismus oder den Umschwung zum bewußten Konsum. Aber das wird sich in Grenzen halten, denn sie wissen ja: »Fleisch ist ein Stück Lebenskraft«. Go Die!!!

Trust #87 – April 2001

keine Kolumne

Trust #88 – Juni 2001

Draußen 21°C, blauer Himmel, das Meer direkt vor der Haustür – optimal, könnte man meinen, oder sich auch fragen warum ich dann hier sitze – nun, Leute, es ist windig, außerdem ist das hier die 15-Jahres-Ausgabe und so nehme ich mir gerne die Zeit, ich muss gestehen, auch wenn es nicht windig wäre hätte ich es gern getan, hier auch ein paar Zeilen zu schreiben.

Hin und wieder habe ich ja Gedanken – daran verschwendet, wollte ich beinahe schreiben, obwohl ich das garnicht meine – nun, ich habe eben nachgedacht was ich in der 15-Jahre-Jubiläums-Nummer schreiben soll. Da die Medien einen in den letzten Wochen ständig mit dem Wort ›stolz‹ bombardierten hab ich mir überlegt ob es Grund gäbe stolz zu sein, dass es das Heft seit 1986 in dieser Form gibt. Nein, dachte ich, sehr cool ist es schon, außergewöhnlich vielleicht auch, aber deswegen stolz sein? Nö. Schließlich sind wir kein mittelständischer Betrieb geworden, ich noch kein Millionär, geschweige denn haben wir das System verändert, noch nicht mal die Musikszene – zumindest nicht so, wie ich mir das mal vorgestellt hatte. Aber das ist ja auch nichts neues, vielleicht sollte ich ein bisschen stolz darauf sein, dass nach eineinhalb Jahrzehnten das TRUST niemandem Geld schuldet? (Vielleicht mit dem Hinweis: »Wer kann das sonst noch von sich behaupten?«) Nein, das ist zwar auch außergewöhnlich, aber stolz muss man auch darauf nicht sein. Genausowenig natürlich übrigens wie auf die Nation bzw. dem Land, in der/dem man zufällig geboren wurde, das macht ungefähr genausoviel Sinn wie stolz darauf zu sein, ein Arschloch zu besitzen. Soviel dazu.

Kennt jemand noch das unsägliche Zeitgeistmagazin Tempo? Ich hätte es auch nicht gewusst, aber das Ding erschien im selben Jahr zum ersten Mal wie das TRUST, allerdings hat es sich bei denen bereits vor fünf Jahren ausgezeitgeistet. Schaffen wir die nächsten fünf Jahre? Warum nicht, würde ich sagen, Kritiker werden sagen – warum. Nun ich sage warum: Weil das TRUST nach all den Jahren einfach das geblieben ist, was es von Anfang an war – dieses wiederrum kritisieren natürlich auch die immer gleichen acht bis dreizehn Leute. Da ist zum einen die Geschmackssicherheit (wenn ich Daniels Rückblick auf die Ausgaben der letzten paar Jahre lese, dann weiß ich auch mit Sicherheit, dass es nicht mal nur so war, sondern dass es immer noch so IST), welche es natürlich erstmal zu definieren gilt, was ich aber garnicht für nötig befinde, denn, nur weil eine Band groß wird – oder eben nicht groß wird, hat das noch lange nichts über deren Qualität zu sagen. Vielmehr ist es so, dass gute wie schlechte Bands groß werden können, und das ist nicht nur seit ein paar Monaten so, aber darüber habe ich mich ja bereits im August ‘96 ausgelassen, wenn ich das hier nochmal zitieren darf: »Die ›neuen‹ Bands scheinen doch tatsächlich der Meinung zu sein, dass ihre Popularität aufgrund ihres eigenen Talents zustande gekommen ist – oder weil sie lange Zeit hart an der Band und der Musik gearbeitet haben. Für die blöden: ›Wir sind so bekannt weil wir so gute Musik machen.‹ Das ist ein Irrglaube und zeugt nur von zu großen Egos – nicht die ›tolle‹ Musik, die diese Bands spielen, macht sie so bekannt, sondern die Firmen, mit denen sie zusammenhängen, die Strukturen in denen diese Firmen arbeiten – das ist es, was diese Bands so populär macht. Die Qualität der Musik ist nicht mehr so entscheidend, sondern die ›Qualität‹ der Firmen.« Ich würde dann einfach bitten dass zweite Wort wegzulassen, dann ist es übersichtlicher. Neben der Geschmackssicherheit ist die Unabhängigkeit (ja, Schlaumeier, wir sind auch von Anzeigenkunden und Käufern abhängig – ich gebe dir recht), gepaart mit dem nötigen Fach- oder sollte ich sagen Fan-Wissen, mehr als Grund genug, dass Heft solange weiterzumachen wie wir wollen.

Ich glaube der Wind hat ein wenig nachgelassen, ich werde das mal überprüfen.

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Trust #89 – August 2001

Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass es in allen anderen Szenen auch nicht viel besser oder sogar noch schlimmer ist als in unserer geliebten Punk/Hardcore-Szene? Nicht? Richtig, ist auch mir in dem Zusammenhang scheißegal, was die anderen machen. Dennoch, habt ihr schonmal einen Christen sagen gehört, das Christentum ist tot, nur weil es unterschiedliche Strömungen in seiner Glaubensrichtung gibt, oder einen Islamisten, der seine Religion dahinsiechen sieht, nur weil es ein paar Spinner gibt, die sich alles so auslegen wie es ihnen in Kram passt? All die Bands/Menschen da draußen, die von sich behaupten Punk/HC zu sein, gerne könnt ihr das tun. Oft werde ich völlig anderer Meinung sein – aber was will man machen, verbieten geht halt nicht. Ich will damit sagen: Es gibt keine Hardcore/Punk-Szene, genauso wie es keinen Islam oder Christentum gibt. Denn immer hat der Einzelne die Möglichkeit das Individium (mit all seinen Bedürfnissen, Ideen und Ansichten) über die ›Szene‹ zu stellen oder sich es eben entsprechend zurechtzuflicken. Dadurch gibt es dann eben die vielen verschiedenen Hardcore/Punk-Strömungen, die sich alle so nennen wollen und auch können. Wer jetzt allen ernstes meint, ich würde eine Szene mit Weltreligionen vergleichen – der hat damit genauso recht wie unrecht.

Lang lebe MEIN Hardcore-Punk!

Trust #90 – Oktober 2001

Es gibt natürlich erschreckenderes, aber ziemlich schlimm fand ich dann doch folgende Zahlen: Monatsmittel 18,4°C, ich rede hier nicht vom April oder so, nein, das war die durchschnittliche Termperatur hier in Bremen im Monat August!!! Dabei war der August noch ›zu heiß‹, denn normalerweise hat der August hier so 16,5°C. Ich habe das ja schonmal gesagt, aber man muss sich wirklich fragen, warum Leute (und auch man selbst) hier eigentlich lebt. Naja, übers Wetter wollte ich hier eigentlich nicht schreiben, über die andere Scheiße die im August geschehen ist auch nicht. Der TRUST-Abend in der Kantine war zwar musikalisch ziemlich geil, aber leider (zum Glück erst zum zweiten Mal), ziemlich schlecht besucht – kommt vor. Wir haben trotzdem gefeiert. Es wird dann bestimmt voller an der 15-Jahres-Feier-Abschluss-Veranstaltung im späten Herbst in Frankfurt.

Es gab aber auch nettes im August, davon sollte ich euch vielleicht erzählen, von dem Wochenende in Berlin, zusammen mit Bettina. Eigentlich wollten wir ja nur kurz hin um am Freitag Abend der Geburtstagsparty von Anne beizuwohnen und dann am Samstag gleich wieder zurückzujetten – pustekuchen, mit jetten sowieso, weil keine Maschine geht und wir sind gleich bis Montag geblieben, da am Sonntag dann noch ein nettes Konzert im Wild at Heart war. Aber der Reihe nach, die Geburtstagsparty war cool, leicht über hundert Leute in einem Kreuzberger Hinterhof, ich kannte neben der Gastgeberin nur noch ca. zehn andere Leute, aber das genügte, Getränke bis zum Abwinken, sehr laute Musik bis spät in die Nacht, äh Morgen, DJ Koze hat aufgelegt, aber das fand ich nicht so toll. Nachdem wir dann am Samstag gemütlich mit unserer Gastgeberin Sabine gefrühstückt hatten, haben wir spontan eine ›kleine‹ Radtour gemacht, es waren zum Glück gut 33°, Sonne, also ideale Bedingungen. Von Friedrichshain zuerstmal zu den Merkschen Höfen, von dort weiter zum Reichstag, da die Schlange ganz kurz war sind wir da mal eben in die Glaskuppel hoch, dann noch schnell zum Kanzleramt rübergedüst, weiter zum Potsdamer Platz, um sich den wahnsinnigen Sony-Center mal anzusehen. Dann schnell weiter in Volkspark Hasenheide, wo ein Jugger-Turnier stattfand, sowat hab ich auch noch nicht gesehen, zwei Mannschaften prügeln mit gepolsterten Waffen aufeinander ein und versuchen den, err, Jug bei den Gegnern einzulochen. Dort trafen wir dann auch auf Nanette, die aber mit schiedsrichtern sehr beschäftigt war. Außerdem waren ja bereits ein paar Stunden vergangen und von Neukölln/Kreuzberg sind es ja ein paar Meter zurück nach Friedrichshain, besonders wenn man die Stadt nicht so gut kennt und sich eher an den Hautpstraßen entlang orientiert. Außerdem war unsere nächste Station in Schöneberg, da sind wir aber mit der Bahn hin, ist eine große Stadt. Dort trafen wir uns mit meiner Cousine Anita, wir hatten uns seit fünfzehn Jahren nicht gesehen, so waren wir alle angenehm überrrascht dass wir und doch erst gegen zwei Uhr Nachts verabschiedeten. Sonntag dann nach einem entspannten Frühstück, wieder bei Sabine, ab zum Landwehrkanal, wo wir noch mal eben eine dreieinhalbstündige Stadtrundfahrt mit einem Boot machten. Hab ich erwähnt, dass auch an diesem Tag die Temperaturen über 30°C waren – sonnig. Also ideal. Schöne relaxte Stadtrundfahrt über Landwehrkanal und Spree. Am frühen Abend dann nochmal zu der Geburtstagsfeiernden vom Freitag, um noch ein paar Worte in Ruhe zu schnacken, um dann am Abend rüber ins Wild at Heart zu gehen um die slowenische Band PSYCHO PATH anzugucken – ich sag nur, es hat sich gelohnt. Als wir dann am Montag die Rückfahrt antraten – mittlerweile regnete es – und wieder in Bremen angekommen sind, haben wir uns über ein super Wochenende gefreut, das wir so spontan in Berlin verbracht hatten. Warum ich das hier alles aufschreibe, weil ich Bock drauf habe. So sollen tolle Wochenenden sein, kein Stress, keine Langeweile und in jedem Fall um die 30° Grad – yeah!

Trust #91 – Dezember 2001

Ungläubig war ich als der Plan war, am 12.6.1998 zu einem Konzert der BROOKLYN BUMS ins World Trade Center zu gehen. Zum einen befürchtete ich, dass es wohl für uns ein wenig zu teuer wäre (was es dann aber garnicht war, wenn ich mich recht entsinne war der Eintritt 5-7$ [Abc No Rio-Niveau oder?]), zum anderen hatte ich natürlich von der ›Venue‹ Windows of the World im 101.Stock des WTC davor noch nichts gehört, es war ein schöner Abend, die BROOKLYN BUMS haben gerockt – oder soll ich sagen: Geswingt. Das Bier war auch bezahlbar und als wir spätnachts mit dem Express-Aufzug wieder nach unten düsten, hatte ich die Entscheidung, dort hinzugehen, nicht bereut.

FUGAZI

Ich wurde eines besseren belehrt, natürlich bin ich niemals – wie in meiner letzten Kolumne behauptet – von den Merkschen Höfen zum Friedrichshain geradelt, keine Ahnung wie ich auf ›Merkschen‹ komme, richtig hätte es ›Hackesche‹ Höfe heißen müssen. Ich bedanke mich für den Hinweis aus der Leserschaft.