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DAS BUCH

Im malerischen Connecticut liegt Brown Estate, das Anwesen, in dem Parker Brown und ihre drei Freundinnen Emma, Mac und Laurel aufgewachsen sind. Mittlerweile wohnen nicht nur alle vier zusammen dort, sondern richten auf dem Anwesen auch rauschende Feste für die Kunden ihrer Hochzeitsagentur Vows aus.

Neben dem Tagesgeschäft steht bald eine besondere Hochzeit an: Im Dezember wird Mac ihren Verlobten Carter heiraten. Und auch sonst ist es um die Liebe gut bestellt: Emma ist glücklich mit ihrem Jack, und Parkers Bruder Del kündigt an, sein Haus zu verkaufen, um zu seiner Verlobten Laurel nach Brown Estate zu ziehen. Dass für Parker bisher nicht der Richtige dabei war, scheint sie vor lauter Arbeit ganz zu vergessen.

Wenn da nicht Malcolm Kavanaugh wäre. Parker hat den Mechaniker, der für ihre Hochzeitsagentur arbeitet, sogar schon geküsst – allerdings nur, um ihren Bruder zu ärgern. Als sie einen Autounfall hat, kümmert sich Malcolm um sie – und lässt danach nicht mehr locker. Eigentlich, beschließt Parker, habe sie gar keine Zeit, sich mit ihm einzulassen. Aber er versteht es, sich nützlich zu machen, und ist bald ein Teil von Brown Estate. Es gibt allerdings noch ein großes Problem: Malcolms schmerzhafte Vergangenheit, über die er nicht spricht.

Das grandiose Finale des Jahreszeitenzyklus von Nora Roberts!

DIE AUTORIN

Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 400 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 170 Titel waren auf der New-York-Times-Bestsellerliste, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Keedysville, Maryland.

Die ausführliche Biographie und ein umfangreiches Werkverzeichnis der Autorin finden sich am Ende des Romans.

Nora Roberts

Winterwunder

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Katrin Marburger

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Die Originalausgabe HAPPY EVER AFTER

erschien 2010 bei Berkley Books, New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 10/2011

Copyright © 2010 by Nora Roberts

Copyright © 2011 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: Eisele Grafik Design, München

Coverabbildung: Roine Magnusson/GettyImages

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-06393-1
V002

www.heyne.de

Für meine Jungs,

Bruce, Dan, Jason und Logan

Süß sei es, Lieb erflehn, doch süßer, Liebe finden.

William Shakespeare,

Was ihr wollt, III. Akt, 1. Szene

Die Schönheit entspringt der Ordnung.

William King,

The Art of Cookery

Prolog

Die Trauer kam in Wellen, heftig und stoßweise, erschütternd und herzzerreißend. An anderen Tagen schwappten die Wellen langsam und träge, drohten, die Seele zu ertränken.

Gute, liebevolle Menschen behaupteten, die Zeit werde die Wunden heilen. Parker hoffte, dass sie Recht hatten, doch als sie Monate nach dem plötzlichen, schockierenden Tod ihrer Eltern in der Spätsommersonne auf dem Balkon ihres Schlafzimmers stand, rollten die unberechenbaren Wellen immer noch heran.

Sie hatte so viel, rief sie sich in Erinnerung. Ihr Bruder Del, ohne den sie diese Zeit der Trauer vermutlich nicht überlebt hätte, war in dem weiten Meer aus Schock und Kummer ein Fels in der Brandung gewesen. Ihre Freundinnen Mac, Emma und Laurel waren ein Teil ihres Lebens, ein Teil von ihr, und das seit ihrer Kindheit. Sie waren der Klebstoff gewesen, der die Bruchstücke ihrer Welt gekittet und zusammengehalten hatte. Und sie hatte die beständige, rückhaltlose Unterstützung ihrer langjährigen Haushälterin Mrs Grady, ihrer Insel des Trostes.

Sie hatte ihr Zuhause. Die Schönheit und Eleganz des Brownschen Anwesens kamen ihr irgendwie tiefer, klarer vor, seit sie wusste, dass sie ihre Eltern nicht mehr durch die Gärten spazieren sehen würde. Nie wieder würde sie nach unten rennen und ihre Mutter in der Küche finden, wo sie mit Mrs G. lachte, oder hören, wie ihr Vater in seinem Arbeitszimmer ein Geschäft abschloss.

Anstatt zu lernen, auf den Wellen zu reiten, spürte sie, wie sie tiefer und tiefer hinunter ins Dunkel gezogen wurde.

Die Zeit, beschloss sie, musste genutzt, beschleunigt, in Bewegung gebracht werden.

Sie glaubte – hoffte – einen Weg gefunden zu haben, die Zeit nicht nur zu nutzen, sondern in Ehren zu halten, was ihre Eltern ihr geschenkt hatten, und diese Gaben mit der Familie und den Freundinnen zu vereinen.

Produktiv zu sein, dachte sie, als der erste Hauch von würzigem Herbstduft durch die Luft wehte. Die Browns arbeiteten. Sie bauten und produzierten, und sie lehnten sich nie, niemals zurück, um sich auf etwas Erreichtem auszuruhen.

Ihre Eltern hätten von ihr erwartet, dass sie nicht weniger leistete als ihre Vorfahren.

Ihre Freundinnen mochten denken, sie hätte den Verstand verloren, doch sie hatte recherchiert, gerechnet und ein solides Unternehmenskonzept entworfen, ein verlässliches Modell, und mit Dels Hilfe auch einen fairen und vernünftigen Vertrag.

Es war Zeit zu schwimmen, sagte sie sich.

Untergehen würde sie nicht.

Sie ging zurück ins Schlafzimmer und nahm die vier dicken Pakete, die sie auf ihre Frisierkommode gelegt hatte. Bei der Besprechung sollte jede eins bekommen – auch wenn sie ihren Freundinnen nicht gesagt hatte, dass sie zu einer Besprechung kommen würden.

Sie hielt inne und nahm sich einen Augenblick Zeit, um ihr glänzendes braunes Haar zum Pferdeschwanz zurückzubinden. Dann starrte sie sich so in die Augen, bis durch ihre schiere Willenskraft in dem Tiefblau ein Funke aufblitzte.

Sie konnte dafür sorgen, dass es funktionierte. Nein, sie alle konnten dafür sorgen.

Parker musste die anderen nur davon überzeugen.

Unten traf sie auf Mrs Grady, die letzte Hand ans Essen legte.

Die resolute Frau wandte sich vom Herd ab und zwinkerte ihr zu. »Bereit?«

»Zumindest vorbereitet. Ich bin nervös. Ist das albern? Sie sind meine besten Freundinnen.«

»Es ist ein großer Schritt, den du gehen und zu dem du sie auffordern willst. Du wärst eine Idiotin, wenn du nicht ein bisschen nervös wärst.« Mrs Grady trat auf Parker zu und nahm ihr Gesicht zwischen die Hände. »Ich setze auf dich. Geh nur nach draußen. Ich habe ein bisschen was Exklusives gemacht und serviere euch Horsd’œuvres und Wein auf der Terrasse. Meine Mädels sind schließlich erwachsen.«

Das wollte Parker sein, aber, o Gott, in ihr war ein Kind, das sich nach Mama und Papa sehnte, nach dem Trost, der Liebe, der Sicherheit.

Draußen legte sie die Päckchen auf einen Tisch und ging zum Weinkühler, um sich ein Glas einzuschenken.

Dann stand sie da, mit dem Glas in der Hand, und ließ in dem sanfter werdenden Licht den Blick über die Gärten schweifen, bis hin zu dem hübschen kleinen Teich und den Weiden, die sich darin spiegelten.

»Gott! Davon brauch ich unbedingt auch was.«

Mit diesen Worten stürzte Laurel aus dem Haus. Sie trug ihr blondes Haar brutal kurz – ein neuer Look, den sie schon bereute – und steckte noch in der Arbeitskleidung ihres Jobs als Dessert-Chefköchin in einem gehobenen Restaurant.

Laurel verdrehte die hellen blauen Augen, während sie sich Wein einschenkte. »Als ich meinen Dienstplan für unseren Mädelsabend geändert habe, konnte kein Mensch ahnen, dass wir in letzter Minute eine Reservierung zum Mittagessen für zwanzig Personen bekommen würden. Den ganzen Nachmittag war die Küche ein Tollhaus. Mrs G.’s Küche dagegen …« Nachdem sie stundenlang auf den Beinen gewesen war, ließ sie sich aufstöhnend auf einen Stuhl sinken. »Eine Oase der Ruhe, in der es himmlisch duftet. Was gibt’s zu essen?«

»Ich habe nicht gefragt.«

»Macht nichts.« Laurel winkte ab. »Aber wenn Emma und Mac zu spät kommen, fange ich ohne sie an.« Ihr Blick fiel auf Parkers Päckchen. »Was ist das?«

»Etwas, womit ich nicht ohne Mac und Emma anfangen kann. Laurel, möchtest du zurück nach New York?«

Über den Rand ihres Glases musterte Laurel die Freundin. »Schmeißt du mich raus?«

»Eigentlich will ich nur wissen, was du willst. Ob du zufrieden bist, so wie es jetzt ist. Du bist meinetwegen wieder hergezogen, nach dem Unfall, und …«

»Ich lebe von einem Tag zum anderen und entscheide spontan. Im Moment ist es okay für mich, keine Pläne zu haben. Gut?«

»Hm …« Parker brach ab, da Mac und Emma gemeinsam lachend aus dem Haus kamen.

Emma, dachte sie, so schön mit ihrer wahnsinnigen Lockenpracht und den dunklen, exotischen Augen, die vor Freude strahlten. Und Mac – groß und schlank in Jeans und schwarzer Bluse, leuchtend rotes Haar, das in Büscheln abstand, grüne Augen, in denen der Schalk blitzte.

»Worüber lacht ihr?«, wollte Laurel wissen.

»Männer.« Mac stellte die Teller mit Brie en croûte und Spinat-Torteletts ab, die Mrs Grady ihr auf dem Weg durch die Küche in die Hand gedrückt hatte. »Die beiden, die dachten, sie könnten sich im Armdrücken um Emma messen.«

»Es war irgendwie süß«, meinte Emma. »Zwei Brüder, die in den Laden kamen, um ihrer Mutter zum Geburtstag Blumen zu kaufen. Dann führte eins zum anderen.«

»Ins Fotostudio kommen auch die ganze Zeit Typen.« Mac nahm sich eine gezuckerte blaue Traube aus der Schüssel, die schon auf dem Tisch stand, und ließ sie sich direkt in den Mund fallen. »Aber ich habe noch nie erlebt, dass zwei davon sich für ein Date mit mir im Armdrücken messen.«

»Manches ändert sich nie«, stellte Laurel fest und prostete Emma zu.

»Manches doch«, sagte Parker. Sie musste anfangen, musste die Sache angehen. »Deshalb habe ich euch auch heute Abend hergebeten.«

Emma, die gerade zum Brie greifen wollte, hielt inne. »Ist was passiert?«

»Nein. Aber ich wollte mit euch allen zusammen sprechen.« Entschlossen schenkte Parker auch Mac und Emma Wein ein. »Setzen wir uns.«

»Ah-oh«, murmelte Mac.

»Kein Ah-oh«, versicherte Parker. »Zuerst will ich sagen, dass ich euch alle sehr lieb habe. Das war schon immer so und wird auch immer so sein. Wir haben so viel miteinander erlebt, Schönes und Schweres. Und als es für mich am schlimmsten war, wusste ich, dass ihr da sein würdet.«

»Wir sind alle füreinander da.« Emma beugte sich vor und legte die Hand auf die von Parker. »Ist doch normal, wenn man befreundet ist.«

»Ja. Trotzdem sollt ihr wissen, wie viel ihr mir bedeutet, und noch was: Wenn eine von euch, aus welchem Grund auch immer, nicht ausprobieren will, was ich euch gleich vorschlage, ändert sich dadurch nichts zwischen uns.«

Sie hob die Hand, bevor jemand etwas sagen konnte. »Lasst mich so anfangen. Emma, du hättest eines Tages gern deinen eigenen Floristikbetrieb, oder?«

»Das war immer mein Traum. Ich meine, ich arbeite gern in dem Laden, und der Chef lässt mir viel Freiraum. Trotzdem hoffe ich, dass ich irgendwann meinen eigenen Betrieb habe. Aber …«

»Noch kein Aber. Mac, du bist zu begabt und zu kreativ, um jeden Tag nur Passbilder und gestellte Kinderfotos zu machen.«

»Mein Talent kennt keine Grenzen«, flachste Mac, »aber man muss ja was zu beißen haben.«

»Du hättest lieber dein eigenes Fotostudio.«

»Ich hätte auch lieber, dass Justin Timberlake sich meinetwegen mit Ashton Kutcher im Armdrücken anlegt, aber das ist ebenso unwahrscheinlich.«

»Laurel, du hast in Paris und New York gelernt, um Chefkonditorin zu werden.«

»Eine Chefkonditorin, die weltweit ihresgleichen sucht.«

»Und du gibst dich damit zufrieden, im Willows zu arbeiten.«

Laurel schluckte ein Stück von ihrem Spinat-Tortelett hinunter. »Na ja …«

»Zum Teil liegt das daran, dass du für mich da sein wolltest, nachdem Del und ich unsere Eltern verloren hatten. Ich habe studiert«, fuhr Parker fort, »mit dem Ziel, eines Tages einen eigenen Betrieb zu leiten. Ich hatte schon immer eine Idee, was für ein Betrieb das sein sollte, aber es kam mir wie ein Hirngespinst vor. Über das ich nie mit einer von euch gesprochen habe. Doch in den letzten Monaten scheint das Ganze greifbarer und realistischer geworden zu sein.«

»Um Himmels willen, Parker, was ist es?«, wollte Laurel wissen.

»Ich möchte, dass wir gemeinsam ein Geschäft gründen. Wir vier, wobei jede von uns ihren eigenen Bereich leitet – ganz nach ihren Interessen und ihrem Können, aber trotzdem sozusagen unter einem Dach.«

»Ein Geschäft gründen?«

»Wisst ihr noch, wie wir früher Heiraten gespielt haben? Wie wir alle abwechselnd verschiedene Rollen übernommen, Kostüme angezogen und Themenhochzeiten geplant haben?«

»Am liebsten habe ich Harold geheiratet.« Mac lächelte beim Gedanken an den Familienhund der Browns, der schon lange tot war. »Er sah so gut aus und war so treu.«

»Das könnten wir in echt tun – aus dem Heiraten spielen ein Geschäft machen.«

»Kleine Mädchen mit Kostümen, Cupcakes und geduldigen Hunden versorgen?«, erkundigte sich Laurel.

»Nein, aber ein einzigartiges, wundervolles Ambiente bieten. Dieses Haus, dieses Anwesen, fantastische Torten und Gebäck, zum Heulen schöne Blumensträuße und Gestecke, umwerfende, kreative Fotos – und meinerseits jemanden, der sich um jedes Detail kümmert, durch das eine Hochzeit oder sonstige bedeutende Feier zum perfektesten Tag im Leben der Kunden wird.«

Parker holte zwischendurch kaum Luft. »Durch meine Eltern habe ich schon unzählige Kontakte. Zu Caterern, Weinhändlern, Vermietern von Luxuslimousinen, Frisier- und Kosmetiksalons – alles Mögliche. Und was ich nicht habe, bekomme ich noch. Also eine Hochzeits- und Veranstaltungsagentur mit uns vieren als gleichberechtigten Geschäftspartnerinnen.«

»Eine Hochzeitsagentur.« Emma bekam ganz verträumte Augen. »Das klingt wundervoll, aber wie können wir …«

»Ich habe ein Unternehmenskonzept, ich habe Zahlen und Fakten und Antworten auf juristische Fragen, falls ihr welche habt. Del hat mir geholfen, alles auszuarbeiten.«

»Er ist einverstanden?«, fragte Laurel. »Delaney ist damit einverstanden, dass du aus dem Anwesen, aus eurem Zuhause, ein Geschäft machst?«

»Er steht voll und ganz hinter mir. Und sein Freund Jack ist bereit zu helfen, das Poolhaus in ein Fotostudio mit darüber liegender Wohnung umzubauen und das Gästehaus in einen Blumenladen mit angrenzendem Appartement. Die Behelfsküche hier können wir zu deinem Arbeitsbereich machen, Laurel.«

»Wir würden hier leben, auf dem Anwesen?«

»Ihr hättet die Möglichkeit«, erklärte Parker auf Macs Frage. »Eine Hochzeitsagentur bedeutet viel Arbeit, und es wäre effizienter, wenn wir alle direkt vor Ort wohnen würden. Ich zeige euch die Zahlen, das Konzept, die Umsatzprognosen, die verschiedenen Aufgaben. Aber das alles hat keinen Sinn, wenn einer von euch das Grundkonzept nicht zusagt. Und wenn dem so ist, na ja, dann versuche ich, euch zu überreden«, ergänzte Parker lachend. »Wenn ihr es dann immer noch nicht mögt, gebe ich auf.«

»Das glaubst du doch selbst nicht.« Laurel fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar. »Wie lange hast du schon daran gebastelt?«

»Ernsthaft? Aktiv? Ungefähr drei Monate. Ich musste mit Del sprechen, und mit Mrs G. – ohne ihre Unterstützung würde das Ganze nie funktionieren. Aber ich wollte erst alles fertig haben, bevor ich euch damit bombardiere. Es ist ein Geschäft«, sagte Parker. »Es wäre unser Geschäft, also müsste es auch von Grund auf als solches angelegt werden.«

»Unser Geschäft«, wiederholte Emma. »Hochzeiten. Gibt es was Glücklicheres als eine Hochzeit?«

»Oder was Durchgeknallteres?«, warf Laurel ein.

»Mit Durchgeknalltem kommen wir vier schon klar. Parks?« Macs Grübchen zuckten, als sie die Hand ausstreckte. »Ich bin voll dabei.«

»Du kannst nicht zusagen, ohne das Konzept und die Zahlen zu kennen.«

»Doch, kann ich«, widersprach Mac. »Ich will das.«

»Ich auch.« Emma legte die Hand auf Parkers und Macs.

Laurel atmete tief ein und hielt die Luft an. Atmete wieder aus. »Damit sind wir uns wohl einig.« Und sie legte die Hand auf die der Freundinnen. »Wir schmeißen hammermäßige Hochzeiten.«

1

Die Chaosbraut rief morgens um fünf Uhr achtundzwanzig an.

»Ich hatte einen Traum«, berichtete sie Parker, die mit ihrem BlackBerry im Dunkeln lag.

»Einen Traum?«

»Einen irren Traum. So real, so eindringlich, so bunt und voller Leben! Ich bin sicher, das hat etwas zu bedeuten. Ich rufe gleich meine Hellseherin an, aber ich wollte zuerst mit Ihnen darüber sprechen.«

»Okay.« Mit geübtem Griff dimmte Parker ihre Nachttischlampe herunter. »Worum ging es in dem Traum, Sabina?«, fragte sie, während sie Block und Stift nahm, die neben der Lampe bereitlagen.

»Um Alice im Wunderland.«

»Sie haben von Alice im Wunderland geträumt?«

»Genauer gesagt von der Teegesellschaft beim verrückten Hutmacher.«

»Disney oder Tim Burton?«

»Was?«

»Nichts.« Parker schüttelte ihr Haar zurück und notierte sich Stichpunkte. »Erzählen Sie weiter.«

»Also, es gab Musik und ein großes Festmahl. Ich war Alice, aber ich hatte mein Brautkleid an, und Chase einen Stresemann, in dem er einfach umwerfend aussah. Die Blumen, oh, die waren fantastisch, und sie haben alle gesungen und getanzt. Alle waren so glücklich, haben uns zugeprostet und applaudiert. Angelica war als Rote Königin angezogen und hat Flöte gespielt.«

Parker notierte sich EBJ für Angelica, die Erste Brautjungfer, und schrieb dann weitere Teilnehmer der Hochzeitsgesellschaft auf. Den Trauzeugen des Bräutigams als weißes Kaninchen, die Mutter des Bräutigams als Grinsekatze, den Brautvater als Märzhase.

Sie fragte sich, was Sabina vor dem Schlafengehen wohl gegessen, getrunken oder geraucht hatte.

»Ist das nicht faszinierend, Parker?«

»Auf jeden Fall.« Genau wie das Muster der Teeblätter, das über die Farben der Braut entschieden hatte, das Tarot-Orakel, durch welches das Ziel für die Flitterwochen vorausgesagt worden war, die Numerologie, die einen Hinweis auf das einzig mögliche Hochzeitsdatum gegeben hatte.

»Ich denke, vielleicht sagen mir mein Unterbewusstsein und das Schicksal, dass ich eine Hochzeit mit dem Thema Alice im Wunderland feiern sollte. Mit Kostümen.«

Parker schloss die Augen. Zwar hätte sie sofort zugestimmt, dass die Teegesellschaft des verrückten Hutmachers wie die Faust aufs Auge zu Sabina passte, doch bis zur Feier waren es nicht einmal mehr zwei Wochen, und die Dekoration, die Blumen, die Torte und die Desserts, die Speisenfolge – alles nur Denkbare war bereits festgelegt.

»Hm«, sagte Parker, um sich einen Augenblick Zeit zum Überlegen zu verschaffen. »Das ist eine interessante Idee.«

»Der Traum …«

» … sagt mir«, fiel Parker der Braut ins Wort, »dass Sie mit der feierlichen, magischen, märchenhaften Atmosphäre, für die Sie sich bereits entschieden haben, vollkommen richtig liegen.«

»Wirklich?«

»Aber ja. Der Traum zeigt mir, dass Sie aufgeregt und glücklich sind und Ihren großen Tag kaum erwarten können. Denken Sie daran, die Teegesellschaft bei dem verrückten Hutmacher fand jeden Tag statt. Der Traum sagt Ihnen, dass jeder Tag Ihres Lebens mit Chase ein Fest sein wird.«

»Oh! Natürlich!«

»Und, Sabina, wenn Sie am Tag Ihrer Hochzeit in der Suite der Braut vor den Spiegeln stehen, sehen Sie darin sich selbst – jung, abenteuerlustig und glücklich wie Alice.«

Mann, ich bin gut, dachte Parker, als die Chaosbraut seufzte.

»Sie haben Recht. Sie haben vollkommen Recht. Ich bin so froh, dass ich Sie angerufen habe. Ich wusste, Sie würden wissen, was das bedeutet.«

»Dafür sind wir da. Es wird eine schöne Hochzeit, Sabina. Ihr perfekter Tag.«

Nachdem sie eingehängt hatte, legte Parker sich für einen Augenblick wieder aufs Bett, doch als sie die Augen schloss, flimmerte vor ihrem inneren Auge wie wahnsinnig die Disney-Version der Teegesellschaft beim verrückten Hutmacher vorüber.

Resigniert stand sie auf und ging quer durch den Raum, der einst das Schlafzimmer ihrer Eltern gewesen war, zu den Fenstertüren, die auf den Balkon hinausführten. Sie öffnete sie, um die frische Morgenluft hereinzulassen, und atmete in der frühen Dämmerung tief durch, während die Sonne gerade eben über den Horizont lugte.

Die letzten Sterne verloschen blinzelnd in einer Welt, die so perfekt, so wunderbar still war, als hätte sie den Atem angehalten.

Das Positive an Chaosbräuten und dergleichen war dieses Wachsein schon vor Tagesanbruch, wenn es war, als ob sich außer ihr noch nichts und niemand regte. Nichts und niemand außer ihr genoss diesen Augenblick, in dem die Nacht ihre Fackel an den Tag übergab und das silbrige Licht perlmuttern schimmerte, bevor es sich, wenn die Welt weiteratmete, in zartes, glänzendes Gold verwandelte.

Sie ließ die Türen offen, als sie zurück ins Zimmer ging. Mit einem Band, das sie dem Kästchen aus gehämmertem Silber auf ihrer Frisierkommode entnahm, band sie sich das Haar zum Pferdeschwanz zurück. Dann vertauschte sie das Nachthemd mit halblanger Yogahose und Support-Top und suchte sich im Schuhregal ihres penibel geordneten Ankleidezimmers – Abteilung Freizeitklamotten – ein Paar Laufschuhe aus.

Sie hakte ihren BlackBerry am Hosenbund fest, stöpselte die Kopfhörer ein und begab sich schnurstracks in den hauseigenen Fitnessraum.

Dort knipste sie das Licht an, schaltete auf dem Flachbildschirm die Nachrichten ein und hörte mit halbem Ohr zu, während sie kurz ein paar Dehnübungen machte.

Dann stellte sie den Elliptical Trainer für ihr übliches Fünf-Kilometer-Programm ein.

Als sie fast einen Kilometer geschafft hatte, lächelte sie.

Gott, sie liebte ihre Arbeit. Liebte die Chaosbräute, die sentimentalen Bräute, die pedantischen Bräute, sogar die Monsterbräute.

Sie liebte die Details und die verschiedenen Ansprüche, die Hoffnungen und Träume, liebte es, dass immer wieder Paare zur Bekräftigung ihrer Liebe Ja zueinander sagten und sie ihnen helfen konnte, ihren großen Tag ganz persönlich zu gestalten.

Niemand machte das besser als Vows, die Hochzeitsagentur, die sie zusammen mit ihren Freundinnen Mac, Emma und Laurel führte.

Was sie eines späten Sommerabends in Angriff genommen hatten, war heute alles für sie – mehr, als sie je für möglich gehalten hätten.

Und nun, dachte Parker mit noch breiterem Lächeln, planten sie die Hochzeiten ihrer Freundinnen: Mac würde im Dezember heiraten, Emma im April und Laurel im Juni.

Jetzt waren ihre Freundinnen die Bräute, und sie konnte es kaum erwarten, sich tiefer in die Details zu knien.

Mac und Carter – traditionelle Hochzeit mit künstlerischen Elementen. Emma und Jack – Romantik, Romantik und nochmals Romantik. Laurel und Del (Himmel, ihr Bruder heiratete ihre beste Freundin!) – moderne Eleganz.

Oh, sie hatte Ideen.

Als sie drei Kilometer geschafft hatte, kam Laurel herein.

»Lichterketten. Eine ganze Flut, kilometerweise, ganze Ströme von Lichterketten, überall im Garten, in den Weidenbäumen und Lauben, an der Pergola.«

Laurel blinzelte und gähnte. »Hm?«

»Deine Hochzeit. Romantisch, elegant, überschwänglich, aber nicht überladen.«

»Hm.« Laurel, die ihr blondes Haar mit Clips hochgesteckt hatte, stieg auf das Gerät neben Parkers. »Ich gewöhne mich gerade erst daran, verlobt zu sein.«

»Ich weiß, was dir gefällt. Ich habe eine grobe Übersicht erstellt.«

»Natürlich hast du das.« Doch Laurel lächelte. »Wie weit bist du?« Sie reckte den Hals und las die Anzeige an Parkers Trainingsgerät ab. »Mist! Wer hat angerufen, und wann?«

»Chaosbraut. Kurz vor halb sechs. Sie hatte einen Traum.«

»Wenn du mir jetzt sagst, sie hat von einem neuen Design für die Torte geträumt, dann …«

»Keine Angst. Ich habe alles geregelt.«

»Wie konnte ich daran zweifeln?« Nach ihren lockeren Aufwärmübungen fiel Laurel mit Parker in Gleichschritt. »Del bietet sein Haus zum Verkauf an.«

»Was? Wann?«

»Na ja, nachdem er mit dir darüber gesprochen hat. Aber da du und ich nun einmal hier sind, erzähle ich dir als Erste davon. Wir haben gestern Abend darüber geredet – heute Abend kommt er übrigens aus Chicago zurück. Also … er würde wieder hier einziehen, wenn es dir recht ist.«

»Erstens gehört das Haus ebenso gut ihm wie mir. Und zweitens bleibst du hier.« Parkers Augen brannten und glänzten verdächtig. »Du bleibst hier«, wiederholte sie. »Ich wollte dich nicht drängen, und ich weiß, dass Del ein großes Haus hat, aber – o Gott, Laurel, ich wollte nicht, dass du ausziehst. Und jetzt tust du es auch nicht.«

»Ich liebe Del so sehr, dass ich vielleicht die nächste Chaosbraut werde, aber ich wollte auch nicht ausziehen. Mein Flügel ist mehr als groß genug, er ist praktisch ein eigenes Haus. Und Del liebt dieses Haus ebenso sehr wie du, wie wir alle.«

»Del kommt nach Hause«, murmelte Parker.

Ihre Familie, dachte sie, alle, die sie liebte und schätzte, würden bald zusammen sein. Und das war es, was ein Zuhause ausmachte.

Um acht Uhr neunundfünfzig war Parker fertig angezogen. Sie trug ein figurbetontes Kostüm von der Farbe reifer Auberginen und eine frische weiße Bluse mit einer kleinen Rüsche. Exakt fünfundfünfzig Minuten verbrachte sie damit, E-Mails, Briefe und Anrufe zu beantworten, die Aufzeichnungen in verschiedenen Kundenakten zu aktualisieren, Lieferungen zu überprüfen und mit den Lieferanten über Aufträge für zukünftige Veranstaltungen zu sprechen.

Um Punkt zehn begab sie sich aus ihrem Büro im zweiten Stock zum ersten Ortstermin des Tages.

Über die potenzielle Kundschaft hatte sie bereits Erkundigungen eingezogen. Die Braut, Deeanne Hagar, war eine regionale Künstlerin, deren Bilder von Fantasy-Traumwelten auf Poster und Grußkarten gedruckt wurden. Der Bräutigam, Wyatt Culpepper, war Landschaftsgestalter. Beide stammten aus altem Geldadel, Finanz- beziehungsweise Immobilienbranche, und beide waren das jeweils jüngste Kind zweimal geschiedener Eltern.

Durch nur minimale Recherche hatte sie herausgefunden, dass das frisch verlobte Paar sich auf einem Umweltfest kennengelernt hatte, dass beide Bluegrass-Musik liebten und gern reisten.

Weitere Informationsnuggets, die sie geschürft hatte, stammten von Internetseiten, von Facebook, aus Interviews in Zeitungen und Magazinen sowie von Freunden von Freunden von Freunden. Aufgrund dieses Vorwissens hatte sie bereits entschieden, wie sie diese Kennenlerntour, an der auch beide Mütter teilnehmen würden, gestalten wollte.

Auf ihrem raschen Gang durch die Hauptetage musterte sie verschiedene Bereiche und war sehr zufrieden mit Emmas romantischem Blumenschmuck.

Sie eilte in die Familienküche, wo – wie erwartet – Mrs Grady gerade letzte Hand ans Kaffeetablett anlegte, auf dem auch der von Parker gewünschte eisgekühlte Sonnentee und ein Teller mit frischem Obst standen.

»Sieht perfekt aus, Mrs G.«

»Ist alles fertig, wenn du es auch bist.«

»Kommen Sie, stellen wir das Ganze in den Salon. Wenn die Kunden sofort mit der Tour beginnen wollen, bringen wir es vielleicht raus. Es ist schön draußen.«

Parker wollte mit anfassen, doch Mrs Grady winkte ab. »Geht schon. Ich habe gerade gemerkt, dass ich die erste Stiefmutter der Braut kenne.«

»Wirklich?«

»Hat’s nicht lange ausgehalten, oder?« Mit flinken Bewegungen stellte Mrs Grady die Tabletts auf einen Servierwagen. »Den zweiten Hochzeitstag hat sie nicht mehr geschafft, wenn ich mich recht erinnere. Hübsche Frau, und ganz nett. Etwas unterbelichtet, aber herzensgut.« Energisch strich Mrs Grady mit den Fingerspitzen über ihre Latzschürze. »Sie hat wieder geheiratet – irgendeinen Spanier – und ist nach Barcelona gezogen.«

»Ich weiß gar nicht, warum ich Zeit mit der Internetrecherche verschwendet habe, wo ich doch nur Sie zu fragen brauche.«

»Hättest du das getan, dann hätte ich dir gesagt, dass Macs Mutter mit dem Ehemann mal was laufen hatte, zwischen dessen Ehefrau Nummer zwei und drei.«

»Linda? Das überrascht mich nicht.«

»Na ja, wir können alle froh sein, dass daraus nichts geworden ist. Die Bilder der jungen Frau gefallen mir«, fügte Mrs Grady hinzu, während sie den Wagen zum Salon rollten.

»Sie haben welche gesehen?«

Mrs Grady zwinkerte. »Du bist nicht die Einzige, die mit dem Internet umgehen kann. Da klingelt es. Also los. Angel uns neue Kunden.«

»Hab ich vor.«

Parkers erster Gedanke war, dass die Braut mit den grünen Mandelaugen und der goldroten Haarflut, die ihr bis zur Taille reichte, aussah wie die Hollywoodversion einer Fantasykünstlerin. Der zweite war, was für eine schöne Braut Deeanne abgeben würde – unmittelbar gefolgt von dem Gedanken, wie gern sie daran beteiligt sein wollte.

»Guten Morgen. Willkommen bei Vows. Ich bin Parker.«

»Brown, nicht wahr?« Wyatt streckte ihr die Hand hin. »Ich will nur sagen, ich weiß nicht, wer Ihre Gärten gestaltet hat, aber da waren Genies am Werk. Und ich wünschte, ich wäre es gewesen.«

»Vielen herzlichen Dank. Bitte, kommen Sie herein.«

»Meine Mutter, Patricia Ferrell. Deeannes Mutter, Karen Bliss.«

»Ich freue mich, Sie alle kennenzulernen.« Parker machte eine rasche Bestandsaufnahme. Wyatt führte das Wort, aber charmant – und alle drei Frauen überließen es ihm. »Setzen wir uns doch kurz in den Salon und machen uns miteinander bekannt.«

Doch Deeanne spazierte bereits im geräumigen Foyer herum und begutachtete das elegante Treppenhaus. »Ich dachte, hier drin wäre es spießig. Ich dachte, es würde sich spießig anfühlen.« Sie wandte sich wieder um, so dass ihr hübscher Sommerrock wehte. »Ich habe mir Ihre Webseite angeschaut. Alles sah perfekt und schön aus. Aber ich dachte, nein, zu perfekt. Ich bin immer noch nicht sicher, ob es nicht zu perfekt ist, aber spießig ist es nicht. Nicht im Geringsten.«

»Was meine Tochter auch wesentlich kürzer hätte ausdrücken können, Ms Brown, ist, dass Sie ein wunderschönes Zuhause haben.«

»Parker«, wiederholte Parker, »und vielen Dank, Mrs Bliss. Kaffee?«, bot sie an. »Oder eisgekühlten Sonnentee?«

»Könnten wir uns zuerst ein bisschen umschauen?«, erkundigte sich Deeanne. »Vor allem draußen. Wyatt und ich wünschen uns nämlich eine Hochzeit im Freien.«

»Dann fangen wir doch draußen an und kehren später hierher zurück. Sie haben den kommenden September ins Auge gefasst«, fuhr Parker fort, während sie auf die Tür zuging, die auf die seitliche Terrasse hinausführte.

»Ja, in genau einem Jahr. Deshalb schauen wir uns jetzt Locations an, damit wir sehen, wie die Landschaft, die Gärten, das Licht um diese Jahreszeit aussehen.«

»Wir haben verschiedene Bereiche, die sich für eine Hochzeit im Freien eignen. Am beliebtesten, vor allem für größere Feiern, ist die Westterrasse mit der Pergola. Aber …«

»Aber?«, echote Wyatt, während sie ums Haus herumgingen.

»Wenn ich Sie beide sehe, kommt mir eine etwas andere Möglichkeit in den Sinn. Etwas, das wir hin und wieder machen. Der Teich«, sagte Parker, als sie hinter dem Haus ankamen. »Die Weiden, die geschwungenen Rasenflächen. Ich sehe eine blumenübersäte Laube vor mir und lange weiße Läufer, die wie ein Fluss zwischen ebenfalls weißen und mit Blumen geschmückten Stühlen liegen. Das Ganze spiegelt sich im Wasser des Teichs. Überall Blumengestecke, aber nichts Steifes, eher natürliche Arrangements. Bauerngartenblumen, aber in Hülle und Fülle. Meine Geschäftspartnerin Emmaline, die unseren Blumenschmuck entwirft, ist eine Künstlerin.«

Deeannes Augen begannen zu leuchten. »Was ich im Internet von ihr gesehen habe, hat mir sehr gefallen.«

»Sie können direkt mit ihr sprechen, wenn Sie sich entscheiden, Ihre Hochzeit bei uns zu feiern, oder sogar schon, wenn Sie es nur in Erwägung ziehen. Ich sehe auch funkelnde Lichterketten vor mir, flackernde Kerzen. Alles ganz natürlich, organisch – aber verschwenderisch und strahlend. Titanias Gartenlaube. Sie tragen etwas Fließendes«, sagte Parker zu Deanne. »Etwas Feenhaftes, mit offenem Haar. Keinen Schleier, sondern Blumen in Ihrem Haar.«

»Ja. Sie sind sehr gut, oder?«

»Das ist unsere Aufgabe. Den Tag so auf Sie maßzuschneidern, dass er widerspiegelt, was Sie sich am meisten wünschen, wer Sie sind, jeder für sich und beide füreinander. Sie wollen es nicht förmlich, sondern sanft und verträumt. Weder zeitgenössisch noch altmodisch. Sie wollen etwas, das Sie sind, und wenn Sie zum Altar schreiten, soll ein Bluegrass-Trio spielen.«

»Never Ending Song Of Love«, warf Wyatt grinsend ein. »Haben wir schon ausgesucht. Wird Ihre Blumenkünstlerin mit uns zusammenarbeiten, nicht nur in Sachen Hochzeitsdekoration, sondern auch bei den Sträußen und all dem?«

»Bei jedem einzelnen Schritt. Alles dreht sich nur um Sie und darum, den perfekten – oder sogar zu perfekten Tag für Sie zu gestalten«, sagte Parker mit einem Lächeln für Deeanne.

»Der Teich gefällt mir sehr«, murmelte Deeanne, als sie sich von der Terrasse aus umschauten. »Mir gefällt das Bild, das Sie gerade in meinem Kopf gemalt haben.«

»Weil es dir entspricht, Liebes.« Karen Bliss nahm die Hand ihrer Tochter. »Das bist ganz du.«

»Tanz auf dem Rasen?« Wyatts Mutter warf einen Blick herüber. »Auch ich habe mir die Webseite angesehen, und ich weiß, dass Sie einen fantastischen Ballsaal haben. Aber vielleicht könnte auch hier draußen getanzt werden.«

»Auf jeden Fall. Entweder, oder. Auch beides wäre möglich, ganz wie Sie wollen. Wenn Sie interessiert sind, können wir einen Termin für eine komplette Beratung vereinbaren, zusammen mit meinen Partnerinnen. Dabei könnten wir diese Punkte und weitere Details besprechen.«

»Was hältst du davon, wenn wir uns auch den Rest noch anschauen?« Wyatt beugte sich hinab, um Deeanne auf die Schläfe zu küssen.

Um halb fünf saß Parker wieder an ihrem Schreibtisch und überarbeitete Tabellen, Diagramme und Terminpläne. Als Zugeständnis daran, dass dies für heute die letzten Arbeiten waren, hing ihre Kostümjacke über ihrer Stuhllehne, und ihre Schuhe standen unter dem Schreibtisch.

Sie rechnete damit, noch eine weitere Stunde mit dem Papierkram zu tun zu haben, womit der Tag ihr herrlich locker vorkam. Der Rest der Woche versprach wahnsinnig stressig zu werden, doch mit einem bisschen Glück würde sie heute gegen sechs bequeme Klamotten anziehen, sich ein Glas Wein gönnen und sich sogar hinsetzen können, um etwas zu essen.

»Hm?«, sagte sie, als es an ihrem Türrahmen klopfte.

»Hast du einen Moment Zeit?«, fragte Mac.

»Sogar mehrere. Du kannst einen haben.« Parker schwang auf ihrem Drehstuhl herum, als Mac zwei Einkaufstüten hereinschleppte. »Ich habe dich heute Morgen im Fitnessraum vermisst, aber ich sehe, dass du weiter Gewichtheben trainiert hast.«

Grinsend beugte Mac den Arm. »Ziemlich gut, was?«

»Du bist ein Muskelprotz, Elliot. Bis zum Hochzeitstag hast du echt Wahnsinnsarme.«

Mac sank auf einen Stuhl. »Ich muss doch dem Kleid gerecht werden, das du für mich gefunden hast. Hör mal, ich habe geschworen, dass ich weder die Chaosbraut noch die Heulbraut noch irgendeine andere nervige Braut werde, aber bald ist es so weit, und ich brauche einfach etwas Zuspruch von der Göttin aller Hochzeitsplanerinnen.«

»Alles wird perfekt und genau richtig.«

»Ich habe meine Meinung noch mal geändert, welche Musik ich für den ersten Tanz will.«

»Das macht nichts. Das kannst du noch bis zum Countdown ändern.«

»Aber es ist symptomatisch, Parks. Ich kann nicht mal bei etwas so Banalem wie einem blöden Musikstück bleiben.«

»Es ist ein wichtiges Stück.«

»Nimmt Carter Tanzstunden?«

Parker machte große Augen. »Warum fragst du mich das?«

»Ich wusste es! Gott, das ist so süß. Du hast Carter dazu gebracht, Tanzstunden zu nehmen, damit er mir bei unserem ersten Tanz nicht auf die Füße tritt.«

»Carter hat mich gebeten, das zu arrangieren – als Überraschung. Also verdirb sie ihm nicht.«

»Das macht mich ganz gefühlsduselig.« Macs Schultern hoben und senkten sich mit ihrem glücklichen Seufzer. »Vielleicht kann ich bei keiner Entscheidung bleiben, weil ich ständig gefühlsduselig werde. Aber egal. Heute Nachmittag hatte ich dieses externe Shooting.«

»Wie ist es gelaufen?«

»Genial. Die sind so süß, dass ich sie beide heiraten wollte. Auf dem Heimweg habe ich dann was Dummes gemacht. Ich bin in der Schuhabteilung vom Nordstrom vorbeigegangen.«

»Was ich mir, schlau wie ich bin, aufgrund der Einkaufstüten schon gedacht habe.«

»Ich habe zehn Paar gekauft. Die meisten bringe ich wieder zurück, aber …«

»Warum?«

Mac kniff die grünen Augen zusammen. »Stachel mich in meinem Wahnsinn nicht noch an. Ich konnte schon wieder nicht bei meiner Entscheidung bleiben. Ich habe doch meine Brautschuhe schon gekauft, oder? Waren wir uns nicht alle einig, dass sie perfekt sind?«

»Atemberaubend und perfekt.«

»Genau. Warum habe ich also noch vier andere Paar zur Auswahl gekauft?«

»Sagtest du nicht zehn?«

»Die übrigen sechs sind für die Flitterwochen – na ja, vier davon. Dann brauchte ich unbedingt ein Paar neue Schuhe für die Arbeit, und die waren so süß, dass ich ein Paar in Kupferrot und noch eins in so einem irren Grün gekauft habe. Aber das ist unwichtig.«

»Lass mal sehen.«

»Zuerst die Brautschuhe, und sag nichts, bis ich sie alle nebeneinandergestellt habe.« Mac hielt beide Hände hoch. »Absolutes Pokergesicht. Keine Mimik, kein Laut.«

»Ich drehe mich um und arbeite an dieser Tabelle weiter.«

»Wenn du meinst«, murmelte Mac und machte sich ans Werk.

Parker ignorierte das Rascheln und die Seufzer, bis Mac ihr das Startzeichen gab.

Dann drehte sie sich um und ließ den Blick über die Schuhe schweifen, die auf einem Bürotisch aufgereiht standen. Erhob sich, schlenderte darauf zu, musterte noch einmal alle. Ihr Gesicht blieb völlig ausdruckslos, als sie einen Schuh in die Hand nahm, genau betrachtete, wieder hinstellte, zum nächsten ging.

»Du bringst mich um«, erklärte Mac.

»Ruhe.« Parker spazierte zu einem Regal, um einen Ordner herauszuholen und ließ das Foto von Mac in ihrem Hochzeitskleid herausgleiten. Damit ging sie zurück zu der Auswahl von Schuhen und nickte.

»Ja. Ganz klar.« Sie griff zu einem Paar. »Du wärst wahnsinnig, wenn du die nicht tragen würdest.«

»Wirklich!« Mac klatschte in die Hände. »Wirklich? Das waren für mich nämlich die Schuhe. Trotzdem habe ich noch geschwankt, vor und zurück und hin und her. Oh, schau sie dir an. Die Absätze glitzern so, und der Knöchelriemen ist so sexy – aber nicht zu sexy. Oder?«

»Die perfekte Mischung aus glitzernd, sexy und elegant. Ich bringe die anderen zurück.«

»Aber …«

»Ich bringe sie zurück, weil du die ultimativen Brautschuhe gefunden hast und deine Entscheidung jetzt nicht mehr umstoßen darfst. Die anderen musst du aus deinem Blickfeld entfernen, und du darfst bis zur Hochzeit die Schuhabteilung nicht mehr betreten.«

»Du bist so klug.«

Parker neigte das Haupt. »Allerdings. Deshalb glaube ich auch, dass dieses Modell sehr gut Emmas Brautschuh sein könnte. Ich tausche es in ihre Größe um, und dann schauen wir mal.«

»Oh, oh, schon wieder solche Klugheit.« Mac griff zu dem Paar, auf das Parker zeigte. »Romantischer, prinzessinnenmäßiger. Das ist super. Ich bin total k.o.«

»Lass die Brautschuhe – alle – hier bei mir. Die anderen nimmst du mit. Ach, und schau mal in deinen Kalender, wenn du nach Hause kommst. Ich habe Beratungstermine eingetragen.«

»Wie viele?«

»Bei den fünf Kennenlerntouren, die ich heute gemacht habe, sind drei komplette Beratungen rausgesprungen. Eine Braut muss noch mal mit Papa sprechen, und eine vergleicht noch die Angebote.«

»Drei von fünf?« Mac pumpte zweimal mit der Faust. »Jippie.«

»Ich wette, sogar vier von fünf, weil Papas Mädel uns will, und zwar unbedingt. Und die fünfte? Die Braut kann sich einfach noch nicht entscheiden. Ihre Mutter will uns, und mein Instinkt sagt mir, dass das in diesem Fall gegen uns spricht. Wir werden sehen.«

»Mann, ich flippe aus. Drei komplette Beratungen, und ich habe die perfekten Brautschuhe eingesackt. Jetzt gehe ich nach Hause und verpasse meinem Schatz einen dicken, fetten Kuss, und er weiß nicht, dass er den kriegt, weil er Tanzstunden nimmt. Danke, Parker. Bis später.«

Parker setzte sich wieder hin und betrachtete die Schuhe auf dem Tisch. Sie dachte an Mac, wie sie nach Hause zu Carter eilte. Dachte an Laurel, wie sie Del begrüßte, wenn er nach der zweitägigen Konferenz in Chicago nach Hause kam. Und an Emma, die vielleicht gerade auf ihrer kleinen Veranda saß, mit Jack ein Glas Wein trank und von ihren eigenen Hochzeitsblumen träumte.

Sie schwenkte mit dem Drehstuhl wieder herum, um die Tabelle auf dem Bildschirm anzustarren. Sie hatte ihre Arbeit, erinnerte sie sich. Ihre Arbeit, die sie liebte. Und das war, was im Augenblick zählte.

Ihr BlackBerry meldete sich, und ein Blick auf das Display sagte ihr, dass noch eine Braut dringend mit ihr reden musste.

»Ich habe immer noch euch«, murmelte sie und nahm das Gespräch an. »Hallo, Brenna. Was kann ich für Sie tun?«