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Impressum

Als Ravensburger E-Book erschienen 2014

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 1999 Ravensburger Verlag GmbH

Umschlaggestaltung: Constanze Spengler unter Verwendung
von Fotos von Constanze Spengler

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47558-2

www.ravensburger.de

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1989
1. Kapitel

Zwei Frauen auf der Schaukel

Was war das nur für ein Traum? – Der letzte in einer ganzen Reihe von Träumen.

Sie sitzt auf einer Schaukel und unter ihr ist ein Abgrund. Die Stricke, an denen diese Schaukel befestigt ist, erscheinen brüchig, mehrfach geknotet, mit dünnen Stellen. Aber das macht nichts. Sie schwingt hin und her, wie sie es als Kind getan hat, um in Fahrt zu kommen, wirft die Beine vor und den Oberkörper zurück und fühlt, wie ihr Haar im Luftzug weht. Wenn die Seile reißen, springe ich vorher ab, denkt sie in ihrem Traum. Ich werde fliegen und sicher landen. Aber der Luftzug stört. Kalter Luftzug an ihren Schultern.

Sie blinzelt und macht die Augen gleich wieder zu. Es ist so blendend hell. Hell und kalt. Morgendliches Spätherbstlicht. Sie haben wohl mal wieder vergessen zu heizen. Der Kachelofen ist defekt, er wärmt das riesige Zimmer nur mangelhaft.

Sie zieht die Decke höher. Ihr Kopf ist wie in Watte gepackt, aber der Traum war sehr schön.

Wo sind die anderen? Und während sie sich diese Frage stellt, folgt gleich eine zweite. Welche anderen? Wer sind sie und wer bin ich?

Sie richtet sich auf. Plötzlich ist ihr schwindlig, sie muss den Kopf mit den Händen festhalten, damit er ihr nicht davonfliegt. Das Zimmer kreist, schwingt wie die Schaukel in ihrem Traum. Sie zwingt sich, die Augen zu öffnen.

Ja, das Zimmer kennt sie. Das große, helle, verkommene Zimmer mit der Stuckdecke und dem Ofen, den Rissen am oberen Kachelsims, mit den zusammengesuchten Möbeln aus verschiedenen Stilepochen und dem kleinen russischen Fernseher unterm Bücherregal. Der alte Schinken an der Wand, den sie schon lange wegschmeißen wollte, wenn es nicht ein altes Familienstück gewesen wäre. Übrigens Mädchen auf einer Schaukel. Vielleicht kam ihr Traum daher.

Sie. Wer sind sie? Tobias, fällt ihr ein, und zu den Namen kommen nun auch Gesichter. Daniela. Dirk. Tante Lina. Nein, Tante Lina ist tot. Was ist nur mit meinem Kopf? Und diese Stille …

Ich muss mir etwas überziehen, beschließt sie. Ich friere. So ohne Pyjama im Bett, in diesem kalten Zimmer.

Sie sieht an sich hinunter. Ihr Haar, eine dichte Mähne, dunkel mit den rötlichen Reflexen der Hennatönung, der begehrten, die ihr Daniela aus Moskau mitgebracht hat, fällt auf ihre Schultern. Ihre Arme sind von blauroten Blutergüssen gezeichnet.

Sie lässt sich zurückfallen, und gleichzeitig mit dem Anblick erinnert sie sich auch an die Schmerzen. Mit dem Gummiknüppel auf den Nacken, auf die Arme, auf die Schultern, immer wieder, auch als sie schon längst am Boden lag – Das hast du dir selbst zuzuschreiben! – Das habt ihr doch alles vorher gewusst!

Die Stimmen dröhnen in ihrem Kopf. Sie kann die Augen nicht offen halten.

Käme doch die Schaukel wieder, die herrliche Schaukel, auf der sie über dem Abgrund dahinflog!

Ruhig, Karol!, befiehlt sie sich selbst. Werd ruhig. Du bist hier, im Zimmer dieser Wohnung, du bist in Sicherheit. Es ist vorbei. Steh auf! Du musst aufstehen!

Sie öffnet die Augen. Blinzelt. Es ist so hell!

Ihre Sachen liegen auf einem Stuhl neben dem Bett. Die ausgebeulten Jeans, das Kapuzen-T-Shirt. Frische Wäsche. Bestimmt hat sich Daniela um sie gekümmert. Und Dirk hat sich um sie gekümmert und sie ins Bett gelegt. Dirk? Wieso Dirk? Dirk ist doch ausgezogen.

Entschlossen wirft sie die Decke zurück. Betrachtet ihren Körper. Überall diese blauen Male auf der weißen Haut. Karoline ist füllig, mit großen üppigen Brüsten und kräftigen Hüften. Viel Platz für Schlagstockstriemen. Aber es tut nichts weh. Merkwürdig.

Schaudernd vor Kälte erhebt sie sich, kriecht schnell in die Sachen. Es ist ein heller, sonniger Vorwintertag. Aber irgendetwas ist anders. Irgendetwas fehlt, sie weiß bloß nicht was. Sie ist froh, dass sie ihre großen warmen, alles verhüllenden Kleidungsstücke hat. Das Kapuzenshirt mit den Ärmeln, die so lang sind, dass sie ihr bis über die Finger reichen. Niemand soll etwas von ihrem geschundenen Körper sehen. Sie zieht auch die Kapuze über den Kopf, stopft ihr dickes Haar darunter. Nun fühlt sie sich ein bisschen besser.

Wie spät mag es sein? Ihre Armbanduhr hatten sie ihr abgenommen. Effekten. Und da sie sich nicht erinnert, wie sie von dort weggekommen ist, weiß sie natürlich auch nicht, wo ihre Effekten geblieben sind. Die Uhr und das Portmonee mit dem Ausweis. Sie tastet nach ihren Ohren. Auch die Silberohrringe sind fort. Am Ohr verkrustete Stellen. Man hat sie ihr ziemlich unsanft rausgenommen. »Dekadenter Schnickschnack.« Weil sie nicht nur im Ohrläppchen, sondern auch noch am Rand des Ohrs Schmuck trug.

Danielas Wecker, der sonst immer am Bett steht, ist nicht am Platz. Das Ticken, das sie so oft gestört hat, fehlt.

Überhaupt. Mit einem Mal weiß sie, was so anders ist als sonst. Die Stille. Es ist geisterhaft still. Hier rollen doch sonst die Räder. Hier gibt es keine Ruhe, außer vielleicht in den frühen Morgenstunden. Aber die Sonne steht schon hoch …

Karoline tritt ans Fenster. Die Straße ist leer. Kein einziges Auto, nur die paar wenigen Fahrzeuge, die am Straßenrand abgestellt worden sind.

Irgendetwas geschieht. Irgendwo ist ein Sog. Ein Sog, gegen den sie sich nicht wehren kann. Eine Kraft fremden Fühlens und fremden Willens, die auf einmal in ihrem Herzen und ihrem Kopf ist und sie in etwas hineinzieht. –

Sie kennt das, solange sie sich zurückerinnern kann. Sie fühlt etwas, das sie weder sich noch anderen erklären kann. Sieht manchmal Dinge, die keiner sonst sieht. Spürt, was in den Köpfen der Leute vorgeht, konnte früher bisweilen auf Fragen antworten, die ihr noch gar nicht gestellt worden waren. Als sie klein war, dachte sie, dass es alle Menschen können. Dass es normal ist. Erst später verstand sie, dass dies ihre eigene Art war, mit der Welt Kontakt aufzunehmen. Als man sie eine nannte, die Stimmen hört. Dabei hört sie gar keine Stimmen. Sie fängt nur etwas auf und wird gezogen. Sie hat irgendwann gelernt, es vor den anderen zu verbergen. Es war den Leuten unheimlich. Anderssein bringt nur Probleme.

Heute würde man sagen, Karoline ist eine Empathin.

Irgendetwas geschieht. Hinter ihrem Rücken, dort in nordwestlicher Richtung, nichts Dunkles, sondern etwas Wildes, Unverständliches. Und darum ist die Straße so leer.

Sie hält sich mit beiden Händen am Fensterbrett fest, stemmt sich gegen den Sog. Denn das ist unmöglich. Es ist aberwitzig. Ihr Gefühl muss falsch sein. Hinter ihr, in nordwestlicher Richtung, kann nichts geschehen. Da ist nur Bedrohung und Kälte, keinerlei menschliche Regung, und wenn überhaupt, dann keine freundliche. Hinter ihr ist die Mauer.

Das Haus, in dem Karoline mit ihren Freunden wohnt, hat eine Amputation erlebt vor nicht ganz dreißig Jahren. Man hat die Quer- und Seitengebäude zweier Hinterhöfe abgerissen und die Fenster, die zur Rückfront herausgingen, zugemauert. Man hat dort hinten Stacheldraht gezogen und Minen vergraben und einen Todesstreifen angelegt, und da gibt es Wachtürme und Scheinwerfer und diese Mauer, die der Stadt die Luft abschnürt all die Jahre und das Haus zerstört hat. Ein Haus mit einer Fassade und keinem Hinterausgang. Flach wie eine gemalte Kulisse. Verstümmelt. Wohnungen mit riesigen Räumen und mit winzigen Küchen, weil man ehemalige Abstellkammern dazu umbauen musste – die alten Küchen im Quertrakt fielen der Spitzhacke zum Opfer. Ohne Bäder, mit Toiletten, zu eng, sich darin umzudrehen – die alten Besuchertoiletten des »hochherrschaftlichen« vorderen Teils.

Da hinten kann nichts sein. Das ist das Reich des Zerstörten und der Zerstörung.

Karolines Blick fällt auf den kleinen Schreibtisch neben dem Fenster. Er liegt voll im Sonnenlicht. Da ist der Entwurf des Flugblatts! Das Flugblatt, das sie mit der Schreibmaschine vervielfältigt und unter die Leute gebracht haben. Wie unvorsichtig, es hier liegen zu lassen. Bei einer Hausdurchsuchung bringt es sie um Kopf und Kragen.

»Werdet aktiv! Tausende von Bürgern verlassen unser Land, unzählige Demonstrationen werden niedergeknüppelt, eine Opposition ist illegal. Eine greise, starre Regierung feiert sich in unglaublicher, verdächtiger Weise, stellt sich blind – taub – stumm. Nur wenn endlich alle den Mund aufmachen und gemeinsam handeln, gibt es für unser krankes Land Hoffnung.«

Die Prellungen und Blutergüsse an ihrem Leib beginnen dumpf zu schmerzen.

Wir werden wieder auf die Straße gehen müssen. Wir werden weiter solche Zettel erteilen.

An der Wand hängt Danielas Abreißkalender. Karoline zieht die Brauen hoch.

Wer hat diesen Unfug angestellt? Das Blatt zeigt den 9.November. Daniela und Tobias gehen sehr sorgfältig mit ihrem Kalender um. Wer hat da beinah einen Monat zu viel weggerissen? Wir sind im Oktober.

»Wer hat an der Uhr gedreht?«, fällt Karoline unwillkürlich ein, der Abspannsong einer Serie im Fernsehen. Der rosarote Panther. Sie muss lächeln. Und ihr Lächeln löst die Blockade, die sie willentlich aufgerichtet hatte gegen das Gefühl, den Sog.

Ich will raus auf diese stille Straße und sehen, was geschieht.

Sie geht auf die Diele hinaus, diesen Raum, der viel zu groß ist für den Rest der Wohnung. Das sollen ja mal zehn Zimmer gewesen sein. Nun sind es drei Räume, die nach vorn raus. Sie nutzen die Diele mit als eine Art Wohnzimmer, nennen es scherzhaft Salon. Alle Türen sind offen. Aber dass niemand in der Wohnung ist außer ihr, hatte sie ohnehin gefühlt und – also gewusst. In so etwas täuscht sie sich nicht. Sie weiß, ob Menschen in ihrer Nähe sind und ob sie ihr angenehm oder widerwärtig sind.

Keine Nachricht für sie, wie es sonst üblich ist. Kein kleiner Zettel auf dem runden Tisch in der Mitte. In der fensterlosen Miniküche, dem ehemaligen Garderobenschrank, hat jemand vergessen, die Kaffeemaschine abzustellen. Eine teerartige Masse in der Glaskanne. Ein bitterer, brenzliger Geruch im Raum. Kopfschüttelnd dreht sie den Schalter auf 0. Sie findet ein hartes Brötchen und merkt nach dem ersten Bissen, dass sie gar keinen Hunger hat. Ihre Unruhe wächst. Sie muss nach draußen. Fährt in die Schuhe, zieht sich die abgewetzte Kutte über, nimmt den Wohnungsschlüssel vom Haken.

Die Fenster des Treppenhauses wurden damals ebenfalls zugemauert, und die Flurbeleuchtung ist mal wieder defekt. Karoline tastet sich die Treppe hinunter, die Hand am Geländer. Man muss vorsichtig sein. Die Metallkanten, an denen ehemals der rote Läufer befestigt war, der hier auslag, sind an manchen Stellen hochgebogen, sodass sich der Fuß leicht verfängt. Die schön gedrechselten Geländerstützen sind an vielen Stellen herausgebrochen. Findige Leute basteln kleine runde Tische und benutzen diese Streben als Bein dafür. Das Zeug lässt sich gut verkaufen.

Sie ist gerade unten angekommen, als die schwere Haustür auffliegt.

Daniela stürzt herein, stutzt, sieht Karoline mit weit aufgerissenen Augen an.

»Karol! Ja, wo kommst du denn auf einmal her?« Ihre Lippen zittern.

»Wieso? Ich hab wohl etwas länger geschlafen«, antwortet sie verwirrt. Von Daniela kommt ein Strom starker Empfindungen auf sie zu, die sie nicht einordnen kann. Es ist Freude, Erregung und etwas wie eine schwebende Verunsicherung.

»Lange geschlafen? Karoline! Du bist wieder da! Sie haben dich freigelassen! Wenn du wüsstest, was wir alles versucht haben, nur um rauszukriegen, wo sie dich hingesteckt hatten! Oh Karol! Die letzten Entlassungen erfolgten vor zehn Tagen!« Sie beginnt zu schluchzen und schlingt ihre Arme um Karolines Hals.

Daniela ist das ganze Gegenteil von Karoline. Sie ist klein und mager und trägt ihr Haar stoppelkurz geschnitten. Ihre Heftigkeit bestürzt Karoline. Im Allgemeinen neigt Daniela nicht zu Gefühlsausbrüchen. Warum heute? Und wovon redet sie überhaupt?

»Was ist? Was meinst du? Ich erinnere mich nicht so genau an die letzte Zeit«, sagt sie vorsichtig und versucht, sich aus den Armen der Freundin zu lösen.

»Du erinnerst dich nicht – lieber Himmel, was haben sie mit dir gemacht?«

Karoline zieht die Brauen hoch. Was sind das für Fragen? Aber eh sie dazu kommt, weiter nachzudenken, fährt Daniela fort: »Aber das ist ja jetzt nicht mehr so wichtig. Wichtig ist bloß, dass du da bist! Dass du heute da bist, an diesem Tag! Was für ein Glück, dass ich vergessliche Trine meinen Ausweis nicht eingesteckt habe und deshalb zurückgelaufen bin! Du hast deinen in der Tasche, ja?«

»Was habe ich in der Tasche?«, fragt sie langsam und merkt, dass sie sich anhört wie eine Schlafwandlerin. Aber die Freundin ist so voll davon, ihre Aufregung und Freude auszusenden, dass sie offenbar nichts von ihrer Unsicherheit bemerkt.

»Deinen Ausweis? Hast du ihn?«

Sie schüttelt den Kopf. Den haben sie ihr doch abgenommen, dort.

»Ich bring ihn gleich mit runter«, sagt Dani schnell. »Dann können wir gemeinsam rüber.«

»Was meinst du mit ›rüber‹?«

»Aber Karol! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du es nicht weißt! Seit der vorigen Nacht sind die Grenzen offen! Diese Mauer – sie ist nur noch ein Stück Stein! Man kann auf ihr tanzen!«

Noch einmal umarmt sie die andere und stürmt die Treppe hoch, und Karoline setzt sich langsam, ganz langsam auf die unterste Stufe.

Die Grenze ist offen, auf einmal, einfach so? Sie schüttelt den Kopf. Sind Truppen vom Mars gelandet?

Vorsichtig streift sie ihren langen Ärmel zurück. Die Male auf ihrer Haut sind noch da.

Gleich wird Dani zurückkommen und wird ihren Ausweis nicht gefunden haben. Der ist dort, wo ihre Uhr und ihre Ohrringe sind. Effekten. Das haben Sie doch alles vorher gewusst. Das haben Sie sich alles selbst zuzuschreiben. Es ist, als wenn ein kalter Hauch über ihren Kopf dahinstreicht. Aber es ist schnell vorbei.

Sie lächelt. Was ist das mit der Mauer? Was hat Daniela erzählt?

Auf einmal fällt ihr der Kalender an der Wand ein. Der 9. November …

Daniela kommt hastig aus dem ersten Stock herunter.

»Hier ist dein Ausweis«, sagt sie, und Karoline sieht mit Verwunderung, dass sie das blaue Büchlein, von dem sie annahm, dass es irgendwo auf einem Polizeirevier liegt, tatsächlich gefunden hat.

»Komm, Karol!«

»Warte mal, noch einen Moment«, sagt sie und hält die Freundin am langen weiten Rock fest. »Sag mir bloß mal das Datum.«

Dani sieht sie mit vor Verwunderung weit aufgerissenen Augen an.

»Ein historischer Tag. Gestern ist es passiert. Heute ist der 10. November.«

»Geh du schon mal voraus«, sagt Karoline langsam. »Ich brauch noch einen Moment. Ich komme dann nach.«

»Ist dir nicht gut?«, fragt Daniela irritiert.

»Doch, doch. Mir ist gut. Noch ein bisschen müde vielleicht. Geh du nur.«

»Ich weiß nicht, ob du mich wieder findest. Mach es lieber auf eigene Faust. Da sind Himmel und Menschen, kannst du dir ja denken.«

Sie nickt. Sitzt da, ihren blauen Ausweis in beiden Händen, und wartet, dass die schwere Haustür zufällt hinter Daniela.

Heute ist der 10. November. Als sie mit ihren Flugblättern loszog, als sie mit den Freunden und Gleichgesinnten vor der riesigen drohenden Mauer gesichtsloser Uniformierter stand, als die Schneeräumer der Stadtreinigung auf sie zufuhren, da schrieb man – und das weiß sie genau – den 7. Oktober. Den Tag der Republik.

Was war zwischen diesem Tag und dem Heute? Wo ist sie gewesen? Es ist alles fort.

Zwei Frauen auf der Schaukel. Was hat das alte Bild auf einmal in ihrem Kopf zu suchen? Oder ist es der Traum, in dem sie selbst geflogen ist? Karoline auf der Schaukel. Hingeflogen über die Zeit.

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1989
2. Kapitel

Jenseits

Etwas greift sie wie eine Hand im Nacken. Ein starker fremder Wille zieht sie. Ein stets wiederholter Ruf: Komm!

Karoline steht auf und verlässt das Haus.

Der Straßenabschnitt vor ihrem Haus ist noch immer leer und still. Aber rechts und links, an den Einmündungen, vor denen die großen Warn-, Hinweis- und Verbotsschilder stehen, staut sich eine Masse von Autos und Menschen.

Sie schlägt erst den Weg nach rechts ein, dort, wo eines der wenigen und wenig benutzten offiziellen »Löcher« in der Mauer war, ein Grenzübergang für Autos und Fußgänger. In der letzten Zeit war dort ja einiges los, die Reiseregelungen – unter dem Druck der Flüchtlinge über Ungarn und Österreich gelockert.

Aber sie ist kaum ein paar Schritte weit, als sie spürt: Das, was sie zieht, kommt von der anderen Straßenmündung. Dort war die Welt mit Beton verrammelt. Eine tote Straße, die im Nichts mündete, vor Grenzbefestigungen, Stacheldraht und der nackten knochenfarbenen Fläche der Mauer.

Trotz ihrer sanften Rundlichkeit ist Karoline beweglich und schnell. Sie beginnt zu laufen und fühlt sich dabei, als wenn der Boden unter ihren Füßen sie federnd abstoßen würde. Nichts tut ihr weh von diesen Blutergüssen und Verletzungen. Frei atmend, ein Lächeln auf den Lippen, biegt sie in die Seitenstraße ein.

Der Stacheldraht ist aufgeschnitten. Sie kriecht hindurch und läuft vorwärts, rechts und links von ihr die seit fast dreißig Jahren unbewohnten Häuser mit den zugemauerten Fassaden. Und vor ihr die große Barriere, um die herum und auf der es wimmelt von Menschen. Das muss ein Traum sein.

Ihr Blick geht nach oben, zu dem Wachturm. Ja, da sind sie, die Männer, deren Uniformen ihr vor ihrem Abtauchen in die Tiefen der Zeit ein solches Entsetzen eingejagt, die sie geschlagen und gedemütigt haben. Da sitzen sie und schauen mit einer sonderbaren Mischung aus Verlegenheit und Verunsicherung hinab auf das Treiben. Halten keine Waffe auf die Mauer-Segler gerichtet, sagen keine Drohungen in ihre Lautsprecher.

Hände fassen sie, schieben sie nach vorne, als hätten sie alle schon auf sie gewartet. Jemand streckt von oben die Arme nach ihr aus. Sie fasst zu, wird geschoben und gezogen, ist oben.

Da ist, was sie hierhergezogen hat.

Das Gesicht taucht auf. Sie kennt es, wenn sie auch nicht weiß woher. Ein breites, flächiges Gesicht mit einer breiten, eingedellten Nase, als sei das Nasenbein einmal gebrochen worden. Bärtig, das Haar schwarz mit Grau durchmischt. Zwischen den Augenbrauen eine dicke Furche.

Bilder leuchten kurz auf aus dem Nebel des Vergessens, kommen aus der verlorenen Zeit. Verschwinden. Nichts mehr. Was bleibt, ist ein Gefühl. Das Gefühl von Nähe.

»Da bist du ja!«, sagt er, mit einer sehr tiefen Stimme, die sie erschauern lässt. »Komm endlich! Ich warte schon!«

Das ist alles wie in Träumen. Jemand, den man noch nie gesehen hat, sagt einem, dass er wartet …

»Was treibst du dich auch da rum!«

Sie hat keine Ahnung, was er meint. Lacht, und er lacht zurück. »Schön, dass du wieder lachen kannst.«

Er lässt sich auf der anderen Seite der Mauer hinunter. Mühelos. Ein kraftvoller Mann, nicht sehr groß. Jemand von da oben hebt Karoline hoch und gibt sie in seine Arme. Sie haben auf jener Seite eine Art Rampe gebaut.

Die Mauer von drüben. Einfach eine Mauer. Bunt bemalt und beschrieben. Einfach eine Straße. Unfassbar.

Er hat sie noch immer in den Armen, und er geht eng umschlungen mit ihr die Stufen der Rampe hinunter, lässt ihr Zeit, das alles zu sehen, wenn sie es auch nicht begreifen kann.

»Nun, wie ist es?«

»Was meinst du?«

»Sag, wie du dich fühlst!«

»Ich weiß nicht. Mir war die ganze Zeit, als wenn mich wer ruft.«

»Das kannst du wohl annehmen, dass ich dich gerufen habe. Du musst nach Haus.«

»Nach Haus? Was meinst du?!«

Er wirft ihr einen schrägen Blick zu, lacht wieder.

»Was soll das? Geht es dir besser? Wie fühlst du dich?«

»Wie auf der anderen Seite des Spiegels.«

Er lacht leise. »Das ist gut. Die andere Seite des Spiegels.« Sein Arm ist fest um ihrer Schulter.

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Sie gehen. Gehen den Weg zurück, den sie gekommen ist, nur auf der anderen Seite der Mauer.

»Sag mir, wohin du mich bringst«, sagt sie. Wie benommen von dem, was passiert. Als wandle sie in Watte.

Er sieht sie von der Seite an, und für einen Moment tritt so etwas wie Befremden in seine Augen. »Du lieber Gott!«, murmelt er. Dann beugt er sich zu ihr und beginnt, sie zu küssen. Heftig, begehrlich. Verschließt ihr den Mund. Ein warmer Strom durchrieselt sie. Ihr ist alles egal. Was ist das für ein Tag! Und was für ein Mann! Plötzlich muss sie lachen. Sie ist über die unüberwindliche Mauer geflogen wie ein Vogel. Sie ist drüben. Und im Arm dieses Mannes, der ihr vorkommt, als kenne sie ihn, und dem sie noch nie begegnet ist. Es gibt nichts, was nicht möglich ist heute. Sie erwidert seinen Kuss.

Die Fassade des Hauses, in das sie gehen, ist eigentlich so grau, so löcherig und verkommen wie die des ehemaligen »Hochherrschaftlichen« auf der anderen Seite, aber vor der Tür steht eine ausrangierte Badewanne, die Füße schnörkelige Löwenkrallen, und aus ihr rankt irgendein immergrünes Gestrüpp fröhlich auf den Gehweg. Auf einem Fensterbrett sitzt eine große Puppe aus Draht und Plastikabfällen, mit lässig übergeschlagenen Beinen und einem Eimer als Hut auf dem Kopf, und anderswo wieder ist ein uralter Kinderwagen aufgehängt und dient als Blumenkasten. Bunt bemalte Stofffetzen hängen vor den Fenstern. Karoline steht spiegelbildlich verkehrt auf der anderen Seite, es stimmt tatsächlich. Das ist der Eingang jenes zweiten Hinterhauses, das durch den Mauerbau vom Vorderhaus abgetrennt wurde. Durch das Gelände der abgerissenen Quer- und Seitengebäude zog sich die Demarkationslinie. Und hier ist die Mauer direkt vor der Nase – so dicht, dass man, um zum Eingang zu gelangen, durch eine Art schmalen Gang zwischen dem finsteren Bauwerk und der Hauswand gehen muss.

Wieder küsst er sie. Sie sagt nichts, sie fragt nichts. Lässt sich von ihm in das Treppenhaus ziehen, vorbei an den mit Vorhängeschlössern versehenen Wohnungstüren des ersten und zweiten Stocks (sie begreift, dass dort niemand wohnt, weil man unmittelbar auf die Mauer blicken müsste, so wie auf die Wand eines Kerkers), hoch in den vierten. Es stinkt im Hausflur. Wahrscheinlich machen sie hier auch in die Ecken, wie drüben bei ihr.

Er öffnet die Tür. Man ist gleich in einer Art Küche. Ohne Karoline loszulassen, führt er sie in das Zimmer dahinter. Auf dem Boden liegt eine große Matratze und der Raum ist verdunkelt von schmuddlig goldbraunen Vorhängen, die quer vor den Fenstern befestigt sind.

Auch hier ist es kalt. Auch hier hat keiner geheizt heute. Sie ziehen sich nicht aus, öffnen nur die Verschlüsse ihrer Kleider. Er schiebt ihr die Kapuze vom Kopf. Seine Hände, fest und bestimmt zupackend, durchwühlen ihr Haar, sein Mund ist an ihrem Hals, dann seine Zunge in ihrem Ohr. Er ganz in ihr. Sie stöhnt auf vor Glück. –

Der Mann neben ihr schläft.

So etwas wie ein Nebel der Zufriedenheit geht von ihnen aus. Das gefällt ihr. Und sie mag ihn, diesen Mann. Die gebrochene Nase, die tiefe Falte zwischen den Brauen, das Grauschwarz von Haar und Bart. Er muss um einiges älter sein als sie. Bestimmt hat er miterlebt, wie sie dies Ding aufgebaut haben, auf dem sie heute herumgeklettert sind, aus ihr noch immer nicht begreiflichen Gründen, und das sie nun von der anderen Seite sieht. Oder ist das vielleicht alles nur geträumt?

Langsam, träge dreht sie den Kopf, um etwas von diesem Raum aufzunehmen. Viel ist nicht drin. Auch das erinnert sie an ihr Zuhause auf der anderen Seite, diese Einrichtung, zusammengewürfelt und spartanisch. Nur dass es hier, in den viel kleineren Räumen, mehr füllt. Matratze, Decken, kalter Ofen, nicht so schön verziert wie drüben. Kein Stuck an der niedrigen Decke. Auch ein Schreibtisch. Auch ein Regal. Auch ein Bild, ein altes Ölbild.

Sie setzt sich auf. Hier im Hinterhaus jenseits der Mauer hängt das gleiche Bild wie in der alten Beletage drüben. Ein Erbstück von Großtante Lina. Und es ist keine Reproduktion. Zumindest ist es kein Druck, sondern ebenfalls ein Ölbild. Eigentlich viel zu groß für die Wand hier. Die beiden Frauen auf der Schaukel über Berlin. Ein ungewöhnliches Bild für die Entstehungszeit, hat Daniela ihr mal gesagt, wenn auch nicht besonders wertvoll. Kitsch eben. Daniela studiert schließlich Kunstgeschichte. Wie hieß doch der Maler? Makert? Markgraf?

Ihr sollte das Bild gleichgültig sein heute. An diesem seltsamen, aus der Zeit gefallenen Tag. Aber das alarmierende Gefühl im Körper bleibt, dies Kribbeln in den Fingern, die Kälte im Nacken. Sie sieht zu dem Schlafenden hinüber. Von ihm geht nur Ruhe aus.

Er regt sich im Schlaf, murmelt etwas, lächelt. Sie kommt nicht durch zu ihm, der Nebel ist zu dick.

Während sie, noch im Liegen, ihre Kleidung wieder herrichtet, hat sie das Gefühl, dass es besser wäre, jetzt einfach fortzugehen. Draußen nachzuprüfen, ob es denn wahr ist, dass sie auf der anderen Seite angekommen ist, dass sie nicht nur ein fremder Wille genarrt hat.

Früher ist ihr das hin und wieder passiert. Als Kind schwor sie Stein und Bein, woanders gewesen zu sein, mit Männern und Frauen geredet, mit Kindern gespielt zu haben, die es dann gar nicht gab. Damals nannte man sie eine Lügnerin und bestrafte sie, und irgendwann hatte sie sich auch abgewöhnt, darüber zu reden. Dabei waren diese Welten für sie doch vorhanden! Sie nannte es für sich Das Reich dazwischen. Sie hat versucht, es wegzudrängen, aber heute erinnert sie sich genau – vielleicht gerade, weil das andere, nähere Stück Erinnerung fehlt. Ein rothaariges Kind kam manchmal zu ihr, um mit ihr zu malen. Und – ja! – die beiden Frauen von der Schaukel verließen manchmal das Bild, kamen runter zu ihr.

Sie presst die Hände gegen die Schläfen.

Dies hier ist nicht im Reich dazwischen angesiedelt. So ist Wirklichkeit.

Sie erhebt sich leise und tritt ans Fenster. Lüftet den Vorhang, der sich als alter Steppdeckenbezug erweist.

Von hier oben aus sieht sie direkt über die Mauer weg, auf die Befestigungswerke dahinter und den Wachturm der anderen Seite – der hier ist übrigens geräumt! Und dann, es ist wie ein Schock, erblickt sie die roh vermauerten Fenster ihres eigenen Wohnhauses, die entstellte Fassade, abweisend und stumm. Darunter zwei Kreuze. Sie erinnert sich an die Geschichte: Bevor die Fenster verrammelt wurden, hatten zwei Leute versucht, sich mit Bettlaken und Wäscheleinen abzuseilen und waren – ja was? – zu Tode gestürzt? Abgeschossen worden? Und die, die hier wohnen, haben das also Tag für Tag gesehen! Was für einen Grund hatten die wohl hierzubleiben?

Sie wirft einen Blick zu dem Mann auf der großen Matratze. Er schläft noch immer. Sie zieht sich die Kapuze über den Kopf und wendet sich um. Wenn er sie wieder finden will, wird er schon kommen.

Sie will durch die Küche zur Wohnungstür, als sie im Treppenhaus die Schritte hört. Eilige Schritte. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Sie steht ganz still auf der Schwelle zwischen Küche und Zimmer. Die Tür wird aufgemacht – und da ist sie. Sie selbst. Kapuzenshirt, die Hände bis zu den Fingerspitzen in den Ärmeln. Die Figur. Glattes schweres Haar, hennarot. Ihr Silberschmuck in jenem Ohr. Ihr Gesicht. Nase, Mund und Stirn. Das Ebenbild.

Karoline steht vor sich selbst.

Sie ist in einer Leere. Von der an der Tür geht nichts aus. Nichts zu empfinden, keine Strahlung, gar nichts.

Aber vielleicht ist das einfach so. Man kann nur empfangen, was anders ist. Ein Spiegelbild macht die gleichen Bewegungen wie du selbst.

Sie und die da heben die Hand, um sich eine Haarsträhne zurückzustreichen. Sie und die da legen den Kopf schief, machen ein paar Schritte. Und öffnen gleichzeitig den Mund, ohne etwas zu sagen. Karolines Frage war: Wer bist du? Vielleicht auch die Frage von jener? Sie weiß es nicht.

Das ist sehr verwirrend.

Und dann steht der Mann hinter ihnen und sagt: »Das ist wirklich Wahnsinn.«

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Es herrscht eine merkwürdige Stille. Als läge über allem eine Schneedecke.

Sie sitzen zu dritt um diesen klobigen Küchentisch herum und trinken Tee aus großen Tonpötten, Tee mit Kandiszucker, das ist friesisch, und Karoline hat gesagt, dass es russisch ist, den Tee mit Konfitüre zu nehmen, woraufhin ihr Gegenüber sich erhebt und ein Einmachglas mit Preiselbeermarmelade auf den Tisch gestellt hat, in dem ein einziger Löffel steckt. Eine sinnlose Geste. Denkt sie, man rührt die Konfitüre in den Tee ein? Es müsste für jeden ein Löffel da sein – oder ist es nur, damit sie, Karoline, das Gefühl hat, sie kann sich wie zu Haus vorkommen?

Gefühle? Sie fühlt gar nichts. Sie ist gelähmt. Eine unklare Freude und eine unklare Furcht, und das alles gleichsam eingefärbt von dem Wissen, dass etwas ganz und gar Unwirkliches geschehen ist.

Damian fällt ihr ins Wort, und da ist gleichzeitig seine Hand auf ihrer, eine warme, raue Hand. »Und überhaupt.«

Kordulas Augen sind fest auf den Teetopf gerichtet, sie sieht nicht auf.

»Und überhaupt, Karoline. Meinst du nicht, dass heute erst einmal gefeiert werden sollte? Warte ein Weilchen. Es gibt Erklärungen. Wir haben doch Zeit.«

Sie muss blinzeln. Es würgt sie.

»Zeit? Mir fehlen viele Tage. Wochen vielleicht«, sagt sie, und ein Schluchzen steigt in ihrer Kehle auf. Endlich weint sie, weint hemmungslos. Es ist alles zu viel.

Dieses andere Ich, Kordula, nimmt sie in die Arme.

»Alles wird gut«, murmelt sie ihr zu. Und Karoline sieht, da ihr Ärmel hochgerutscht ist, diese blauroten Striemen auf der Haut der anderen.

Dann wird ihr schwarz vor Augen. Die Schaukel über dem Abgrund … Fremde Bilder, fremde Stimmen …

Ja, alles wird gut. –

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Wieder fühlt sie den Blick der dunklen, durchdringenden Augen Damians auf sich.

»Sag uns, woran du dich erinnerst.«

Unter diesem Blick scheint sich ein Stück der Wegstrecke, die sie in den letzten Tagen zurückgelegt hat, plötzlich zu erhellen. Ihr Kopf schmerzt.

»Einiges ist wieder da«, murmelt sie.

»Erzähle.«

»Das will ich. Das muss ich.« –

Wenn sie es erzählt, ist sie sofort wieder dort. Nichts und niemand kann ihr helfen. Sie wird eingesaugt, und alles ist so, wie es über sie hereingebrochen ist. Keine Zeit mehr zwischen jetzt und dort. Es war dunkel, und die große Schaukel schleudert sie dorthin. In jene Straße, wo man sie und alle anderen zermahlen will und wo man auf sie einschlägt. Sie weiß, dass es wieder wehtun wird. Leute, die ihre Gabe haben, leiden doppelt.