Cover

Wolfgang Jeschke

Der letzte Tag
der Schöpfung

Roman

Mit einem Vorwort
von Frank Schätzing

Überarbeitete Neuausgabe

Das Buch

Im Mittelmeerraum werden immer wieder Gegenstände gefunden, die zwar eindeutig aus fernster Vergangenheit stammen, doch aus Materialien bestehen, die es erst seit kurzem gibt – oder gar erst in der Zukunft geben wird. Diese Funde bestärken die amerikanische Regierung darin, dass sie mit dem geheimsten ihrer Projekte Erfolg haben wird: dem Plan, Menschen und Material mittels Zeitmaschinen fünf Millionen Jahre in die Vergangenheit zu schicken und die Erdgeschichte sozusagen nachträglich zugunsten der USA zu verändern. Das Spezialkommando aus ausgesuchten Technikern und Militärs soll einen riskanten Auftrag erfüllen: Das arabische Öl mittels Pipelines in den Westen befördern und es von dort in die Gegenwart heraufpumpen. Doch das ehrgeizige Unternehmen nimmt eine Wendung, die man sich in den kühnsten Träumen nicht hat vorstellen können …
 

Ausgezeichnet als bester SF-Roman des Jahres 1982, zählt »Der letzte Tag der Schöpfung« zu den bedeutendsten Werken der neueren Science Fiction – ein Klassiker, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
 

»Ein gutes Thema, ein brillantes Buch. Lesen Sie es schnell, bevor das Öl zu Ende geht!« Brian W. Aldiss

Der Autor

Wolfgang Jeschke, 1936 geboren, ist der Großmeister der deutschen Science Fiction. Lange Jahre als Herausgeber und Lektor für die Heyne SF-Reihe tätig, hat er vor allem auch mit seinen eigenen Romanen und Erzählungen das Bild des Genres geprägt. Jeschke wurde mehrmals mit dem renommierten Kurd-Lasswitz-Preis ausgezeichnet. Zuletzt ist sein Roman »Das Cusanus-Spiel« erschienen.

Vorwort

von Frank Schätzing
Als mir angeboten wurde, das Vorwort zu Wolfgang Jeschkes Roman »Der letzte Tag der Schöpfung« zu schreiben, war meine erste Reaktion blankes Erstaunen. Ich erinnerte mich an den Titel, obwohl ich ihn nie gelesen hatte. Er repräsentierte damals neben den Werken Stanislaw Lems, Ray Bradburys und einiger weiterer eine Kategorie der Science Fiction, die etwas verkniffen als »ernstzunehmend« bezeichnet wurde. Aber lag das nicht ein Vierteljahrhundert zurück? Heilige Spiralgalaxis! Welch sinistren Plan verfolgte der Verlag? Wollte man mich etwa zurück ins Jahr 1981 transmittieren? Das Genre steckt voller Zeitreisegeschichten – wer seinen Planck gelesen hat und sich hinreichend in der Kosmographie von Paralleluniversen auskennt, weiß, dass man durch die Zeitalter purzelt, eh man sich versieht. Man würde mich also zum Kaffee einladen, heimlich scannen, in Moleküle zertrümmern, meine Bauanleitung in die beginnenden Achtziger irgendeines benachbarten Universums schicken und darauf hoffen, dass ich dort quantengesetzlich wieder zu einem vollständigen Frank Schätzing zusammengefügt werde, der Stein und Bein zu schwören bereit ist, er selber zu sein.
Zugleich war ich nostalgisch bewegt. Wolfgang Jeschke galt uns damals als der Obi-Wan Kenobi der deutschen Science Fiction, einer, der wispernden Respekt genoss. Als Teenager habe ich Zukunftsgeschichten verschlungen wie ein Schwarzes Loch, die Masse der absorbierten Seiten und Einbände dürfte sich rückblickend auf einige Zentner belaufen, und immer wieder tauchte der freundliche Herr mit dem Vollbart auf. Jeschke hatte eine trüffelfeine Nase für Autoren, er veröffentlichte einige der besten Anthologien aller Zeiten und ließ seine eigene Phantasie so virtuos über zukünftige Schauplätze pirouettieren, dass ihm das Feuilleton lange und nachdenkliche Artikel widmete. Damals beschloss ich, eines Tages auch Science Fiction zu schreiben und sie Wolfgang Jeschke – wem sonst!? – anzubieten, doch dann verschlang sich das Schwarze Loch irgendwie selber. Nachdem ich die Bekanntschaft hunderter Außerirdischer gemacht und begriffen hatte, dass die Weizenkörner im Spreu des Genres eher selten zu finden sind, verlor ich das Interesse an klassischer Science Fiction und wandte mich der kontemporären Kunst des Totschlags zu, die, wie man seit Agatha Christie weiß, von großer Ergiebigkeit ist.
Plötzlich wieder mit Jeschke konfrontiert zu sein, drehte die Zeit tatsächlich zurück. Ich war natürlich geehrt. Beruhigte mich über der Erkenntnis, dass man keineswegs beabsichtige, mich in Elementarteilchen zu zerlegen, sondern dem »Letzten Tag der Schöpfung« eine schicke Neuauflage widmete, was ich nur angemessen fand. Wie gesagt, ich hatte versäumt, das Buch beizeiten zu lesen, aber dass der Verfasser in den Olymp der raumfahrenden Rasse gehörte, war sternenklar, daran gab es nichts zu rütteln. Selbstverständlich würde ich ein Vorwort schreiben! Ich würde das Vergnügen haben, einzutauchen ins Zukunftsbild der frühen Jahre, als wir ernsthaft glaubten, die Mannschaft des schnellen Raumkreuzers Orion mit ihren Wirtschaftswunder-Trendfrisuren und den Taillen-Abnähern an Eva Pflugs Uniform repräsentiere das dritte Jahrtausend. Noch enthusiastischer wurde ich, als sich herausstellte, dass es sich beim »Letzten Tag der Schöpfung« tatsächlich um eine Zeitreisegeschichte handelte. Jeder ehrbare Science-Fiction-Fan der frühen Jahre liebt H. G. Wells und seine Zeitmaschine, aber richtig lustig wurde es eigentlich erst, als diverse Autoren den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auf so abenteuerliche Weise verbogen, dass Zeitreisen regelrecht in Mode kamen. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts fuhr man wohl physisch nach Mallorca oder an die Adria, tatsächlich aber erholte man sich in ferner Zukunft oder im Mittelalter oder am besten gleich im Paläozoikum, und selbstverständlich nahm man nicht den nächsten Flieger, sondern stürzte sich in Singularitäten, quetschte sich durch Zeitrisse und drückte auf hübsch blinkende Knöpfe. Zeitreisegeschichten, muss man leider sagen, sind der Science Fiction zum lustvollen Verhängnis geworden. Sie machten zwar den meisten Spaß, bezogen ihn jedoch fast sämtlich aus der konsequenten Umgehung der Naturgesetze, ungetrübt von jeglicher physikalischer Sachkenntnis – Hauptsache, die Reiseroute stimmte.
Ich habe »Der letzte Tag der Schöpfung« dann endlich gelesen, mit knapp dreißig Jahren Verspätung, in einem Rutsch, schlaflos. Was immer ich erwartet hatte, die naive Weltsicht der Anything-Goes-Generation, Altersflecken im Papier, patiniertes Was-wäre-wenn und besagte Vergewaltigungen der Physik – nichts davon ist mir begegnet. Dass eine Erzählung, die so lange zurück liegt, aktuelle Bezüge aufweist, mag man sich noch vorstellen. Dass sie sich jedoch liest, als sei sie eben erst geschrieben worden, hinterlässt einen Augen reibend. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich den Roman empfunden hätte, wäre er mir bei Erscheinen in die Finger gefallen, und war sofort entzückt, ihn damals verpasst zu haben. Denn mit Jeschkes hintersinniger Zeitreise verhält es sich wie mit einigen Bordeaux, die umso besser werden, je länger man sie liegen lässt. Und »Der letzte Tag der Schöpfung« ist heute zweifellos noch besser als zu Beginn der Achtziger! Er ist grandios!
Speziell vor dem Hintergrund der Bush-Administration gewinnt Jeschkes Abenteuergeschichte einen bitter ironischen Unterton, der die unilaterale Politik einer auf Ressourcen versessenen Weltmacht nachgerade prophetisch kommentiert. Die Idee des aberwitzig in Szene gesetzten Öldiebstahls – ob er gelingt, muss man unbedingt selber lesen! – ist zugleich die Chronik einer Intervention von reinster militärischer Blauäugigkeit, sie karikiert die neokolonialistische Haltung selbsternannter Freiheitshüter und den Kontrollwahn einer Menschheit, die gegenüber ihrer technologischen Entwicklung immer mehr ins moralische Hintertreffen gerät. Ob Jeschkes Rahmenbedingungen für eine Zeitreise physikalisch haltbar sind – reizvoll sind sie allemal -, spielt dabei keine Rolle. Die Reise, so spannend sie beschrieben wird, ist lediglich ein dramaturgisches Vehikel, sie nimmt sich weit weniger ernst, als man lange glaubt. Tatsächlich liegt hierin der besondere Charme von Jeschkes Erzählweise: Durchzogen von feinem Spott, gewinnt das Genre Distanz zu sich selbst, nimmt ganz nebenbei die unreflektierte Technikgläubigkeit der Politiker und Militärs auf die Schippe und wirft einen fast liebevoll ironischen und zugleich bitterbösen Blick auf den intelligenten Affen Mensch, wie er selbstherrlich in den dünnen Verästelungen seines Stammbaums thront. Dass im Buch ein Vertreter des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer felligen Vorfahrin aus der Urzeit kopuliert, ist kein Zufall. Die Szene, erzählt von einem der Protagonisten, gehört zu den oft nur wenige Zeilen langen Miniaturen, die Jeschkes Roman zum wahren Vergnügen machen. Am Boden eines noch nicht existenten Mittelmeers werden neben Atomgranaten vor allem Seitenhiebe ausgeteilt, dass einem die Rippen schmerzen, oft vor unterdrücktem Lachen. An anderer Stelle wird ein Affenmensch standrechtlich vom Militär exekutiert, obwohl er doch gar nichts getan hat, außer einem Rivalen die Gurgel durchzubeißen. Bis zuletzt ist dem Verurteilten schleierhaft, was daran jetzt so schlimm war. Kabinettstücke dieser Art serviert Jeschke am laufenden Band: Affe entlarvt Affe, oder Mensch Mensch – je nachdem, wie man es lieber hätte.
Am Ende führt sich die Wissenschaft ad absurdum, entpuppt sich der kühne Traum von der Beherrschung der Zeit als Einbahnstraße, und die Helden werden zurückgeworfen auf ihr bloßes Menschsein. Zwischen Nukleargefechten, Kannibalismus und rapider Verelendung, inmitten eines völlig sinnfreien Stellvertreterkriegs, der fünf Millionen Jahre vor unserer Zeit ungehemmt von Genfer Konventionen und ähnlichen Lästigkeiten munter vor sich hin tobt, entwickelt sich so etwas wie eine neue Humanität. Der ganze Aufwand, um Truppen und Material in die Frühzeit zu schicken, findet seinen atomaren Niederschlag in der sattsam bekannten Zerstörung der Umwelt. Mit der Manipulation der Vergangenheit verliert die Zukunft zudem jede Gültigkeit – man kann auch sagen, der Job entledigt sich seiner Auftraggeber, einfach indem er durchgeführt wird. Was bleibt, sind Zeitreisende, die ihre Illusionen gegen die simple Erkenntnis tauschen, dass ein bisschen Freundschaft und ein Sonnenaufgang über Afrika womöglich zum Höchsten gehören, was Menschen je erreichen können. Und darin, man mag es glauben oder nicht, liegt tatsächlich etwas Tröstliches.
Sprachlich und dramaturgisch bietet »Der letzte Tag der Schöpfung« klassische Unterhaltung vom Besten. Bis zum Showdown zieht Jeschke alle Register des großen Abenteuerromans – und hier, nur hier, stellt sich tatsächlich so etwas wie Nostalgie ein, wenn die Gemeinschaft der Gestrandeten plötzlich an Filme wie Das dreckige Dutzend oder Der Flug des Phoenix denken lässt, an verschwitzte Männer unter brennender Sonne, die das Unmögliche vollbringen müssen. Da sind sie dann alle versammelt – John Wayne, Lino Ventura, John Huston und Lee Marvin -, bass verwundert, wer ihnen den Streich mit der blöden Zeitmaschine gespielt hat, und halten Ausschau nach Indianern, Nazis und anderen Lumpen. So ist »Der letzte Tag der Schöpfung« unterm Strich Science Fiction, Kriegsepos und Western in einem, sich zu allem bekennend, ohne je die Außenperspektive zu verlieren – etwa so, wie Papa sich zu seinen Kindern bekennt: stolz, mitunter belustigt und immer mit Nachsicht.
Wolfgang Jeschke, der von 1973 bis 2001 Herausgeber der Heyne SF-Reihe war, wurde für seine Romane und Erzählungen vielfach ausgezeichnet. Mehrmals erhielt er den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis, unter anderem für den vorliegenden Roman, zuletzt für »Das Geschmeide« als beste Kurzgeschichte 2004. Dass er unangefochten zu den Edlen und Weisen seiner Profession gehört – nach Ansicht vieler ist er der beste deutsche Science-Fiction-Autor überhaupt -, wird auch sein visionäres Spätwerk »Das Cusanus-Spiel« zeigen. Einmal mehr blickt der Spötter und Humanist darin über den Tellerrand der Geschichte, so spannend, dass man keinesfalls fünfundzwanzig Jahre mit dem Lesen warten sollte. Andererseits wird auch »Das Cusanus-Spiel« wahrscheinlich wieder so ein seltener Bordeaux sein wie »Der letzte Tag der Schöpfung«, sprich, mit jedem Jahr besser werdend.
Was soll’s – trinkreif ist ein Jeschke immer!
 

 

 

 

 

 

 

 

Frank Schätzing schreibt Krimis und historische Romane – und hat mit seinem zuletzt erschienenen Buch, dem Wissenschaftsthriller »Der Schwarm«, die Bestsellerlisten im Sturm erobert.

Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor

lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art:

Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden,

ein jegliches nach seiner Art.

Und es geschah also.


Und Gott machte Tiere auf Erden,

ein jegliches nach seiner Art,

und das Vieh nach seiner Art,

und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art.

Und Gott sah, dass es gut war.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen,

ein Bild, das uns gleich sei …
 

1. Mose 1, 23-26

Prolog

1959 war Steve Stanley 16 Jahre alt. Er hatte seine Kindheit in Paris und Rom verbracht, wo sein Vater Auslandsvertreter eines amerikanischen Pharmakonzerns war. In die Staaten zurückgekehrt, besuchte er das College in Springfield, Ohio, wollte Flugzeugbau studieren und Pilot werden. Nach Abschluss des Examens meldete er sich zur Air Force.
1959 entdeckte der amerikanische Geheimdienst im Umkreis des westlichen Mittelmeerraums Spuren, die auf ein Projekt hinwiesen, das die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, radikal verändern sollte.
 

1968 war Steve Stanley 25 und gehörte zu den besten Piloten der amerikanischen Luftwaffe.
1968 wurden unter strengster Geheimhaltung und strikten Sicherheitsmaßnahmen in den USA die Vorbereitungen zu einem Projekt getroffen, das die US-Navy in Zusammenarbeit mit der NASA zu verwirklichen gedachte und das in der Geschichte der Menschheit einzigartig sein sollte.
 

1977 war Steve Stanley 34 und arbeitete als Testpilot bei Rockwell. Er verlor seine Stellung, als Präsident Carter die Entscheidung traf, dass die B-1 nicht in Serie gehen solle. Steve Stanley bewarb sich daraufhin bei der NASA, die für die geplanten Shuttle-Flüge erfahrene Piloten suchte.
1977 lief das geheime NASA/Navy-Projekt bereits auf Hochtouren, obwohl einige der beteiligten Wissenschaftler seit geraumer Zeit dringend vor den sich abzeichnenden Konsequenzen warnten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war nämlich allen Eingeweihten klar, dass nicht alles nach Plan verlief. Die Militärs schlugen die Warnungen in den Wind und forcierten das Projekt mit allen Mitteln, obwohl inzwischen sogar Laien auffiel, dass im Seegebiet westlich der Bermudas seltsame Dinge geschahen. Der CIA kamen die wilden Spekulationen über das so genannte Bermuda-Dreieck nicht ungelegen, und sie trug durchaus dazu bei, die obskure Gerüchteküche anzuheizen, damit kein Wissenschaftler auch nur daran dachte, sich ernsthaft mit den rätselhaften Phänomenen zu befassen.
Kurz darauf erschien der Name Steve Stanley auf einem Computerausdruck unter den Namen der Kandidaten, die man für die Teilnahme an dem Geheimprojekt in die engere Wahl gezogen hatte. Die Liste benannte Spezialisten aus einigen Bereichen der Wissenschaft, der Technik und der Logistik sowie ehemalige Angehörige der kämpfenden Truppe, die ganz bestimmte Forderungen erfüllten.
Steve Stanley konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, was man von ihm forderte – ebenso wenig wie die anderen, die auf der Liste des Projektleiters Admiral William W. Francis standen. Sie alle hatten keine Ahnung, dass ihr Leben einen ganz anderen Verlauf nehmen würde, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorgestellt haben mochten. Sie waren ausersehen das Paradies zu betreten – doch es war nicht die Genesis, deren Zeugen sie wurden, sondern die Apokalypse.
Eines Tages war Steve Stanley spurlos verschwunden, und mit ihm verschwanden die meisten jener Leute spurlos, deren Namen der Computer aufgelistet hatte.
Spurlos?
Sie hinterließen Spuren.
Es war nur äußerst schwierig, sie zu erkennen, und noch schwieriger sie zu deuten – besonders für diejenigen, die nicht ihre Zeitgenossen waren.

ERSTER TEIL
Spuren

Bohrlöcher

Als am 13. August 1970 die Glomar Challenger den Hafen von Lissabon verließ, um in der Balearensenke Bohrungen im Meeresgrund durchzuführen, erwarteten nicht nur Wissenschaftler Aufschluss über rätselhafte Phänomene, auf die man in den fünfziger- und sechziger Jahren gestoßen war. Den Biologen und Ozeanografen ging es um die Klärung eines einschneidenden Vorgangs, der sich vor etwa fünfeinhalb Millionen Jahren ereignet haben musste und der den Übergang zwischen Miozän und Pliozän markiert. Er bedeutete für den Mittelmeerraum eine biologische Revolution, die mit einer drastischen Klimaveränderung in Europa verbunden war.
Die Expedition der Glomar Challenger wurde von der National Science Foundation finanziert und unter Aufsicht der Scripps Institution of Oceanography durchgeführt. Am Nachmittag des 23. August wurde das Forschungsschiff 100 Meilen südlich von Barcelona elektronisch verankert und in 2000 Metern Meerestiefe die erste Bohrung niedergebracht. Weitere Bohrungen folgten.
Die Ergebnisse bestätigten die Hypothesen von William E. B. Benson von der National Science Foundation und Orville L. Bandy von der University of Southern California. Sie bestätigten auch einige abenteuerliche Vermutungen von hohen Militärs im Pentagon, die mit einem militärischen Projekt beschäftigt waren, das sich Ende der Sechzigerjahre, auf dem Höhepunkt des Apollo-Programms, in Umrissen abzeichnete. Auf den Pressekonferenzen in Paris und New York, auf denen die Ergebnisse der Expedition bekannt gegeben wurden, hielt man vorsorglich einige Informationen zurück. Sie betrafen ein bei den Bohrungen zutage gefördertes Material, das man zunächst nicht identifizieren konnte, bei dem es sich jedoch um das schwerwiegendste Argument handelte, das die Befürworter des Projekts vorzubringen hatten. Dieses Argument bewog Präsident Nixon Mitte Februar 1971 – der Flug von Apollo 14 war gerade erfolgreich beendet worden -, das Raumfahrt-Budget der NASA drastisch zu kürzen, um Gelder für das Projekt bereitzustellen, das, zunächst als »Sealab« getarnt, in Zusammenarbeit von Navy und NASA vorbereitet wurde.
Die Ergebnisse bestätigten einige rätselhafte Details, die der Geheimdienst zusammengetragen hatte. Der erste Hinweis stammte aus dem Jahr 1959. Er kam aus dem französischen Verteidigungsministerium und war höchst alarmierend, da man keinerlei Erklärung für den Umstand hatte. Er wurde als »Artefakt 1« gekennzeichnet. Commander Francis, ein erfahrener Mann von der waffentechnischen Entwicklungsabteilung der US-Navy, wurde mit den Nachforschungen beauftragt. Er stieß aber erst 1968 auf ein weiteres sicheres Detail, das in diesen speziellen Zusammenhang passte: »Artefakt 2« war gefunden. Es stammte aus der Schweiz. 1969 tauchte eine Information auf, die der Geheimdienst im Vatikan aufgestöbert hatte. Sie wurde als »Artefakt 3« unter Verschluss genommen. Das Mosaik setzte sich Stück für Stück zusammen. Das Bild rundete sich – und allmählich nahm auch die wissenschaftliche Basis des Unternehmens die Form an, wie Francis und seine Mitarbeiter es längst vermutet hatten. Zu diesem Zweck wurden seit mehr als einem Jahrzehnt alle Publikationen auf dem Gebiet der theoretischen Physik weltweit gesichtet und ausgewertet.

ZWEITER TEIL
Das Chronotron-Projekt

Über Huntsville, Alabama, ging ein Gewitterregen nieder. Blitze zuckten, der Donner ließ die vom Wasser verschmierten Scheiben klirren. Draußen war es dunkel, als wäre die Nacht hereingebrochen, doch die Digitaluhr über der Tür zeigte in Leuchtschrift die Ziffernfolge 14:47.
Im Sitzungssaal des »Engeren Kreises« brannten Leuchtstoffröhren, aber die brannten auch, wenn draußen die Sonne schien. Der schwache Hauch der permanent leise wispernden Klimaanlage abstrahierte die Mittagsschwüle ebenso wie die Labsal des erfrischenden Regengusses zu einer faden, sorgfältig befeuchteten Frostigkeit, die sich auf Schleimhäuten und in Gehirnen festsetzte.
Admiral William W. Francis reckte energisch sein markantes Kinn, als wollte er mit dieser Geste wie eine Planierraupe die Argumente der Wissenschaftler beiseite schieben und symbolisch einen Schlusspunkt unter die Debatte setzen, und sagte: »Meine Herren, ich verstehe …« Ein greller Blitz erhellte die Gesichter der Anwesenden, und ein unmittelbar darauf folgender Donnerschlag ließ die Scheiben erzittern. Der Admiral senkte den Kopf und wartete einige Sekunden, bis das Krachen abgeebbt war, dann fuhr er fort: »Ich verstehe Ihre Einwände nicht. Früher oder später werden auch andere Wissenschaftler dahinterkommen, dass zwischen Gravitation und Zeitdimension eine Abhängigkeit besteht. Was liegt näher als die Annahme, dass zwischen einem vierdimensionalen Raum, in dem sich die Gravitationswirkungen von Massen abbilden, und der Dimension der Zeit Interdependenzen vorliegen. Gut, wir können verhindern, dass andere sich allzu intensiv damit befassen, aber warum sollen wir nicht den Vorsprung nutzen, den wir haben. Meine Herren, es geht hier um den Bestand unserer Nation – ach, was sage ich: um den Bestand der abendländischen Zivilisation! Wir sind am Ball, und wir sollten unsere Chance nutzen. Wir haben die Mittel, die entscheidenden Weichenstellungen für das Wohlergehen der westlichen Welt vorzunehmen, also werden wir genau dies tun, bevor die anderen die Finger am Hebel haben. Das ist doch das einzige Argument, das zählt, meine Herren!«
Professor Samuel Fleissiger – ein großer, etwas linkisch wirkender Mann Ende dreißig, dunkles, leicht gekräuseltes Haar, beginnende Stirnglatze, nicht mehr ganz weißer Rollkragenpullover und abgetragenes braunes Cordjacket mit ausgebeulten Taschen, hellbraune, ebenso ausgebeulte Gabardinehosen – hob den Blick von den Papieren, die vor ihm auf dem Tisch lagen, und betrachtete mit seinen hellgrauen Augen über den Rand seiner Nickelbrille hinweg den Admiral, als hätte er einen etwas begriffsstutzigen Prüfungskandidaten vor sich.
»Eben deshalb mein Einwand, Admiral Francis«, sagte er betont erstaunt und mit einer Spur beißendem Spott in der Stimme. »Weil es um den Fortbestand der abendländischen Zivilisation, und weil es um das Wohlergehen der westlichen Welt geht, ist es vor allem nötig, Projekte in dieser Richtung sorgfältig zu planen. Es ist völlig überflüssig, etwas zu überstürzen, denn jeder ›Vorsprung‹, wie Sie es nennen, ist illusorisch. Sie würden einem Phantom nachjagen, und es ginge Ihnen wie dem Hasen, der mit dem Igel um die Wette läuft. Ganz gleich, wie schnell sie rennen, wenn Sie ans Ziel kommen, ist der Igel immer schon da.«
»Dann müssen wir eben der Igel sein«, sagte der Admiral, der die Anspielung nicht verstand. Er lehnte sich zurück und warf den beiden technischen Direktoren von der NASA einen Hilfe heischenden Blick zu.
Dr. Herbert H. Hollister setzte pflichtschuldig ein verächtliches Lächeln auf und wandte den Kopf in Fleissigers Richtung, während Dr. Ing. Walther W. Berger mit verdrossener Miene auf seine Unterlagen starrte; ihn interessierten allein der technische Aspekt des Projekts, die Fakten; die theoretischen Abschweifungen der Akademiker hielt er für schiere Zeitverschwendung.
»Wenn das so einfach wäre«, entgegnete Fleissiger und legte resigniert seufzend die Kuppen seiner beinahe hässlich langen, schmalen Finger gegeneinander. »Oder was meinst du, Nobuyuki?«
Professor Nobuyuki Kafu, ein kleiner untersetzter Mann japanischer Abstammung mit rundem Schädel, das glänzend schwarze, borstige Haar da und dort mit weißen Büscheln durchsetzt, war etwa im gleichen Alter wie Samuel Fleissiger. Er trug ein blütenweißes Hemd und einen eleganten dunkelblauen Maßanzug mit Nadelstreifen, der seine stiernackige, kurzbeinige Stämmigkeit etwas milderte. Dennoch wirkte er eher wie ein Mittelgewichtsmeister im Boxen, der zu einem Bankett geladen ist und sich zu diesem Zweck in einen ungewohnten Anzug gezwängt hat, als ein Physikprofessor bei einer Arbeitssitzung. Er hatte zusammen mit Fleissiger am Caltech an einem Projekt für Schwerkraftfelder- und Gravitationswellenforschung gearbeitet. Dabei waren sie bei der Berechnung von Modellen extremer Schwerkraftverhältnisse, wie sie bei Pulsaren und Schwarzen Löchern auftreten, auf Abhängigkeiten zwischen solchen Feldern und seltsamen chronometrischen Phänomenen in der Frequenz von Pulsaren gestoßen, die einen merkwürdigen Schluss zuließen: In extrem starken Schwerefeldern ist es möglich, dass Masseteilchen in Richtung Vergangenheit verschwinden.
Gemeinsam hatten sie aus den Ergebnissen die theoretischen Grundlagen des Chronotrons erarbeitet, eines hypothetischen Geräts, mit dessen Hilfe man unter großem Energieaufwand derartige Schwerefelder künstlich herstellen könnte. Diese Untersuchungen lagen inzwischen mehr als acht Jahre zurück.
Professor Kafu, dem trotz der beinahe unangenehmen Kühle im Raum Schweißtropfen auf der breiten Nase und über der Oberlippe standen, blinzelte, als hätte man ihn aus einem wohlverdienten Schlummer gerissen, erst seinen langjährigen Freund und Kollegen und dann die anderen Herren der Reihe nach an, bevor er mit seiner überraschend hohen und etwas näselnden Stimme sagte: »Ich glaube, wir sollten zunächst die Probleme des technisch Machbaren besprechen, und die theoretischen Erwägungen hintansetzen, damit die Herren von der NASA nicht ungeduldig werden.«
Berger warf ihm einen dankbaren Blick zu.
»Der Meinung bin ich ganz und gar nicht«, meinte Fleissiger. »Alle hier Anwesenden sollten sich über die Konsequenzen des Projekts voll und ganz im Klaren sein, bevor man die technische Erprobung forciert und noch mehr Milliarden in das Chronotron-Projekt hineingepumpt werden.«
»Lassen Sie das meine Sorge sein«, fiel ihm Admiral Francis ins Wort.
»Oh, ich weiß, ihr Militärs seid alles andere als geizig, wenn es darum geht, die Rüstungsausgaben wieder eine Runde hinauf zu schrauben, um eurem Berechtigungsnachweis eine noch breitere Grundlage zu verschaffen; aber es sind auch meine Steuergelder, Admiral, die da verschleudert werden«, sagte Fleissiger hitzig.
»Bestehen Sie auf diesem Punkt, der eigentlich nicht zur Tagesordnung gehört, Professor?«, fragte der Admiral geduldig. Dr. Hollister kicherte unterdrückt, Fleissiger warf ihm einen giftigen Blick zu und vertiefte sich in seine Unterlagen, ohne den Admiral einer Antwort zu würdigen.
»Tatsache ist«, fuhr Francis fort, »dass wir seit Jahren andere Projekte beschneiden, um die Gelder ins Chronotron fließen zu lassen. Wir sind dabei, unter dem Deckmantel der NASA eine ganz große Sache in die Wege zu leiten, halten die bemannte Raumfahrt seit zehn Jahren auf Sparflamme und lassen das Marsprojekt in der Schublade, obwohl uns die Sowjets bei jedem Startfenster, das aufgeht, die Show stehlen könnten. Und sie plädieren dafür, dass wir das Projekt auf die lange Bank schieben und Zeit vertrödeln.«
»Vielleicht stehen die Sowjets vor dem gleichen Problem wie wir und knobeln ebenfalls etwas in der Richtung aus«, wagte Berger einzuwerfen.
Dem Admiral verschlug es sichtlich einen Moment lang die Sprache, dann schüttelte er entschieden den Kopf. »Dafür, dass derzeit noch jemand auf diesem speziellen Gebiet forscht, gibt es nicht den geringsten Hinweis.«
»Wollen Sie damit sagen, dass Sie die gesamte Forschung überwachen und steuern können?«, wollte Fleissiger wissen.
Der Admiral lehnte sich nachsichtig lächelnd zurück. Sein schmaler weißer Schnurrbart bildete eine korrekte Waagrechte. »Professor, das sollten Sie eigentlich wissen. Seit mehr als fünfzehn Jahren weiß ich sehr genau, wer sich mit Dingen dieser Art befasst und wer an Material herankommt, das ihn zur Lösung führen könnte, zu der Sie und Professor Kafu gekommen sind.«
»Auch im Ostblock?«
»Auch im Ostblock. Weitgehend zumindest.«
»Aber Sie können doch nicht verhindern, dass sich immer wieder Leute mit dieser Art von Problemen auseinander setzen.«
»Und warum nicht, Professor?« Der Admiral lächelte triumphierend, und als er den erschrockenen Gesichtsausdruck Fleissigers bemerkte, fuhr er rasch fort: »Sie brauchen deshalb nicht gleich das Schlimmste zu befürchten. Wir brauchen ja schließlich Nachwuchs. Entweder ist der Betreffende unser Mann – und wir tun, weiß Gott, alles, damit ihm sein Entschluss leicht fällt – oder …« Francis schnippte mit dem Finger. »… er ist es nicht. So einfach ist das.«
»Hm«, brummte Kafu. »Was mich nur stutzig macht, ist das Verhalten der Sowjets. Sie bauen ihre große Raumstation nicht, sie starten nicht zum Mars, sie sind plötzlich wieder brennend an der Wiederaufnahme der SALT-Gespräche interessiert. Ich frage mich: Was zum Teufel machen die mit ihrem Geld?«
»Sie brauchen es, um alljährlich unseren Weizen zu kaufen«, warf Hollister ein.
»So ist es«, nickte Francis erleichtert. »Sie haben eine Missernte nach der anderen. Aber sollte an den Vermutungen wider Erwarten doch etwas dran sein, dann ist Eile geboten. Deshalb verstehe ich Ihr Zögern nicht, meine Herren. Wer zuerst da ist, mahlt zuerst.«
Fleissiger warf dem Japaner einen hilflosen Blick zu und schüttelte unmerklich den Kopf, bevor er sagte: »Leider trifft diese schöne alte Bauernregel in unserem Fall nicht zu. Man könnte eher sagen: Wenn der Erste seinen Zug getan hat, ist der Zweite schlauer.«
»Wir werden uns niemals in die Defensive drängen und uns unser Handeln diktieren lassen.«
»Sir, darauf wird es aber hinauslaufen. Das ist nicht so wie beim Mensch-ärgre-dich-nicht, wo Sie lospreschen können, wenn Sie den ersten Wurf und freie Bahn haben. Das ist eher wie beim Schach unter gleichwertigen Partnern: Sie müssen stets auf den Zug ihres Gegners reagieren. Nur kann bei Ihrem Vorhaben, Admiral Francis, anders als beim Schach, schon der erste Zug verhängnisvoll sein.«
»Wie soll ich das verstehen?«, fragte der Admiral ungeduldig. Ein krachender Donnerschlag bekräftigte seine Frage; Regen prasselte gegen die Scheiben. Fleissiger zündete sich eine Zigarette an, bevor er antwortete.
»Sehen Sie, Sir, das ist so: Angenommen, Sie setzen im 16. Jahrhundert ein Kommando-Unternehmen in Alaska ab, das nach Kamtschatka übersetzen und einen großen Teil des an Bodenschätzen reichen Ostsibiriens für die USA sichern soll, bevor die Offiziere des Zaren dort auftauchen und es in Besitz nehmen.«
»Die Weltgeschichte würde einen ganz anderen Verlauf nehmen. Und wie stünden wir den Sowjets gegenüber heute strategisch da?«, rief der Admiral triumphierend. »Das ist es, Professor! Genau das ist es!«
»Aber erlauben Sie, Sir, das ist doch blanker Unsinn«, sagte Berger ungeduldig. »Im 16. Jahrhundert gibt es eine Hand voll englischer, französischer und holländischer Siedler an der Ostküste, die vor Hunger beinahe umkommen und sich kaum der Rothäute erwehren können. Wie wollen Sie da im Namen der USA, die es erst zweihundert Jahre später geben wird, in Sibirien territoriale Besitzansprüche geltend machen. Das sind doch Hirngespinste!«
»Moment mal, Herr Dr. Berger. Territoriale Besitzansprüche kann jeder geltend machen, wenn er sie auch verteidigen kann«, entgegnete Fleissiger. »Und wenn eine zukünftige USA im 16. Jahrhundert bereits in der Lage wäre …«
»So gefallen Sie mir schon wesentlich besser, Professor«, sagte Francis versöhnlich.
Der Japaner musterte den Admiral neugierig unter schweren, faltigen Lidern hervor, dann ließ er sich verächtlich schnaufend im Sessel zurücksinken. Seinem Gesicht war beim besten Willen nicht zu entnehmen, ob er es sarkastisch meinte, als er sagte: »Der Haken ist nur, dass die Leute, welche die Interessen der anderen vertreten, sich praktisch 500 Jahre Zeit lassen können und dann in aller Ruhe eine Kompanie Infanterie in die Vergangenheit just dahin befördern, dass sie genau an dem Tag, an dem Ihre Leute ahnungslos zur Landung ansetzen, dort sind, um ihnen einen heißen Empfang zu bereiten. Und der Empfang wäre etwa so heiß, wie eine Kompanie Leathernecks der US-Marines ihn einem Fähnlein Kreuzritter bereiten könnte, will sagen, 500 Jahre waffentechnischer Entwicklung wären sie ihnen voraus. Ihr Stoßtrupp, Admiral Francis, wäre ein verlorener Haufen. Verstehen Sie nun, was Mister Fleissiger meint?«
Francis gefror sein siegesgewisses Lächeln auf den schmalen, glatt rasierten Wangen; Hollister schlug trübsinnig die Augen nieder; Berger blickte mürrischer drein denn je.
»Und bisher haben wir noch nicht einmal den Aloysius-Effekt in Erwägung gezogen«, warf Sam Fleissiger ein.
»Den was?«, wollte der Admiral wissen.
»Den Aloysius-Effekt«, wiederholte Fleissiger und sah Francis mit tadelndem Blick über den Brillenrand hinweg an. »So genannt nach Raphael Aloysius Lafferty, dem Erfinder der phänomenalen Ktistec-Maschine.«
»Ein Science-Fiction-Autor der sechziger und siebziger Jahre«, fügte Kafu erläuternd hinzu, als er den irritierten Blick des Admirals bemerkte, den dieser den beiden NASA-Wissenschaftlern zuwarf. »Lafferty hat sich unter anderem eingehend mit dem Phänomen der Zeitreise und den Konsequenzen von Zeitfrakturen befasst.«
»Was soll der Unsinn?«, fuhr Berger auf. »Ich habe allmählich den Eindruck, dass Sie uns hier auf den Arm nehmen wollen, meine Herren.«
»Keineswegs, Dr. Berger«, entgegnete Fleissiger. »Das ist kein Unsinn. Lafferty behauptet nämlich – und seine Argumentation ist absolut logisch -, dass man mit der Vergangenheit anfangen kann, was immer man will. Die in der Gegenwart Lebenden, die jemanden oder etwas in die Vergangenheit senden, damit dort eine Veränderung vorgenommen wird, werden nie feststellen können, ob diese Veränderung durchgeführt worden ist oder nicht, weil im Moment der Veränderung die Alternative, die sich durch sie ergibt, zur geschichtlichen Realität wird. Das heißt aber nichts anderes, als dass jeder Zeitgenosse weiß, dass es so und nicht anders schon immer gewesen ist. Wenn Sie jemanden ins Jahr 1775 zurückschickten, der George Washington über den Haufen schießt, bevor ihn der Kontinentalkongress zum Höchstkommandierenden der Streitkräfte ernennt, dann wird in allen Geschichtsbüchern stehen, dass George Washington, möglicherweise ein fabelhafter Feldherr, der möglicherweise gegen die Briten etwas hätte ausrichten können, 1775 erschossen worden sei. So ist das! Und Sie, meine Herren, wüssten es auch nicht anders, weil Sie es so und nicht anders in der Schule gelernt hätten.«
»Reden wir hier über die verschrobenen Ideen eines Science-Fiction-Autors oder über das Chronotron-Projekt?«, schnaubte der Admiral ärgerlich.
»Über das Chronotron-Projekt, Sir«, erwiderte Fleissiger ungerührt.
Dr. Hollister kicherte und schüttelte den Kopf.
»Sehen Sie, Admiral Francis«, fuhr Fleissiger fort. »Sie wollen Ihrer Nation mithilfe des Chronotrons Vorteile verschaffen. Das Vertrackte dabei ist nur, dass Ihnen das niemand danken wird. Kein Zeitgenosse, Sie selbst eingeschlossen, wird jemals merken, dass sich etwas zum Vorteil verändert hat. Und sollten Sie tatsächlich Erfolg haben und die Situation der USA und ihrer Verbündeten strategisch, wirtschaftlich, politisch und so weiter verbessern, dann wird jeder bloß sagen: Ach, wie geht es uns doch gut. Aber was zum Teufel will eigentlich dieser Francis? Steckt Milliarden Dollar in dieses sündhaft teure Projekt, das nichts bewirkt, nicht einen einzigen Erfolg aufzuweisen hat. Und wozu schmeißt er das ganze Geld zum Fenster raus? Damit es uns noch besser geht. Es ist doch eigentlich eine Schande, dass es uns so gut geht und den anderen so schlecht. Wäre mit dem Geld nicht besser den armen Muschiks geholfen, die unter der Knute des Zaren stöhnen, oder den Millionen Chinesen, die in Leibeigenschaft leben und von denen jedes Jahr hunderttausende in Hungersnöten umkommen, während die Machthaber in Petersburg und Peking es sich gut gehen lassen – vorausgesetzt es gelingt Ihnen, Lenin und Mao ein Bein zu stellen, und das dürfte doch zu den vitalsten Interessen der westlichen Welt gehören, wie ich unsere Hexenjäger kenne.«
»Sie irren sich«, platzte Hollister heraus. »Es geht um ganz etwas anderes.«
»Ach? Es gibt also schon konkrete Pläne?«, fragte Fleissiger erstaunt. Der Admiral hatte die Lippen zusammengepresst und warf dem Ingenieur einen finsteren Blick zu, dann wandte er sich an den Professor und sagte: »Es kann auch so nicht weitergehen, sonst putzen wir über kurz oder lang den Ölscheichs die Schuhe, oder die Kommunisten übernehmen den ganzen Laden, weil wir von einer Wirtschaftskrise in die andere taumeln. Hier die Kernkraftgegner und die Naturschutzheinis, die gegen jeden Bohrturm und jede Bohrinsel an der Küste protestieren, und die dort drüben lachen sich ins Fäustchen und stellen sich goldene Klos in die Wüste. Dem werden wir einen Riegel vorschieben, ein für allemal!«
Hollister nickte bekräftigend. Fleissiger blickte irritiert von einem zum anderen. So temperamentvoll hatte er diesen unterkühlten Francis noch nie erlebt. Hatte er an einer alten Wunde des Admirals gekratzt oder war das schiere Begeisterung an der Sache?
»Daher weht der Wind also«, sagte er unsicher.
»Auf was wir uns hier einlassen, meine Herren«, warf Kafu ein, »ist eine Schraube ohne Ende, und die Kosten für ein derartiges Unternehmen werden alles Vorstellbare überschreiten.«
»Na und?«, entgegnete Francis entrüstet. »Die Nation wird das Opfer bringen, wenn ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen auf dem Spiel stehen.«
»Und die Rendite wird beachtlich sein«, meinte Hollister, aber niemand nahm seinen Einwurf zur Kenntnis.
»Das heißt nämlich nichts anderes«, schnaufte Kafu, »als jeden Konflikt in die Vergangenheit hinein zu verlängern und jede Entscheidung zu einer vorläufigen zu reduzieren. Jeder Sieg wäre in Gefahr, nachträglich in eine Niederlage verwandelt zu werden. Das ist eine Gleichung – beinahe hätte ich ›Spiel‹ gesagt – mit unendlich vielen Variablen. Das hält keine Nation durch, schon wirtschaftlich nicht. Womöglich geht unsere Zivilisation, ja vielleicht die ganze Welt, so wie wir sie kennen, vor die Hunde.«
»Dieser Gefahr blicken wir auf anderem Gebiet schon seit langem ins Auge«, winkte Francis ab. »Wir werden auch ihr zu begegnen wissen, Professor, und wenn wir entlang der Zeitlinie Militärstützpunkte errichten müssen bis weit ins Präkambrium hinein.«
»Alle hundert, alle tausend oder alle zehntausend Jahre einen Stützpunkt, Sir?«, meinte Fleissiger sarkastisch. »Ich frage nur, weil Sie dazu eine ganze Menge Leute brauchen werden.«
»Ich möchte doch sehen, wer da den längeren Atem hat«, knurrte der Admiral.
Kafu schüttelte den Kopf. »Das nützt Ihnen gar nichts. Es genügt nämlich, wenn die anderen nur einen Tag früher da sind als Sie.«
»Da sah der Hase, dass der Igel schon da war«, zitierte Fleissiger.
»Dann werden wir eben noch einen Tag früher da sein«, rief Francis aufgebracht und schlug mit der flachen Hand auf den Stapel Papiere, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Und wenn wir dafür eine Flotte Flugzeugträger und Atom-U-Boote ins Algonkium zurückschicken müssen und sie im Ur-Ozean kreuzen lassen.«
Fleissiger sah ihn betroffen an. »Mein Gott«, murmelte er, »Sie brächten es fertig.«
»Danke, Professor, ich fasse es als Kompliment auf«, sagte der Admiral.
»Wir sollten uns vielleicht doch lieber den technischen Details zuwenden«, schlug Hollister vor und warf dem Admiral einen unbehaglichen Blick zu. »So weit sind wir nämlich beileibe noch nicht.«
»Aber wir haben unwiderlegbare Beweise, dass dieses Projekt ein Erfolg werden wird«, funkelte Francis ihn an. Der NASA-Mann zuckte zusammen und nickte pflichtschuldig. »Wir haben …«, fuhr der Admiral fort und zählte seine Beutestücke an den Fingern ab. »… den Raketenwerfer aus Algerien, diesen Jeep von Gibraltar und die Plastikteile, die der Papst eingesammelt hat.«
»Und die Bohrproben der Glomar Challenger«, beeilte sich Hollister hinzuzufügen.
»Und die Bohrproben der Glomar Challenger«, nickte der Admiral.
Fleissiger winkte ab. »Wie Sie daraus auf einen Erfolg des Unternehmens schließen, ist mir zwar schleierhaft«, sagte er. »Aber bitte.«
Berger sah endlich seinen Augenblick gekommen und wollte loslegen, aber in dem Moment stand Professor Kafu auf, füllte sich am Trinkwasserspender einen Plastikbecher und leerte ihn geräuschvoll.
Als er sich wieder gesetzt hatte, sagte Fleissiger: »Jetzt sind Sie dran, Dr. Berger.«
»Ja, also …«, begann Berger irritiert, weil der Japaner den Plastikbecher zwischen seinen kräftigen Fingern hin und her drehte, dass es laut knackte. »Ich fasse am besten noch einmal zusammen. Wir haben bis jetzt mit dem kleinen Käfig Eins insgesamt 38 Versuche durchgeführt, die alle erfolgreich verliefen. Mit ihm haben wir in Plastikkugeln eingeschweißte Atomuhren über Zeiträume zwischen 500 und 5000 Jahren zurückgeschickt. Sie ließen sich alle in der Nähe des Instituts orten und aus geringer Tiefe bergen. Mit dem größeren Käfig Zwei in Arizona haben wir Distanzen zwischen 1000 und einer Millionen Jahren bewältigt. Von vierzehn Zeitsonden konnten bisher zwölf geborgen werden. Bei dem noch größeren Käfig Drei, der sich wie Zwei in Arizona befindet, und den wir vor sechs Monaten in Betrieb genommen haben, treten nun allerdings ungewöhnlich hohe Streubreiten auf.«
»Reichweite?«, schnaufte Kafu und zerknitterte ungerührt seinen Trinkbecher. Hollister starrte das Plastikgebilde an, als könnte er es mit seinen Blicken zum Schmelzen bringen, damit es der Japaner endlich in Ruhe ließe, doch der Professor ließ sich in seinem geräuschvollen Zerstörungswerk nicht beirren.
»Die höchste bisher«, sagte Berger, »60 Millionen Jahre. Zwei Sonden, und obwohl exakt gleich in Aufbau, Form und Masse und in exakt gleicher Feldstärke der Gravitationsanomalie beim Start, lagen sie ziemlich genau sieben Millionen Jahre auseinander.«
»11,6666 Prozent«, brummte Kafu. »Was verstehen Sie unter ›exakt gleicher Feldstärke‹, Doktor?«
»Auf ein Millionstel der Gesamtenergie bezogen.«
»Und die betrug?«
Berger zögerte einen Moment und warf dem Admiral einen fragenden Blick zu. Als dieser nicht reagierte, sagte er: »Knapp 900 000 Megawattstunden.«
Der Japaner nickte lächelnd. Fleissiger pfiff durch die Zähne. »Ganz schöne Stromrechnung.«
»Wir haben die beiden Sonden erst nach wochenlangem Suchen bergen können«, berichtete der Ingenieur weiter. »Dafür mussten wir alle orogenetischen Faktoren berücksichtigen und eine Simulation der Kontinentaldrift durchrechnen. Sie ist nicht zu allen Zeiten gleich und wird durch den Stau der Gebirgsauffaltung im Versuchsbereich verlangsamt. Die eine Sonde haben wir in 158 Meilen Entfernung ausgegraben, die andere war 182 Meilen weit weggerutscht, beide lagen in etwa 80 Metern Tiefe.«
»Beachtlich«, erklärte Kafu.
»Ja, beachtlich«, bestätigte Admiral Francis und reckte sein Kinn herausfordernd in Fleissigers Richtung.
»Sagen Sie mal, Dr. Berger«, sagte Fleissiger gedehnt. »Haben Sie eigentlich schon mal versucht, eins von ihren Atomuhr-Eiern auszugraben, bevor Sie es in den Käfig gesteckt und abgeprotzt hatten?«
Berger verzog das Gesicht, als hätte er unvermutet ein Senfkorn zerbissen. »Nun … ich weiß nicht …«, meinte er unbehaglich und wandte sich Hilfe suchend an Hollister, der Fleissiger verständnislos anstarrte.
Der Professor hob den Zeigefinger, blickte Berger über den Brillenrand hinweg tadelnd an und sagte bedeutungsschwer: »Aloysius.«
»Das ist in der Tat ein interessanter Aspekt, Doktor«, schaltete sich Francis ein. »Das sollten wir in der Tat … äh … gelegentlich versuchen. Vielleicht …«
»… ist das Ei da, bevor die Henne es gelegt hat«, nickte Fleissiger grinsend.
Berger warf dem Admiral einen prüfenden Blick zu, dann sagte er, mürrisch die Achseln zuckend: »Wenn Sie meinen, Sir.« Er blätterte in seinen Unterlagen, bis er den Faden wieder gefunden hatte, und fuhr fort: »Unser wichtigstes Ziel ist es, die Streubreite im Bereich zwischen fünf und sechs Millionen Jahren drastisch unter die bisher erzielten einhundert Jahre zu senken – möglichst auf fünf oder maximal zehn Jahre.«
»Und ich bin da sehr, sehr zuversichtlich«, warf der Admiral ein, wobei er sich vorbeugte und bedeutungsvoll mit dem hinteren Ende des Bleistifts auf seine Unterlagen klopfte, als könne er damit seinen Worten mehr Gewicht verleihen.
»Wieso ausgerechnet zwischen fünf und sechs Millionen Jahren?«, fragte Fleissiger überrascht. »Soll das heißen, dass mit dem Projekt bereits ganz konkrete Ziele verfolgt werden?«
»Allerdings, meine Herren. Mit Ihrer Hilfe haben wir in der Tat bereits eine Phase des Projekts einleiten können, die … äh … alle Aussicht auf Erfolg hat«, erklärte der Admiral lächelnd. »Käfig Vier befindet sich bereits in Bau, und sein Kafu-Feld wird stark genug sein, um Menschen und Material über den genannten Zeitraum hinweg in die Vergangenheit zu befördern.«
»Sagten Sie Menschen?«, fragte Fleissiger entgeistert. »Sie wissen doch ganz genau, dass es für diese Leute keine Rückkehr in die Gegenwart gäbe. Wir befinden uns im Stadium der Erprobung einer Theorie, deren Konsequenzen noch unüberschaubar sind, und da wollen Sie Menschenleben aufs Spiel setzen? Ich habe doch wohl nicht richtig gehört?«
»Nun, Professor, Sie sehen die Sache entschieden zu pessimistisch. Schauen Sie, Professor …«, sagte Francis und versuchte, einen versöhnlichen Ton anzuschlagen, »es ist sonst nicht meine Art, jemanden auf Widersprüche in seiner Argumentation aufmerksam …«
»Erlauben Sie, Sir?«, entgegnete Fleissiger auffahrend.
»… in seiner Argumentation aufmerksam zu machen. Sie sagten selbst, Professor Fleissiger, dass wir nichts zu überstürzen brauchen. Selbst wenn wir derzeit noch nicht über die Möglichkeit verfügen, etwas aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, in zehn, in zwanzig, spätestens in fünfzig Jahren werden wir so weit sein. Und dann werden wir die Leute von überallher zurückholen, wo immer sie sich auch in der Vergangenheit befinden mögen.«
»Ist Ihnen klar, was Sie da behaupten, Admiral Francis?«
»Aber gewiss, Professor! Dem menschlichen Geist ist nichts unüberwindlich, das haben doch Sie, meine Herren, selbst überzeugend bewiesen. Vor zehn Jahren noch hätte jeder ohne weiteres behauptet, die Zeitreise sei ein Hirngespinst. Und wenn ich Sie jetzt und heute Ihre Ergebnisse publizieren ließe, würden Sie Spott und Gelächter ernten. Und den Beweis Ihrer Theorie könnten Sie erst antreten, wenn Sie einen Irren finden, der Ihnen die Stromrechnung bezahlt.«
»Den haben wir wahrhaftig gefunden«, warf Fleissiger ein.
»Wenn die nötigen Köpfe und das nötige Kapital vorhanden sind, ist jedes, aber auch jedes Problem lösbar.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr«, sagte Fleissiger trocken.
»Oh, ich bin da sehr, sehr zuversichtlich, Professor«, versicherte Francis.
»Mr. Francis«, sagte Fleissiger sehr ernst. Der Admiral runzelte ärgerlich die Stirn. Er war es nicht gewohnt, mit Mister angeredet zu werden und konnte es auf den Tod nicht ausstehen. »Sie kommen mir vor wie jener Optimist, der ohne einen Cent in der Tasche in einem Feinschmeckerrestaurant sitzt, sich eine Portion Muscheln nach der anderen bestellt und fest daran glaubt, dass er ja irgendwann in irgendeinem von den Dingern eine Perle finden muss, mit der er dann das Ganze bezahlen kann. Dieser Mann ist auch sehr, sehr zuversichtlich, nicht wahr, Sir? Sind Sie sich im Klaren darüber, mit welcher Hypothek auf die Zukunft Sie an diese Sache herangehen? Welchen Vorschuss Sie da beanspruchen?«
Fleissiger war immer lauter geworden und hatte die Fragen dem Admiral geradezu ins Gesicht geschrieen. Als er geendet hatte, entstand eine unerquickliche Pause. Schließlich räusperte sich Francis und sagte: »Sie werden mir wohl nie verzeihen, Mr. Fleissiger, dass ich Ihnen … äh … davon abgeraten habe, Ihre Forschungsergebnisse zu publizieren.«
»Pah!«, fauchte Fleissiger.