Nagel & Kimche E-Book

 

MILENA MOSER

 

Das Glück sieht immer

anders aus

 

 

Nagel & Kimche

 

© 2015 Nagel & Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann

ISBN 978-3-312-00657-1

Umschlag: Hauptmann & Kompanie, Zürich

© plainpicture/Millennium/Simon Barber

und © Shutterstock

 

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

 

 

Für Victor, der gar nicht vorkommt:

Love is the Answer.

Reiseleitung

Eigentlich hatte ich einen Roadtrip geplant. Seit Jahren redete ich davon. Zu meinem fünfzigsten Geburtstag würde ich drei Monate freinehmen und mit einem Mietwagen durch die Vereinigten Staaten von Amerika fahren, vollkommen allein, vollkommen plan- und ziellos, nur meiner inneren Stimme folgend, die sagen würde: Hier rechts abbiegen. Anhalten. Übernachten. Oder: Hier ist es öde – weiterfahren. Meiner inneren Stimme, die ich im Verlauf meiner langen, unglücklich beendeten Ehe verloren hatte.

On the road: Der klassische Übergangsritus für Generationen junger Männer vor und nach Jack Kerouac. Eine Auszeit auf der Straße nach dem Abschluss der Schulzeit, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Ich würde ihn als alternde Frau antreten, zwischen Familienleben und … ja eben: und was? Um das herauszufinden, musste ich allein reisen, denn auch die rücksichtsvollste Reisegefährtin würde mich von meinem Konzept ablenken, meine innere Stimme übertönen, die statt zu entscheiden dann verwirrt fragen würde: «Hast du Hunger? Willst du hier anhalten? Gefällt dir dieses Motel? Oder sollen wir ein anderes suchen?» Ganz auf mich allein gestellt, auf mich zurückgeworfen, würde ich mich neu kennenlernen.

 

Es war eine Idee, die sofort jedem gefiel, dem ich sie erzählte. Das passierte mir zum ersten Mal. Für gewöhnlich weiß ich nicht, was ich schreibe, bis es vor mir steht. Doch nun hatte ich endlich einen Plan, den ich in dreißig Sekunden formulieren und verkaufen konnte! Ich ertappte mich dabei, wie ich bei jeder Gelegenheit darüber redete, nur weil es sich so gut anfühlte, einen Plan zu haben, eine Idee, die jeder auf Anhieb verstand und spannend fand. Aber vielleicht war es zu viel. Irgendwann fühlte es sich schal an. Und je näher der Zeitpunkt der Abreise rückte, desto weniger freute ich mich darauf.

Denn in den Jahren zwischen der Idee und ihrer Durchführung hatte ich mich aus meiner Ehe befreit, ich lebte allein, ich hörte meine innere Stimme klar und deutlich. Und sie sagte: «Das Letzte, was ich jetzt will, ist tagelang allein im Auto sitzen!»

Schlechtes Timing, könnte man sagen. Manch einer hätte die Sache wohl einfach durchgezogen. Ich nicht. Es so anzugehen hätte bedeutet, dass ich genau das ignoriere, worum es geht. Wichtiger als die gute Idee war die Frage, die ihr zugrunde lag: Was will ich wirklich? Ich?

Die radikalste aller Fragen für eine Frau mit Kindern. Ich erinnerte mich an eine Szene vor fast zwanzig Jahren. Wir waren mit Freunden in Ägypten, mit den Kindern, der Jüngere war noch sehr klein und hatte Durchfall. Wir überlegten, ob wir ein paar Tage früher als geplant nach Kairo zurückkehren sollten, wo uns eine andere Freundin erwartete. Ich weiß noch, wie ich auf dem Bett saß, mutlos, erschöpft, in Tränen.

«Was willst du machen?», fragte Randa. «Sag es mir, und ich mache es möglich!»

«Für Cyril wäre es besser … Ursula hat sich so gefreut … Meine Mutter will nicht … Aber Lino sagte gerade …»

Sie schüttelte den Kopf. Dann schüttelte sie mich: «Was willst DU?», fragte sie. «Du, nur du!» Verwirrt schaute ich sie an. «Nur mich» gab es nicht. Konnte es nicht geben. Und das war auch richtig so. Das Leben mit kleinen Kindern, mit Familie und im Berufsleben ist kompliziert genug, auch ohne dass die eigene Stimme immer dazwischenplärrt: «Und ich, und ich, und ich?» Aber irgendwann braucht man sie wieder, diese Stimme. Stellt sich heraus, sie ist verkümmert, wie ein Muskel, der zu lange untätig war. Doch in diesen schwierigen letzten Jahren hatte ich sie wieder ein bisschen trainiert. Manchmal sah ich sie förmlich am Barren baumeln und sich mühsam vorwärtshangeln, wie in der Physio nach einem schweren Unfall, schmerzhaft, schwerfällig, aber zuversichtlich.

Also setzte ich mich hin und versuchte sie zu hören.

Was fehlte mir?

Nicht viel. Das Glück.

 

Die Umstände der Trennung hatten mich zermürbt. Mein früher unerschütterlicher Glaube an die Liebe war brüchig. Und meine Umgebung trug nicht gerade dazu bei, ihn wiederherzustellen. «So sind die Typen halt», sagen Frauen in meinem Alter gern. «Was kannst du erwarten?»

Erwarten? Alles, oder? Doch die innere Romantikerin lag schwindsüchtig und blass auf der Chaiselongue, ein Spitzentaschentuch vor den Mund gepresst. Jede Trennung im Bekanntenkreis, jeder Blind-Date-Horror, von dem ich hörte, jeder verbitterte Spruch entzog ihr mehr Kraft.

Kurz vor meiner Abreise wusste ich, dass es nur eine Rettung für die Romantikerin in mir gab: Ich musste das Glück mit eigenen Augen sehen. Kurz entschlossen legte ich meine Reiseroute so, dass mir immer wieder mal ein glückliches Paar begegnen würde. Denn die gibt es tatsächlich. Aber sie sind unauffällig, weil ihr Glück für sie alltäglich ist. Sie reden nicht darüber.

Ansonsten würde ich mich treiben lassen. Musik hören und tanzen gehen und lauter Dinge tun, die ich schon viel zu lange nicht getan hatte. Drei Wochen vor Abflug merkte ich, dass ich einen Auftrittstermin falsch eingetragen hatte. Erneut entstand die Verlockung, die ganze Sache abzublasen. Abenteuer sind anstrengend. Warum bleibe ich nicht einfach hier? Bepflanze meine Terrasse, lerne die Stadt, in der ich seit zwei Jahren lebe, besser kennen, schließe neue Freundschaften? Bade in der Aare?

Doch ich wusste, dass ich diese weißen Flecken nicht erkunden konnte, wenn ich hierblieb. Immerhin entschloss ich mich, in der Mitte die Reise zu unterbrechen und für eine Woche oder zwei in die Schweiz zurückzufliegen. Meinen fünfzigsten Geburtstag würde ich in San Francisco feiern, wo ich acht Jahre lang gelebt habe. Und zwischendurch würde ich mit dem Auto durch die Gegend fahren. In Erwartung von etwas Unbekanntem.

Ich begann mich wieder zu freuen. Mehr noch, ich legte meine ganze Hoffnung in diese Reise. Alle meine Wünsche. Ich würde den Ballast der Vergangenheit abwerfen, ich würde mich befreien! Das Glück der anderen würde auf mich abfärben. Ich würde mich unterwegs verlieben! Schon sah ich mich mit einem Blumenkranz im Haar unter einem Zitronenbaum stehen, einen Mann – jetzt noch ohne Gesicht – heiraten, warum nicht? Vielleicht würde ich gar nicht mehr zurückkehren …

Meine Phantasie brannte mit mir durch, bevor ich überhaupt am Flughafen war. Deshalb zwei Dinge gleich vorweg: Es wird sich herausstellen, dass ich gar nicht gern Auto fahre, schon gar nicht allein.

Und: Das Glück sieht immer anders aus.