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Inhaltsverzeichnis

GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS
1 - WIE EIN GAUL IN DEN SIELEN
2 - »ALTERSSITZ THERESIENSTADT«
DAS LAGER
3 - VON DEN WURZELN
FAMILIENBANDE
BEHÜTETE KINDHEIT
SCHULZEIT
RABBINISCHE STUDIEN
ORTHODOXE UND LIBERALE
IN DER HAUPTSTADT
4 - IN LOHN UND BROT
DAS MÄDCHEN
NACHFOLGER EINER BERÜHMTHEIT
IN AMT UND WÜRDEN
VERZEIHLICHER IRRTUM
DER BUND FÜRS LEBEN
EIN JUNGER MANN MIT EIGENER MEINUNG
WAR BAECK ZIONIST?
CHRISTENTUM, JUDENTUM
OPPELN VERLASSEN?
5 - DIE NEUE WIRKUNGSSTÄTTE
ANFANGSPROBLEME
THEATERGESCHICHTEN
UNHEILVOLLE VORZEICHEN
EIN KLEINER EXKURS IN DIE ZEITGESCHICHTE
6 - IN DER HAUPTSTADT
EIN RABBINER ZIEHT IN DEN KRIEG
PESSACH IM FEINDESLAND
IM OSTEN
7 - VERÄNDERTE WELT
AUSGLEICH UND VERMITTLUNG
ARBEIT AN DER HOCHSCHULE
STUDENTINNEN
DER KAMPF UM DIE WÜRDE
ES BRENNT!
SCHLAG AUF SCHLAG
IM RÜCKBLICK
8 - ZUSAMMENRAUFEN
DIE REICHSVERTRETUNG WIRD AKTIV
MIT BLICK AUF DIE ZUKUNFT
APPELLE UND AUFRUFE
VERHAFTUNGEN
EIN BITTERER ABSCHIED
AUSWANDERN
9 - DIE NAZIS SCHLAGEN ZU
WIR BLEIBEN!
FORT AUS DEUTSCHLAND!
DAS UNVORSTELLBARE
DER STERN
»EVAKUIERUNG«
DIE FRAUEN
10 - GRAUZONE
WIDERSTAND
DAS AUS FÜR DIE HOCHSCHULE
DER VETERAN
TABULA RASA
11 - DAS INFERNO DE LUXE
DER RABBI IM LAGER
HILFLOS
ÜBERLEBENSSTRATEGIEN
AUSCHWITZ UND DAS SCHWEIGEN
12 - BESUCH KOMMT!
ALIBI-KINO
EPPSTEINS ENDE UND DER BEGINN DER AUFLÖSUNG
13 - SCHRECKEN OHNE ENDE
AUGE IN AUGE MIT DEM TOD
DIE LETZTEN TAGE
DIE LEBENDEN UND DIE TOTEN
DIE SEUCHE
DISPLACED PERSONS
14 - SCHATTEN
HISTORISCHES VERSAGEN
DAS VERHÄNGNISVOLLE ERBE
EINE SACHE DES RECHTS
AMERIKA
VERSTÄNDIGUNGSPROBLEME
DAS GELOBTE LAND
ZWEIFEL UND ZURECHTWEISUNG
DER TRAUM VOM GOTTESSTAAT
HARMONIE
UNTERSTÜTZUNG FÜR ISRAEL
DER MANN AUS DER ALTEN WELT
15 - WEISHEIT DER JAHRHUNDERTE
Copyright

1

WIE EIN GAUL IN DEN SIELEN

Nass und kalt ist der Februar des Jahres 1943.

Häftling 187.894 schleppt den Karren mit Abfällen durch den Morast der Gassen.

Die Räder mahlen im Schlamm, im tiefen, zähen Schmutz.

Häftling 187.894 kommt nur langsam vorwärts. Mühsam setzt er Fuß für Fuß, atmet keuchend. So einen Karren zu ziehen, das ist eine viel zu schwere Arbeit für einen alten Mann.

Das Gesicht des Häftlings ist eingefallen, der weiße Bart struppig und verwirrt. Sein Mantel ist grau und verdreckt, so grau, so verdreckt wie alles rund umher. Seine Augen blicken trüb und unstet, wie die eines Menschen, der schlecht sehen kann. Das einzig Leuchtende ist der gelbe Stern, aufgenäht auf der linken Seite, der Herzseite. Der Stern mit dem Wort »Jude«.

Während der alte Mann sich vornübergebeugt zwischen den beiden Holmen des hölzernen Karrens dahinschleppt, murmelt er ununterbrochen etwas in einer fremden Sprache. Es ist Hebräisch.

Der alte Mann betet.

Dies hier ist das Ghetto Theresienstadt, das manche hochtrabend »eine Stadt für die Juden« nennen, obwohl es auch nichts anderes ist als ein KZ. Ein »besonderes« KZ vielleicht. Mag sein.

Diejenigen, die hier leben müssen, haben keinen Vergleich. Und von denen, die fortgeschafft wurden in andere Lager, ist noch nie ein Lebenszeichen gekommen. Kein einziges Lebenszeichen.

Der alte Mann ist jetzt fast einen Monat hier. Hundert Tage, so heißt es, müssen die Neuankömmlinge »Arbeitseinsatz« leisten, gleichgültig, wie alt oder wie jung, wie gesund oder wie gebrechlich sie sind. Hundert Tage, von denen jetzt erst ein Drittel vorüber ist.

Häftling 187.894 weiß, dass von denen, die mit ihm gemeinsam kamen, schon viele gestorben sind. Wie viele, das sagt niemand. Täglich rumpeln die Leichenkarren durch die Gassen. Sie unterscheiden sich nicht von diesem Karren mit anderen ... Abfällen, den er hinter sich her zerrt.

Ja, sie starben wie die Fliegen. Durchweg alte Leute, das soll ja hier das »Altersghetto« sein – unter anderem. Sie steckten sich mit einer Krankheit an. Sie bekamen eine Lungenentzündung in den ungeheizten Baracken, in denen man sie einquartiert hatte. Ihr Herz machte schlapp. Sie starben vor Hunger. Und manche starben einfach vor Entsetzen. Vor Entsetzen und vor Verzweiflung.

Zu diesen Toten gehört auch die Schwester des alten Mannes. Diejenige, die er noch lebendig hier gesehen hat: Rese. Drei andere waren schon im Lager gestorben, bevor man ihn hierher gebracht hatte: Lise, Anna und Frida.

Häftling 187.894, der den Karren zieht, ist dank Gottes Gnade noch immer gesund. Nicht einmal eine Erkältung hat er sich bis jetzt geholt. Aber seine Schwäche kann er nicht leugnen. Auch ist er es nicht gewohnt, schwere körperliche Arbeit zu leisten. Er ist ein Mann des Geistes, einer, der seine Tage am Schreibtisch, in den Bibliotheken oder auf dem Katheder vor einer Schar von Schülern und Studenten verbringt.

Diese seine Schwäche, er fühlt sie bis ins Mark.

Und doch ist er inmitten des Grauens, das ihn hier umgibt, auf eine merkwürdige Weise froh.

Über dem Kasernentor – denn eine alte Garnison ist das hier, eine Kasernenstadt, in der Österreichs Kaiser ihre Soldaten stationierten –, über diesem Tor also befindet sich ein großes Schild, darauf ist zu lesen: Arbeit macht frei.

Das ist grausam und zynisch. Und doch trifft es auf ihn zu. Wenn auch nicht so, wie es die im Sinn hatten, die diese Buchstaben anbringen ließen.

Denn diese Sklavenarbeit hier befreit ihn von der Last der grauenhaften Verantwortung, die seit zehn Jahren auf seinen Schultern lag.

Seit 1933, seit der Machtergreifung durch die Nazis, war Häftling 187.894 der Vorsitzende der »Reichsvertretung der Juden in Deutschland«, 1938 von den Nazis in »Reichsvereinigung« umbenannt und unter staatliche Kontrolle gebracht. Er war der Mann, der zwischen den Fronten stand. Derjenige, der vermitteln musste zwischen den Machthabern und den Juden.

Ein Amt, das hundertfach schwerer lastete als der Zuggurt, der jetzt auf seinen knochigen Schultern ruht. Und wenn ihm sein Herz bis in den Hals schlägt, so ist es wegen der körperlichen Anstrengung und nicht aus Gewissensangst, und wenn seine Beine zittern, so einfach wegen seiner Hinfälligkeit und nicht, weil er sich fürchtet.

Denn hier, vor diesem Karren, ist er nur für sich selbst verantwortlich, nicht für die hunderttausenden von Verfolgten und Gedemütigten und Verschleppten seines Volkes.

So setzt er Schritt vor Schritt vor Schritt.

Die Holme des Karrens sind feucht und kalt, so feucht und kalt wie alles hier. Seine erstarrten Finger können sie nur mühsam festhalten. Immer wieder rutscht er ab. Trotzdem. Es muss weitergehen.

Aber er kann nichts sehen. Da ist irgendetwas im Weg. Er stolpert. Er fällt.

Und plötzlich sind Stimmen um ihn. Wo kommen die her? Er hatte doch eben noch das Gefühl, ganz allein zu sein mit sich und den Worten des Gebets auf seinen Lippen!

Und Hände sind da. Man hilft ihm auf. Irgendjemand versucht, ihm den Schmutz von Mantel und Hose zu entfernen.

»Mein Gott, er ist es!«, hört er. Und: »Herr Doktor, wie geht es ihnen? Können Sie stehen bleiben?«

Denn er schwankt. Es ist die Schwäche. Und um ihn herum ist alles farblos und verschwommen.

»Meine Brille«, sagt er mühsam. »In der Innentasche vom Mantel. Auf der Seite, wo der Stern ist.«

Jemand schiebt ihm die Gläser vor die Augen, befestigt die Bügel.

Die Schwäche bleibt, aber zumindest der Nebel lichtet sich. Um ihn besorgte Gesichter, genauso grau und eingefallen, wie seines wohl ist. Niemand, den er kennt.

»Ich danke Ihnen sehr«, sagt er, mit jener Höflichkeit, für die er bekannt ist, »ich hoffe, Sie bekommen meinetwegen keine Unannehmlichkeiten.«

Seine Brille beschlägt, er nimmt sie mit steifen Fingern ab, versucht, die Gläser am Revers seines Mantel zu putzen. Man nimmt sie ihm aus der Hand. »Darf ich, Herr Doktor?«

Sie kennen ihn. Ja, natürlich kennen sie ihn. Zehn Jahre lang hat er im Rampenlicht gestanden, im gnadenlosen Scheinwerferlicht der Despoten, die ihm Entscheidungen über Leben und Tod seiner Mitbürger aufbürdeten.

Und er wundert sich, dass die um ihn herum ihn nicht hassen.

»Wissen Sie«, sagt er, um etwas zu sagen, »ich benutze die Brille nur noch gelegentlich. Es ist besser, das hier alles nicht unbedingt gestochen scharf zu sehen.«

Sie lachen. Wirklich, sie können lachen.

Er nimmt die Gläser entgegen, setzt sie sich nun selbst auf. Da ist Wärme, spürt er. Ja, inmitten dieser Menschen ist ihm nicht ganz so kalt wie vordem.

Sie murmeln, raunen miteinander, sehen ihn an, scheu, mitleidsvoll.

Und nun entdeckt er unter den Gesichtern doch eins, das ihm bekannt vorkommt.

»Sind Sie nicht – warten Sie – ja, natürlich, Sie waren in einer meiner Vorlesungen damals. Sie sind ...«

Er erinnert sich an den Namen, lächelt.

»Rabbi!« Jemand küsst ihm die Hand.

»Das ist nun ganz und gar nicht nötig!«, sagt er. Mild und streng zugleich.

Sie helfen ihm, seinen Karren weiterzuschieben.

2

»ALTERSSITZ THERESIENSTADT«

Einen Monat zuvor geht ein Mann durch die totenstillen Straßen des nächtlichen winterstarren Berlin.

Es ist Rabbiner Dr. Leo Baeck, Vorsitzender jener Institution, die sich seit 1933 »Reichsvertretung«, jetzt auf höheren Befehl hin »Reichsvereinigung« der Juden in Deutschland nennt. Er hat die Hände in den Taschen seines Mantels verborgen, den Kragen hochgeschlagen, den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Die Sirenen haben geheult. Es hat Voralarm gegeben. Das heißt, amerikanische Bomber fliegen wieder einmal einen Angriff. Höchstwahrscheinlich auf die Nazi-Hauptstadt. Auf Berlin eben.

Wie immer haben die Straßen sich rasch geleert. Die Menschen sind in aller Eile in den Luftschutzräumen verschwunden. Leo Baeck wurde vom Lärm der Sirenen auf dem Heimweg überrascht, aber er kann nicht in jeden beliebigen dieser Räume gehen. Der gelbe Stern, den er auf seinem Mantel trägt und der ihn als Juden ausweist, verhindert das. Es gibt spezielle Kellerräume nur für seinesgleichen, und von so einem Raum ist er genauso weit entfernt wie von seiner Wohnung.

Es ist stockfinster, denn laut Vorschrift sind alle Fenster verdunkelt, um der Gefahr von oben, den Fliegern, keinen Anhaltspunkt zu geben. Und Straßenbeleuchtung ist etwas, was es in Friedenszeiten gab. Nur die Suchscheinwerfer der FLAK, der Fliegerabwehrkanonen, lassen tastende Finger über den Nachthimmel gleiten.

Die Dunkelheit macht Rabbi Baeck nicht viel aus. Er kennt hier jeden Pflasterstein, setzt ruhig seinen Weg fort. Solange er nicht einer Polizeistreife in die Hände fällt, ist alles gut. Er wird noch vor Beginn des »Vollalarms« zu Haus sein. Und wenn nicht – auch gut.

Aber derart fatalistische Gedanken verwehrt er sich im Allgemeinen. Sein Leben steht in der Hand Des Herrn. Und er hat seine Pflicht zu erfüllen.

Diese Pflicht.

Eine Pflicht, die immer schlimmer wird. Täglich kommen Befehle von der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei, neue Deportationen betreffend, oder, wie es amtlich heißt: Evakuierungen zum Arbeitseinsatz in den Ostgebieten.

Und die Reichsvereinigung der Juden hat diese Befehle zu überbringen, sie hat die Betroffenen vorzubereiten, ihnen beim Packen zu helfen, moralischen Beistand zu leisten ...

Leo Baeck tut Letzteres an vorderster Front. Mit den Verfolgten und Bedrängten zu sprechen, sie zu trösten, wenn er ihnen schon nicht helfen kann – darin sieht er seine eigentliche Aufgabe, die eines Mitmenschen und Seelsorgers.

Das ist die eine Seite. Er ist der oberste Repräsentant der Juden in Deutschland – dieses immer mehr zusammenschrumpfenden Häufleins von Menschen –, der oberste Gefangene sozusagen. Er und mit ihm die Mitglieder des Gremiums werden durch die Befehle der Gestapo gezwungen, die jüdischen Insassen des Gefängnisses Deutschland von einer Stätte zur anderen zu »verschieben« (um im Sprachgebrauch der Nazis zu bleiben), in eine ungewisse Zukunft. Was die Deportierten im Osten erwartet – noch weiß er es nicht. Er weiß nur: Es ist noch nie einer zurückgekommen.

Und als dieser oberste Repräsentant hat er mit den Nazigrößen zu verhandeln, er hat zu dulden, dass zwei Gestapo-Beamte an den Sitzungen der Reichsvereinigung teilnehmen, er hat Protokolle zu unterschreiben und Aufrufe zu verfassen. Ihm bleibt keine Wahl. Wenn er sich weigert, werden sie ihn einsperren, und das ist noch die mildeste Antwort.

Aber das kümmert ihn weniger.

Er weiß, er wird gebraucht. Die Juden Deutschlands brauchen ihn – so lange es sie noch gibt. Er ist Helfer, Tröster, Seelsorger – und Symbol für Mut und Beständigkeit, vor den Seinen und vor der Welt.

Während er sich durch die dunklen Straßen vorwärts bewegt, ist ihm bewusst: Es kann nicht mehr lange dauern, und auch er ist Opfer einer solchen »Verschiebung« wie Hunderttausende vor ihm.

Noch während des Jahres 1942 hat die deutsche Wehrmacht versucht, die Deportation der Judenheit insgesamt zu verhindern – nicht etwa aus Menschenliebe. Man braucht die jüdischen Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. Aber nun ist zu spüren, dass das Blatt sich wendet. Zwar braucht die Rüstungsindustrie noch immer die Juden, aber offenbar gewinnen andere Kräfte in der Naziführung die Oberhand. Die Deportationen nehmen zu.

Auch die jüdische Reichsvereinigung bekam das direkt zu spüren. Im Sommer wurde ihr Gebäude in der Kantstraße ins Visier genommen.

Kurz vor acht Uhr morgens – zu Beginn der Arbeitszeit – fiel die Gestapo in das Haus ein.

Jeder, der zu spät erschien, und sei es auch nur eine Minute, kam auf den nächsten Transport.

Reine Schikane. Druck sollte ausgeübt werden!

Er, Leo Baeck, ist ein Mensch, der früh aufsteht. Er war schon seit sieben Uhr früh dort an seinem Schreibtisch.

Seine Proteste nutzten nichts ...

Man hat ihn bereits viermal ins Gefängnis gesteckt während der Zeit seines Vorsitzes, aber immer wieder nach einer gewissen Frist freigelassen. Er weiß: Wenn sie jetzt kommen, jetzt, im Januar 1943, wird es endgültig sein. Dann blüht auch ihm die Deportation. Man hat ihm bereits, wie anderen Mitgliedern der Reichsvereinigung, einen »Vertrag« für den »Alterssitz Theresienstadt« aufgezwungen. Weigerung gab es nicht. Angeblich, um sich in eine Art Altenheim einzukaufen.

An das Altenheim kann er nicht glauben. Drei seiner Schwestern waren bereits in diesem »Alterssitz« angeblich »ansässig« geworden. Erst kamen Postkarten mit belanglosem, eindeutig zensiertem Inhalt. Dann Stille.

Es ist eine Frage der Zeit, bis man ihn ebenfalls holt.

Leo Baecks Schritte hallen auf dem Pflaster. Wie lange wird er die vertraute Straße noch unter den Füßen spüren? Es kann jeden Tag das letzte Mal sein.

Entwarnung. Offenbar haben sich die amerikanischen Verbände heute nun doch eine andere Stadt als Berlin ausgesucht.

Entwarnung diesmal für die geplagten Berliner, die schon den vierten Kriegswinter hungern, frieren und unter den ständigen Bombenangriffen leiden.

Keine Entwarnung für die Juden.

Rabbi Baeck hat seine Wohnung Am Park 15 in Schöneberg erreicht.

Er geht die Treppe hinauf, schließt auf, macht Licht.

Als seine Frau Natalie – Der Herr war barmherzig! – bereits 1937 starb, hatte seine alte Wohnung ihre Seele verloren. Eine leere Höhle für ihn.

Er zog um.

Mitgenommen hat er freilich die Erinnerungsstücke ihres gemeinsamen Lebens: die Spitzentagesdecke auf dem Bett, die Nathalie so schön fand, die Serviettenringe mit ihrer beider eingravierten Namenszügen.

Die Dinge des Glaubens: der Sabbatleuchter, ein sechseckiger Messingstern mit hebräischen Lettern.

Und die Bücher. Hebräische Bücher, deutsche Bücher. Bücher bis an die Decke. Still schimmern die kostbaren Ledereinbände im weichen Licht der Lampe.

Darunter seine eigenen Werke. Und, in einem Ordner, seine unvollendete Arbeit.

Das Abendgebet.

Wie lange noch in dieser Umgebung?

 

Seine Haushälterin kommt früh am Morgen, wie immer. Sie kennt den Tagesablauf des Herrn Doktor. Der steht mit den Hühnern auf, betet, liest und arbeitet meist bereits seit fünf Uhr. Gern trinkt er dann um sechs Uhr einen Kaffee – auch wenn es neuerdings nur noch Ersatzkaffee ist.

Um halb sechs klingelt es an der Wohnungstür.

Zwei Herren in Zivil. »Herr Dr. Baeck?«

Er bejaht ruhig.

»Wir haben den Befehl, Sie abzuholen. Ihr neuer Wohnsitz ist Theresienstadt.«

Er erbittet sich eine Stunde Zeit, hinterlegt das Geld für seine offene Gas- und Stromrechnung, schreibt über eine Deckadresse einen Brief an die Familie seiner Tochter und packt mit Hilfe seiner Haushälterin einen Koffer. Es gelingt ihm auch, das Manuskript darin zu verstecken, an dem er arbeitet.

Lebensmittelkarten, Rentenbescheid und Sparbücher werden auf dem Tisch deponiert. Sein Vermögen und das Inventar gelten als beschlagnahmt. Die Schlüssel zur Wohnung werden den Beamten übereignet.

Man bringt den Verhafteten zur Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße. Am nächsten Tag wird er, gemeinsam mit anderen leitenden Mitgliedern der »Reichsvereinigung«, deportiert.

Leo Baeck ist zu diesem Zeitpunkt neunundsechzig Jahre alt.

Er wird die Hölle des Lagers überleben.

DAS LAGER

Terezín – so heißt es auf Tschechisch – ist Ende des 18. Jahrhunderts vom österreichischen Kaiser Franz Joseph II. als Festungsstadt errichtet worden, zur militärischen Sicherung des Eger-Übergangs kurz vor deren Mündung in die Elbe. Die Stadt gliedert sich in zwei Teile: in die ummauerte »Garnisonsstadt«, wo das Militär stationiert war, sowie den befestigten Brückenkopf, die »Kleine Festung«.

Nachdem die Faschisten Böhmen und Mähren annektiert haben, richtet zunächst, 1940, in der »Kleinen Festung« die Gestapo ein Gefängnis ein.

Im Oktober 1941 beschließt Reinhard Heydrich, der Chef des Sicherheitsdienstes der SS und stellvertretender »Reichsprotektor« für Böhmen und Mähren, aus der Garnisonsstadt eine Sammelstelle für die Juden »seines« Gebiets zu machen, die von dort aus in die Vernichtungslager deportiert werden. Die nichtjüdische Bevölkerung des Ortes wird ausgesiedelt.

Im Januar 1942 findet in Berlin die so genannte Wannsee-Konferenz statt, in der die Naziführer die strategischen Einzelheiten für die völlige Vernichtung der Juden Europas festlegen. Dort wird beschlossen, in Theresienstadt ein besonderes »Ghetto« einzurichten: Deutsche, österreichische und tschechische Juden über 65 Jahre, die im Ersten Weltkrieg »fürs Vaterland« schwere Kriegsverletzungen erlitten hatten, sowie in den Augen der Welt besonders verdienstvolle Männer und Frauen sollen hier, neben der üblichen Belegung mit allen Altersgruppen, ihren Platz finden. (Etwa ein Drittel der Insassen mit ihren Familien fallen in dieses »Raster«, was Theresienstadt den Beinamen »Altersghetto« einträgt.)

Die Nazi-Führung will auf diese Weise nach außen den wahren Charakter ihrer Judenpolitik verschleiern: Ausländische Delegationen, vor allem das »Rote Kreuz«, werden zweimal durch einen vordem »geschönten« Bereich »der Stadt« geführt.

Außerdem will man mit diesem Schritt verhindern, dass es möglicherweise Interventionen aus dem Ausland gibt: Bekannte Persönlichkeiten konnte man schlecht zum »Arbeitseinsatz im Osten« abkommandieren, ohne weltweites Aufsehen zu erregen.

Den Höhepunkt findet die Politik der Täuschung mit dem Propagandafilm »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«, der ein gefälschtes Bild des »jüdischen Siedlungsgebiets Theresienstadt« liefern soll. Sein Regisseur Kurt Gerron, bekannter Theatermann und Filmemacher und selbst Insasse des Lagers, wird sofort nach der Fertigstellung des erzwungenen Machwerks nach Auschwitz verschleppt. Zur Aufführung des Films kommt es nicht mehr. Die Ereignisse überstürzen sich: Es geht aufs Kriegsende zu, und Theresienstadt wird nun immer mehr nur zur Durchgangsstation von Deportierten auf dem Weg in die Vernichtungslager.

Letzteres wissen die Betroffenen, die künftig dort hausen sollen, natürlich nicht. Um sie in Sicherheit zu wiegen, bietet man ihnen, so wie Leo Baeck auch, so genannte »Heimeinkaufsverträge« an. Damit garantiert man den Menschen angeblich Unterkunft, Verpflegung, Wäschedienst und ärztliche Versorgung bis hin zu einem Krankenhausaufenthalt.

Pro Person sind tausend Reichsmark aufzubringen. Wer das Geld nicht hat, dem muss von der Reichsvereinigung geholfen werden.

Allein mit diesen »Heimeinkaufsverträgen« presst der deutsche Staat über die Jahre mindestens 140 Millionen Reichsmark aus den nach Theresienstadt Verbrachten. Zählt man die beschlagnahmten größeren Vermögen der Deportierten hinzu, kommt man gar auf 400 Millionen.

Die Kosten, die pro Monat und pro Person für den Unterhalt aufgewendet werden, betragen nach Aussage der Nazibehörden 150 Reichsmark.

Die Realität sieht anders aus.

Im Jahre 1943 werden in Theresienstadt im Monat genau 11 Reichsmark und 13 Pfennige für jeden Häftling ausgegeben. Die deutsche Buchhaltung ist sehr akkurat ...

Während der Zeit vom November 1941 bis zum April 1945 werden über 141.000 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Den Statistiken nach sind davon 88.000 sehr schnell weiter in die Massenvernichtungslager, vor allem nach Auschwitz, verbracht und dort ermordet worden. Über 33.000 Menschen in Theresienstadt sterben allein an Hunger und Krankheiten.

 

Wer ist der Mann, der am 27. Januar 1943 seinen »Heimeinkaufsvertrag« unterschreibt und sein gesamtes Vermögen, immerhin 15.400 Reichsmark, in die Hände der Mörder seines Volkes überantworten muss?

Der sich einen Monat später durch den Schlamm des Lagers quält, wie ein Zugtier vor einen Karren mit Unrat gespannt? Und dem es trotz allem gelingt, dies Inferno zu überleben?

Gehen wir zu den Anfängen zurück.