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DAS BUCH

Nach russischer Kriegsgefangenschaft gelangt Abel Rosnovski, unehelicher Sohn eines polnischen Adligen, mit einem Auswandererschiff nach Amerika. Dort arbeitet er sich zum Hotelmanager hoch. Sein Schicksal kreuzt sich dramatisch mit dem von William Lowell Kane, Erbe eines gigantischen Vermögens, der zum Bankpräsidenten werden soll. Abel hatte ihn einst bewundert – doch dann nimmt, zurzeit der großen Wirtschaftskrise, ein lebenslänglicher Hass seinen Anfang.

DER AUTOR

Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug eine bewegte Politiker-Karriere ein, die bis 2003 andauerte. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller. Archer verfasste zahlreiche Bestseller und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Sein historisches Familienepos »Die Clifton-Saga« stürmt auch die deutschen Bestsellerlisten und begeistert eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London und Cambridge.

JEFFREY ARCHER

KAIN UND ABEL

ROMAN

Vom Autor komplett

überarbeitete Neuausgabe

Aus dem Englischen

von Ilse Winger

Bearbeitet und teilweise neu übersetzt

von Barbara Häusler

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe KANE AND ABEL

erschien erstmals 1979 bei Hodder & Stoughton

Die vom Autor komplett überarbeitete Neuausgabe

erschien 2009 bei Pan Macmillan

Die erste Fassung dieses Romans ist in Deutschland

im Zsolnay Verlag erschienen

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Vollständige deutsche Erstausgabe 02/2018

Copyright © 1979, 2009 by Jeffrey Archer

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Barbara Häusler

Umschlagillustration: Büro Süd unter Verwendung von

© Getty Images, Christopher Butler/EyeEm

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20776-2
V002

www.heyne.de

»Kain und Abel war der große Durchbruch in meiner Karriere als Schriftsteller. Bis heute ist es vielleicht das beliebteste meiner Bücher, überall auf der Welt. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, Kain und Abel noch einmal zu überarbeiten. Neun Monate hat es gedauert, den Roman so zu gestalten, wie er in meiner Vision schon immer hätte sein sollen. Bei allen Verbesserungen habe ich die Handlung und Personen freilich nicht geändert. Ich hoffe, meine alten und zukünftigen Leser werden diesen neuen Kain und Abel genauso genießen wie ich selbst, und sich darauf freuen, meinen beiden Helden William Lowell Kane und Abel Rosnovski wieder (oder auch zum ersten Mal) zu begegnen.«

Jeffrey Archer

Für Michael und Jane

Erster Teil

1906 – 1923

1

18. April 1906

Slonim, Polen

Sie hörte erst zu schreien auf, als sie starb. In diesem Augenblick begann der andere Schrei.

Der Junge, der im Wald Kaninchen jagte, war sich nicht ganz sicher, ob es der letzte Schrei der Frau oder der erste des Kindes war, der ihn aufmerksam machte. Eine Gefahr witternd, drehte er sich abrupt um, und seine Augen suchten nach dem Tier, das da offenbar verletzt worden war. Noch nie hatte er ein Tier so schreien hören. Vorsichtig schlich er in die Richtung, aus der die Klagelaute kamen; der Schrei war jetzt zu einem Wimmern geworden, aber auch das klang nicht nach einem ihm bekannten Tier.

Hoffentlich, dachte der Junge, ist es so klein, dass ich es töten kann; das wäre mal etwas anderes als das ewige Kaninchen zum Abendbrot.

Der seltsame Lärm kam vom Fluss, und so schlich der Junge in diese Richtung. Er lief von einem Baum zum nächsten und spürte dabei deren schützende Rinde an den Schulterblättern, etwas, das man anfassen konnte. Nie ohne Deckung bleiben, hatte ihn sein Vater gelehrt. Als er den Waldrand erreichte, konnte er das ganze Tal bis zum Fluss überschauen, aber auch jetzt dauerte es noch eine Weile, bis ihm klar wurde, dass der merkwürdige Schrei nicht von einem Tier ausgestoßen worden war. Er kroch weiter, doch jetzt war er ungeschützt auf freiem Feld.

Dann sah er die Frau – das Kleid über die Hüften gezogen, die bloßen Beine auseinandergespreizt. So hatte er noch nie eine Frau gesehen. Rasch lief er zu ihr hin, starrte auf ihren Bauch hinab und hatte Angst, sie anzurühren. Zwischen den Beinen der Frau lag ein kleines, blutbedecktes rosa Tier, das mit etwas, das wie ein Strick aussah, an sie angebunden war. Der junge Jäger ließ seine frisch gefangenen Kaninchen fallen und kniete sich neben dem kleinen Lebewesen hin.

Eine ganze Weile schaute er es fassungslos an, dann blickte er auf die Frau; er bereute es sofort. Sie war schon blau vor Kälte, ihr erschöpftes junges Gesicht kam dem Jungen alt vor. Niemand musste ihm sagen, dass sie tot war. Er hob den schlüpfrigen kleinen Körper auf, der zwischen ihren Beinen im Gras lag. Hätte ihn jemand gefragt, warum – und niemand fragte ihn je danach –, hätte er geantwortet, dass ihn die winzigen Fingernägel, die sich in das zerknautschte Gesichtchen pressten, dazu bewogen hatten. Jetzt merkte er, dass Mutter und Kind mit jener schleimigen Schnur verbunden waren.

Vor ein paar Tagen hatte er die Geburt eines Lamms mit angesehen, und er versuchte sich zu erinnern. Ja, das war es, was der Schäfer gemacht hatte, aber konnte er es auch bei einem Kind tun? Das Wimmern hatte aufgehört, und der Junge wusste, dass er handeln musste. Er zog sein Messer, mit dem er die Kaninchen häutete, aus der Scheide, wischte es an seinem Ärmel ab und zögerte nur einen Augenblick, bevor er die Schnur knapp am Körper des Kindes durchtrennte. Aus den abgeschnittenen Enden floss Blut. Was hatte der Schäfer dann mit dem neu geborenen Lamm getan? Er hatte einen Knoten gemacht, um das Blut zu stoppen. Na klar, natürlich; der Junge riss ein paar Grashalme aus und machte hastig einen Knoten in die Schnur.

Dann nahm er das Kind in die Arme. Langsam stand er auf und ließ drei tote Kaninchen und die tote Frau zurück, die dieses Kind geboren hatte. Bevor er ihr endgültig den Rücken zukehrte, zog er ihr das Kleid über die Knie und schob die Beine zusammen. Es kam ihm richtig vor.

»Großer Gott«, sagte er laut – etwas, das er immer sagte, wenn er etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlechtes getan hatte. Noch wusste er nicht genau, wie dies hier einzuordnen war.

Der junge Jäger lief zu dem kleinen Haus, in dem seine Mutter das Abendessen vorbereitete und auf die Kaninchen wartete; alles andere würde schon fertig sein. Sicher fragte sie sich, wie viele er heute gefangen hatte; für eine achtköpfige Familie brauchte sie mindestens drei. Manchmal brachte er eine Ente, eine Gans oder sogar einen Fasan, der sich vom Gut des Barons, auf dem sein Vater arbeitete, in den Wald verirrt hatte. Heute Abend hatte er ein anderes Tier gefangen, und als der junge Jäger das Haus erreichte, traute er sich nicht, seine Beute auch nur mit einer Hand loszulassen. Mit dem bloßen Fuß trat er gegen die Tür, bis seine Mutter ihm öffnete. Schweigend streckte er ihr seine Gabe entgegen. Sie nahm ihm das kleine Geschöpf nicht gleich ab, sondern starrte es, eine Hand auf die Brust gelegt, eine Weile an.

»Großer Gott«, sagte sie und bekreuzigte sich. Der Junge suchte im Gesicht seiner Mutter nach einem Anzeichen von Freude oder Ärger. Ihr Blick verriet eine Zärtlichkeit, die er noch nie an ihr gesehen hatte. Da wusste er, dass das, was er getan hatte, etwas Gutes gewesen sein musste.

»Ist es ein Baby, Matka?«

»Es ist ein kleiner Junge«, sagte seine Mutter und nahm das Kind in ihre Arme. »Wo hast du ihn gefunden?«

»Unten am Fluss, Matka«, sagte er.

»Und die Mutter?«

»Tot.«

Wieder bekreuzigte sie sich.

»Lauf rasch zu deinem Vater und sag ihm, was geschehen ist. Er soll Urszula Wojnak holen, sie ist auf dem Gut; du musst sie beide zu der Mutter führen und nachher hierherbringen.«

Der junge Jäger wischte sich die Hände an der Hose ab, einigermaßen froh darüber, dass er das kleine schlüpfrige Wesen nicht hatte fallen lassen, und lief aus dem Haus, um seinen Vater zu suchen.

Die Mutter schloss mit der Schulter die Tür und rief Florentyna, ihrem ältesten Kind, zu, den Kochtopf auf den Herd zu stellen. Sie selbst setzte sich auf einen Holzschemel, knüpfte die Bluse auf und schob eine müde Brustwarze in den kleinen gespitzten Mund. Ihre jüngste Tochter Sophia, gerade einmal sechs Monate alt, würde heute ohne Nachtessen auskommen müssen. Genau wie die restliche Familie.

»Und wozu?«, fragte die Frau laut und legte ihr Schultertuch um das Kind an ihrer Brust.

»Der arme kleine Wurm wird morgen früh ja doch tot sein.«

Aber als die alte Hebamme Urszula Wojnak spätabends den kleinen Körper wusch und den Stumpf der Nabelschnur versorgte, wiederholte sie diese Worte nicht. Schweigend stand ihr Mann daneben und beobachtete die Szene.

»Wenn ein Gast ins Haus kommt, kommt Gott ins Haus«, sagte die Frau, ein altes polnisches Sprichwort zitierend.

Der Mann spuckte aus. »Zum Teufel mit ihm. Wir haben genug eigene Kinder.«

Die Frau tat so, als hörte sie ihn nicht, während sie das spärliche dunkle Haar auf dem Kopf des Kindes streichelte.

»Wie wollen wir ihn nennen?«, fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Was spielt das für eine Rolle? Er kann auch namenlos begraben werden.«

2

18. April 1906

Boston, Massachusetts

Der Arzt hob das Neugeborene an den Knöcheln hoch und gab ihm Klapse auf den Hintern. Das Baby begann zu schreien.

In Boston, Massachusetts, gibt es eine Klinik, in der vorwiegend diejenigen versorgt werden, die an Wohlstandskrankheiten leiden; in Einzelfällen dürfen die Reichen dort auch Kinder zur Welt bringen. Die Mütter schreien dabei selten und gebären auch nicht vollständig angekleidet.

Vor dem Kreißsaal ging ein junger Mann auf und ab. Drinnen befanden sich zwei Frauenärzte und der Hausarzt. Bei seinem ersten Kind wollte der Vater keine Risiken eingehen; die Frauenärzte würden für ihre Anwesenheit ein stattliches Honorar erhalten. Einer von ihnen – er trug bereits einen Smoking unter dem weißen Kittel – würde zu spät zu einer Dinner-Party kommen, doch dieser speziellen Geburt hier fernzubleiben konnte er sich nicht leisten. Die drei hatten ausgelost, wer das Kind zur Welt bringen würde, und der Hausarzt Dr. MacKenzie hatte gewonnen. Ein solider, verlässlicher Mann, dachte der Vater, während er im Flur auf und ab ging.

Eigentlich hatte er keinen Grund, nervös zu sein. Roberts hatte die Frau des jungen Mannes heute Morgen in ihrer Pferdekutsche ins Krankenhaus gebracht, denn der Doktor hatte ausgerechnet, dass es der achtundzwanzigste Tag des neunten Monats war. Annes Wehen hatten kurz nach dem Frühstück eingesetzt, und man hatte ihm versichert, die Geburt werde bestimmt nicht stattfinden, bevor seine Bank schloss. Der Vater war ein disziplinierter Mann und sah keinen Grund, warum die Ankunft eines Kindes sein wohlorganisiertes Tagesprogramm durcheinanderbringen sollte. Trotzdem ging er weiter auf und ab. Krankenschwestern und junge Ärzte eilten an ihm vorbei, dämpften die Stimmen in seiner Nähe und wurden wieder lauter, wenn sie außer Hörweite waren. Er merkte es gar nicht, weil ihn jedermann ständig so behandelte. Die meisten Krankenhausangestellten kannten ihn nicht persönlich; doch alle wussten, wer er war. Sobald sein Sohn auf der Welt war – nicht einen Moment lang war ihm in den Sinn gekommen, das Kind könnte ein Mädchen sein –, würde er den neuen Kindertrakt bauen, den die Klinik so dringend benötigte. Sein Großvater hatte für die Gemeinde bereits eine Bibliothek und sein Vater eine Schule errichten lassen.

Der künftige Vater versuchte die Abendzeitung zu lesen, doch die Worte ergaben keinen Sinn. Er war nervös, sogar ein klein wenig besorgt. Sie (fast alle Menschen waren für ihn »sie«) konnten nicht wissen, wie bedeutsam es war, dass sein Erstgeborener ein Junge werden musste, ein Junge, der eines Tages seinen Platz als Präsident und Vorstand der Bank einnehmen würde.

Er blätterte im Evening Transcript. Die Boston Red Sox hatten die New York Highlands geschlagen – andere Menschen würden feiern. Dann sah er die Schlagzeile auf der ersten Seite: das schlimmste Erdbeben in der Geschichte Amerikas. Verheerungen in San Francisco, mindestens vierhundert Tote – dort würde man trauern. Das war ihm zuwider. Es würde die Aufmerksamkeit von der Geburt seines Sohnes ablenken, die Menschen würden sich erinnern, dass an diesem Tag noch etwas anderes geschehen war.

Er wandte sich den Finanznachrichten zu und studierte die Börsenberichte – alles war ein paar Punkte gefallen. Dieses verdammte Erdbeben hatte den Wert seiner Anteile an der Bank um hunderttausend Dollar vermindert; da sich sein persönliches Vermögen jedoch komfortablerweise auf mehr als sechzehn Millionen Dollar belief, würde es mehr als ein Erdbeben in Kalifornien brauchen, um auf seiner Richterskala angezeigt zu werden. Schließlich konnte er inzwischen von seinen Zinseszinsen leben, sodass die sechzehn Millionen unangetastet bleiben und auf seinen noch ungeborenen Sohn warten würden. Er ging weiter auf und ab und tat so, als lese er den Transcript.

Der Frauenarzt kam im Smoking durch die Tür des Kreißsaales, um die Neuigkeit zu verkünden. Er hatte das Gefühl, zur Rechtfertigung seines stattlichen Honorars irgendetwas tun zu müssen, überdies war er für die Mitteilung am passendsten gekleidet. Die beiden Männer sahen sich einen Moment lang an. Auch der Arzt war ein wenig nervös, wollte es sich dem Vater gegenüber aber nicht anmerken lassen.

»Ich gratuliere, Sir, Sie haben einen Sohn, einen hübschen, kleinen Sohn.«

Was für dumme Bemerkungen die Menschen machen, wenn ein Kind geboren wird, dachte der Vater; wie sollte es denn sonst sein, wenn nicht klein? Die Neuigkeit war ihm noch nicht ganz ins Bewusstsein gedrungen – ein Sohn. Er dachte darüber nach, sich bei einem Gott zu bedanken, an den er nicht glaubte. Der Frauenarzt riskierte eine Frage, um das Schweigen zu brechen.

»Wissen Sie schon, wie er heißen soll?«

Ohne Zögern antwortete der Vater: »William Lowell Kane.«

3

Lange nachdem sich die Aufregung über das Baby gelegt hatte und die übrige Familie zu Bett gegangen war, blieb die Mutter mit dem Kind im Arm noch wach. Helena Koskiewicz glaubte an das Leben, und sie hatte neun Kinder zur Welt gebracht, um es zu beweisen. Obwohl drei von ihnen noch im Säuglings- oder Kleinkindalter gestorben waren, hatte sie um jedes von ihnen getrauert.

Heute, mit fünfunddreißig Jahren, wusste sie, dass ihr einst so kräftiger Jasio ihr keine Söhne und Töchter mehr schenken würde. Gott hatte ihr dieses Kind hier geschickt, gewiss war es dazu bestimmt zu leben. Helena war eine anspruchslose Frau, was gut war, denn das Schicksal sollte ihr nie mehr als ein einfaches Leben bescheren. Sie war mager und grau, eine Folge von Unterernährung, harter Arbeit und ständigem Geldmangel und sah viel älter aus, als sie war. Nicht ein einziges Mal in ihrem Leben hatte sie ein neues Kleid getragen. Es fiel ihr nicht ein, sich über ihr Los zu beklagen, aber die Furchen in ihrem Gesicht ließen sie eher wie eine Großmutter als eine Mutter aussehen.

Obwohl Helena ihre Brüste fest presste, sodass um die Warzen blassrote Flecken erschienen, traten doch nur kleine Milchtropfen aus. Wir alle haben mit fünfunddreißig, nach einer halben Lebensspanne, nützliche Kenntnisse weiterzugeben; und diejenigen Helena Koskiewiczs waren jetzt besonders wertvoll.

»Matkas Kleinstes«, flüsterte sie zärtlich und fuhr mit der milchigen Brustwarze über den Mund des Kindes. Die Augen öffneten sich, als es zu trinken versuchte. Schließlich versank die Mutter gegen ihren Willen in tiefen Schlaf.

Als Jasio Koskiewicz, ein schwerfälliger, langsamer Mann mit einem üppigen Schnurrbart – das einzige Zeichen der Selbstbehauptung in einer ansonsten servilen Existenz – um fünf Uhr morgens aufstand, fand er seine Frau und das Baby schlafend im Schaukelstuhl vor.

Dass sie in dieser Nacht nicht in ihr Bett gekommen war, hatte er gar nicht mitbekommen.

Er starrte auf den kleinen Kerl, der zum Glück zu wimmern aufgehört hatte. War er bereits tot? Es war ihm gleich. Sollte sich die Frau um Leben und Tod kümmern, er hatte bei Tagesanbruch auf dem Gut des Barons zu sein. Er trank ein paar Schluck Ziegenmilch. Dann nahm er in die eine Hand ein Stück Brot, in die andere seine Fallen und schlich leise aus dem Haus, um das Kind nicht zu wecken, sodass es wieder zu weinen anfing. Ohne an den kleinen Eindringling einen weiteren Gedanken zu verschwenden – außer, dass er ihn vermutlich zum letzten Mal gesehen hatte –, schritt er auf den Wald zu.

Als Nächste kam Florentyna in die Küche, kurz bevor die alte Uhr sechsmal schlug. Die Uhr war nur eine ungefähre Hilfe für jene, die wissen wollten, ob es Zeit war, aufzustehen oder zu Bett zu gehen; schon seit vielen Jahren zeigte sie die ihr genehme Zeit an. Zu Florentynas täglichen Pflichten gehörte das Zubereiten des Frühstücks, an und für sich eine leichte Aufgabe, die nur im Verteilen der Ziegenmilch und eines Laibes Brot an die achtköpfige Familie bestand. Trotzdem erforderte sie salomonische Weisheit, damit sich niemand über eine zu kleine Portion beklagte.

Sah man Florentyna zum ersten Mal, so wirkte sie wie ein hübsches, zartes, etwas schäbiges Mädchen. Dass sie seit drei Jahren nur ein einziges Kleid zum Anziehen hatte, war betrüblich, doch wer das Kind sah und es sich in einer anderen Umgebung vorstellen konnte, verstand, warum sich Jasio in ihre Mutter verliebt hatte. Florentynas langes blondes Haar glänzte, und die haselnussbraunen Augen funkelten, ihrer Herkunft und Umgebung zum Trotz.

Auf Zehenspitzen näherte sie sich dem Schaukelstuhl und schaute ihre Mutter und den kleinen Jungen an, den sie vom ersten Moment an ins Herz geschlossen hatte. Mit ihren acht Jahren hatte sie noch nie eine Puppe besessen. Ja, sie hatte nur ein einziges Mal eine Puppe gesehen, als die Familie zu einer Nikolaus-Feier ins Schloss des Barons eingeladen worden war.

Selbst damals hatte sie den schönen Gegenstand nicht zu berühren gewagt, aber jetzt empfand sie das unerklärliche Verlangen, dieses Baby im Arm zu halten. Sie beugte sich hinab, nahm das Kind auf, schaute ihm in die blauen Augen – so blaue Augen – und begann leise zu summen. Der Wechsel von der Wärme der Mutter zu den kalten Händen des Mädchens ließ das Baby zu schreien anfangen. Das weckte die Mutter, die sich sofort schuldbewusst fühlte, weil sie eingeschlafen war.

»Guter Gott, er lebt noch«, sagte sie zu Florentyna. »Mach das Frühstück für die Jungen, ich will versuchen, ihn noch einmal zu stillen.«

Widerwillig gab ihr Florentyna das Baby und schaute zu, wie die Mutter erneut versuchte, etwas Milch aus ihren schmerzenden Brüsten zu pressen. Das kleine Mädchen war wie gebannt.

»Mach deine Arbeit, Florcia«, schalt die Mutter, »die andern wollen auch was essen.«

Florentyna gehorchte widerstrebend, als die Brüder einer nach dem anderen vom Dachboden kamen, wo sie schliefen. Sie küssten zur Begrüßung die Hände ihrer Mutter und starrten den kleinen Neuankömmling ehrfürchtig an. Sie wussten nur, dass er nicht aus dem Bauch der Mutter gekommen war. Florentyna war zu aufgeregt, um zu frühstücken, also teilten die Brüder ihre Portion unter sich auf und ließen das Frühstück der Mutter auf dem Tisch stehen. Niemand bemerkte, dass sie seit der Ankunft des Babys keinen Bissen gegessen hatte.

Helena Koskiewicz war froh, dass ihre Kinder schon frühzeitig gelernt hatten, sich allein um alles Nötige zu kümmern. Sie wussten, wie man die Tiere fütterte, Kühe und Ziegen molk und den Gemüsegarten betreute, ohne besondere Aufforderung oder Hilfe. Als Jasio abends heimkam, hatte Helena ihm kein Abendbrot gemacht. Florentyna hatte die drei Kaninchen genommen, die ihr Bruder Franck, der Jäger, am Vortag gefangen hatte, und damit begonnen, sie zu häuten. Sie war stolz, für das Essen verantwortlich zu sein; sonst war das nur der Fall, wenn ihre Mutter sich nicht wohlfühlte, und diesen Luxus erlaubte sich Helena selten. Ihr Vater hatte sechs Pilze und drei Kartoffeln mitgebracht; heute Abend würde es ein richtiges Festmahl geben.

Nach dem Essen saß der Vater auf seinem Stuhl neben dem Feuer und sah sich das Baby zum ersten Mal eingehend an. Er hielt es unter den Achseln, stützte mit gespreizten Fingern den kleinen Kopf und taxierte den Säugling mit Kennerblick. An dem faltigen, zahnlosen Wesen waren nur die schönen blauen, wenn auch noch blicklosen Augen bemerkenswert. Als Jasio sich den mageren Körper anschaute, fiel ihm etwas auf. Er machte ein finsteres Gesicht und fuhr mit den Daumen über die zarte Brust.

»Hast du das bemerkt, Frau?«, fragte er und deutete auf den Brustkorb des Babys. »Der kleine Bastard hat nur eine Brustwarze.«

Seine Frau runzelte die Stirn und strich ihrerseits mit dem Daumen über die Haut, als könne sie dadurch die fehlende Brustwarze auf wunderbare Weise herbeizaubern. Ihr Mann hatte recht: Links hatte das Kind eine winzige Brustwarze, doch rechts war die flache Brust glatt und gleichförmig rosa.

Sofort erwachte der Aberglaube der Frau. »Er wurde mir von Gott geschenkt«, rief sie aus, »das ist ein göttliches Mal!«

Ärgerlich gab ihr der Mann das Baby zurück. »Du bist eine Närrin, Helena. Dieses Kind wurde seiner Mutter von einem Mann mit schlechtem Blut gemacht.« Er spuckte ins Feuer, um seinen Worten über die Abstammung des Kindes Nachdruck zu verleihen.

»Jedenfalls würde ich nicht einmal eine Kartoffel darauf verwetten, dass der Bastard noch eine Nacht überlebt.«

Jasio war das Überleben des Kindes sogar gleichgültiger als eine Kartoffel. Er war kein hartherziger Mann, aber schließlich war der Junge nicht sein Kind, und noch ein hungriges Maul würde seine Probleme nur noch vergrößern. Doch würde er sich in den Ratschluss des Allmächtigen fügen, und ohne sich noch weiter mit dem Kind zu beschäftigen, sank er in tiefen Schlaf.

Als die Tage vergingen, begann sogar Jasio Koskiewicz an das Überleben des Kindes zu glauben; hätte er gewettet, er hätte seine Kartoffel verloren. Sein ältester Sohn Franck, der Jäger, baute ein Kinderbettchen aus Holz, das er im Wald des Barons gesammelt hatte. Florentyna nähte dem Baby bunte Kleidung aus kleinen Stoffabschnitten aus ihren eigenen Kleidern. Hätten sie die Bedeutung des Wortes Harlekin gekannt, dann hätten sie den Jungen so genannt. Seit Langem hatte in der Familie nichts so große Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen wie die Frage, wie man das Kind nennen sollte. Nur der Vater enthielt sich einer Äußerung. Schließlich einigte man sich auf Wladek; am folgenden Sonntag wurde der Junge in der Gutskapelle auf den Namen Wladek Koskiewicz getauft. Die Mutter dankte Gott, dass er das junge Leben erhalten hatte, und der Vater fand sich damit ab, ein weiteres Maul stopfen zu müssen.

An diesem Abend gab es zur Feier der Taufe ein kleines Fest, das durch eine Gans vom Gut des Barons bereichert wurde. Die ganze Familie griff herzhaft zu.

Und von diesem Tag an lernte Florentyna, durch neun zu teilen.

4

Anne Kane hatte die ganze Nacht hindurch friedlich geschlafen. Nach einem leichten Frühstück wurde ihr ihr Sohn William von einer Krankenschwester ins Zimmer gebracht. Sie konnte es kaum erwarten, ihn an sich zu drücken.

»Guten Morgen, Mrs. Kane«, sagte die weiß gekleidete Schwester fröhlich, »Zeit, dass das Baby auch sein Frühstück bekommt.«

Anne setzte sich auf und spürte schmerzhaft ihre geschwollenen Brüste. Ihr war klar, dass Verlegenheit als unmütterlich angesehen werden würde, und starrte unverwandt in Williams blaue Augen, die noch blauer waren als die seines Vaters. Sie lächelte zufrieden. Mit ihren einundzwanzig Jahren war ihr bewusst, dass es ihr an nichts fehlte. Als eine geborene Cabot hatte sie in einen Zweig der Familie Lowell hineingeheiratet und nun einen Sohn geliefert, der jene Tradition fortsetzen würde, die ihre alte Schulfreundin Millie Preston in einem Kartengruß so treffend zusammengefasst hatte:

Das ist das gute alte Boston,

Heimat der Bohne und des Stockfischs,

wo die Lowells nur mit den Cabots reden

und die Cabots nur mit Gott.

Anne versuchte eine halbe Stunde lang, sich mit William zu unterhalten, das Echo war allerdings eher gering. Dann brachte ihn die Oberin auf die gleiche effiziente Art und Weise wieder fort, auf die er gekommen war. Heroisch widerstand Anne den Früchten und Süßigkeiten, Mitbringsel von Freunden und Gratulanten, denn sie war fest entschlossen, pünktlich zur Sommersaison wieder in all ihre Kleider zu passen und den ihr zustehenden Platz auf den Seiten der Modezeitschriften wieder einzunehmen. Hatte der Prince de Garonne nicht erklärt, sie sei der einzig schöne Gegenstand in Boston? Ihr langes goldenes Haar, die fein geschnittenen Züge und die schlanke Gestalt erregten in Städten Bewunderung, die sie nie bereist hatte.

Prüfend schaute sie in den Spiegel und war erfreut über das, was sie dort sah: die Leute würden kaum für möglich halten, dass sie die Mutter eines kräftigen Knaben war. Gott sei Dank, dass es ein Junge ist, dachte sie, und verstand zum ersten Mal, wie Anne Boleyn sich gefühlt haben musste.

Sie nahm ein leichtes Mittagessen zu sich, bevor sie sich für die Besucher zurechtmachte, die in regelmäßigen Abständen am Nachmittag aufkreuzen würden. Jene, die während der ersten Tage kommen durften, mussten entweder Familienangehörige oder Mitglieder der besten Familien von Boston sein; den anderen würde man sagen, dass sie noch nicht bereit sei, sie zu empfangen. Doch da Boston diejenige Stadt in Amerika war, in der jeder seinen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie sehr genau kannte, waren irgendwelche unerwarteten Eindringlinge höchst unwahrscheinlich.

In dem Zimmer, in dem Anne allein lag, wäre noch leicht Platz für fünf weitere Betten gewesen, sah man einmal von den Unmengen an Blumen darin ab. Ein zufällig Eintretender hätte sich in einer Gartenausstellung gewähnt, hätte da nicht die junge Mutter aufrecht im Bett gesessen. Anne knipste das elektrische Licht an, das noch ein Novum in Boston war. Ihr Mann hatte abgewartet, bis die Cabots einen Anschluss hatten, was in Folge ganz Boston als orakelhaftes Zeichen dafür wertete, dass elektrischer Strom gesellschaftsfähig war.

Die erste Besucherin war Annes Schwiegermutter, Mrs. Thomas Lowell Kane, nach dem verfrühten Tod ihres Mannes das Oberhaupt der Familie. Die elegante Sechzigerin hatte die Kunst perfektioniert, so in ein Zimmer zu rauschen, dass sie selbst davon tief befriedigt, alle anderen jedoch verwirrt waren. Sie trug ein langes Seidenkleid, das die Knöchel verhüllte; der einzige Mann, der sie je gesehen hatte, war jetzt tot. Sie war immer schlank gewesen. Ihrer häufig geäußerten Ansicht nach deutete eine übergewichtige Frau auf schlechte Ernährung und eine schlechte Kinderstube hin. Heute war sie die älteste lebende Lowell und auch die älteste Kane.

Daher erwartete sie – und man erwartete es von ihr –, dass sie bei jedem bedeutsamen Ereignis die Erste war. War nicht sie es gewesen, die das erste Zusammentreffen von Anne und Richard arrangiert hatte? Mrs. Kane hielt nicht viel auf Liebe. Reichtum, Ansehen und gesellschaftliche Stellung hingegen verstand sie. Liebe war ja schön und gut, aber zumeist nicht von Dauer; die drei letztgenannten Dinge waren es hingegen zweifellos. Sie küsste ihre Schwiegertochter beifällig auf die Stirn. Anne berührte einen Knopf an der Wand, und ein leises Summen ertönte. Das Geräusch überraschte Mrs. Kane, da sie noch nicht überzeugt davon war, dass sich die Elektrizität jemals durchsetzen würde. Die Schwester erschien mit dem Sohn und Erben im Arm. Mrs. Kane musterte ihn prüfend, schnaubte anerkennend und winkte die Schwester fort.

»Gut gemacht, Anne«, sagte sie, als hätte ihre Schwiegertochter einen unbedeutenden Preis bei einer Regatta gewonnen. »Wir sind alle so stolz auf dich.«

Einige Minuten später traf Annes Mutter, Mrs. Edward Cabot, ein. Ihre Erscheinung war jener von Mrs. Kane so ähnlich, dass Leute, die die beiden nur von Weitem sahen, die beiden Damen gelegentlich miteinander verwechselten. Allerdings musste man ihr zugutehalten, dass sie sich wesentlich länger mit ihrem neuen Enkel und ihrer Tochter beschäftigte als Mrs. Kane. Anschließend wurden die Blumen inspiziert.

»Wie nett, dass die Jacksons daran gedacht haben«, murmelte Mrs. Cabot, die andernfalls schockiert gewesen wäre.

Mrs. Kanes Begutachtung geriet flüchtiger, ihr Blick glitt nur über die Blumenpracht, bevor sie sich die Karten der Absender vornahm. Leise murmelte sie die beruhigenden Namen vor sich hin: Adams, Lawrence, Lodge, Higginson. Keine der Großmütter kommentierte die ihnen unbekannten Namen; sie waren beide über das Alter hinaus, etwas Neues oder jemanden Neuen kennenlernen zu wollen. Einigermaßen befriedigt verließen sie gemeinsam das Zimmer: Ein Erbe war geboren und schien, soweit man das beurteilen konnte, zufriedenstellend zu sein. Sie waren beide der Meinung, ihre letzte familiäre Pflicht erfolgreich erfüllt zu haben und sich von nun an in die Rolle von Zuschauerinnen begeben zu dürfen.

Sie irrten sich alle beide.

Anne und Richards engere Freunde und Verwandte kamen am Nachmittag mit Geschenken und guten Wünschen – erstere in Gold und Silber, letztere im knappen Ton der besseren Gesellschaft.

Als nach Bankschluss ihr Mann erschien, war Anne erschöpft.

Er kam seiner Frau etwas weniger steif vor als gewöhnlich. Er hatte zum ersten Mal im Leben zum Lunch ein Glas Champagner getrunken – der alte Amos Kerbes hatte darauf bestanden, und da der ganze Somerset Club zuschaute, konnte er nicht gut ablehnen. In seinem langen schwarzen Gehrock und der Hose mit Nadelstreifen war er gut einen Meter sechsundachtzig groß; sein dunkles, in der Mitte gescheiteltes Haar glänzte im Licht der großen Glühbirne. Die wenigsten hätten sein Alter richtig geschätzt. Jugend war ihm nie sonderlich wichtig gewesen; einige Witzbolde behaupteten sogar, er wäre bereits als Mann mittleren Alters auf die Welt gekommen. Das kümmerte ihn nicht, Substanz und Reputation waren das Einzige, was im Leben zählte. Wieder wurde nach William Lowell Kane geklingelt, und der Vater inspizierte den Kleinen, als prüfe er am Ende eines Banktages den Kontostand. Alles schien in Ordnung. Der Junge hatte zwei Beine, zwei Arme, zehn Finger, zehn Zehen. Richard entdeckte nichts, was ihn später vielleicht in Verlegenheit bringen konnte. Also wurde William wieder fortgeschickt.

»Gestern Abend habe ich dem Direktor von St. Paul telegrafiert«, informierte er seine Frau.

»William ist für September 1918 angemeldet.«

Anne erwiderte nichts darauf. Richard hatte offenbar bereits lange vor der Geburt begonnen, Williams Zukunft zu planen.

»Nun, meine Liebe, ich hoffe, du hast dich vollkommen erholt«, sagte er, der selbst nur die ersten drei Tage seines Lebens im Krankenhaus verbracht hatte.

»Ja – nein – ich glaube«, antwortete seine Frau zögernd und versuchte jede Gefühlsregung zu unterdrücken, von der sie meinte, dass sie ihm möglicherweise missfallen könnte. Er küsste sie leicht auf die Wange und ging ohne ein weiteres Wort. Roberts kutschierte ihn zurück zum Red House, ihrem Familiensitz am Louisburg Square. Mit dem neuen Baby und seinem Kindermädchen, das zum bereits vorhandenen Personal dazukam, würden jetzt neun Mäuler zu füttern sein, aber darüber verschwendete er keinen zweiten Gedanken.

In Anwesenheit all derer, die in Boston etwas zählten, und einiger weniger, die dies nicht taten, erhielt William Lowell Kane in der Protestant Episcopal Cathedral von St. Paul den Segen der Kirche. Bischof Lawrence hielt den Gottesdienst, J. P. Morgan und A. J. Lloyd, beide hoch angesehene Bankleute, sowie Millie Preston, Annes beste Freundin, waren die Taufpaten. Der Bischof träufelte Weihwasser auf Williams Stirn; und sprach die Worte »William Lowell Kane«.

Der Junge gab keinen Ton von sich. Er lernte bereits, wie man sich in seinen Kreisen zu benehmen hatte. Anne dankte Gott für die Geburt eines gesunden Knaben, während Richard den Kopf senkte – er betrachtete den Allmächtigen als nichts weiter als einen externen Buchhalter, dem es oblag, Geburten und Todesfälle der Familie Kane zu erfassen. Trotzdem, vielleicht sollte er lieber auf Nummer sicher gehen und einen zweiten Sohn bekommen – wie die englische Königsfamilie hätte er so einen Erben und einen weiteren in Reserve. Er lächelte seiner Frau zu, hochzufrieden mit ihr.

Zweiter Teil

1923 – 1928