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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
PROLOG
 
ERSTER TEIL – GEÄCHTET
DER GOLDENE SCHLÜSSEL
DER SCHWUR
TAUSEND GULDEN UND DAS ENDE DER WELT
ABSCHIED
NÄCHTLICHE HEIMKEHR
PILZE UND EIN KUSS
KETZER IM WIND
EIN EISIGER HAUCH
VIERZINNEN
 
ZWEITER TEIL – GETRENNTE WEGE
GEFANGEN
EIN NACHTLAGER UND KEIN PLAN
ZU VIELE FÄHRTEN
EINE EINSAME ENTSCHEIDUNG
KAEDY MIA
HUNDERT FRAGEN
UNTERWEGS
 
DRITTER TEIL – DER DRACHE DES KETZERS
CHYBHIA
BLUT UND SPIELE
KETZERJAGD
KRAWINYJAN
BÖSE ÜBERRASCHUNGEN
EIN ALTER ZAUBER
IM KLOSTER
 
EPILOG
ANHANG
DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DER SCHANDHAFT VON DRACHEN VERBANNTEN ORDENSRITTER ...
Copyright

Seit Jahrhunderten wird das Großtirdische Reich von dem uralten und mächtigen Drachenorden beherrscht, dessen Ritter die wertvollen Geschöpfe einfangen und ihnen die Flügel abschneiden – die einzige Möglichkeit, sie zu zähmen. Drachenflüsterer Ben, der dank seiner besonderen Gabe in der Lage ist, verstümmelten Drachen ihre Flügel wiederzugeben, durchstreift seit seiner Flucht aus Trollfurt mit seinen Freunden Yanko und Nica das Land, um die gefangenen Drachen zu befreien. Sie leben in ständiger Angst vor dem einflussreichen Orden, und der Hohe Abt hat bereits drei furchteinflößende weiße Drachen ausgeschickt, die die Geächteten zur Strecke bringen sollen. Die Freunde wollen zumindest dem Drachen des Ketzers Norkham zur Freiheit verhelfen – der hatte einst Nicas Vater dazu überredet, das junge Mädchen zu opfern. Nica ist getrieben von ihrem Bedürfnis nach Rache, und so haben die jungen Helden geschworen, nicht eher zu ruhen, bis Norkham für seine Verbrechen bezahlt hat. Für Ben beginnt ein Abenteuer, bei dem sein Leben und die Freiheit der Drachen des Großtirdischen Reiches auf dem Spiel stehen...
 
Mit Der DrachenflüstererDer Schwur der Geächteten setzt Boris Koch seinen Fantasy-Erfolg Der Drachenflüsterer auf atemberaubende Weise fort.

Für Nicki und Grobi Der Süden wartet

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PROLOG
Der namenlose Ritter in der roten Rüstung trieb den flügellosen Drachen voran. Es war ein schlanker, sandfarbener Drache mit unregelmäßigen schwarzen Flecken und langen, kräftigen Hinterbeinen, schneller und ausdauernder als jedes Pferd. Laut schlugen die breiten Tatzen auf die staubigen Pflastersteine der Straße, die schnurgerade auf das Kloster mit den zwölf Zinnoberzinnen zuführte.
Der Helm des hageren Ritters – der geschworen hatte, seinen Namen erst dann wieder zu führen, wenn er den großen grauen Meerdrachen von seinen Flügeln befreit hatte – war hinter den Sattel geschnallt, zwischen Schwertscheide und Packtaschen. Das unrasierte Gesicht war voller Schweiß und Dreck, er wirkte angespannt.
»Schneller!«, knurrte er und leckte sich über die ausgetrockneten Lippen. Er schmeckte Salz und Staub. »Gleich gibt es ja was zu trinken.«
Die Sonne brannte vom Himmel, kein Lüftchen regte sich. Trotzdem beschleunigte der Drache noch einmal. Auch er hatte das massive Kloster entdeckt, dessen weiße Mauern weithin leuchteten, und hielt die Augen starr auf die weitläufige und verschachtelte Anlage gerichtet, die sich auf einer felsigen Anhöhe am Ufer des sanften Firnh erhob. Hechelnd stürmten sie immer weiter und achteten nicht darauf, wie erschöpft sie waren.
Eine halbe Stunde später erreichten sie das Tor, das aufmerksame Wachen für sie geöffnet hatten. Zwei Ritter in blinkenden Rüstungen grüßten vom Wehrgang herunter, die große Fahne mit dem Symbol des Sonnengottes Hellwah hing schlaff und reglos an der Stange auf dem Tor.
Der rote Ritter sprengte in den Hof und zügelte den Drachen erst im Inneren des Klosters. Dort sprang er aus dem Sattel, zerrte ein kleines Päckchen aus der Satteltasche und gab dem Drachen einen Klaps auf die Seite. »Geh trinken, alter Junge. Hast du dir verdient.«
Der Drache tapste hinüber zu dem riesigen, im Boden versenkten Marmortrog vor den hohen Ställen. Hier landete das Regenwasser der umliegenden Dächer, das in kupfernen Rinnen gefangen und über ein ausgeklügeltes Rohrsystem in den Trog geleitet wurde. Wobei Trog eigentlich eine irreführende Bezeichnung war – es war ein Becken von sicherlich dreißig Schritt Länge und vier Schritt Tiefe, durch das die Novizen am Ende ihres ersten Monats tauchen mussten, während alle Drachen zugleich getränkt wurden. Eine kleine Mutprobe unter den Ritteranwärtern, keine vom Abt gestellte Aufgabe. Im Moment dösten dort nur zwei Drachen und ein halbes Dutzend Pferde in der Sonne.
Der Ritter verdrängte die Erinnerungen an seinen eigenen Tauchgang vor vielen Jahren, an die langen rauen Zungen, die einem Tauchenden neugierig und durstig über die bloße Haut leckten, und eilte auf die breite gewundene Treppe zu, die in den Haupttrakt des Klosters führte. Doch auf der untersten Stufe verharrte er überrascht. Oben an der steinernen Balustrade, direkt unter der leuchtenden goldenen Sonne über dem Eingang, stand der Hohe Abt; noch nie war dieser einem Boten entgegengekommen. Einen winzigen Augenblick lang zögerte der Ritter, dann erinnerte er sich der Etikette und neigte den Kopf. »Hoher Herr«, murmelte er mit trockenem Mund. Er sprach den Namen Morlan nicht aus.
»Hast du es?«, fragte der Abt, ohne die Begrüßung zu erwidern. Morlan war ein kleiner kräftiger Mann mit weißem Haar, großer Nase und eiskalten blauen Augen. Er trug die schlichte Tunika des Ritterordens, keine Rüstung, keine Kutte, und außer der goldenen Kette kein sichtbares Zeichen seiner Macht. Doch Hellwahs Segen lag auf ihm, er brauchte keine Insignien, die seinen Rang verkündeten. Jeder in seiner Nähe konnte die Kraft und Befehlsgewalt spüren, die ihm vom höchsten der Götter geschenkt worden war.
»Es war nicht leicht, Hoher Herr«, sagte der rote Ritter und blickte zu Boden. Er schluckte. »Die Wahnsinnigen haben seinen ganzen Besitz verbrannt, und die Asche hat der Wind längst verweht. Doch sein Topf ist dem Feuer nicht zum Opfer gefallen, ich fand ihn verbeult, halb geschmolzen und rußverschmiert im Wald. Ich hoffe, die Flammen und irgendwelche Tiere haben ihn nicht gänzlich unbrauchbar gemacht. Im Fall der anderen beiden war es einfacher. Als fahrender Händler habe ich mich in das ketzerische Trollfurt eingeschlichen und ein Hemd seines Freundes mitgenommen und ein Kleid des Mädchens. Sie ist wohl wirklich freiwillig mit ihm gegangen, ihre verbitterte Mutter beschuldigt den toten Vater.«
Ohne die geringste Gefühlsregung musterte ihn der Hohe Abt, schließlich nickte er. »Nun gut, dann muss es eben mit einem Topf gehen. Begleite mich zum Zwinger.«
Gehorsam folgte der Ritter dem Abt an seinem gierig saufenden Drachen und den Stallungen vorbei. Vereinzeltes Schnaufen, ein Wiehern und der strenge Geruch nach Drache und Hitze drangen heraus.
»Nachher kannst du berichten, wie viele Ketzer Trollfurt besetzt halten und wie viele der Bürger noch zum rechten Glauben stehen, seit Priester Habemaas fliehen musste. Wir werden es für König und Orden zurückerobern. Die Ketzer sind zu einer Plage geworden, die ausgemerzt werden muss. Aber zuerst erzähl mir, was du von dem Jungen weißt«, forderte der Abt.
»Nicht viel«, entgegnete der Ritter. »Oder zu viel. Zahlreiche Geschichten sind über ihn im Umlauf. Er ist ein Rebell, ein Mörder und Anhänger des dunklen Gottes. Angeblich reitet er einen geflügelten und damit verfluchten Drachen, auch seine beiden Gefährten Yanko und Nica wurden mehreren Zeugen zufolge gemeinsam auf einer solchen Bestie gesehen. Ob dies der Wahrheit entspricht, wage ich zu bezweifeln, doch es ist wohl erwiesen, dass dieser Ben den ehrenwerten Ritter Narfried und seine entzückende Jungfrau getötet hat. Ich weiß nicht, wie viele Spießgesellen ihm außer den beiden Freunden folgen, doch er hat die ganze Stadt in Aufruhr und Angst versetzt, und er hat sich nicht nur gegen das Recht, sondern auch gegen die Ketzer gestellt. Er muss tollkühn sein oder verrückt, auf jeden Fall aber gefährlich trotz seines jungen Alters von gerade mal fünfzehn Jahren. Und er hat seine Motive noch nicht offengelegt; niemand weiß, was er wirklich will, was ihn zu diesen Taten treibt. Die einfachen Leute in Trollfurt fürchten ihn und seine Rache. Unverfänglich habe ich beim Bier mit mehreren ausgewachsenen Männern gesprochen, die sich ihm nicht entgegenstellen würden, trotz der Belohnung, die der Orden auf ihn ausgesetzt hat. Sie schwören auf ihr Leben, er sei mit Samoth im Bunde, und nachts glühten seine Augen rot. Nur der Schmied wollte ihm sofort den Schädel einschlagen, der Bastard habe ihm seinen Sohn gestohlen. Er will von Anfang an gesagt haben, dass dieser Ben nichts tauge, aber er selbst sei einfach zu weich und gutherzig gewesen, nicht streng genug zu seinem Yanko. Die Belohnung interessiere ihn nicht, er täte es schließlich nicht des Geldes wegen. Bens Mutter ist vor gut zwei Jahren gestorben, eine Säuferin, der Vater schon viel länger verschwunden. Niemand hatte ein gutes Wort für diesen Jungen übrig.«
»So, so, sie haben also alle Angst.« Der Hohe Abt nickte, auf seinen Lippen zeigte sich ein dünnes Lächeln. »Das habe ich mir gedacht. Deshalb werden wir uns selbst um ihn kümmern und es nicht bei der Ächtung und Belohnung belassen.«
Inzwischen hatten sie die Außenbereiche der Klosteranlage erreicht. Ganz im Norden, direkt an der gewaltigen Wehrmauer, hinter der das Plätschern des gemächlich dahinfließenden Firnh zu vernehmen war, dessen Wasser im Sonnenlicht kristallgrün schimmerte, kauerte ein gedrungener runder Turm, der sicherlich zwanzig Schritt durchmaß und dessen Außenwand aus großen verwitterten Granitquadern bestand. In dem Gebäude befanden sich rundum hohe, vergitterte Fensteröffnungen, welche die Strahlen der göttlichen Sonne hineinließen, und im Süden war ein Durchgang aus der Mauer gebrochen, der mit einem schwarzen Fallgatter verschlossen war. Einen solch gewaltigen Zwinger besaßen nur die bedeutendsten Klöster des Drachenordens. Die Luft um ihn war kalt, obwohl die Sonne hier ebenso schien wie im vorderen Hof.
Als sich Abt und Ritter dem Zwinger näherten, drängten sich vier weiße Drachen im Eingangsbereich. Mit gewaltigen Klauen rüttelten sie an dem massiven Gestänge und sogen die Luft mit geweiteten Nüstern ein. Sie schnupperten gierig und bleckten die Zähne, scharrten aufgeregt über den ausgetretenen Steinboden und stießen sich gegenseitig zur Seite – jeder suchte die Nähe des Abts, der nur einen halben Schritt vom Gitter entfernt stand.
Der kleinste Drache maß gute fünf Schritt, der größte wohl an die zwölf. Ihr Weiß glich dem einer unberührten Eisfläche, die in der klaren Mittagssonne glitzert, ihre Schuppen waren der irdische Abglanz von Hellwahs Reinheit – sie strahlten heller als jeder Edelstein. Ihre Augen waren klein und blutrot, die Pupillen schwarze Punkte, die Mäuler riesig, selbst für Drachen; darin wuchsen drei wilde Reihen langer spitzer Zähne, unregelmäßig und klar wie Eiszapfen.
Die weißen Drachen waren so kalt, dass niemand länger auf ihnen zu reiten vermochte, kein Sattel hielt diese Kälte fern. Angeblich konnte sie jedes noch so hitzige Herz gefrieren lassen, dass es hart wurde wie Stein und bei der nächsten Erschütterung in tausend Splitter zerbarst.
Dies waren die Hunde Hellwahs, rastlose Jagddrachen, einzig dazu ausgebildet, Geächtete und Glaubensfeinde zur Strecke zu bringen, wo immer sie sich verbergen mochten. Sie waren Hellwahs Zorn und strafender Arm und bei Weitem nicht so sanftmütig wie andere Drachen.
»Wirklich bedauerlich, dass du nur diesen Topf von dem Jungen auftreiben konntest«, sagte der Abt und ließ den Blick über die Drachen wandern, die tatendurstig mit den Klauen scharrten. »Aber dann müssen wir eben hoffen, dass sich der Geruch nicht vollkommen verflüchtigt hat. Oder wir finden ihn über seine zwei kleinen Freunde.«
Den Ritter fröstelte in der Nähe der weißen Drachen. Er nickte und reichte dem Abt das Päckchen. Dieser nahm es und bedeutete den beiden Wachen an der großen Kurbel, das Gatter zu öffnen. Eifrig folgten sie dem Befehl, und ratternd hob sich das Tor, während der Abt mit schneidender Stimme die drei größten Drachen herausrief und den vierten anwies, im Zwinger zu bleiben.
Aufgeregt hechelnd warteten die drei ausgewählten Drachen auf weitere Anweisungen. Mit ihren roten Augen starrten sie den Abt an, rührten sich jedoch nicht. Ohne einen von ihnen zu berühren, warf er dem ersten ein zerdrücktes Jungenhemd vor die Nüstern und sagte: »Such!«
Dem zweiten legte er ein grünes Kleid zwischen die Tatzen und sagte auch ihm: »Such!«
Den verbeulten Topf ließ er dem größten zwischen die Vordertatzen fallen. »Such!«
Die drei Drachen schnüffelten an den Stoffen und dem Metall, ließen ein eisiges Knurren hören, das dem roten Ritter eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte, und trabten los. Sie verließen das Kloster und würden nun kreuz und quer durch das Land laufen, ohne Rast auf der Suche nach den Menschen, deren Geruch sich auf ewig in ihren Nüstern festgesetzt hatte. Noch nie war ihnen jemand entkommen.
»Das wäre erledigt«, sagte der Abt und sah ihnen mit einem kalten Lächeln hinterher. »Jetzt stärke dich erst einmal, und dann erzähle mir von Trollfurt. Wir müssen es zurückgewinnen, bevor der Einfluss der Ketzer im Reich noch größer wird. Es darf keine Nachsicht mehr geben, die Jagd ist eröffnet, wo immer sie sich verstecken. Selbst wenn es zum Bürgerkrieg kommen sollte – wir können ihre Lügen nicht weiter hinnehmen. Zu Hellwahs Ehren und zum Schutz des einfachen Volks.«

004
ERSTER TEIL
GEÄCHTET

DER GOLDENE SCHLÜSSEL
Das ist doch Schwachsinn, du Eiterkopf!«, fluchte Ben. »Wieso sollten wir die Knochen unter dem Fenster vergraben? Was soll das bringen?«
»Schutz vor den bösen Geistern verstorbener Wilderer. Oder willst du dich im Schlaf ausnehmen lassen wie ein gepunkteter Wildbulle? Ich nicht!«, motzte Yanko.
»Ich auch nicht!«, rief Ben. »Aber das ist doch Unsinn! Die Geister von Wilderern kommen immer durch die Tür, sie sind dazu verflucht, sich nach ihrem sündigen Leben an die Regeln des Anstands zu halten. Wir müssen die Knochen unter der Türschwelle vergraben!«
»Mach doch, was du willst. Ich vergrabe meine Knochen unter meinem Fenster!«
Keifend standen sich die beiden Freunde gegenüber. Der drahtige Ben war nur unwesentlich älter und größer, er hatte schon ebenso viele Raufereien gegen den kräftigeren Yanko gewonnen wie verloren. Unter dem verstrubbelten braunen Haar, das ihm tief in die Stirn hing, funkelten die graublauen Augen angriffslustig hervor, während Yankos dunkle Augen selbst jetzt, mitten im Streit, noch schalkhaft zu blitzen schienen, als könne er nicht einmal den ernst nehmen.
Nica saß in ihrem ramponierten weißen Kleid oben auf der bröckligen Außenwand der Ruine, das lange, leuchtend blonde Haar zu einem einfachen Knoten geschlungen, und sah mit großen dunklen Augen und einem Lächeln, das sie seit dem Tod ihres Vaters vor wenigen Wochen viel zu selten gezeigt hatte, auf die beiden Streithähne herab. Die wenigen Strahlen der schräg stehenden Nachmittagssonne, die durch das dichte Laub des die Ruine umgebenden Waldes drangen, schienen ihr mitten in das lächelnde Gesicht. Nica fürchtete sich nicht vor den Geistern von Wilderern, schließlich besaß sie ein altes Amulett, das sie vor wenigen Monaten von ihrer Tante bekommen hatte, an dem Abend, als der Aufbruch nach Trollfurt festgestanden hatte. Eines der wenigen Dinge, die sie bei ihrer Flucht nicht hatte zurücklassen müssen.
»Du wirst mir noch danken, dass ich meine Knochen unter der Tür vergrabe. Sie bieten dann nämlich auch euch Schutz!«, stieß Ben hervor und stapfte um die Ecke, vorbei an den drei geflügelten Drachen, die faul im ehemaligen sonnendurchfluteten Burghof herumlagen und sich nicht regten; nur ab und zu zuckte ein Schwanz, als wolle er ein lästiges Insekt vertreiben. Wobei Drachen natürlich zu groß waren und ihre geschuppte Haut zu dick, als dass sie sich um Insekten hätten kümmern müssen.
Die längst verfallene Ruine erhob sich auf einer kleinen Lichtung, ganz oben auf einem dicht bewachsenen Hügel inmitten des Furchenwalds, nur wenige Meilen entfernt von der Stadt Falcenzca. Einst musste sie ein wehrhaftes Kloster oder eine weitläufige Burg gewesen sein, doch inzwischen waren die steinernen Überreste von Moosen, Gräsern und Sträuchern überwuchert, sogar eine einsame knotige Feuereiche erhob sich inmitten der ehemaligen Stallungen. Brunnen gab es keine mehr, der ehemalige Kamin diente als Auffangbecken von Regenwasser; wenn es denn mal regnen sollte. Nur der große, runde, unterste Raum im ehemaligen Ostturm war noch überdacht. Doch Geister schwebten nicht von oben über Mauern herein, davon hatte Ben noch nie gehört. Sie hielten den Kontakt zur Erde, in der sie begraben waren.
Ben warf sich vor der Türschwelle zum Turmzimmer auf die Knie, zerrte das Messer, das Yanko ihm vor seiner ersten Flucht aus Trollfurt geschenkt hatte, aus dem Gürtel, und begann, das wuchernde Gras, die Wurzeln und die Erde zwischen den Ritzen der verwitterten Pflastersteine herauszukratzen. Nur mühsam kam er voran, die Steine waren groß und seit Jahrhunderten hier, die Ritzen zwischen ihnen schmal. Er achtete nicht auf das Schnauben der Drachen und den Vogelgesang in seinem Rücken, sondern grub stur weiter, bis er den ersten Stein aus dem Boden heben konnte. Die Erde darunter war dunkel und feucht, obwohl es seit Tagen oder eher Wochen nicht geregnet hatte. Ein aufgeschreckter, fingerdicker weißer Wurm wühlte sich hektisch in die Tiefe zurück.
Angeekelt verzog Ben das Gesicht und starrte ihm nach, bis er verschwunden war; zu spät fiel ihm ein, dass man den Wurm vielleicht für einen Zauber hätte verwenden können.
Egal, dachte er. Erst würde er den Schutz vor untoten Wilderern zu Ende bringen, dann konnten sie ja in Ruhe nach weißen Würmern graben, wenn Yanko oder Nica wussten, was man mit ihnen anstellen könnte. Vielleicht kannte sich Yanko ja wenigstens mit weißen Würmern aus, wenn er schon keine Ahnung von Schutzzaubern mit Hasenknochen hatte.
Nachdem der erste Stein heraus war, ging es leichter. Ben stieß die Klinge tief in die Erde und hebelte den nächsten heraus, dann einen dritten und vierten. Schließlich hatte er die gesamte Vorderseite der Türschwelle freigelegt.
Die Schwelle bestand aus einem ausgetretenen dunkelgrauen Gestein, das von einem feinen Gespinst aus weißen Linien durchzogen war. Sie war außergewöhnlich massiv und reichte zwei Handbreit in die Tiefe, die Erde direkt unter ihr war tiefschwarz wie Torf. Auch war sie ein wenig wärmer als der sonstige Boden und trocken, stellte Ben fest, als er Platz für die Knochen schaffen wollte. Kurz zuckte er zurück, doch als er die Finger hineingrub, stieß er auf etwas Hartes. Zuerst dachte er an eine Baumwurzel, doch es schien aus Metall zu sein und lag locker in der Erde. Hastig umschloss er das Ding und zog es aus der Tiefe. Es war ein Schlüssel aus Gold.
Ungläubig starrte er ihn an, dann wischte er vorsichtig den Dreck ab. Der Schlüssel war groß, so lang wie die Hand eines ausgewachsenen Mannes, und die Räute war einem Drachenkopf nachempfunden. Kleine weinrote Edelsteine bildeten die Augen, sie funkelten im Sonnenlicht, als wären sie lebendig. Der Bart bestand aus einer ausgebreiteten, gezackten Drachenschwinge – es konnte kein Schloss geben, in das dieser Schlüssel passte. Ausprobieren konnte ihn Ben aber nicht, die Tür über der Schwelle war schon lange nicht mehr hier, es gab nur noch verbogene rostige Scharniere in der Wand. In der ganzen Ruine fand sich keine Tür und kein Tor mehr.
»Hey, Yanko. Nica«, krächzte er. Der kleine Streit von eben war vergessen, wie all die anderen in den Tagen zuvor. Zu vieles verband sie, seit sie gemeinsam gegen die Ketzer in der alten Blausilbermine Trollfurts gekämpft hatten, die Nica einem gigantischen erwachenden Drachen opfern wollten, obwohl ihr Vater sie angeführt hatte. Auch gegen die ordenstreuen Rechtgläubigen Trollfurts hatten sie sich gewandt, denn diese hielten Ben für einen Mörder und wollten Drachen versklaven, indem sie ihnen die Flügel und damit den freien Willen abhieben. Auf zwei geflügelten Drachen waren sie gemeinsam geflohen, und eine solche Freundschaft zerbrach nicht so schnell, auch wenn sich Ben in den letzten Wochen erst daran hatte gewöhnen müssen, dass die beiden ein Paar waren und er nur ihr Freund.
Ben räusperte sich und rief lauter. Dabei konnte er den Blick nicht von dem Schlüssel abwenden. Mit einem Hemdzipfel reinigte er noch die letzten dreckigen Verzierungen, und nun schimmerte das Gold des Schlüssels so klar, als habe er bis gerade eben in der Auslage eines Goldschmieds gelegen und nicht tief in der Erde.
»Was ist los?«, fragte Yanko, als er und Nica um die Ecke bogen.
Ben hielt ihnen den Schlüssel entgegen und zeigte ihnen, wo er ihn gefunden hatte.
»Ist das Gold? Echtes Gold?«, fragte Nica.
Doch bevor sie ihn in die Hand nehmen konnte, griff Yanko danach. »Heiliger Trollbollen! Das ist phantastisch gearbeitet. So was hab ich noch nie gesehen, der Schwung der Ohren, die feinen Schuppen. Jeder Zahn ist zu erkennen. Das ist ein Meisterwerk.«
Ben grinste, als gelte das Kompliment ihm, obwohl er den Schlüssel nur gefunden, nicht gefertigt hatte. Yanko wusste, wovon er sprach, schließlich war sein Vater Schmied in Trollfurt.
»Darf ich jetzt auch mal?«, fragte Nica spitz und sah Yanko mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Ähm, ja, klar«, sagte Yanko und reichte ihr hastig den Schlüssel.
Ben grinste. Er konnte sich nicht erinnern, dass sich Yanko je untergeordnet hatte oder sich von irgendeinem Jungen in Trollfurt hatte herumschubsen lassen, selbst wenn dieser zwei Köpfe größer und dreimal so breit gewesen war. Doch bei Nica sah es ganz anders aus.
»Was hatte der Schlüssel unter der Schwelle verloren?«, fragte Yanko, während Nica das Kunstwerk bewundernd in den Händen drehte.
»Ein Ersatzschlüssel für Notfälle?«, schlug Ben vor, ohne nachzudenken.
»Klar, Schrumpfkopf. Und immer, wenn sich der Ritter versehentlich ausgesperrt hat, musste er den halben Weg vor der Tür aufreißen, um an den Schlüssel zu kommen. Er ist nie ohne Schaufel aus dem Turm gegangen, falls er den Schlüssel vergessen sollte. Sehr sinnvoll! Ersatzschlüssel müssen leicht zu erreichen sein.«
»Selbstverständlich. Am besten an einem beschrifteten Haken gleich neben dem Burgtor. Da freut sich dann jeder Belagerer, weil er gar keine Armee mehr mitbringen muss, um deine Burg einzunehmen. Krötenfurzer!«
»Schlammtrinker!«
»Drachenkottaucher!«
»Eiterkopf!«
»Dreifach bepisster...«
»Jungs!«, rief Nica, und Ben und Yanko hörten auf, einander anzuknurren und sahen sie an. »Ich glaube nicht, dass das ein Ersatzschlüssel ist.«
»Sage ich doch...«, murmelte Yanko.
»Sohlenlecker«, zischte Ben.
»Das muss irgendein Zauber sein.« Nica hielt den Schlüssel gegen den wolkenlosen blauen Himmel direkt über der Ruine und starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Eine Schwelle ist ein mächtiger Ort für einen Zauber. Und eine normale Tür kann man mit diesem Ding auf keinen Fall öffnen.«
Die beiden Jungen nickten. Unwillkürlich blickte Ben in das runde Turmzimmer hinein, doch dort hatte sich nichts verändert. Noch immer fiel das Sonnenlicht durch die drei Fenster herein, noch immer lagen ihre wenigen Habseligkeiten über den staubigen Boden verstreut, und auch an den Wänden hatte sich keine weitere Tür geöffnet. Nica und Yanko sahen sich ebenfalls um und schienen auf etwas zu lauschen, als müsste sich eine Veränderung mit einem Geräusch ankündigen. Die Vögel sangen noch immer, die Drachen schnauften in aller Gemütlichkeit.
»Heißt das, ich habe jetzt irgendeinen Zauber zerstört?«, fragte Ben leise. »Ich meine, indem ich ihn ausgegraben habe?«
Seine Freunde zuckten mit den Schultern und sahen zu Boden. Ihnen war sichtlich unwohl bei diesem Gedanken. Yanko räusperte sich und brummte: »So verfallen, wie die Ruine ist, hat hier bestimmt kein Zauber mehr gewirkt.« Doch es klang weder überzeugt noch überzeugend.
»Lasst uns mal rumschauen, vielleicht hat sich ja doch etwas geändert«, schlug Nica vor und drückte Ben rasch den Schlüssel wieder in die Hand. »Ist deiner, du hast ihn gefunden.«
Langsam schob Ben ihn in die tiefe rechte Tasche seiner abgeschabten und mit zahlreichen bunten Flicken übersäten Hose. Zum ersten Mal im Leben besaß er etwas Wertvolles, abgesehen von dem Blausilber, das sie in der Mine eingesteckt hatten, doch er konnte sich nicht freuen. Zu viele Geschichten von armen Tölpeln kannte er, die einen Zauber gebrochen hatten und daraufhin von seiner freien Magie besessen wurden. Oder sie wurden von einem Fluch getroffen, der den Zauber schützte. Ben hatte von Frauen gehört, denen riesige Warzen auf den Augenlidern wuchsen, so dass sie diese nicht mehr öffnen konnten, wie auch von einem Bauer, über dessen Feldern es nicht mehr geregnet hatte, selbst wenn über die Äcker seiner Nachbarn das stürmischste Gewitter hinwegfegte, nur weil er ihren Fruchtbarkeitszauber vor lauter Neid aus dem Boden gerissen hatte.
Die Erde um den Schlüssel herum war tiefschwarz und trocken gewesen, und der Tod trocknete die Dinge aus. Was war das für ein Zauber?
Ben fluchte und stapfte mit seinen Freunden durch die Ruine, doch sie bemerkten nichts, was sich seit dem Fund verändert hatte. Noch immer dösten kleine gelbe Salamander auf den Mauerresten und huschten davon, wenn sie ihnen zu nahe kamen. Eine silberne Libelle, auf deren Flügeln sich die wechselnden Grüntöne der Blätter spiegelten, tanzte durch die Ruine, und weder sie noch andere Tiere noch die dämmernden Drachen wirkten nervös. Nirgendwo hatte sich eine bislang verborgene Tür geöffnet, kein Keller voller Schätze war plötzlich erschienen. Auch stürzten die alten Mauern nicht ein, sie standen fest, auch ohne dass der Schlüssel in der Erde ruhte. Irgendwo rieselte ein wenig grauer Mörtel zu Boden.
 
Mit Sonnenuntergang waren letztlich die meisten Bedenken verflogen, und als sich Yanko und Nica in das Turmzimmer zurückzogen, waren die beiden bester Laune, lachten und alberten herum. Nica wirkte ausgelassen wie nie seit dem Tod ihres Vaters. Bislang hatte sie Ben nicht darauf angesprochen, worüber er sehr dankbar war. Schließlich war er es gewesen, der ihn mit der als Waffe geschwungenen Fackel getroffen, in Brand gesteckt und in den Drachenschlund gestoßen hatte. Auch wenn der Drache Nicas Vater aus- und gegen die Wand gespuckt hatte, hatte doch Ben seinen Tod eingeleitet.
Tagsüber wusste er, dass es richtig gewesen war, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte, den mordgierigen und besessenen Ketzer zu stoppen, doch oft genug träumte er deswegen noch immer schlecht, denn nachts schlief sein Verstand. Dann sah er sein von Wut und Hass verzerrtes Gesicht, den Schmerz und die Überraschung, als er mit voller Wucht von der Fackel getroffen wurde. Viel deutlicher als in jener Nacht hörte er den Schädelknochen knirschen und den dumpfen Aufprall gegen die Felswand. Manchmal erwachte Ben davon, riss japsend die Arme hoch, um einen Angriff abzuwehren, einen Angriff, der nicht kam.
Ben sah Nica und Yanko nach, wie sie Hand in Hand zu ihrem Schlafplatz schlenderten, auch wenn er in der Dunkelheit nicht mehr als grobe Schatten erkannte. Dann stapfte er zu seiner Decke, die er am anderen Ende der Ruine ausgebreitet hatte. Er wollte die beiden nicht hören, solange er allein daneben liegen musste, ihr Getuschel, die Küsse und Berührungen. Er wollte nicht neben diesen Geräuschen liegen und sich einsam fühlen. Für einen Moment dachte er an die schöne Anula, die er in Falcenzca kennengelernt und anfangs für eine rüschennasige Rinnsteinschnepfe gehalten hatte. Die er belogen und getäuscht hatte, um den Drachen Juri zu befreien, die ihn dann jedoch so intensiv angesehen hatte, dass er es nicht vergessen konnte. Leichtfertig hatte er versprochen, sie zu besuchen, wenn er erneut nach Falcenzca käme, doch seit Wochen war er nicht in die Stadt hinübergelaufen. Jetzt wünschte er sich, sie wäre hier bei ihm.
Dann bemerkte er, wie sich die Drachen erhoben. Alle drei breiteten die Flügel aus, auch die von Juri waren in den letzten Wochen dank Bens außergewöhnlicher Gabe vollständig nachgewachsen, und seit gestern konnte er wieder fliegen. Ben war ein Drachenflüsterer, und das bedeutete, er verfügte über die Kraft, Drachen zu heilen, indem er ihnen die Hände auflegte. Sogar abgeschlagene Körperteile wuchsen unter seiner Berührung wieder nach, nur den Tod konnte er nicht rückgängig machen.
Drei Drachen hatte er bislang geheilt – allen hatte ein Ordensritter einen oder zwei Flügel abgeschlagen, denn der Orden der Drachenritter glaubte an die alte Legende, die besagte, dass die Flügel von Samoth, dem dunklen Gott der Tiefe, verflucht seien, und nur ohne sie könne ein Drache frei sein. Doch Ben wusste, dass Drachen ohne Flügel nicht frei waren, sondern willenlos wie Schoßtierchen, leicht zu befehligen und zu reiten. Die Ketzer dagegen waren überzeugt, Drachen seien Geschöpfe Samoths und man müsse sie unterwerfen, indem man ihnen die Flügel nahm. Und so machten sowohl der Orden der Drachenritter als auch der ketzerische Orden der Freiritter Jagd auf wilde Drachen, um ihnen die Flügel abzutrennen. Ben wollte den geknechteten Wesen die Flügel und Freiheit zurückgeben.
Die drei, bei denen es ihm bereits gelungen war, waren bei ihnen geblieben. Aiphyron war der Erste gewesen, ein großer Drache mit Schuppen vom tiefen, wunderschönen Blau einer alten Himmelsbuche. Feuerschuppe war kleiner, vielleicht acht Schritt lang, und von dunkelroter, teils oranger oder gar gelber Färbung, sein Panzer wirkte wie ineinandergeflochtene Flammen, er war von Nicas Vater geknechtet worden. Den massigen, schilffarbenen Juri hatten Ben und Aiphyron aus dem Stall des Händlers Dicime in Falcenzca entführt.
Nun erhoben sie sich zu dritt. Tagsüber taten sie es wegen der Nähe zu der großen Stadt nicht, sie wollten die Ordensritter, die ihnen Flügel und damit die Freiheit nehmen wollten, nicht auf die Ruine aufmerksam machen, in der sie seit beinahe einem Monat lagerten. Doch nachts wollten sie sich frei fühlen.
Ben hörte die Flügel schlagen, sah ihre Schemen über den Baumwipfeln verschwinden. Er verharrte mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen, dann kletterte er auf das höchste Stück der einst mächtigen Außenmauer, anstatt sich hinzulegen. So weit wie möglich kraxelte er hinauf und suchte sich eine bequeme Sitzposition, so dass er eine verwitterte Zinne als Rückenlehne benutzen konnte und kein spitzer Stein in seinen Hintern piekste. Lächelnd legte er den Kopf in den Nacken und blickte in den klaren Sternenhimmel empor.
Der Mond war halb voll und von klarem Weiß, in seinem Licht konnte Ben hin und wieder den Schatten eines Drachen vorüberhuschen sehen. Sie schraubten sich in ferne Höhen hinauf, warfen sich in wilde Sturzflüge und tollten herum wie ausgelassene Welpen, obwohl zumindest Aiphyron schon deutlich mehr Jahre auf dem Buckel hatte als jeder verknöcherte, verbiesterte Erwachsene, den Ben kannte. Ihnen zuzusehen, machte Ben glücklich, es waren die schönsten Geschöpfe, die er je getroffen hatte – vielleicht abgesehen von einigen Mädchen.
Und es machte ihn glücklich, weil seine Gabe den dreien ermöglicht hatte, wieder zu fliegen. Kurz starrte er auf seine Hände, dann hob er den Kopf wieder. Es waren keine besonders großen Hände, sie waren schlank und schmutzig, aber dennoch steckte eine so große Gabe in ihnen.
Was war das für eine alte Überlieferung, der zufolge man einem Drachen die Flügel abhacken musste, um ihn auf diese Weise zu einem friedliebenden Geschöpf zu machen? Immer wieder hatte sich Ben das gefragt, doch keine Antwort gefunden. Das Böse steckte nicht in den Schwingen! Wie konnte man das nur glauben, wenn man die Augen öffnete und sich einen freien Drachen besah? Ohne Flügel blieben versklavte, der Sprache beraubte Geschöpfe zurück, die sich nicht von der Erde erheben konnten. Was waren das für strahlende Ritter und Priester, die den Unterschied zwischen Bösem und Freiheit nicht kannten? Hatte Ben auch einst geträumt, selbst ein Ritter zu werden, inzwischen verabscheute er den Orden nur noch.
In solche Gedanken versunken beobachtete er, wie Aiphyron durch die Luft wirbelte, sich in die Tiefe stürzte, knapp über den dunklen Baumwipfeln die Flügel ausbreitete und elegant über die Ruine hinwegsegelte, über Bens Kopf, dicht gefolgt vom gedrungenen Jurbenmakk, der Juri genannt werden wollte, und Feuerschuppe, der sich nicht an seinen Drachennamen erinnern konnte.
Wie lange er ihnen zugesehen hatte, wusste Ben nicht, als Aiphyron plötzlich neben ihm landete. Aufrecht auf den Hinterbeinen stehend, lehnte er sich lässig an die Mauer, so dass sein Kopf direkt vor Ben verharrte.
»Was ist los, Junge?«, fragte er.
»Nichts.«
»Ach, komm schon, für wie blind hältst du mich? Immer wenn du nachts in den Himmel starrst, geht dir irgendwas im Kopf um. Spuck’s aus.«
Langsam zog Ben den goldenen Schlüssel aus der Tasche. Er sagte nichts davon, dass er sich einsam fühlte, wenn er Yanko und Nica zusammen sah, dass er sich manchmal daran erinnerte, wie er selbst in Nica verliebt gewesen war, noch vor Yanko, und dass er an Anula dachte, immer öfter, an ihre leuchtenden Augen und das glänzend schwarze Haar, auch an die kleinen Erhebungen, die sich unter ihrer grünen Livree abgezeichnet hatten. An ihre roten Lippen, die zu küssen er versäumt hatte. In seinen Gedanken war nicht viel von ihrer Hochnäsigkeit geblieben. Ben sagte auch nichts davon, wie gern er den Drachen beim Fliegen zusah, dass er nicht einfach so in die Nacht starrte, sondern zu ihnen hinauf. Das alles behielt er für sich, er erzählte nur vom Fund des Schlüssels und fragte: »Meinst du, ich bin jetzt verflucht? Hast du so einen Drachenschlüssel schon einmal gesehen?«
»Drachenschlüssel? Wir haben keine Schlüssel. Was sollen wir damit denn absperren? Die Kleidertruhe für unsere Feiertagsschuppen? Oder unsere Paläste in den Wolken, gemauert aus Regentropfen?« Aiphyron grinste sein seltsames, lippenloses Drachengrinsen, und Ben ließ sich davon anstecken.
»Du glaubst also nicht, dass ich verflucht bin?«, hakte er noch einmal nach.
»Verflucht? Wegen eines derartig winzigen Dings? Das glaubst du doch selbst nicht.« Aiphyron beachtete den Schlüssel erst jetzt so richtig, roch an ihm und näherte sich mit dem Auge auf höchstens zwei Handbreit Entfernung. »Sieht aus wie Menschenwerk, nur feiner, schöner. Wenn ich es mir recht besehe, ist es viel zu schön für eine Arbeit aus ungeschickten Menschenhänden. So etwas könnte niemand von euch groben, ungeschlachten, kurzlebigen, ungeschickten...«
»Ja, ich hab’s verstanden«, brummte Ben. »Wir können nichts. Aber ein Drache mit derart ungelenken Riesenklauen muss gerade reden.«
Aiphyron grinste.
Ben knurrte »Nacktflieger« und knuffte den Drachen, der ihn schon wieder verladen hatte, spielerisch auf die Schnauze.
»Warte mal!« Aiphyron hörte auf zu grinsen. »Ich glaube, ich habe tatsächlich schon einmal von einem solchen Schlüssel gehört oder zumindest von so einem Drachenkopf. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, ich weiß wirklich nicht mehr, ob es um einen Schlüssel ging oder nur um einen derart fein gearbeiteten Drachenkopf mit roten Augen aus Edelstein. Irgendetwas war damit. Aber das ist Jahre her, viele, viele Jahre.«
»Kein Witz?«
»Nein, kein Witz diesmal. Ich kann mich nur nicht richtig erinnern.« Aiphyron starrte den Schlüssel an, dann Ben. Er schnaubte und schüttelte den Kopf, als wolle er lästige Insekten vertreiben. »Aber ich bin sicher, dass du nicht verflucht bist. Ganz sicher.«
»Gut«, sagte Ben. Das war doch schon mal etwas. »Danke.«
Dann erhob sich Aiphyron wieder in die Luft, wünschte Ben eine gute Nacht und stürzte in den Himmel.
In aller Ruhe stieg Ben von der Mauer und rollte sich in seine Decke. Er dachte an Anula, die kleingewachsene, hübsche, hochnäsige Hausdienerin mit den verkniffenen Mundwinkeln, die höchstens zwei Jahre älter war als er. In seinen Gedanken lachte sie viel, küsste ihn und berührte ihn mit sanften Fingern. Ihre Augen leuchteten wie damals, als ihre Hände gemeinsam auf Juris Schulterknubbel gelegen hatten.
Er spürte sein Herz heftiger schlagen, dabei hatte er ihr doch nur etwas vorgespielt: dass er ein Bürgermeistersohn mit geheimen Auftrag sei und dass er wiederkommen würde. Das hatte er nie ernsthaft geplant, seit Wochen hielt er sich nun wenige Meilen von der Stadt entfernt auf, doch nie hatte er sie besucht. Juris Flügel wären auch weitergewachsen, wenn er einen Nachmittag nach Falcenzca gegangen wäre. Dass er es nicht getan hatte, war doch Beweis genug, dass er nichts für sie empfand, oder nicht? Warum also schlug sein Herz jetzt schneller?
Aber morgen, dachte er, morgen würde er zu ihr gehen. Nur so. Vielleicht wusste sie mehr über diese Ruine, wer hier einst gelebt haben mochte. So würden sie möglicherweise mehr über den goldenen Schlüssel herausfinden. Ja, das sollte er wirklich tun. Der Schlüssel mochte noch wichtig sein, es ging um ihn, nicht darum, sie wiederzusehen. Das würde er auch Nica und Yanko begreiflich machen, denen er bislang noch gar nichts von ihr erzählt hatte. Er war nicht verliebt, auf keinen Fall.
»Nicht in dich, Anula«, murmelte er, schloss die Augen und sagte es gleich noch einmal, und dann nur noch einmal ihren Namen. Sein Herz schlug laut.
Über ihm tollten die Drachen durch den nächtlichen Himmel.

DER SCHWUR
Zum Frühstück teilten sich Ben, Yanko und Nica einen kopfgroßen Sonnapfel, den die Drachen bei ihren nächtlichen Ausflügen irgendwo gepflückt hatten. Es war eine süße Frucht mit saftigen hellroten Fleisch, die ihren Namen von der leuchtend gelben Schale hatte, und davon, dass sie hoch oben in einem schlanken Baum wuchs, der in Bodennähe keine Äste trieb, sondern nur einen kleinen Wipfel mit kurzen glatten Zweigen, langen, saftig grünen Blättern und großen himmelblauen Blüten ausbildete. Es war der einzige fleischfressende Baum, von dem Ben je gehört hatte, er verschlang kleine, ahnungslose Vögel, die in seiner klebrigen Blüte landeten. Nur die fein gesäuberten Knochen blieben übrig, der Baum ließ sie fallen, und sie umlagerten den Stamm wie abgestorbene Ästchen. Aus diesen Knochen konnte man unfehlbar die Zukunft lesen, wenn man ihre Lage richtig zu deuten vermochte – das konnten jedoch nur die wenigsten. Ben hatte keinen solchen Sonnapfelbaum hier in der Nähe gesehen, die Drachen mussten weit geflogen sein.
»Wo habt ihr den her?«, fragte er.
»Gibt’s da noch mehr?«, fügte Yanko an. »Schmeckt ausgezeichnet.«
»So klein und so gefräßig«, grinste Aiphyron.
»Der Baum wächst ein ganzes Stück von hier entfernt, aber das war kein Problem, denn die neuen Flügel verrichten ihren Dienst wie die alten«, hob Juri an. »Der ganze nächtliche Rundflug erinnerte mich an einen kleinen Zwischenfall vor ein paar Jahren – ich weiß nicht, ob ich davon schon erzählt habe -, als ich im Norden versehentlich fast auf einem schlafenden Troll gelandet wäre, der mich für einen fleischgewordenen Albtraum hielt, eine Wolke aus Stein, die vom Himmel fiel. Er musste seit Wochen dort gelegen haben, in seinem Ohr hatte sich Erde gesammelt, aus der bereits erste Blumen sprossen, zahlreiche Felsasseln hatten sich unter ihm eingenistet und stoben verschreckt über seinen Körper, als er sich plötzlich aufrichtete. Er stank aus dem Mund wie eine Abfallgrube und...«
»Es ist wundervoll, dass du wieder fliegen kannst«, unterbrach ihn Yanko, der in den letzten Wochen gelernt hatte, dass man Juri anders nur selten zum Schweigen brachte. Der einfache Hinweis, man habe die Geschichte schon gehört, drei- oder viermal sogar, den Anfang noch deutlich öfter, reichte nicht immer aus, nicht, wenn Juri reden wollte. »Und genau darüber habe ich gestern Nacht mit Nica gesprochen. Du darfst auf keinen Fall der letzte Drache gewesen sein, den wir aus den Händen der Ordensritter befreit haben. Nicht der letzte Drache, dem wir seine Flügel zurückgegeben haben.«
Die Drachen nickten. Diese stumme Form der Zustimmung hatten sie sich im Umgang mit Menschen angewöhnt.
»Wir?«, fragte Ben, dem Yanko eben mit flinken Fingern das letzte Stück Sonnapfel weggeschnappt hatte. »Wen meinst du mit wir, wenn du vom Flügelzurückgeben sprichst?«
»Na, uns alle. Wir gehören doch zusammen. Natürlich bist du derjenige, der sie heilt. Aber wir helfen dir, die Drachen zu entführen. Du kannst ihnen schließlich nicht im Stall des Ordens die Hände auflegen.«
»Jaja. Aber die Idee hatte ich lange vor euch«, brummte Ben. Es passte ihm nicht, dass Yanko und Nica ihre traute Zweisamkeit dafür nutzten, seine Gabe zu verplanen. Es war seine Gabe – sollten sie doch eine eigene entwickeln, wenn sie große Pläne schmieden wollten, ohne ihn zu fragen. Selbstverständlich würden sie damit Drachen befreien, aber nicht, weil Yanko es wollte.
»Das ist doch völlig egal, wer die Idee zuerst hatte«, sagte Yanko. »Doch Juri kann wieder fliegen, er braucht deine Hilfe nicht mehr. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, den nächsten Drachen zu befreien. Wir zeigen’s dem verdammten Orden.«
»Und den Ketzern.« Nicas Züge waren wie versteinert. Ihr Vater war ein Ketzer gewesen und hatte in seinem religiösen Wahn versucht, sie einem gigantischen, erwachenden Drachen zu opfern, in dem er den König der Drachen gesehen hatte. Oft genug hatte Ben seine Mutter gehasst, weil sie ihn geschlagen hatte, und seinen Vater, weil er verschwunden war und ihn im Stich gelassen hatte, doch immerhin hatten sie nicht versucht, ihn umzubringen. Niemals hatten sie es als ihre heilige Pflicht angesehen, ihn zu opfern. Ben wusste nicht, wie viel Hass Nica deswegen fühlen mochte, sie redete nicht darüber. Vielleicht empfand sie gar nichts mehr für ihren toten Vater und ihre gehorsame Mutter, die ihren Mann von nichts abgehalten hatte. Vielleicht verwandelte sich allzu großer Hass irgendwann in innere Leere. Obwohl die Mutter noch in Trollfurt lebte, schien sie für Nica gestorben – mit keinem Wort hatte sie sie seitdem erwähnt. Als könne sie sie durch Schweigen aus ihrem Leben brennen.
»Dann müssen wir es aber richtig machen«, verlangte Ben. »Dann beschließen wir es nicht einfach nur, dann leisten wir einen Schwur, dass wir fortan Drachen befreien wollen. Bis wir den Orden überzeugt haben, dass in den Flügeln kein Fluch steckt.«
»Aber lasst uns erst am Mittag schwören, wenn die Sonne am höchsten steht. Einem solchen Schwur gibt Hellwah seinen Segen«, sagte Yanko. »Und eine tote Ratte wäre auch nicht schlecht.«
»Eine tote Ratte ist immer gut«, bestätigte Ben. »Aber Hellwahs Segen werden wir wohl nicht bekommen. Weder morgens noch mittags noch nachts. Unser Schwur richtet sich gegen seinen Orden. Warum soll er uns da helfen?«
»Weil seine Priester lügen«, murmelte Nica, die von einem Ketzer erzogen worden war. Noch immer war ihr Gesicht wie versteinert, doch ihre Stimme klang dünn und leise, als wollte sie nicht gehört werden. Unruhig schielte sie kurz in den blauen Himmel.
Yanko schwieg, ihm war sichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, einen Gott herauszufordern.
»Schwört ihr mit uns?«, fragte er nach einer Weile die Drachen, als würde er sich dann wohler fühlen, doch sie verneinten. Selbstverständlich würden sie bei allem helfen, so gut sie konnten, doch Drachen schworen nicht, niemals. Dann tapsten sie einmal quer über den Burghof und legten sich mit einem gemütlichen Brummen dort nieder, wo die ersten Strahlen der Sonne bereits den Boden erreichten.
»Und jetzt?«
»Jetzt suchen wir eine tote Ratte, und dann schwören wir im dunkelsten Schatten, den wir finden können«, sagte Nica. »Dort, wo Hellwahs Antlitz am Himmel nicht zu sehen ist.«
 
Als sie nach einer langen Stunde noch immer keine tote Ratte im Wald gefunden hatten, fluchte Yanko, denn sonst waren die Viecher doch überall. Nur jetzt, wenn man sie ein einziges Mal wirklich brauchte, gab es keine Spur von ihnen. Sie beschlossen, dass es auch ohne Ratten gehen musste. Das eigene Blut war in solchen Fällen sowieso viel mächtiger als ein totes Tier.
Sie setzten sich im Kreis an die der Sonne abgewandte Westmauer der Ruine, fern aller Fenster und Schießscharten, dorthin, wo zwei alte Regenweiden mit ihren blattreichen Ästen, die wie ein Vorhang von der Krone herabfielen, einen tiefen Schatten warfen. Mehr Schutz vor Hellwahs Blick gab es tagsüber nur in einem Gebäude oder unter der Erde, und das waren keine passenden Orte für einen Schwur. Unter der Erde war Samoths Reich.
»Was wollen wir schwören?«, fragte Yanko feierlich. Er hatte die Beine untergeschlagen, hielt den Oberkörper jedoch stolz aufrecht.
»Na, dass wir alle flügellosen Drachen befreien, wie ausgemacht«, antwortete Nica. Es klang zugleich pampig und unsicher, als hätte sie nicht viel Erfahrung mit Schwüren.
Mädchen, dachte Ben, von manchen Dingen haben sie einfach keine Ahnung. Man sollte nicht unbedarft schwören, nichts, das man nicht halten konnte. »So etwas können wir nicht einfach schwören, das bindet uns bis an unser Lebensende.«
»Oder darüber hinaus«, ergänzte Yanko. »Wenn der Schwur stark ist und bis zum Tod nicht erfüllt wird, dann findet man keine Ruhe. Dann müssten wir auch als Geister noch nach flügellosen Drachen suchen. Und wenn Bens Gabe dann nicht mehr wirkt, wenn seine Hände den Schulterknubbeln kein Leben schenken können, weil durch sie selbst keines mehr fließt, dann streunen wir bis in alle Ewigkeit durch die Welt, tot und ruhelos auf der sinnlosen Suche nach flügellosen Drachen. Ich will das nicht.«
Nica starrte ihn misstrauisch an, als überlege sie, ob er scherze. Doch mit Schwüren trieb man keinen Spaß. Langsam nickte sie. »Ich auch nicht.«
»Wir sollten uns stattdessen lieber einen einzigen, aber bedeutenden Drachen vornehmen und ihn befreien«, schlug Yanko vor. »Den Drachen des Königs am besten. Das wäre eine echte Heldentat. Und ein deutliches Zeichen.«
»Du meinst wohl eher die Drachen des Königs. Der besitzt doch mehr als einen Drachen, der hat bestimmt ein Dutzend in den Stallungen seiner Burg. Und auf jedem Landsitz noch mindestens drei weitere«, gab Ben zu bedenken. »Da wissen wir ja nie, wann wir unseren Schwur erfüllt haben. Bevor wir alle befreit haben, hat er schon weitere versklavt, und wir müssen von vorn anfangen.«
»Dann nehmen wir eben den Drachen des Ersten Ritters aus dem Drachenorden. Oder den Drachen des höchsten Priesters Hellwahs. Auch das macht Eindruck.«
»Das bringt uns vor allem ganz schnell an den Galgen«, sagte Ben. »Wenn wir das machen, ist sofort der ganze Orden hinter uns her.«
»Feigling«, sagte Yanko. »Krötenbaby!«
»Halt’s Maul!«
»Furchtwurm!«
»Ahnungsloser Trollpopel! Wir wissen doch gar nicht, wo wir diesen höchsten Priester finden! Keiner von uns. Wir sollten uns besser um die Umgebung hier kümmern. Einfach alle Drachen von Falcenzca befreien. Es gibt doch keinen Grund, von hier schon wieder abzuhauen. Die Ruine ist großartig, und wir haben gerade erst diesen seltsamen Schlüssel gefunden. Hier gibt es noch ein Geheimnis zu lüften.« Kurz tauchte Anula in Bens Gedanken auf, doch er jagte sie mit einem ärgerlichen Kopfschütteln fort. Schließlich wollte er bestimmt nicht ihretwegen in der Gegend bleiben. »Wenn wir das alles geschafft haben, dann können wir über größere Aufgaben nachdenken.«
»Falcenzca interessiert mich nicht«, sagte Nica leise, aber bestimmt. Mit kalten Augen starrte sie Ben an. »Ich will, dass wir die Drachen der Ketzer befreien. Sie wollten mich umbringen.«
Ben schwieg. Er öffnete den Mund, brachte kein Wort heraus und schwieg weiter. Wieder tauchte Anula in seinen Gedanken auf, und ihm wurde klar, dass er von hier tatsächlich nicht fortwollte, bevor er sie noch einmal gesehen hatte. Und eigentlich auch dann nicht. Jetzt, in diesem Moment, war er sicher, dass er sie wiedersehen musste. Wie hatte er nur all die Wochen im Wald vertrödeln können? Er sehnte sich nach Anula. Doch niemand konnte Nica diesen Schwur abschlagen. Sie waren Freunde, er war sogar verliebt in sie gewesen, und die Ketzer hatten versucht, sie zu töten.
Ben blickte zu Yanko, und der sah Nica an. So voller Zärtlichkeit und Mitleid, dass Ben ihn eigentlich damit aufziehen hätte müssen. Doch nicht jetzt. Yanko würde auf Nicas Seite sein.
»Dann lasst uns den Drachen des obersten Ketzers befreien«, sagte Yanko mit rauer Stimme und griff unbeholfen nach Nicas Hand. »Denk daran, wir wollen lieber nichts Unmögliches schwören.«
»Gut. Aber wenn wir uns wirklich auf einen festlegen müssen, dann will ich den Drachen von demjenigen, der meinen Vater nach Trollfurt geschickt hat«, sagte Nica und starrte Ben fordernd an. »Einverstanden?«
»Dein Vater wurde nach Trollfurt geschickt? Von wem?«, fragte er.
»Das weiß ich nicht. Vater hat nie darüber gesprochen, er hat so getan, als wäre es seine eigene Idee, als ginge es tatsächlich um ein Blausilbervorkommen, das noch immer in der Mine zu finden sei und uns reich machen würde, richtig reich.«
»Und woher willst du wissen, dass das nicht die Wahrheit ist?«