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Melina D`Angeli

Alles auf Anfang ...

Küssen kann man nicht alleine (1)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel:

Küssen kann man nicht alleine:

Alles auf Anfang …(1)

von Melina D`Angeli

 

Text Copyright © 2015 Melina D`Angeli

Alle Rechte vorbehalten

 

Coverbild: Love is everywhre © Artistan – Fotolia.com

Fassung: 1.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig.

Ein großes Dankeschön geht an:

Thomas Herzberg (als Co-Autor, Ratgeber und hemmungsloser Kritiker)

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

 

 

Alle Bücher von Melina D’Angeli

 

Aus der Reihe Küssen kann man nicht alleine:

 

 

Unter Melanie Schubert:

 

 

Aktuelle Informationen, Newsletter-Service und Aktionen findet ihr (noch) auf der Homepage von Thomas Herzberg, der mich dort als Gast aufgenommen hat :)

 

ThomasHerzberg.de

Inhalt

 

Was ist, wenn man plötzlich feststellt, dass der Ofen aus ist? Ich rede von richtig aus!

Nach über fünfzehn Jahren Ehe, zugegeben, auch einigen guten – insbesondere den ersten, als wir noch froh waren, wenn die Heizung lief und im Kühlschrank etwas Essbares zu finden war. Nach beschwerlichen, arbeitsreichen Jahren, die zwar der finanziellen, aber dafür umso weniger der persönlichen Situation gutgetan haben. Also der Beziehung, die doch eigentlich die Basis von allem sein sollte.

Wie fühlt man sich, wenn plötzlich alles in Scherben vor einem liegt? Wenn all die Dinge, die man eben noch als so sicher und unerschütterlich wähnte, von einem Moment zum anderen von der Inflation des Lebens aufgefressen wurden.

Und wie soll es weitergehen?

Wie sieht der neue Weg aus, den man künftig wohl wieder ganz allein gehen muss?

Was wird aus unserer gemeinsamen Tochter … aus dem Haus?

Wer behält den Hund? Ups … wir haben ja gar keinen Hund.

Und ist überhaupt genug Geld auf dem Konto, damit einer von uns halbwegs stressfrei ausziehen kann?

Fragen über Fragen.

Und wenn mir letzte Woche jemand gesagt hätte, dass ich schon bald selbst vor genau diesem erschreckenden Bollwerk der Absurdität stehen würde, dann hätte ich den oder die zweifellos für verrückt erklärt. Hätte mich kopfschüttelnd aus dem Staub gemacht und vermutlich noch auf dem Heimweg überlegt, wie – gottverdammt! – jemand auf solch eine blödsinnige Idee kommen konnte.

Ich doch nicht! Niemals!

Aber manchmal ist das Leben schlauer als man selbst. Und wenn es einem in den Arsch tritt, dann nimmt es vorher gerne noch ein paar Schritte Anlauf.

 

Melina D`Angeli:

Küssen kann man nicht alleine: Alles auf Anfang ist mein erster Schritt auf eigenen Füßen. Zuvor ist Der Prinz auf dem Fahrrad erschienen, den ich – zusammen mit meinem lieben Freund und Kollegen Thomas Herzberg – veröffentlicht habe. Meine Bücher beschäftigen sich übrigens mit ganz normalen Frauen, die – außerhalb von Model-Maßen, Silikon-Tuning oder Botox – mit dem Leben und seinen alltäglichen Herausforderungen zu kämpfen haben. In dieser Welt haben auch die wenigsten Männer einen Waschbrett-Bauch oder fahren Porsche … ;)

 

Am Ende des Buchs folgt noch eine kleine Leseprobe von „Der Prinz auf dem Fahrrad“ …

 

1

 

»Was willst du denn noch von mir hören?« Der Kopf meines Mannes leuchtete knallrot. So sah er immer aus, wenn er sich aufregte. Aber so rot hatte ich ihn zuvor noch nie erlebt. »Es hat einfach keinen Sinn mehr, Susi.« Er holte ein weiteres Mal tief Luft. »Wenn du ein einziges Mal ehrlich zu dir selbst wärest, dann würdest das nicht anders sehen als ich.«

An diesem Abend war mein geliebter Göttergatte Bernd direkt nach der Arbeit heimgekommen. Als ich ihn fragte, weshalb er sein Tischtennis hatte sausen lassen, fing er bereits zu haspeln an. Nachdem ich mir dann eine halbe Stunde lang anhören musste, warum unsere Ehe gescheitert und jeglicher Rettungsversuch ohnehin zwecklos sei, wurde mir klar, dass er diesen Auftritt von langer Hand geplant hatte. Das war nichts Spontanes. Das war kein unerwarteter Hagelsturm, der ein paar Äste abknickt und vielleicht ein paar Dachpfannen zerstört. Hier zog ein Taifun auf, ein Wirbelsturm, ein Tornado, der auf seiner Reise mein Leben und alles, was mir lieb und teuer war, mit sich davontragen würde. Kurz: der beziehungstechnische Super-GAU! Mein eigenes kleines Ehe-Tschernobyl.

»Sag’s doch einfach, Bernd! Du hast ’ne Freundin … sag es, verdammt!«

Mein Mann stand kopfschüttelnd vor mir und musterte mich, als ob er an meinem Verstand zweifelte. Ich kannte dieses Gesicht seit Jahren. Es sagte Dinge wie: Du hast doch sowieso keine Ahnung oder Was weißt du denn schon, du bist doch nur eine Frau.

Ja … man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich in all den Jahren unserer Ehe tatsächlich untergeordnet habe. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich hätte es nicht gern getan. Es nicht genossen hätte, dass Bernd den wesentlichen Teil aller Entscheidungen traf und damit auch zu verantworten hatte. Und ferner muss ich gestehen, dass seine Entscheidungen in der Regel auch richtig waren. Vermutlich, weil sie eher auf pragmatischen Überlegungen basierten als auf Emotionen.

»Ich habe keine Freundin«, flüsterte er in diesem Moment und ließ dabei den Kopf noch ein bisschen mehr hängen. »Ich möchte einfach nur wieder frei sein …«

»Was heißt denn hier frei sein?« Mein Tonfall klang viel giftiger, als ich es beabsichtigt hatte. »Willst du etwa sagen, dass unsere Ehe ein Gefängnis für dich ist? Dass du dich unwohl fühlst … ich dich einenge und dir keinen Freiraum lassen würde?«

»Vielleicht war frei auch das falsche Wort«, sinnierte Bernd vor sich hin. »Ich möchte wieder geliebt werden und mich glücklich fühlen, wenn ich morgens aufwache.«

Zum ersten Mal, seitdem mein Mann mit dieser Generalabrechnung begonnen hatte, spürte ich Tränen aufsteigen. Für meine Verhältnisse eine stolze Leistung – so lange hielt ich sonst nicht durch. Ich schaute ihn an und verstand plötzlich, dass jedwede Diskussion – zumindest in diesem Moment – zwecklos war. Er wirkte derart entschlossen und kompromisslos, dass weitere Worte vermutlich nur Öl ins Feuer gegossen hätten, anstatt es zu ersticken.

Nach kurzem Zögern nahm ich meine Jacke, die noch immer über einem der Hocker vor dem Küchentresen hing, und griff wortlos nach meinem Schlüssel. Kurz darauf zog ich schon die Haustür hinter mir ins Schloss. In solchen Momenten – der eine oder andere kennt das vielleicht aus eigener Erfahrung – spüre ich einen automatisch einsetzenden Fluchtreflex, der von Sekunde zu Sekunde mehr auf Erfüllung drängt.

Bernd und ich hatten uns zuvor schon oft gestritten und genauso oft wieder versöhnt. Wenn ich mitten in der Nacht von meiner Freundin oder vom Italiener um die Ecke zurückkehrte, dann hatten wir nicht selten wirklich guten Sex. Aber wenn ich ehrlich war, dann zweifelte ich daran, dass es auch dieses Mal mit einer ausführlichen horizontalen Wiedergutmachung enden würde.

 

»Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, Schätzchen. Aber du hast heut Morgen noch hier gesessen und dich stundenlang über deinen Bernd ausgekotzt.«

Stinksauer und noch immer nachhaltig verwirrt war ich auf dem Sofa meiner Freundin Conny angekommen, um ihr mein Leid zu klagen. Aber sie war noch nie eine von dieser Sorte gewesen, die irgendetwas schönredete. Die Tatsachen mit rosarotem Tüll kaschierte, um sich damit womöglich unerfreulicher Fakten zu widersetzen. Von ihr hatte man bestenfalls eine weitere Moralpredigt zu befürchten, ganz egal wie tief man im Abflussrohr des Lebens steckte. Aber gerade deshalb ist sie meine beste Freundin und wird es garantiert auch für alle Zeit bleiben.

»Heute Mittag hast du noch zu mir gesagt, dass du ihn am liebsten auf den Mond schießen und das Rückflugticket schreddern würdest«, setzte sie ihren verbalen Kreuzzug fort. »Jetzt hast du das, was du wolltest!«

»Aber so habe ich es mir nicht vorgestellt«, fauchte ich zickig zurück und spülte meinen Ärger mit einem riesigen Schluck Prosecco herunter. »Es ist was ganz anderes, wenn man einfach so, mir nichts, dir nichts, abserviert wird.«

»Mein Gott!« Conny füllte uns flink nach und zog eine Zigarette aus ihrer Schachtel.

»Ich nehme auch eine«, presste ich in verbittertem Ton heraus. »Heute ist der richtige Tag dafür.«

»Du hast die letzte auf unserem Abi-Ball geraucht, Süße. Bis du dir wirklich sicher?«

»Wenn du mir keine gibst, dann wackel ich zur Tankstelle rüber und hol’ mir selbst welche, am besten gleich ’ne dicke Zigarre.«

»Die Sache scheint dir heftiger zuzusetzen, als ich dachte«, stellte Conny mit nachdenklicher Miene fest. Mittlerweile hielt sie mir ihre Packung entgegen. »Ich kann dir allerdings versichern, dass dein Bernd ohnehin keinen Schuss Pulver wert ist«, schickte sie in geheimnisvollem Ton hinterher.

»Wie kommst du darauf?«, erkundigte ich mich empört. Gerade so, als ob es meinen Mann mit Krallen und Zähnen zu verteidigen galt. »Das hast du mir nie gesagt.«

»Wollte ich auch nicht«, gab Conny mit gequältem Grinsen zurück. »Bis jetzt nicht!«

»Was ist passiert?« Mein Gesicht glich in diesem Moment vermutlich dem einer Furie.

»Na, was wohl, Süße? Du bist doch sonst nicht so begriffsstutzig.«

»Wollte er dir an die Wäsche?«

Conny nickte vorsichtig.

»Wann?«

»Als wir zu viert im Urlaub waren. Gleich am dritten Abend, als du mit Montezumas Rache in eurem Zimmer gelegen hast und es dir vorne und hinten gleichzeitig ...«

»Jaja, das reicht an Details, danke!« Erst als mir schwindelig wurde, hörte ich auf, mit dem Kopf zu schütteln. »Und warum, bitte, hast du mir nie etwas davon erzählt?«

»Weil ich deine Freundin bin.« Conny hielt meinem strafenden Blick tapfer stand. »Und weil ich diese Aufgabe ernst nehme, Schätzchen.«

 

2


Irgendwann kommt wohl der Punkt, an dem man aufgibt. Vorher erlebt man allerdings, an jedem einzelnen Tag, sämtliche emotionalen Wechselbäder, die eine dahinsiechende Ehe bereithält. Nach zwei Tagen ohne jegliche Konversation landeten Bernd und ich dann doch wieder in der Kiste. Und was soll ich sagen? … Es war bombastisch, fast animalisch. Für mich war es ein Erlebnis, als ob ich es mit einem Wildfremden getrieben hätte. Einem Typen, den man am Abend zufällig in einer Disco kennenlernt, abschleppt und nach Strich und Faden vernascht. Hemmungslos und frei von irgendwelchen Verpflichtungen.

Und selbst mein sonst eher zurückhaltender Bernd ließ sich gehen wie selten zuvor.

Danach hatten wir uns – fast so wie in alten Zeiten – eine Flasche Wein und etwas zum Knabbern ins Bett geholt. Und als ob wir diesen wertvollen, zerbrechlichen Moment nicht aufs Spiel setzen wollten, hielten wir uns beide verzweifelt wach, bis schon die ersten Sonnenstrahlen durch die Schlafzimmerfenster lugten und wir irgendwann völlig entkräftet einschliefen.

Sogar am nächsten Tag vollbrachten wir es, diese rosarote Blase nicht platzen zu lassen. Am Abend ließ Bernd seine Skatbrüder Skatbrüder sein und lud mich stattdessen zu Costa ein, dem Griechen um die Ecke. Danach fuhren wir mit dem Bus in die Stadt und schlenderten in Richtung Stadtpark, um dort einen Absacker zu genießen.

Aber schon am nächsten Morgen hatte uns der altbekannte, erbarmungslose Strudel der Gewohnheit wieder fest im Griff. Ich hatte für Bernd Speck und Eier zum Frühstück gebraten und wartete gut gelaunt darauf, dass er endlich in der Küche auftauchen würde. Ich rührte den Orangensaft um, weil sich das dicke Fruchtfleisch schon lange unten gesammelt hatte und der Rest wie Abwaschwasser aussah. Der Speck und die Eier waren mittlerweile eiskalt. Das Einzige was sich eisern behauptete, war dieser typische schwere Fettgeruch vom Braten, der sich nicht mal durch das offene Fenster davonmachen wollte.

»Hast du meine rote Krawatte gesehen?«, brüllte Bernd irgendwann aus dem Schlafzimmer. »Ich hab’ sie doch letzte Woche an die Schranktür gehängt.«

»Wenn ich da alles hängen lassen würde, dann bräuchtest du bald kein Schrank mehr«, rief ich ebenso unsensibel zurück. »Nimm doch die grüne mit den Streifen.«

Kurz darauf gab ein Wort das andere – wie immer. Eier und Speck landeten im Mülleimer, der Orangensaft im Abfluss. Immer noch fluchend, knallte Bernd dann die Tür hinter sich ins Schloss und kehrte erst am späten Abend zurück, als ich schon lange im Bett lag, mit dickem Schädel. Das lag aber nicht an den eineinhalb Flaschen Prosecco, die ich mir in meinem Frust nach und nach gegönnt hatte.


Die kommenden drei Wochen als Rosenkrieg zu bezeichnen, wäre vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber rückblickend kann ich sagen, dass keiner von uns bereit war, dem anderen auch nur einen Zentimeter zu schenken. Und wenn es überhaupt etwas Positives gab, dann war das die Tatsache, dass sich Franzi, unsere Tochter, schon vor zwei Monaten nach Südfrankreich verkrümelt hatte – Schüleraustausch.

So kam es also, dass Bernd an einem Freitagabend – der Frühsommer hatte mit 22 Grad Außentemperatur Hamburg fest im Griff – einen ganzen Haufen Kartons in unserem Flur aufstapelte.

»Darf ich vielleicht erfahren, was du vorhast?«, erkundigte ich mich in gereiztem Ton, als er zum dritten Mal keuchend hereingestiefelt kam.

»Wonach sieht es denn aus, Susi?«

»Hör auf, mich Susi zu nennen, wenn du mich nicht wie eine Susi behandelst.«

»Na, gut!« Bernd stöhnte genervt. Nach außen machte er ohnehin den Eindruck, als ob er mich am liebsten links liegen gelassen hätte. »Wonach sieht es also aus, liebe Susanne? Oder soll ich dich Frau Ziegler nennen?«

»Du kannst mich am Arsch lecken!«

Auf dieses freundliche Angebot wollte Bernd anscheinend nicht eingehen. Stattdessen schnappte er sich schon den ersten Umzugskarton und begann, umständlich daran herumzufalten.

»Die beiden Enden gehören nach innen, das ist später der Boden«, informierte ich ihn besserwisserisch. »Hörst du nicht? Die gehören nach innen …«

Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, sah ich Mordlust in Bernds Augen aufblitzen – zumindest erschien es mir in diesem Moment wie pure Mordlust. Er donnerte den halbfertigen Karton in die Ecke und machte danach zwei lange Schritte auf mich zu. Er hob sogar die Arme ein Stück, als ob er mich packen wollte. Am Ende dieser seltsamen Aktion ließ er sie aber ebenso schnell wieder sinken und stapfte wortlos und mit hängenden Schultern an mir vorbei. »Morgen früh bin ich weg«, flüsterte er im Vorübergehen. Kurz darauf hörte ich in der Küche den Wasserkocher rauschen. Vermutlich zum letzten Mal.

Um weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, griff ich nach meiner Handtasche und verließ eilig das Haus. Auf dem Weg hielt ich noch am Kiosk an und kaufte zwei Flaschen Prosecco und Zigaretten. Ja, ich rauche – also neuerdings regelmäßig. Aber nicht mehr als eine Packung am Tag, das möchte ich betonen.


Die Nacht verbrachte ich auf Connys Sofa. Um nach Hause zu laufen, wäre ich ohnehin viel zu betrunken gewesen. Nach dem Katerfrühstück am folgenden Morgen brach ich auf, um zu sehen, was Bernd von unserem gemeinsamen Hausstand übrig gelassen hatte.

Als ich die Haustür aufschloss, stellte ich sofort erleichtert fest, dass er die kleine, antike Kommode im Flur nicht angerührt hatte. Trotzdem spürte ich, dass meine Beine weich wurden. Also rutschte ich an der Wand entlang und landete auf meinem Hinterteil. Und auch, wenn ich es gerne verhindert hätte, konnte ich mich der Tränen nicht lange erwehren. Wie ein schwerer Mantel umhüllten mich in diesem Moment Traurigkeit und Selbstmitleid, die dabei in meinem Inneren um den ersten Platz kämpften. Nie zuvor – zumindest konnte ich mich an keinen vergleichbaren Augenblick erinnern – hatte ich mich so allein und so verzweifelt gefühlt. Ich hatte nicht mal die Kraft, mich hochzustemmen, um den Rest des gerupften Huhns, also unseren ehemals gemeinsamen Hausstand, näher zu inspizieren. Stattdessen kippte ich zur Seite und donnerte mit dem Kopf gegen die kleine Kommode.

Verdammt! Hätte er das Scheißding nicht mitnehmen können?

Erst als die Kälte der Fliesen auch den letzten Winkel meines Körpers erreicht hatte, rappelte ich mich mühevoll hoch. Anstatt meinen Rundgang fortzusetzen, stiefelte ich eilig in den Keller hinunter und kehrte gleich mit einem ganzen Karton Prosecco zurück. Danach schnappte ich mir die Reste meiner Zigarettenvorräte und verließ das Haus fast so, als ob ich mich auf der Flucht vor irgendetwas befand. In diesem Moment hätte ich keinen müden Cent darauf gewettet, dass ich jemals zurückkehren würde. Zumindest nicht, solange genügend Prosecco bei mir war.


3


»Hi, Mama!«

»Hallo Süße … schön, dass du dich meldest.«

Als an diesem Morgen das Telefon klingelte, fühlte ich mich in etwa so, als ob mein Leben am seidenen Faden hinge. Bernds Auszug lag mittlerweile fast zwei Monate zurück. Die Adjektive ›leer‹, ›sinnlos‹ und ›aussichtslos‹ hätten in diesem Moment den Rest meines kümmerlichen Daseins am zutreffendsten beschrieben. Wie üblich hatte ich Kopfschmerzen, mir war übel und es schien keinen einzigen Knochen in meinem Körper zu geben, der nicht wehtat. Als ich dann sah, dass ausgerechnet meine Tochter mich zu erreichen versuchte, sprangen zumindest die Alarmglocken in meinem Kopf an. Zuerst wollte ich nicht mal rangehen, besann mich dann jedoch eines Besseren, um schlimmeren Konsequenzen aus dem Wege zu gehen.

»Bist du noch dran, Mama?«, erkundigte sich Franzi mit besorgter Stimme.

»Klar, Schatz! Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Wie geht es Papa … ist er da?«

Volltreffer! Meine vorangegangene Frage ignorierte meine Tochter schlichtweg. Dabei wäre es doch so schön gewesen, sie wie sonst einfach fünf Minuten reden zu lassen. Danach ein ausgewähltes Paket von Moralpredigten herunterzurattern und sie am Ende mit einem Kuss zu verabschieden. Fertig! Wie immer!

»Der ist nicht da, Süße. Aber ich grüß ihn von dir.«

»Wo ist er denn?«

Verdammt! Die kleine Schlange wollte nicht locker lassen. Mein Unterbewusstsein übte sich bereits in Märchengeschichten, als mir dann der Zufall zu Hilfe kam.

»Ich muss Schluss machen, Mama!«, brüllte meine Tochter ins Telefon. »Claude und ich sind in der Stadt verabredet.«

»Dann pass auf dich auf, mein Engel!«, rief ich in den Hörer und nahm zufrieden die Erleichterung zur Kenntnis, die in diesem Moment meinen gesamten Körper durchflutete. »Ich grüß’ Papa von dir und …«

Franzi hatte mir noch einen Schmatzer durchs Telefon geschickt und aufgelegt.

Wer war eigentlich dieser Claude, von dem sie jedes Mal sprach? Dieser Sache galt es auf den Grund zu gehen, aber das hatte Zeit.


Kraftlos ließ ich mich kurz darauf erneut auf mein Sofa fallen. Franzis Anruf wirkte auf meine Gefühle, als ob sie damit – natürlich ohne es zu wissen – eine Lawine von Emotionen losgetreten hätte.

Selbst zwei Monate nach Bernds Auszug wachte ich an manchem Morgen auf und glaubte noch immer, ihn im Badezimmer rumoren zu hören. Das Unterbewusstsein spielt einem manchmal seltsame Streiche und spiegelt damit vermutlich wider, was man sich insgeheim wünscht. Ja, ich muss zugeben, dass seither kaum ein Tag vergangen war, an dem ich ihn nicht vermisst hätte. Wobei mir von Woche zu Woche klarer wurde, dass ich eigentlich nicht ihm, sondern vielmehr dem sorglosen und entspannten Leben rund um seine Existenz hinterhertrauerte. Immer mehr beschlich mich die Gewissheit, dass es Zeit wurde aufzuräumen. Und so banal wie es klingen mag, zuallererst bedurfte meine Behausung einer gründlichen Reinigung.

»Wohnung kommt von Wohnen und nicht von Aufräumen … sonst würde es ja Aufräumung heißen«, hatte ich Bernd einige Male während unserer Ehe um die Ohren gehauen. Die Ordentlichste – auch das muss ich an dieser Stelle wohl zugeben – bin ich wohl nie gewesen.


Selbst Conny hatte ich seit drei Wochen nicht mehr in mein chaotisches Haus gelassen, weil ich mich für die Unordnung mittlerweile wirklich schämen musste. Wäscheberge türmten sich in jeder Ecke. Es gab kein sauberes Glas, keinen sauberen Teller, nicht mal einen Teelöffel, der frei von Rückständen gewesen wäre. Dazu stank es in jedem Raum fürchterlich, denn auf die Idee zu lüften kam ich bestenfalls dann, wenn mir die Augen vom Qualm durchgehend brannten.

Aber wo fängt man an, wenn einem das überfällige Aufräumen wie ein jahrelanger Feldzug erscheint, gegen den einem Betrachter Hannibals Alpen-Überquerung wie eine lächerliche Runde Frühsport vorkommt?

Von unten nach oben?

Oder besser umgekehrt?

Am Ende überlegte ich, an welchem Teil dieser Arbeiten ich wohl am meisten Freude finden würde und beschloss, mich selbst schon mit der ersten Etappe ein wenig für meinen bewundernswerten Eifer zu belohnen: dem Dachboden. Bei dieser Gelegenheit könnte ich auch Bernds halbes Leben entsorgen, das aus bergeweise Sporturkunden, Zeitungsartikeln und sonstigem Gerümpel bestand. Schließlich war er ausgezogen und hatte mir diesen ganzen Mist einfach hinterlassen.


Also hockte ich kurze Zeit später auf meinem staubigen Dachboden und spürte, wie jeder Stapel Kartons, jede Tüte mit Tapetenrollen und jedes ausrangierte Möbelstück wie gefräßige Ratten an meinem Arbeitseifer nagten. Am liebsten wäre ich gleich wieder die schmale Treppe hinuntergestiegen und hätte mich aufs Sofa geworfen. Ein bis zwei Flaschen Prosecco und dazu eine Packung Zigaretten hätten es schon geschafft, meine trübsinnige Stimmung zu vertreiben.

Ich war fast schon wieder auf dem Rückweg, als mir ein paar Kartons auffielen, die seit mindestens fünfzehn Jahren niemand mehr angerührt hatte. Alleine die Schönschrift, mit der die Kisten versehen waren, deutete darauf hin, dass eine Reise bis weit in die Vergangenheit vor mir lag.

Als ich den ersten Deckel öffnete, schlug mir sogar ein Geruch entgegen, der mich an meine Schulzeit erinnerte. Bergeweise Schulhefte und Bücher schauten mich an. Federtaschen, auf denen kein einziger freier Millimeter zu finden war, auf den ich nicht irgendetwas gekritzelt hatte. Ich erwischte mich sogar bei einem Lächeln, als ich den ersten Stapel Hefte herausholte und ihn kritisch musterte.

Bis zu diesem Moment hätte ich nicht mal sagen können, wann es damals angefangen hat. Also, wann genau die pickelübersäten Prahlhänse mit ihren seltsam schrillen Stimmen urplötzlich ganz anders auf mich wirkten als noch kurz zuvor. Die Lösung dieses Rätsels fand ich dann, als ich ein paar der Hefte nebeneinanderlegte.

Bis zum Ende der Quarta – so nannte man seinerzeit noch die siebte Klasse auf dem antiquierten Gymnasium, das ich besuchte – konnte man meine schulischen Unterlagen noch guten Gewissens als Musterbeispiel für Ordnung, Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit bezeichnen. Aber schon mit Beginn der Untertertia, also der achten Klasse, änderte sich das schlagartig ins Gegenteil. Hatte ich vorher noch meine Schulhefte liebevoll und exakt beschriftet, sie mit Blümchen oder Käfern beklebt, sogar in Schutzhüllen eingeschlagen, so hätte man von diesem Moment an mit Fug und Recht behaupten können, dass ich mich, zumindest was solche Dinge anging, in eine wirkliche Schlampe verwandelt hatte. Sämtliche Seiten waren bekritzelt, hatten Eselsohren oder waren teilweise nicht mal mehr vorhanden. Ich fand kleine Briefchen, abstrakte Zeichnungen von Mitschülern und sogar Essensreste zwischen Matheaufgaben, Interpretationen oder Gedichten. Als es ein danach mit der neunten Klasse weiterging, hätte ich mir am liebsten Gummihandschuhe angezogen.

Da saß ich also inmitten von Weihnachtsdeko, Osterhasen, ausrangierten Koffern und Altkleidern und blätterte in meinen alten Heften herum. Gerade anhand der Kritzeleien, ganz vorne und ganz hinten, war deutlich zu erkennen, in welche Richtung sich mein Fokus auf sonderbare Weise verschoben hatte. Immer mehr Erinnerungen überfielen mich und es kam mir fast vor, als ob ich eine Zeitmaschine bestiegen hätte, um damit weit über zwanzig Jahre in die Vergangenheit zu reisen. Und immer wieder war es dann ein einzelner Name, mit dem ich noch heute meine eigene Metamorphose zwischen Kind und junger Frau in Verbindung bringe: Sven!


Dieser Nachmittag auf meinem Dachboden hatte noch ganz andere Auswirkungen: Nachdem ich die alten Schulhefte in Schachteln zurückverbannt hatte, fielen mir Franzis Alben mit Kinderbildern in die Hände.

Noch fast zwei Monate, bis dieser verdammte Schüleraustausch endlich zu Ende war!

Schon als ich die erste Seite aufschlug und die Bilder ihrer Geburt betrachtete, liefen mir die Tränen in Bächen hinab. Warum das der Fall war, kann ich nicht erklären. Nur, dass solche Erinnerungen regelmäßig orkanartige Stürme von Emotionen in mir losrütteln, die ich nur schwer oder gar nicht kontrollieren kann.

Ich fand Bilder von Franzis erstem Kinderzimmer, wie sie in ihrem winzigen Bettchen lag oder wie ich mit dem Kinderwagen an der Alster spazieren ging. Und heute ist sie schon siebzehn, viel zu frühreif und ihrer starrsinnigen Mutter leider viel zu ähnlich.

Auf jedem Foto, wenn sie es nicht selbst geschossen hatte, war meine Mutter zu erkennen. Womit wir bei einem Thema angekommen wären, über das ich vielleicht später noch etwas erzählen werde. Oder besser doch nicht? Definitiv nicht!

Schmunzelnd betrachtete ich die Fotos, auf denen ich selbst zu sehen war. Damals nur eben noch ein gutes Stück jünger. Meine blonde Mähne, die mir jahrelang bis zum Hintern hinunterreichte, war noch nie zu bändigen gewesen. Deshalb lief ich in der Regel mit einem pflegeleichten Pferdeschwanz herum und gab mir nur dann wirklich Mühe, wenn irgendwo eine Feierlichkeit in Aussicht stand. Erfreulicherweise hatte mein Körper die Schwangerschaft schnell verdaut und den mütterlichen Babyspeck eilig wieder abgeworfen. Das gebärfreudige Becken war mir natürlich trotzdem erhalten geblieben. Bei einsfünfundsiebzig Körpergröße – okay … einszweiundsiebzig – und gut verteilten fünfsechzig Kilo, kann man ganz zufrieden mit sich sein.

Denn heute verteilen sich etwa fünfzehn Kilo mehr und suchen sich dafür immer die ungeeignetsten Stellen aus. Meine Fastfood-Chips-Schokoladen-Diät will auch nicht richtig anschlagen.


Ich stieg gerade die schmalen Stufen vom Boden hinunter, als es mich wie ein Schock durchfuhr.

Verdammt!

Das passt ja!

Na, dann: herzlichen Glückwunsch, Frau Ziegler!