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Inhaltsverzeichnis
 
DAS BUCH
DER AUTOR
Widmung
 
ERSTER TEIL
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
 
ZWEITER TEIL
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
 
EPILOG
Danksagung
Copyright

DAS BUCH
Der junge John Rayburn hat eine rosige, wenn auch langweilige Zukunft vor sich: die Highschool beenden, studieren, vielleicht heiraten. Doch als eines Tages plötzlich ein Fremder vor ihm steht, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist, beginnt für John das Abenteuer seines Lebens. Sein Doppelgänger behauptet, aus einem anderen Universum zu kommen und überlässt John ein Gerät, mit dem man andere Welten bereisen kann. Von Neugierde getrieben lässt John sich darauf ein, doch als er feststellen muss, dass er hereingelegt wurde und nicht mehr nach Hause zurückkehren kann, ist es bereits zu spät …

DER AUTOR
Paul Melko, geboren 1968, gehört zu den renommiertesten Science-Fiction-Autoren der USA und wurde für seine Zeitschriften- und Anthologiebeiträge bereits mehrfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Ohio.

Natürlich für Stacey

ERSTER TEIL

1
Klappernd schlug die Haustür hinter John Rayburn zu. Eigentlich hatten sein Vater und er vorgehabt, die Scharniere noch vor dem Winter zu reparieren und die Tür neu zu streichen, aber in diesem Moment hätte er sie lieber herausgerissen und hinaus aufs Feld geschleudert.
»Johnny?«, rief seine Mutter ihm nach, doch da war John bereits im dunklen Schatten der Scheune verschwunden. Er schlich an der Rückseite entlang, und die weiteren Rufe seiner Mutter verloren sich im Zirpen der Grillen. Vor sich sah er seinen dampfenden Atem.
Als er den Rand des Kürbisfeldes erreicht hatte, blieb er einen Augenblick lang stehen und ging dann querfeldein los, Richtung Osten, auf das Case Institute of Technology zu, wo er nächstes Jahr mit dem Studium beginnen wollte. Was jedoch nicht gerade wahrscheinlich war. Doch er konnte später ja immer noch auf die Uni in Toledo gehen, wie sein Vater vorgeschlagen hatte – ein, zwei Jahre Arbeit würden reichen, um ein Studienjahr dort zu bezahlen.
John trat gegen einen halb verrotteten Kürbis, so dass die Kerne und faserigen Innereien durch die Luft segelten. Der Geruch nach feuchter Erde und verfaultem Kürbis erinnerte ihn daran, dass Halloween schon in einer Woche war und sie noch keine Zeit gehabt hatten, die Kürbisse zu ernten. Was für eine Verschwendung: tausend Dollar, die man den Regenwürmern zum Fraß vorgeworfen hatte. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie viele Studieneinheiten man damit hätte bezahlen können.
Das Kürbisfeld reichte bis zum Waldrand, der östlichen Grenze der Farm. Hinter den alten Ulmen und Ahornbäumen lag die Gurney Road, dahinter der verlassene Steinbruch. Zwischen den Bäumen blieb John stehen und atmete tief durch, bis sich seine Wut gelegt hatte.
Schließlich hatten die Eltern keine Schuld an seiner Misere. Wenn jemand dafür verantwortlich war, dann nur er selbst. Es hatte ihn ja niemand gezwungen, Ted Carson windelweich zu prügeln und dann auch noch dessen Mutter zu beleidigen. Das hatte allein er zu verantworten. Obwohl Mrs. Carsons Gesichtsausdruck, als er ihren Sohn als Arschloch bezeichnet hatte, es beinahe wert gewesen war. Was für eine Scheiße!
Als hinter ihm ein Ast knackte, fuhr er herum. Eine Sekunde lang dachte er, Ted Carson könne ihm hierher gefolgt sein und mit seiner Mutter irgendwo im Wald auf ihn lauern. Doch die Gestalt, die vor ihm stand, war nur ein Jugendlicher mit einem abgebrochenen Zweig in der Hand.
»Johnny?«, sagte der Fremde. Er ließ den Zweig locker auf dem Boden schleifen.
Forschend blickte John in die Dunkelheit. Irgendein Junge, mehr konnte er nicht erkennen, und so trat er einen Schritt näher. Der Fremde trug Jeans und ein kariertes Hemd, darüber einen ärmellosen roten Mantel, der merkwürdig altertümlich wirkte. Er hatte rotblondes Haar und bräunliche Augen.
Johns Blick blieb auf dem Gesicht des Fremden hängen. Nein, es war kein Fremder: Der Jugendliche hatte sein eigenes Gesicht.
»Hey, Johnny! Erkennst du mich nicht? Ich bin’s. Johnny.«
Die Gestalt im Wald war er selbst.
»Was zum … Wer bist du?«, fragte John. Wie war das möglich? Was lief hier ab?
Der Fremde lächelte – Johns eigenes Lächeln. »Ich bin du, John.«
»Was? Was soll das hei…«
»Wer soll ich sonst sein? Sieh mich an.« Der Fremde hob die Arme, die Handflächen nach oben gestreckt, als wollte er friedliche Absichten signalisieren.
Für einen Moment wurde John schwindelig. »Ja, du siehst aus wie … wie …« Wie ich, hätte er fast gesagt. Wie ein Bruder. Oder ein Cousin. Eine Halluzination. Ein Trick.
»Ich sehe aus wie du, weil ich du bin.« John wich einen Schritt zurück, doch der Fremde sprach ungerührt weiter. »Ich weiß, was du jetzt denkst. Du denkst, es ist ein Trick. Irgendwer will den kleinen Farmer reinlegen. Pech gehabt, so ist es nicht. Beschleunigen wir die Sache ein wenig: Als Nächstes wirst du denken, dass wir Zwillinge sind und einer von uns zur Adoption freigegeben wurde. Auch falsch. Die Wahrheit ist viel spannender.«
Tatsächlich hatte John bereits daran gedacht, dass sie Zwillinge sein könnten. Aber ihm gefiel überhaupt nicht, wie der Fremde sich aufführte, was er sich alles herausnahm. Langsam verlor er die Geduld. »Na, dann erklär schon, was Sache ist!«
»Okay, okay, aber erst mal brauch ich was zu essen. Ich bin am Verhungern. Und ich muss mich unbedingt ein bisschen ausruhen. Dad ist vorhin ins Haus gegangen, oder? Vielleicht können wir ja in die Scheune gehen, dann erklär ich dir alles.«
In der Stimme des Fremden schwang Verzweiflung mit. Offenbar wollte er etwas von ihm, und zwar dringend. Irgendeinen Trick, irgendeine Falle musste es dabei geben – John wusste nur noch nicht, was es sein konnte. Und das bereitete ihm Sorgen. Er verschränkte die Arme. »Das werden wir nicht tun.«
»Gut, dann geh ich eben. Und du wirst nie die Wahrheit erfahren.«
Fast hätte John ihn ziehen lassen. Er blickte sich kurz um, konnte jedoch keinen Komplizen des Fremden entdecken. Niemand versteckte sich im Wald und lachte sich kaputt. Wenn das hier ein Witz sein sollte, kapierte er die Pointe nicht. Und falls es ein Schwindelmanöver war, verstand er nicht, warum man es ausgerechnet auf ihn abgesehen hatte. Was sollte das nur, wo war der Sinn? Andererseits: Was konnte es schon schaden, sich anzuhören, was der Fremde zu sagen hatte? Einen Augenblick lang überlegte John. »Okay, gehen wir in die Scheune.«
»Wunderbar!« Der Fremde lächelte aufrichtig.
John machte sich auf den Weg zurück zur Scheune, der Fremde ging neben ihm her. Obwohl er beim Durchqueren des Kürbisfelds etwas Abstand hielt, bemerkte John, dass ihre Schritte exakt übereinstimmten. Noch dazu war der Fremde genauso groß wie er.
Als John die Hintertür der Scheune öffnete, trat der Fremde zuerst ein, drückte ganz selbstverständlich auf den Lichtschalter neben der Tür und rieb sich wohlig die Hände. »Endlich ein bisschen wärmer.«
Er drehte sich zu John um.
Das Licht fiel dem Fremden direkt ins Gesicht. John erschrak. Erst jetzt sah er, wie sehr der andere ihm glich. Im Dunkeln hatte er noch denken können, dass sie sich zwar stark ähnelten, aber nicht exakt gleich aussahen. Falsch gedacht. Allerdings hatte der Fremde eine andere Frisur, er trug das rotblonde Haar länger. Und seine Klamotten wirkten merkwürdig. John hatte ganz bestimmt nie so einen Mantel getragen. Außerdem war der Fremde ziemlich dünn. Von seiner Schulter hing ein blauer Rucksack, der so vollgestopft war, dass der Reißverschluss nicht mehr zuging. Oberhalb seines linken Auges entdeckte John eine Schnittwunde – die Braue war mit bräunlichem Blut verkrustet, das anscheinend erst vor kurzem geronnen war. Doch all das waren oberflächliche Unterschiede. John konnte es nicht leugnen: Der Fremde glich ihm bis ins kleinste Detail. Er hätte als sein Zwilling durchgehen können.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals. »Wer bist du?«
»Wie wär’s erst mal mit was zu essen?«
Widerwillig ging John zur Pferdebox und holte einen Apfel aus einer Tasche. Er warf ihn dem Fremden zu, der ihn auffing und strahlend lächelte.
Auf irgendwelche Spielchen hatte John keine Lust; er musste den Fremden zum Reden bringen. »Sag mir, was los ist, dann hol ich dir vielleicht was vom Abendessen aus dem Haus.«
»Hast du diese Gastfreundschaft von Dad gelernt? Wäre er im Wald auf mich gestoßen, hätte er mich bestimmt sofort zum Abendessen ins Haus eingeladen.«
»Red schon!«
»Na gut.« Der Fremde warf sich auf einen Heuballen und kaute geräuschvoll. »Eigentlich ist es ganz einfach. Ich bin du. Das heißt, genetisch gesehen bin ich du, und ich bin auch auf derselben Farm aufgewachsen wie du – aber in einem anderen Universum. Und jetzt bin ich bei mir selbst zu Besuch.«
»Schwachsinn! Was willst du hier? Hat dich irgendwer geschickt?«
»Nur die Ruhe. Ich hab mir ja auch nicht geglaubt.« Der Fremde runzelte kurz die Stirn. »Aber ich kann es beweisen. Moment …« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Also gut. Das Pferd da drüben heißt Stan oder Dan. Als du zehn warst, hast du ihn den McGregors von der Butte Road abgekauft. Stan oder Dan ist ziemlich stur und launisch. Er mag es gar nicht, wenn man ihn sattelt. Aber wenn er weiß, dass du einen Apfel in der Tasche hast, galoppiert er wie ein Turnierpferd.« Der Fremde wandte sich den Ställen auf der linken Seite zu. »Das Schwein da heißt Rosy. Und die Kuh da hinten Wilma. Die Hühner nennst du Lady A bis F.« Er lächelte arrogant. »Wie mach ich mich bisher? Warte, ich hab noch mehr auf Lager: Als du zwölf warst, hast du deinem Onkel ein paar Zigaretten geklaut und alle auf einmal geraucht. Und mit acht Jahren hast du mit deiner Luftpistole einen fetten Ochsenfrosch getötet, doch davon ist dir so schlecht geworden, dass du kotzen musstest und seitdem nie wieder eine Waffe in die Hand genommen hast. Deinen ersten Kuss hattest du mit vierzehn, da hat dich Amy Walder geküsst. Sie wollte dir auch noch ihre Unterwäsche zeigen, doch du bist nach Hause zu Mama gerannt. Kann ich dir nicht verdenken, Amy hat immer Läuse. Zumindest überall, wo ich bisher war.« Der Fremde zwinkerte John zu. »Alle nennen dich Johnny, aber dir ist John lieber. Oben auf dem Scheunenboden hast du einen Stapel Playboys versteckt. Und einmal hast du ein Loch in den Teppich in deinem Zimmer gebrannt, aber das weiß keiner, weil du den Nachttisch drübergestellt hast.« Der Fremde streckte die Arme aus wie ein Turner, der gerade eine perfekte Landung hingelegt hat. »War ich nah dran?« Er grinste und warf den Apfelbutzen in Stans Box.
»Amy Walder hab ich nie geküsst.« Tyrone Biggens hatte Amy mit fünfzehn geschwängert. Sie war mit ihrer Tante nach Montana gezogen und nie zurückgekehrt. John erwähnte lieber nicht, dass alles andere gestimmt hatte.
»Also, was ist, hatte ich ansonsten Recht?«
Resigniert zuckte John mit den Schultern. »Großteils, ja.«
»Wie bitte? ›Großteils‹? Du willst wohl sagen: Ich hab den Nagel auf den Kopf getroffen. Weil das alles mir selbst passiert ist – nur eben in einem anderen Universum.«
John fuhr sich durch die Haare. Wie konnte dieser Typ nur so viel über ihn wissen? Mit wem hatte er gesprochen? Etwa mit seinen Eltern? »Okay, jetzt stell ich die Fragen. Wie hieß meine erste Katze?«
»Schneeball.«
»Was ist mein Lieblingsfach?«
»Physik.«
»Für welche Unis hab ich mich beworben?«
Der Fremde stutzte und runzelte die Stirn. »Das weiß ich nicht.«
»Warum nicht, wo du doch sonst alles weißt?«
»Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs. Ich hab mich noch nicht für die Uni beworben, also kann ich es nicht wissen, okay? Als ich das Gerät benutzt hab, wurde ich zu einem anderen. Aber bis dahin waren wir genau gleich.« Der Fremde wirkte müde. »Ach, scheiß drauf. Ich bin du, aber wenn du mir nicht glauben willst – was soll’s. Lass mich einfach auf dem Scheunenboden pennen, dann hau ich morgen wieder ab.«
Als John sah, wie der Fremde sich der Leiter zuwandte, spürte er einen Anflug von schlechtem Gewissen. Er hatte ihn doch ziemlich schäbig behandelt. »Na gut, du kannst oben schlafen. Ich hol dir auch was zu essen. Bleib hier, verlass die Scheune nicht und versteck dich, falls irgendwer auftaucht. Meine Eltern bekommen einen Herzinfarkt, wenn sie dich sehen.«
»Danke.«
John ließ den Fremden stehen und rannte quer über den Hof zum Haus. Als seine Eltern, die in der Küche saßen, die Tür zuschlagen hörten, verstummten sie abrupt. Offenbar hatten sie gerade über ihn geredet.
»Ich esse drüben in der Scheune«, erklärte John sofort. »Muss mich noch um meinen Elektronikkram kümmern.« Er nahm einen Teller aus dem Küchenschrank und schaufelte Lasagne darauf – genug, um ihn zweimal sattzumachen.
Für eine kurze Zeit war es still, bevor Johns Vater zögerlich zum Sprechen anhob. »Die Sache mit dem jungen Carson …«
Mit einer schnellen Bewegung ließ John eine zweite Gabel in der Tasche verschwinden. »Ja, was ist damit?«
»Du hast bestimmt das Richtige getan, aber …«
John nickte in die Richtung seines Vaters, seine Mutter hatte das Gesicht abgewandt. »Er hasst uns, weil wir Farmer sind und im Dreck rumwühlen.« Aus dem Augenwinkel sah John, wie seine Mutter ihre Schürze über die Stuhllehne hängte und leise aus der Küche verschwand.
»Das weiß ich, Johnny … John, meine ich. Aber manchmal muss man eben den Frieden wahren.«
Wieder nickte John. »Und manchmal muss man eben etwas deutlicher werden.« Er wandte sich zum Gehen.
»Du kannst doch hier mit uns essen.«
»Heute nicht, Dad.«
John schnappte sich noch eine Tüte Milch, ging durch die Waschküche und verließ durch die Hintertür das Haus. Als er das Scheunentor aufzog, stutzte er. Der Fremde kraulte Stan hinter den Ohren, und dem Pferd gefiel das so gut, dass es sich genüsslich an ihn schmiegte. John konnte es nicht fassen. »Das erlaubt Stan nur mir, sonst keinem!«
Der Fremde, dieser andere John, drehte sich mit einem müden Grinsen um. »Ganz genau.« Er nahm die Papierserviette voller Lasagne und die zusätzliche Gabel entgegen und machte sich ans Essen. »Mein Gott, wie ich diese Lasagne liebe. Danke.«
Der Tonfall, diese Arroganz des Fremden ging John langsam wirklich auf die Nerven. Und dieses Grinsen … Grinste er etwa genauso? John nahm an, der Fremde werde weiterreden, ihn weiter provozieren, doch der verspeiste stattdessen schweigend sein Essen.
Es dauerte eine Weile, bis sich John wieder ein Herz fasste. »Okay. Nehmen wir mal für den Moment an, du bist wirklich ich und kommst wirklich aus einem anderen Universum. Wie bist du dann hierhergekommen? Und warum ausgerechnet du?«
»Erstens: mit dem Gerät, und zweitens: keine Ahnung«, antwortete der Fremde mit vollem Mund.
»Geht’s auch ein bisschen ausführlicher?«
»Ich hab eben dieses Gerät bekommen, mit dem man von einem Universum ins nächste wechseln kann. Ich trage es direkt unterm Hemd. Und ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich – das heißt, warum ausgerechnet wir.«
»Hör auf, um meine Fragen herumzutänzeln!« Der Typ machte ihn wahnsinnig! Er wollte einfach keine klaren Antworten geben. »Wer hat dir das Gerät gegeben?«
»Ich selbst!« Der Fremde grinste.
John schüttelte den Kopf und versuchte, es zu begreifen. »Du behauptest also, dass einer von uns, ein weiterer John aus einem weiteren Universum, dir dieses Gerät gegeben hat?«
»Genau, ein anderer John. Sah nett aus.«
Wieder dieses Grinsen. John schwieg eine Weile und sah zu, wie der Fremde das Essen hinunterschlang. Nach einer Weile stand John auf. »Ich muss die Schafe füttern.« Er schüttete Getreide in den Trog, und zu seiner Überraschung packte der Fremde mit an. John bedankte sich. Danach fütterten sie die Kühe und das Pferd.
»Wenn du also ich bist«, sagte John schließlich, »wie nenne ich dich dann? Wären wir Zwillinge, hätten wir wenigstens unterschiedliche Namen. Aber wir sind ja genau dieselbe Person, noch viel ähnlicher als Zwillinge.« Zwillinge hatten identisches Genmaterial, doch vom Moment ihrer Zeugung an waren sie einer leicht unterschiedlichen Umwelt ausgesetzt, die verschiedene Gene aktivieren oder deaktivieren konnte. John musste annehmen, dass er und dieser andere John nicht nur identisches Genmaterial besaßen, sondern bis zu einem gewissen Grad auch in der gleichen Umgebung aufgewachsen waren.
Der Fremde nickte. »Ich heiße John, genau wie du. Wir sind dieselbe Person – aber vielleicht gefällt es dir nicht, mich als John Rayburn zu betrachten. Für mich bist du John Farmer, der Junge von der Farm. Nur darfst du nicht vergessen, dass es unendlich viele von uns gibt. Es wird gar nicht so leicht sein, den Überblick über die ganzen John Rayburns zu behalten, wenn wir uns alle mal treffen.« Er lachte und dachte einen Moment lang nach. »Wie wär’s, wenn du mich als Ersten in einer langen Reihe von Johns vorläufig John Prime nennst? Wir benennen uns dann einfach nach unseren stromaufwärts oder stromabwärts gelegenen Universen.«
»Und wer hat dir das Gerät gegeben?«
»John Superprime«, sagte Prime lächelnd. »Glaubst du mir endlich?«
Doch John war immer noch misstrauisch. Das Ganze wirkte auf bizarre Weise plausibel, aber das galt auch für die Science-Fiction-Geschichten, die er gelesen hatte. Irgendwann konnte man alles glauben, irgendwann hörte sich alles stimmig an. »Vielleicht.«
»Also gut. Hier ist der letzte Beweis. Versuch gar nicht erst, das zu leugnen.« Der Fremde krempelte ein Hosenbein hoch und legte eine lange, weißliche Narbe frei, auf der kein einziges Haar wuchs. »Schauen wir uns doch mal deine an.«
John betrachtete die Narbe genau und schob dann seine Jeans bis zum Knie hoch. Durch die kalte Luft in der Scheune bildete sich auf der ganzen Wade Gänsehaut – außer auf der runzeligen Haut seiner eigenen, identischen Narbe.
Mit zwölf Jahren war John gemeinsam mit Bobby Walder über Mrs. Jones’ Stacheldrahtzaun geklettert, um in ihrem Teich schwimmen zu gehen. Mrs. Jones hatte die Hunde auf sie gehetzt, so dass sie splitterfasernackt quer übers Feld laufen und den Stacheldrahtzaun im Sprung nehmen mussten. John hatte es nicht ganz geschafft. Bobby war davongerannt, während John allein nach Hause hatte hinken müssen. Der Riss an seinem Bein war mit drei Dutzend Stichen genäht worden, außerdem hatte man ihm eine Tetanusimpfung verpasst.
»Glaubst du mir jetzt?«, fragte Prime.
John starrte auf die Narbe. »Ja. Hat höllisch wehgetan, was?«
»Stimmt.« Prime grinste. »Und wie, Bruder.«

2
Ohne die Blicke seiner Klassenkameraden zu beachten, saß John im »Aquarium«, dem verglasten Vorzimmer des Rektorats, und fragte sich, was zum Teufel John Prime vorhaben mochte. Den Zwilling hatte er auf dem Scheunenboden zurückgelassen, mit seinem halben Mittagessen und der strengen Ermahnung, sich versteckt zu halten.
»Keine Sorge«, hatte Prime grinsend erwidert. »Wir treffen uns dann nach der Schule in der Bücherei.«
»Pass bloß auf, dass dich keiner sieht!«
Wieder hatte er gegrinst.
»John?« Rektor Gushman steckte den Kopf aus seinem Büro. Sofort drehte sich John der Magen um. Es war das erste Mal, dass er in der Schule in Schwierigkeiten geraten war.
Mr. Gushman hatte eine breite Brust, einen fast kahlen Schädel und eine ewig gerunzelte Stirn. Wortlos wies er John einen Stuhl zu, während er sich schwer ausatmend hinter seinen Schreibtisch setzte. Man erzählte sich, Gushman habe früher als Major in der Armee gedient. Und er galt als streng, sehr streng. Seit einem Jahr war er jetzt Rektor, aber John hatte noch kein einziges Mal mit ihm gesprochen.
Gushman beugte sich vor. »John, wir haben hier gewisse Regeln, was Gewalt und Mobbing angeht.«
John öffnete den Mund, um etwas zu erwidern.
»Moment. Lass mich ausreden. Tatsache ist: Du hast in der Umkleide mehrmals auf einen Klassenkameraden eingeschlagen – einen jüngeren Klassenkameraden. Er musste ins Krankenhaus, ja, er musste sogar genäht werden!« Der Rektor öffnete eine Akte auf dem Schreibtisch. »Die Regeln sind zum Schutz all unserer Schüler da. In der Schule können wir keine Gewalt dulden. Und da kann es auch keine Ausnahmen geben. Hast du das verstanden?«
John blickte starr geradeaus. »Ja, ich verstehe die Regeln. Aber …«
»Du bist ein hervorragender Schüler, machst in der Basketball- und in der Leichtathletikmannschaft mit. Du bist beliebt bei den anderen und wirst bestimmt mal auf eine gute Uni gehen. Aber diese Geschichte wäre ein echter Schandfleck in deinem Lebenslauf.«
Es war klar, was Gushman mit dem Wort »wäre« ausdrücken wollte. Er würde John gleich einen Ausweg anbieten.
Der Rektor richtete sich auf. »Eine Vorladung wegen gewaltsamen Verhaltens zieht laut Schulordnung ein dreitägiges Schulverbot sowie die Aussetzung aller sportlichen Aktivitäten nach sich. Im Klartext: Du würdest aus beiden Mannschaften fliegen.«
Johns Kehle schnürte sich zu.
»Der Ernst der Lage ist dir doch bewusst, oder?«
»Ja.« John brachte die Antwort nur mit Mühe heraus.
Gushman klappte einen anderen Ordner auf. »Aber gut. Ich sehe ein, dass es sich hier um einen besonderen Fall handelt. Ich will dir eine Chance geben. Wenn du dich mit einem Brief bei Mrs. Carson entschuldigst, vergessen wir die ganze Sache.« Der Rektor sah ihn erwartungsvoll an.
John fühlte sich in die Enge getrieben. Klar, er hatte Ted geschlagen, weil Ted ein verdammtes Arschloch war. Wenn irgendwer Schläge verdient hatte, dann er. Schließlich hatte er Johns Klamotten ins Pissoir geschmissen. »Warum soll ich eigentlich Mrs. Carson schreiben? Ich hab doch nicht Mrs. Carson geschlagen, sondern Ted.«
»Mrs. Carson ist der Meinung, dass du dich ihr gegenüber respektlos verhalten hast. Sie will, dass du dich in deinem Brief sowohl dafür als auch für dein gewalttätiges Verhalten entschuldigst.«
Falls er den Brief schrieb, war die Sache damit erledigt. Allerdings würde er dann für immer mit dem Wissen leben müssen, dass seine Mutter und Mrs. Carson ihn geschafft hatten. Diesen Gedanken verabscheute er, er verabscheute Niederlagen jeder Art. Er wollte nicht klein beigeben. Viel lieber wollte er Gushman sagen, dass er den Schulverweis annahm. Ja, er würde es dem selbstgefälligen Typen einfach ins Gesicht schleudern!
John schluckte. »Ich würde gern übers Wochenende darüber nachdenken.«
So wie Gushman lächelte, dachte er bestimmt, er habe sich John gegenüber durchgesetzt. John ließ ihn in dem Glauben und erwiderte das Lächeln.
Der Rektor nickte wohlwollend. »Ja, das ist in Ordnung. Aber am Montag musst du dich entschieden haben.«
John verließ das Büro. Die nächste Unterrichtsstunde fing bald an.
 
Von der Schule zur Stadtbücherei war es nicht weit. John streifte suchend durch die Regalreihen, bis er Prime endlich im dritten Stock am mittleren von drei Schreibtischen fand. Vor sich hatte er ein Dutzend Ausgaben des Findlay Herald und einige Bücher ausgebreitet, sein Rucksack stand offen daneben. John sah, dass er bis obenhin mit Zetteln und Mappen vollgestopft war. Zur Tarnung trug Prime eine Baseballkappe der Toledo Meerkats und eine Sonnenbrille. Als er John entdeckte, nahm er die Brille ab. »Du siehst beschissen aus. Was ist passiert?«
»Nichts. Also, was willst du hier? Ich muss um fünf wieder in der Schule sein, heute Abend ist ein Spiel.«
»Ja, ja, beruhig dich.« Prime nahm ein Geschichtsbuch in die Hand. »In jedem Universum ist es ein bisschen anders. Hier hat George Bush die Steuern erhöht und wurde deshalb nicht wiedergewählt. Clinton hat ihn 1991 abgelöst.« Er klappte das Geschichtsbuch auf und deutete auf eine Übersicht der amerikanischen Präsidenten. »In meiner Welt hat Bush bei den Steuern nicht nachgegeben, mit der Wirtschaft ging es bergauf, und er wurde wiedergewählt. Als dann zur Mitte seiner zweiten Amtszeit Saddam Hussein ermordet wurde, machte das Bush sogar noch beliebter. 1996 wurde dann sein Sohn gewählt.«
John musste lachen. »Was, dieser Clown?«
Prime verzog das Gesicht. »George W. hat die Staatsverschuldung immerhin auf null reduziert. Und die Arbeitslosigkeit lag unter drei Prozent.«
»Hier ist die Arbeitslosigkeit auch sehr niedrig. Clinton hat gute Arbeit geleistet.«
Prime deutete auf die Kopie eines Zeitungsartikels. »Und was ist mit der Whitewater-Affäre? Drogenmissbrauch? Vince Fosters Tod?« Er drückte John die Zeitungsausschnitte in die Hand und schüttelte den Kopf. »Egal. Das ist im Grunde eh alles bedeutungslos. Wir können nur froh sein, dass wir nicht in einer Welt aufgewachsen sind, in der sie Nixon nie erwischt haben.«
»Wieso, was ist dort geschehen?«
»Meistens kam dann die Zweite Weltwirtschaftskrise. Russland und die USA schließen keine Abrüstungsabkommen. Da geht’s ziemlich totalitär zu, das kann ich dir sagen!« Prime nahm ihm die Artikel wieder ab. »Gibt’s in dieser Welt eigentlich Post-its, diese gelben Klebezettel?«
»Klar.«
Prime zuckte die Achseln. »Manchmal gibt’s keine. Das ist dann eine echte Goldgrube – dabei ist die Idee so simpel.« Er zog sein Notizbuch hervor. »Ich hab noch ein paar Fragen. So um die hundert.« In dem Notizbuch klebte ein Bild, auf dem ein Astronaut neben einer MTV-Flagge zu sehen war. »Wie ist es mit MTV?«
»Haben wir.«
»Das World Wide Web?«
»Sicher.«
»Rubiks Würfel?«
»Nie davon gehört.«
Prime machte einen Haken neben dem Bild eines bunten Würfels. »Gut. Damit kann man eine Menge Geld verdienen.«
»Im Ernst?«
Doch Prime ignorierte die Frage und blätterte um. »Dungeons and Dragons?«
»Meinst du dieses Spiel, wo man Zauberer, Elfen und so weiter spielt?«
»Ganz genau. Und Lozenos? Habt ihr die?«
»Nie gehört. Was soll das sein?«
»Was Süßes. Gibt es in eurem Südafrika Diamantenminen?«
Sie arbeiteten sich durch eine lange Liste. Drei Viertel davon kannte John – Modeerscheinungen, Spielzeug oder Erfindungen.
Schließlich klappte Prime das Notizbuch zu. »Gut. Damit kann man arbeiten. Sind ein paar echte Goldgruben dabei.«
»Was hast du vor?« John gefiel nicht, was Prime offenbar im Sinn hatte. Das hier war immer noch Johns Welt.
Prime setzte wieder sein arrogantes Grinsen auf. »Im interdimensionalen Handel steckt eine Menge Geld.«
»Interdimensionaler Handel?«
»Nun ja, nicht mit echten Waren. Ich könnte nie genug Zeug transportieren, um was daran zu verdienen. Das wäre viel zu kompliziert. Aber Ideen sind leicht zu transportieren, und was im letzten Universum Gemeingut ist, kennt im nächsten Universum kein Schwein. Rubik hat hundert Millionen Zauberwürfel verkauft. Bei zehn Dollar pro Stück macht das eine Milliarde Dollar.« Er hielt das Notizbuch hoch. »Hier drin stecken zwei Dutzend Ideen, mit denen in anderen Welten schon Hunderte Millionen Dollar verdient wurden.«
»Und was ist nun dein Plan?«
»Nicht mein Plan. Unser Plan. Ich brauche einen Agenten in dieser Welt, der meine Geschäfte abwickelt. Und wer wäre dazu besser geeignet als ich selbst? Es heißt ja immer, man könne nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Ich schon.«
»Na super.«
»Wir machen dann fifty-fifty.«
»Na super.«
»Hör mal. Wir stehlen doch nichts. Diese Ideen hatte hier niemand. Vielleicht sind die Menschen, die anderswo diese ganzen Erfindungen gemacht haben, hier nicht mal am Leben.«
»Ich hab doch nichts von Stehlen gesagt. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dir noch glaube.«
Prime seufzte. »Mein Gott, was hat dich denn heute nur so runtergezogen?«
»Ich bekomme vielleicht Schulverbot, und wahrscheinlich fliege ich auch aus Basketball und Leichtathletik.«
»Was? Warum das denn?« Prime wirkte ehrlich besorgt.
»Wegen diesem Typen, Ted Carson. Ich hab ihm ein paar reingehauen. Seine Mutter hat es dann meiner Mutter und dem Rektor erzählt. Und jetzt wollen sie, dass ich mich entschuldige.«
Bei diesem Satz wurde Prime wütend. »Das wirst du doch nicht tun, oder? Ich kenne Ted Carson – das ist ein kleines Arschloch, und zwar in jedem Universum!«
»Ich hab keine Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.« Prime zog ein weiteres Notizbuch aus dem Rucksack. »Ted Carson, sagst du? Über den hab ich hier doch irgendwo was …«
John schaute über Primes Schulter in das Notizbuch. Auf jeder Seite klebte ein Zeitungsausschnitt, in dem bestimmte Wörter unterstrichen waren. Unten standen Notizen, die auf andere Seiten verwiesen. Eine Schlagzeile lautete: »Anklage gegen Bürgermeister und Mitglieder des Stadtrats erhoben«. Auf dem zugehörigen Bild sah man einen brüllenden Bürgermeister Thiessen. In einem anderen Artikel wurden Scheidungen aufgelistet. Prime blätterte um und zeigte auf einen Bericht. »Hier: ›Ted Carson quält Nachbarskatze‹. Offenbar hat der Kerl ein Dutzend Tiere aus der Gegend getötet, bevor sie ihn erwischt haben.« Prime blickte John gespannt an.
»Noch nie was davon gehört.«
»Dann hat man ihn hier einfach nie erwischt.«
»Und was stellen wir jetzt damit an?« John las den Artikel und schüttelte den Kopf.
»Wir helfen ein bisschen nach, Bruder.« Prime gab John eine Liste mit aktuellen Scheidungen. »Mach mal eine Kopie davon.«
»Warum?«
»Damit kann man am besten herausfinden, wer mit wem schläft. Das ändert sich von einem Universum zum anderen normalerweise nicht. Apropos, wie sieht Casey Nicholson hier eigentlich aus?«
»Was?«
»Du hast schon richtig gehört. Ist sie total abgewrackt oder eine scharfe Nummer? Jedes zweite Mal ist sie in ihrem vorletzten Jahr an der Highschool schwanger geworden und lebt in einer Wohnwagensiedlung.«
»Sie ist Cheerleader.«
Prime sah ihn an und lächelte. »Du magst sie, stimmt’s? Sind wir mit ihr zusammen?«
»Nein!«
»Aber sie mag uns doch, oder?«
»Mich, nicht dich!«, sagte John. »Aber ich glaub schon. Im Unterricht lächelt sie mich immer an.«
»Was gibt es an uns auch auszusetzen?« Prime lehnte sich zurück und warf einen Blick auf die Uhr. »Du musst zurück in die Schule, was?«
»Hast Recht.«
»Dann treffen wir uns heute Abend zu Hause. Also, bis später!«
»Aber sprich mit niemandem«, ermahnte ihn John. »Alle werden dich für mich halten. Bring mich nicht in Schwierigkeiten, davon hab ich momentan schon genug.«
»Keine Sorge. Wenn ich eins nicht will, dann dein Leben hier durcheinanderbringen.«
 
Nach dem Spiel gab John dem Coach, Mr. Jessick, eine Abschrift des aktuellen Punktestands der Mannschaft und traf sich auf dem Parkplatz mit seinem Vater.
»Nicht gerade gut gelaufen für uns«, bemerkte sein Dad ohne lange Begrüßung. Er trug einen Arbeitskittel und eine Kappe mit dem Logo eines Traktorenherstellers. John wurde klar, dass sein Vater genau so auf der Tribüne gesessen haben musste, die Schuhe voller Stallmist. Noch dazu drang softe Country-Musik aus den Lautsprechern des Pick-ups. Einen Augenblick lang war ihm sein Vater peinlich, bis ihm wieder einfiel, warum er sich mit Ted Carson angelegt hatte.
»Danke fürs Abholen, Dad.«
»Kein Problem.« Sein Vater legte den Gang ein und fuhr los. »Vorhin ist mir was Merkwürdiges passiert. Ich dachte, ich hätte dich auf der Tribüne gesehen.«
John warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Er durfte sich nichts anmerken lassen. »Ich war doch unten und hab den Punktestand notiert.«
»Das weiß ich doch, hab ich ja gesehen. Meine Augen werden wohl langsam alt.«
War Prime etwa nicht zurück zur Scheune gegangen? Was hatte dieser Mistkerl mit ihm vor?
»Gushman hat angerufen.«
John nickte im Dunkel der Fahrerkabine. »Das dachte ich mir schon.«
»Meinte, du willst den Entschuldigungsbrief schreiben.«
»Nein, will ich nicht. Aber …«
»Ich weiß. Ein Schandfleck in deinem Lebenslauf und so weiter.« Johns Vater schaltete das Radio aus. »Weißt du, ich war damals ein, zwei Semester auf der Uni in Toledo. Bin da aber nicht so gut klargekommen. Aber du, du kannst richtig was lernen und was Interessantes mit deiner Zukunft anstellen. Darum geht es deiner Mutter und mir doch nur.«
»Dad …«
»Lass mich ausreden. Ich will ja nicht sagen, dass die Sache mit dem jungen Carson falsch war, aber du hast dich eben erwischen lassen. Und wenn man sich erwischen lässt, muss man meistens dafür büßen. Wenn du den Brief schreibst, heißt das ja noch lange nicht, dass du auch glaubst, was du da schreibst.«
John nickte. »Ich werde den Brief wohl schreiben.«
Sein Vater stieß ein zufriedenes Grunzen aus. »Übrigens, wegen der Äpfel – kann ich da morgen auf dich zählen? Wenn wir noch länger warten, können wir’s gleich lassen.«
»Ich kann bis zum Mittagessen mithelfen. Dann hab ich Basketballtraining.«
»Alles klar.«
Den Rest der Fahrt saßen sie schweigend nebeneinander. John war froh, dass er einen so pragmatischen Vater hatte.
Als sie in die Einfahrt der Farm einbogen, fragte er sich, was er mit Prime anstellen sollte. Er hatte sich in der Öffentlichkeit gezeigt, so viel war sicher. Und damit war er zu weit gegangen.
Nachdem sein Vater den Pick-up wie üblich neben dem Haus geparkt hatte, rutschte John sofort vom Sitz.
Sein Vater blickte ihm erstaunt nach. »Warum so eilig?« »Ich muss in die Scheune, nach meinem Experiment schauen«, antwortete John, ohne sich umzudrehen.
Er riss das Tor auf. In der Scheune war es dunkel, bis auf den matten Schein einer Glühbirne, die am mittleren Balken angebracht war. Keine Spur von Prime.
»Wo bist du?«, rief John.
»Hier oben.« Tatsächlich drang ein schwaches Leuchten vom Scheunenboden herunter.
»Gib’s zu, du warst bei dem Footballspiel!«, rief John, während er die Leiter hinaufkletterte. Er war sich sicher, dass Prime alles abstreiten würde.
»Nur kurz«, erwiderte Prime. »Ist doch nichts dabei.«
»Aber mein Vater hat dich gesehen.«
»Hat er auch kapiert, wer ich bin? Nein, oder?«
Johns Wut ebbte nur langsam ab. »Okay, nein. Er dachte, er bildet sich was ein. Aber …«
»Siehst du? Niemand wird darauf kommen, nicht mal wenn wir beide zusammen rumlaufen.«
»Aber …«
»Es hat nichts geschadet. Überhaupt nichts.« Primes Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Grinsen. »Außerdem hab ich was für dich. Die Sache mit Ted Carson ist bald gegessen.«
»Wie meinst du das?«
»Hier in der Gegend werden ein paar Katzen vermisst.«
»Bist du etwa rausgegangen und hast mit den Leuten geredet?« Es war ja noch schlimmer, als John gedacht hatte! »Wer hat dich alles geseh…«
»Nur ein paar Kinder, außerdem war’s dunkel. Die konnten nicht mal mein Gesicht erkennen. Stell dir vor: Drei Katzen allein diesen Monat! Ted ist ein richtiger Serienmörder, was Tiere betrifft. Wenn wir ihn dafür drankriegen, muss seine Mutter einen Rückzieher machen.«
»Vergiss es. Ich schreibe den Entschuldigungsbrief.«
»Was? Nur über meine Leiche!«
»Quatsch. Ist besser so. Ich will mir nicht die Zukunft versauen.«
»Jetzt hör mir mal zu. Besser könnte es doch gar nicht laufen für uns. Carson ist ein Psychopath! Und das würgen wir seinen Eltern rein, nach allen Regeln der Kunst.«
»Das tun wir nicht. Und jetzt hörst du mir mal zu! Du musst dich versteckt halten. Du kannst nicht einfach in der Stadt rumlaufen und mein Leben durcheinanderbringen. Schon dass du in der Bücherei warst, war zu viel.«
Prime lächelte. »Du willst wohl nicht, dass ich mich an Casey Nicholson ranmache, was?«
»Jetzt halt aber den Mund!« John hob warnend die Hand. »Mir reicht’s. Warum haust du nicht einfach ab? In die nächste Stadt oder ins nächste Universum oder was auch immer. Mir egal, solange du dich aus meinem Leben verpisst!«
Prime runzelte die Stirn. Er hielt einen Moment inne, als würde er über etwas Wichtiges nachdenken. Dann schob er sein Hemd hoch. Unter seinem grauen Sweatshirt kam ein Schultergurt zum Vorschein, in dessen Mitte eine dünne Scheibe hing. Ihr Durchmesser war etwas größer als der eines Baseballs, rund zehn Zentimeter. Sie hatte eine Digitalanzeige, auf der »7533« stand, drei blaue Knöpfe auf der Vorderseite und einige Schalter und Hebel an der Seite.
Vorsichtig löste Prime den Schultergurt und blickte John direkt in die Augen. »Vielleicht ist es an der Zeit, dass du es dir selbst mal anschaust.«

3
John starrte auf das Gerät. Für das, was man angeblich damit anstellen konnte, war es ziemlich klein.
»Wie funktioniert es?«, fragte er. Vor seinem inneren Auge sah er, wie golden funkelnde Strahlen dunkle Wirbel reinster Energie umfingen, wie Laserklauen die Mauern zwischen den Universen zerfetzten, als wären sie aus Papier.
»Wie es funktioniert, weiß ich nicht«, sagte Prime irritiert. »Ich weiß nur, wie man es bedient.« Er deutete auf die Digitalanzeige. »Hier wird die Nummer deines Universums angezeigt.«
»Sieben-fünf-drei-drei?«
»Genau. Mein Universum hat die Nummer 7433.« Prime wies auf den ersten der blauen Knöpfe. »Hiermit geht man auf dem Universumzähler vorwärts. Kapiert?« Er drückte einmal auf den Knopf: Auf der Anzeige war nun 7534 zu lesen. »Und hiermit geht man rückwärts.« Er drückte auf den zweiten blauen Knopf, und die Anzeige sprang auf 7533 zurück. Dann zeigte er auf einen Metallhebel an der Seite der Scheibe. »Wenn du das richtige Universum gewählt hast, legst du diesen Hebel um, und zack! bist du im nächsten Universum.«
»Sieht aus wie ein einarmiger Bandit.«
Prime verzog das Gesicht. »Du hast es hier mit dem Erzeugnis einer hoch entwickelten Zivilisation zu tun!«
»Tut’s weh, wenn man das Universum wechselt?«
»Also, ich spür überhaupt nichts. Höchstens gehen mal meine Ohren zu, wenn das Wetter drüben ein bisschen anders ist. Manchmal falle ich auch ein paar Zentimeter runter oder meine Füße stecken plötzlich in der Erde.«
»Und wofür ist der dritte Knopf da?«
Prime schüttelte ratlos den Kopf. »Keine Ahnung. Ich hab mal draufgedrückt, ist aber nichts passiert. War keine Bedienungsanleitung dabei, verstehst du?« Er grinste. »Na, willst du es mal versuchen?«
Nichts lieber als das, dachte John. Dadurch würde er nicht nur herausfinden, ob Prime Schwachsinn redete, sondern vielleicht auch ein anderes Universum zu sehen bekommen! Eine unglaubliche Vorstellung: einfach in eine andere Welt zu reisen, fort von diesem … diesem öden, verstaubten Leben. Die zehn Monate, die er noch in Findlay zubringen musste, kamen ihm vor wie zehn Jahre. Und hier, direkt vor ihm, lag ein echtes Abenteuer. Aber er zögerte. »Zeig mir erst mal, wie das abläuft.«
Prime runzelte die Stirn. »Geht nicht. Das Ding muss zwölf Stunden wieder aufladen, nachdem man es benutzt hat. Wenn ich jetzt hier verschwinde, muss ich einen Tag lang in dem anderen Universum bleiben, bevor ich zurückkommen kann.«
Ein ganzer Tag? Unmöglich. »So lange kann ich jetzt nicht wegbleiben. Ich hab zu tun. Und muss einen Brief schreiben.«
»Schon gut. Ich spring hier für dich ein.«
»Auf gar keinen Fall.«
»Hey, ich krieg das hin. Glaub mir, kein Mensch merkt was. Ich hab genauso viel Erfahrung damit, du zu sein, wie du selbst.«
»Nein. Du denkst doch nicht etwa, ich überlass dir so einfach für zwölf Stunden die Kontrolle über mein Leben?«
Prime blickte nachdenklich in die Ferne. »Wie wär’s mit einem Probelauf? Was hast du morgen vor?«
»Meinem Vater beim Apfelpflücken helfen.«
»Das übernehme ich. Wenn dein Vater nichts davon mitbekommt, gehst du auf die Reise, und ich spring für dich ein. Dann brichst du morgen Mittag auf und bist am Sonntag schon wieder da. So verpasst du nicht mal einen Tag Schule.« Prime kramte in seinem Rucksack. »Und damit das Ganze ein bisschen mehr Spaß macht, kriegst du noch etwas Geld für unterwegs.« Er zog ein Bündel Zwanzigdollarscheine hervor und hielt es John hin.
»Wo hast du das her?« John hatte noch nie so viel Geld auf einem Haufen gesehen. Auf seinem Konto befanden sich gerade mal dreihundert Dollar.
Prime drückte ihm das Geldbündel in die Hand. Die Scheine waren druckfrisch, glatt und geschmeidig.
»Das sind mindestens zweitausend Dollar«, sagte John.
»Ganz genau.«
»Du hast das Geld aus einem anderen Universum, oder? Ist es gefälscht?«
»Nein, das ist echtes Geld. Und keiner von diesen Hinterwäldlern hier kann mir das Gegenteil beweisen.« Prime zog einen weiteren Zwanziger aus der Hosentasche. »Der hier ist aus deinem Universum. Siehst du irgendeinen Unterschied?«
John zog den obersten Zwanziger aus dem Bündel und verglich ihn mit dem zerknitterten Schein aus Primes Tasche. In seinen Augen waren sie identisch.
»Aber woher hast du das Geld?«
»Investitionen.« Prime lächelte zweideutig.
»Hast du es gestohlen?«
Entnervt winkte Prime ab. »Selbst wenn ich es gestohlen hätte, würde die Polizei in einem anderen Universum danach suchen.«
John musste eine Panikattacke unterdrücken. Prime hatte dieselben Fingerabdrücke wie er, dieselbe Stimme, er sah genau gleich aus. Er wusste alles, was es über John zu wissen gab. Prime konnte einfach jemanden umbringen oder eine Bank ausrauben und dann in ein anderes Universum verschwinden – während John den Kopf für ihn hinhielt. Alle Beweise würden gegen ihn sprechen. Niemals würde er beweisen können, dass er unschuldig war. Aber würde Prime so etwas wirklich tun? Hatte er ihn nicht als Bruder bezeichnet, waren sie nicht tatsächlich wie eineiige Brüder? Außerdem wollte Prime ihm das Gerät überlassen, so dass er, noch dazu als Fremder, praktisch in diesem Universum festsaß. Das zeugte von Vertrauen.
»Nur zwölf Stunden«, sagte Prime. »Ein Kurzurlaub. Eine Erholungspause von dem ganzen Scheiß mit Ted Carson.«
Für einige Sekunden rang John mit sich, doch die Aussicht, ein anderes Universum zu erforschen, war einfach unwiderstehlich. »Okay. Du pflückst morgen mit meinem Vater Äpfel. Wenn er dabei nicht misstrauisch wird, ziehen wir’s vielleicht durch.« Er stutzte und sah sich Prime genau an. »Aber erst müssen wir dir die Haare schneiden und deine Wunde verarzten.«
»Hast Recht. Das erledigen wir nachher« Prime lächelte. »Du wirst es nicht bereuen, John, wenn du mein Angebot annimmst.«
»Aber du musst mir versprechen, hier kein Chaos anzurichten.«
Prime nickte. »Nichts liegt mir ferner.«
 
Prime lag ausgestreckt auf dem Scheunenboden. An seiner Wange klebten Strohhalme.
Als John ihn anstupste, fuhr Prime mit einem Ruck hoch und griff sich an die Brust, als hätte er einen Herzinfarkt. Nein, wurde John in diesem Moment klar, das war es nicht – er überprüfte nur, ob das Gerät noch da war. Dabei hatte er es immer noch unter den Klamotten vor die Brust geschnallt.
»Scheiße, ist das früh«, sagte Prime und fuhr sich durch die Haare.
»Fluch ja nicht vor meinem Vater«, bemerkte John. »So was ist er nicht gewöhnt.«
»Ich halt mich zurück.« Prime stand auf und reckte sich. »Okay, Äpfel pflücken … ist’ne Weile her.«
»So lange kann es auch wieder nicht her sein. Ein Jahr vielleicht? Du kommst schon wieder rein.«
»Sicher.«
Prime spähte aus dem kleinen Fenster. Von draußen hörte John das Tuckern des Traktors: Sein Vater war also schon zu den Obstbäumen unterwegs.
»Wie läuft es so zwischen dir und deinem Vater? Irgendwelche Probleme?«, fragte Prime.
John zog seine Jacke aus, reichte sie Prime und nahm im Gegenzug dessen Mantel entgegen. »Nein. Wir haben gestern Abend über die Sache mit Carson gesprochen. Er will, dass ich den Brief schreibe.«
»Das hat sich also erledigt. Was ist mit deiner Mutter?«
»Neulich war sie wütend auf mich. Ist sie vielleicht immer noch, wir haben seit Donnerstag nicht mehr miteinander geredet.«
»Liegt heute Nachmittag sonst noch irgendwas an?« Prime holte einen Bleistift aus der Tasche und machte sich Notizen.
»Nichts Besonderes bis morgen früh. Dann in die Kirche, danach wie immer: Stall ausmisten, Hausaufgaben. Aber das erledige ich dann selbst.«
»Was musst du für Montag alles machen?«
»Für Physik lernen, in Englisch einen Aufsatz über Edgar Allan Poe schreiben. Ein paar Aufgaben in Infinitesimalrechnung. Mehr nicht.«
»Und wie sieht dein Stundenplan aus?«
John wollte schon davon anfangen, doch dann schüttelte er den Kopf. »Warum willst du das wissen? Da bin ich doch längst zurück.«
»Nur falls jemand danach fragt.«
»Kann ich mir nicht vorstellen.« John legte sich Primes Mantel um, nachdem er eine Weile mit den Ärmellöchern gekämpft hatte. Warum hatte der Mantel bloß keine Ärmel? Er blickte mit dem Fernglas hinaus auf den sonnigen Obstgarten. »Ich behalte euch von hier aus im Auge. Falls es irgendwelche Probleme gibt, tust du, als wär dir schlecht, und kommst sofort hierher. Du erzählst mir, was Sache ist, und wir tauschen wieder.«
Prime lächelte. »Wird schon schiefgehen. Entspann dich.« Er zog die Arbeitshandschuhe an und kletterte die Leiter hinunter. »Bis zum Mittagessen!«
Johns Hände zitterten, als er zusah, wie Prime quer über den Hof zum Obstgarten ging. Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Und doch zog ihn dieses Rätsel unwiderstehlich an, als wäre er mit Eisenspänen gefüllt und das Gerät ein extrem starker Magnet. John konnte nicht anders: Er musste herausfinden, was dieser Prime im Schilde führte. Er musste das Rätsel lösen.
Durch das Fernglas beobachtete er, wie Prime einen Blick zurück zur Scheune warf und lächelte, bevor er die Hand hob und seinem Vater zuwinkte. Ohne aufzublicken, sagte sein Vater etwas, als Prime ihn erreicht hatte. Prime nickte, ergriff einen Ast und zog sich hinauf in den Baum. Doch sein Fuß verfehlte einen Halt – er rutschte ab.
»Vorsicht«, hörte John sich sagen.
Schließlich schaffte Prime es doch noch in die Baumkrone und begann, Äpfel zu pflücken. Seine Lippen bewegten sich, und Johns Vater lachte. John spürte Eifersucht in sich aufsteigen; er fragte sich, was Prime gesagt hatte, dass sein Vater so lachte. Aber dann begriff er, dass sein Vater kein Misstrauen entwickeln würde, solange er sich über Primes Witze amüsierte.
Wieder musste John an seine heikle Lage denken, und je mehr er darüber nachdachte, desto größere Sorgen machte er sich. Im Grunde war Prime er selbst. Daher war er … eigentlich ein Niemand. Wäre es wirklich so schwer, sich in seinem Leben einzunisten, sein Leben zu übernehmen? Keineswegs, bei genauerem Nachdenken. John hatte nur wenige wirklich enge Beziehungen zu anderen. Ein paar Begegnungen der letzten Zeit hatte nur er erlebt, doch in einem Monat würde das alles Schnee von gestern sein. Er hatte keine Freundin, keine echten Freunde, außer Erik, und diese Freundschaft endete am Rande des Basketballfelds. Am schwierigsten würde es wohl sein, ihn in der Schule zu ersetzen, aber selbst das war machbar. Der Stoff war in allen Fächern kinderleicht, außer in Physik für Fortgeschrittene, und da fingen sie am Montag mit einem neuen Thema an. Nein, es konnte kaum einfacher sein – als hätte man eine Sollbruchstelle in Johns Leben eingebaut.
Doch was würde ihn in einem anderen Universum erwarten? Hatte man dort wissenschaftliche Fortschritte gemacht, von denen man hier noch träumte? Würde er einfach eine wissenschaftliche Fachzeitschrift kopieren und hierher mitnehmen können? Vielleicht hatte dort jemand die Weltformel entdeckt? Oder eine einfache Lösung für Fermats letzten Satz? Oder … Aber was wollte er mit fremden Ideen? Sollte er sie etwa unter seinem Namen veröffentlichen? War das besser als Primes Plan, durch Rubiks Würfel reich zu werden – was auch immer das sein sollte? Er lachte und griff nach seinem Physikbuch. Nein, er musste sich vorerst auf dieses Universum konzentrieren. Schließlich ging es am Montag mit Quantenmechanik los.
 
»Mittagessen!«
Überrascht blickte John von dem Physikbuch auf. Prime stand neben ihm und hielt ihm ein Sandwich vor die Nase.
»Warst du etwa drinnen?«, fragte John erschrocken. »Ich hab doch gesagt, dass du nicht ins Haus gehen sollst!«
Prime zuckte mit den Achseln. »Was soll’s? Auch deiner Mutter ist nichts aufgefallen.«
Als John das Sandwich entgegennahm, fiel ihm auf, dass Prime irgendwie anders aussah als vorher. Er war von oben bis unten mit Harz verschmiert, auf seiner Wange glänzte ein Kratzer, und seine Klamotten waren völlig verdreckt. »Du siehst glücklich aus«, meinte John.
Prime zuckte zusammen. Er blickte an sich hinab und lächelte. »Mir geht’s ja auch gut. Ist eine Weile her, dass ich das letzte Mal Äpfel gepflückt hab.«
»Du warst ja auch eine Weile unterwegs«, nuschelte John mit vollem Mund.
»Genau. Du hast keine Ahnung, wie gut du es hier hast. Warum willst du überhaupt weg auf die Uni?«
John lachte. »Ja, die ersten fünfzehn Jahre ist es hier ganz toll, aber dann wird es langsam langweilig.«
»Da wirst du wohl Recht haben.«
John reichte Prime den Mantel. »Was erwartet mich im nächsten Universum?«
Prime fixierte ihn. »Du nimmst mein Angebot also an?«
Einen Augenblick dachte John nach, aber die Entscheidung war bereits gefallen: Er musste einfach herausfinden, ob Prime völlig durchgeknallt war oder ob er ihm tatsächlich ein unglaubliches Geschenk machen wollte. Falls er wirklich verrückt war, würde John ja nichts dabei verlieren und sich in aller Ruhe darum kümmern können, ihn wieder loszuwerden. Doch falls das Gerät funktionierte, stand ihm das ganze Universum mit einer Vielfalt von Welten offen.
John hielt Primes Blick stand. »Ja, denke schon. Aber was erwartet mich denn nun?«
»Das nächste Universum ist diesem hier ziemlich ähnlich. Ich weiß nicht mal, was genau dort anders ist.«