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Fifty States of Wigge

Nachdem er ohne Geld bis ans Ende der Welt gereist ist, sich vom Apfel zum Eigenheim hochgetauscht hat und auf einem Tretroller durch Deutschland gefahren ist, stellt Michael Wigge sich seiner neuen Herausforderung. Innerhalb von 50 Tagen will er alle 50 Staaten der USA durchqueren. Insgesamt 20.000 Kilometer bestreitet er dabei ganz allein in seinem Campervan.

Das wäre ja noch eine halbwegs machbare Aufgabe, würde sich Wigge nicht auf einer ganz besonderen Kulturmission befinden: In 50 schrägen Challenges will er jedem der amerikanischen Bundesstaaten auf den Zahn fühlen und herausfinden, was wirklich typisch für Land und Leute ist. Und das ausgerechnet im Superwahlkampfjahr! Da nimmt Michael Wigge auch bei eingefleischten Hillary-Fans und Donald-Anhängern kein Blatt vor den Mund.

Entdeckt Wigge einen bekennenden Republikaner unter all den Demokraten im Staat Washington? Wie werden die Bewohner des Filmhauses von Texas Chainsaw Massaker reagieren, wenn Wigge dort nach einer Motorsäge fragt? Wird er es in Oregon schaffen, die Stadt Boring an einem Abend in ein Partymekka zu verwandeln? Findet er heraus, warum jeder fünfte Einwohner von South Carolina in einem Trailerpark wohnt? Oder wieso Kansas City eigentlich nicht in Kansas liegt, wo es hingehört? Und wie schafft Wigge es, in den letzten Stunden seiner Reise einen Toast Hawaii in Hawaii aufzutreiben?

US-Kultur im Schnelldurchlauf – geht das? Michael Wigge findet es heraus. Denn wo ein Wigge ist, ist auch ein Weg!

Hinweis: Den Bildteil finden Sie nach Staat 29 (Kansas, Cawker City). Direkt zum Bildteil springen.

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50 Staaten – Inhalt

Tag 1 – Staat 1: Maine, Portland (580 Kilometer)

Tag 2 – Staat 2: New Hampshire, Littleton (700 Kilometer)

Tag 3 – Staat 3: Vermont, Montpelier (810 Kilometer)

Tag 3 – Staat 4: Massachusetts, Southbridge (1.070 Kilometer)

Tag 3 – Staat 5: Rhode Island

Tag 4 – Staat 6: Connecticut, Hartford (1.150 Kilometer)

Tag 4 – Staat 7: New York, Middletown (1.600 Kilometer)

Tag 5 – Staat 8: Pennsylvania, Ronk (1.700 Kilometer)

Tag 5 – Staat 9: New Jersey, Pennsville (1.800 Kilometer)

Tag 6 – Staat 10: Delaware, Newark (2.000 Kilometer)

Tag 6 – Staat 11: Maryland, Germantown (2.050 Kilometer)

Tag 7 – Kein Staat: District of Columbia, Washington (2.100 Kilometer)

Tag 7 – Staat 12: Virginia, Mount Vernon (2.200 Kilometer)

Tag 8 – Staat 13: West Virginia, Left Hand (2.850 Kilometer)

Tag 8 – Staat 14: Ohio, Akron (3.400 Kilometer)

Tag 9 – Staat 15: Michigan, Detroit (3.780 Kilometer)

Tag 10 – Staat 16: Indiana, Columbus (4.300 Kilometer)

Tag 10 – Staat 17: Kentucky, Louisville (4.700 Kilometer)

Tag 11 – Staat 18: Tennessee, Nashville (5.000 Kilometer)

Tag 12 – Staat 19: Georgia, Gainsville (5.200 Kilometer)

Tag 13 – Staat 20: North Carolina, Tryon (5.400 Kilometer)

Tag 14 – Staat 21: South Carolina, Windsor City (5.900 Kilometer)

Tag 15 – Staat 22: Florida, Fernandina Beach (6.600 Kilometer)

Tag 16 – Staat 23: Alabama, Mobile (7.300 Kilometer)

Tag 16 – Staat 24: Mississippi, Gulfport (8.000 Kilometer)

Tag 16 – Staat 25: Louisiana, New Orleans (8.150 Kilometer)

Tag 17 – Staat 26: Arkansas, Crater of Diamonds State Park (8.900 Kilometer)

Tag 18 – Staat 27: Texas, Texana (9.000 Kilometer)

Tag 18 – Staat 28: Oklahoma, Seminole (9.200 Kilometer)

Tag 19 – Staat 29: Kansas, Cawker City (9.500 Kilometer)

Tag 20 – Staat 30: Missouri, Kansas City (10.000 Kilometer)

Tag 20 – Staat 31: Iowa, Des Moines (10.300 Kilometer)

Tag 21 – Staat 32: Illinois, Chicago Park Ridge (10.600 Kilometer)

Tag 22 – Staat 33: Wisconsin, Sheboyan (11.000 Kilometer)

Tag 23 – Staat 34: Minnesota, Hinckley (11.650 Kilometer)

Tag 24 – Staat 35: North Dakota, Bismarck (12.450 Kilometer)

Tag 25 – Staat 36: South Dakota, Mount Rushmore (13.000 Kilometer)

Tag 26 – Staat 37: Montana, Cooke City (13.920 Kilometer)

Tag 27 – Staat 38: Wyoming, Yellowstone und Jackson Hole (14.380 Kilometer)

Tag 28 – Staat 39: Idaho, Pocatello (14.000 Kilometer)

Tag 28 – Staat 40: Utah, Salt Lake City (15.100 Kilometer)

Tag 29: 900 kilometer durch Wyoming nach Nebraska

Tag 30 – Staat 41: Nebraska, Kimball (16.000 Kilometer)

Tag 30 – Staat 42: Colorado, Denver (16.210 Kilometer)

Tag 31 – Staat 43: New Mexico, Albuquerque (16.550 Kilometer)

Tag 32 – Staat 44: Arizona, Grand Canyon National Park (17.000 Kilometer)

Tag 33 – Staat 45: Nevada, Las Vegas (18.000 Kilometer)

Tag 34 – Staat 46: Kalifornien, Yosemite National Park (18.500 Kilometer)

Tag 36 – Staat 47: Oregon, Boring (19.350 Kilometer)

Tag 36 – Staat 48: Washington, Seattle (19.500 Kilometer)

Tag 37 – Staat 49: Alaska, Juneau

Tag 38 – Staat 50: Hawaii, Honolulu

Nachwort

***

Bildteil

Autor Michael Wigge

Impressum

Einleitung

Amerika im Schnelldurchlauf

Ich sitze auf meinem Sofa und fahre mit einem schwarzen Textmarker über eine große USA-Karte. So ein Mist, jetzt hab ich mich auch noch verzeichnet, denke ich genervt. Aber so kann das wohl passieren, wenn deutsche Perfektion auf amerikanische Landkarten stößt. Anstatt die schwarze Linie durch Austin in Texas zu ziehen, bin ich mit dem Textmarker versehentlich nach Dallas abgebogen.

So kann ich meine Reise nicht beginnen, ich möchte perfekt vorbereitet sein! Also gehe ich in den nächsten Target-Supermarkt. Eine neue Karte für 9,90 Dollar wird gekauft und nun eine schwarze Linie durch alle 50 US-Bundesstaaten gezogen, und dieses Mal ohne damit falsch abzubiegen! Es ist meine Reiseroute, die mir Amerika so nahe bringen soll wie niemals zuvor, denn ich habe mir eine neue Challenge gesetzt:

Alle 50 Staaten in maximal 50 Tagen bereisen und dazu 50 Challenges bestehen, die mich tief in die amerikanische Kultur hineinschleudern sollen!

Ich weiß, dass ich mir viel vorgenommen habe, aber die Challenge ist aus verschiedenen Gründen nicht zu entschärfen.

Also, wie so oft in Amerika ist auch in diesem Wahljahr nichts wirklich normal, schließlich wurde auch schon mal Ronald Reagan Präsident, der sich vorher nur durch seine Schauspielkarriere ausgezeichnet hatte. Oder man denke an den ehemaligen kalifornischen Gouverneur Terminator 2, der mit »Hasta la vista, Baby!« ganz locker an die Macht in einem Bundesstaat mit fast 40 Millionen Einwohnern gekommen ist.

Ich mag diese unverständliche Verrücktheit, bin wohl selbst ein bisschen so und bin auch großer Amerikafan. Im Auftrag der Europäer möchte ich durch meine nächste Challenge die Geheimnisse der amerikanischen Gesellschaft endlich lüften. Ich selbst habe mich schon viel mit dieser Kultur beschäftigt. Seit 2013 nenne ich Boulder im US-Bundesstaat Colorado mein zweites Zuhause neben Berlin und verbringe dort für meine Projekte in den USA viel Zeit. Ich bin so eine Art Pendelkind zwischen zwei Welten – mal Boulder, dann wieder Berlin. Beruflich und privat lebe ich beide Kulturen, und durch mein zweites Challenge-Projekt, Wigges Tauschrausch, besitze ich sogar ein Eigenheim auf Hawaii. Alles hatte mit einem Apfel in Deutschland angefangen, den ich so weit hochgetauscht habe, bis ein 1.000-m²-Grundstück und ein kleines Häuschen im 50. US-Bundesstaat offiziell meins waren. Schon zuvor hatte ich mich der Herausforderung gestellt, Ohne Geld bis ans Ende der Welt zu reisen, und dabei zwei Monate komplett blank in den USA verbracht. Besuche bei Amishbauern in Ohio, Übernachtungen mit Obdachlosen in New Mexico und Blumenessen auf Hawaii waren prägende Erlebnisse. Insgesamt hat mich die Freundlichkeit, die Höflichkeit und das positive Lebensgefühl dieser Kultur schon immer angezogen. Man verfällt einfach nicht in Pessimismus, behält die Verantwortung für Probleme eher bei sich und geht miteinander in der Regel sehr respektvoll um. Alles super, würde man die zeitweilige Verrücktheit dieser Amis nur endlich mal verstehen.

Also, ich stürze mich rein ins Amerika der vielen Facetten, miete mir einen Ford Mavericks Van E150 mit integriertem Bett und werde nun viele Wochen darin verbringen, jeden Tag hoffentlich 500 Kilometer fahren und mich jeden Tag in einem anderen Bundesstaat einer neuen Challenge stellen. Ich habe zwei große Reisetaschen dabei, eine mit Kleidung und genug Unterwäsche – man weiß ja nie, wann man im Stress der Challenges wieder die nächste Waschmaschine antrifft –, und eine weitere mit Video- und Fotokameras, um alles zu dokumentieren!

Auf dem Weg zum Start meiner großen Reise bin ich einer wilden Mischung von Gefühlen ausgesetzt, die mich schon jetzt an eine wilde Mischung Amerika erinnert. Zum einen bin ich euphorisch, voller Vorfreude auf die unglaublichen Abenteuer, die ich in den nächsten 50 Tagen erleben werde. Ich denke an Musik in New Orleans, die imposanten Weiten in den Nationalparks Amerikas, die Vielfältigkeit in Städten wie Detroit, die einen Wirtschaftskollaps erlitten haben, und natürlich die vielen, vielen Menschen, die offen und neugierig sind und meistens viele kulturelle Strömungen in ihren Stammbäumen aus Europa, Afrika und Asien haben. Ich sehe mich schon vor mondänen Herrenhäusern in den Südstaaten stehen, genauso wie auf schneebedeckten Bergen der Rocky Mountains. Ich kann es kaum erwarten, den Pazifik zu ergründen, um schlussendlich meine letzte Challenge auf Hawaii zu beenden.

Andererseits spüre ich aber auch eine gewisse Nervosität, denn ich werde einer extremen Belastung ausgesetzt sein. 50 Challenges, 50 Staaten und 20.000 Kilometer in 50 Tagen sind ganz schön viel. Was passiert, wenn der Wagen zusammenbricht, wenn ich krank werde, wenn mir etwas geklaut wird oder sonst etwas unerwartet Schlimmes passiert?

Ganz amerikanisch versuche ich Befürchtungen und Sorgen gegen das Positive einzutauschen und konzentriere mich auf den Start meines neuen Abenteuers ganz im Nordosten des Landes.

Los geht’s!

PS: Für alle, die nicht genug von meinen USA-Abenteuern bekommen können, findet sich am Ende jeder Challenge ein Link zu meinem Video-Tagebuch auf www.my-challenge-coach.de/de/wordpress/blog.

Tag 1 – Staat 1: Maine, Portland (580 Kilometer)

Fast schon Afrika!

Meinen Van hole ich in New York ab, ein bunt bemalter Bulli mit ausklappbarem Bett und Tisch, sodass ich ihn zum Schlafen, Fahren und Arbeiten nutzen kann. Ich fahre einige Stunden Richtung Norden, zum Bundesstaat Maine, in der Nähe der kanadischen Grenze.

Diese Fahrt zeigt mir gleich die Herausforderungen, die ich zu überwinden habe. Ich komme mit dem Bulli kaum aus dem Großraum New York raus, permanent Staus, ich verfahre mich immer wieder. Innerlich baut sich eine unglaubliche Spannung auf. Ich will endlich nach Maine, Mann! Aber plötzlich stehe ich im Stadtteil Harlem in einem Stau, der sich nicht auflösen will. Ich bin falsch abgebogen, und ein Menge Afroamerikaner schauen verwundert auf den Bulli mit Angry-Bird-Bemalung. Wie soll ich jemals 20.000 Kilometer fahren, wenn ich noch nicht einmal New York verlassen kann? Die Lösung: Tief einatmen! Ich mache seit Jahren Meditationsübungen fürs persönliche Gleichgewicht. Jetzt kann ich es anwenden. Ich versuche die Umstände zu akzeptieren, atme immer wieder tief ein und aus. Leider wird meine meditative Stille durch das permanente Gehupe anderer Autofahrer gestört. Man kommt wohl nur mit dem Auto durch New York, wenn man permanent andere Fahrer weg- bzw. wachhupt.

Als ich es endlich aus New York herausschaffe, fühle ich mich schwindelig, da ich immer noch einen Jetlag habe. Und dann diese New Yorker Verkehrsreizüberflutung, das hat mich ziemlich geschafft. Leider geht es die Ostküste nach Maine hoch genauso weiter, immer wieder Staus, immer wieder Anhalten, um Autobahngebühren zu bezahlen. Ich merke, dass ich mir mehr als Meditation einfallen lassen muss, um diese Reise halbwegs entspannt zu meistern.

Amerika ist ein Autoland, statistisch gesehen besitzt jede Familie 1,8 Autos. In Deutschland ist es ungefähr ein Auto pro Haushalt. Die Amis haben also fast doppelt so viele Autos pro Familie. Und das beeinflusst meine USA-Challenge enorm. Ich hatte nicht daran gedacht, dass Amis selbst mit dem Auto zum Nachbarn oder zum Briefkasten fahren. Okay, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht, trotzdem fällt mir am Straßenrand das Schild »Drive Through Pharmacy« auf, das kommt mir dann doch sehr typisch vor: Medikamente kaufen, ohne aus dem Auto steigen zu müssen.

Das Städtchen Portland in Maine präsentiert sich mir äußerst frostig. Es ist Ende April und in der Nähe Kanadas friert es, und das obwohl Maine der nächste amerikanische Bundesstaat zu Afrika ist. Ja, wirklich! Man würde ja erwarten, dass Florida die kürzeste Distanz zu Afrika hätte, aber durch die Erdkrümmung ist es Maine, ganz im Nordosten, wo es klirrend kalt ist. Während Portland in Maine nur 5.500 Kilometer von Marrakesch entfernt liegt, ist Florida fast 7.000 Kilometer von der marokkanischen Stadt entfernt.

Aber temperaturmäßig hilft mir das wenig. Gleich die erste Nacht im Van heißt für mich: Kältetest.

Als ich morgens aufwache, fühle mich wie ein alter Hamburger, der drei Tage auf dem Tisch lag und nichts mehr von seiner warmen Frische übrig hat.

Ich bin schlecht drauf. Zuerst der Stress in den unzähligen Staus und dann kaum Schlaf wegen der Kälte – kann ja nicht schlimmer werden!

Doch, es kann! Ich muss nämlich nach dem Aufstehen dringend auf Toilette, aber wo nur? Der Van hat zwar ein kleines Spülbecken und einen Campingkocher, aber keine Toilette. An dieses Problem hatte ich genauso wenig gedacht wie an die Staus in Amerikas. Wo soll ich auf dieser Reise bloß mehrfach täglich meine Notdurft verrichten, besonders wenn ich konstant unter Zeitdruck bin?

Es ist 6 Uhr in der Früh und ich erledige mein Geschäft auf einer Starbucks-Toilette. Sie ist herrlich warm, sodass aus einem kleinen Geschäft eine 20-minütige Herumtrödelgeschichte wird, um mich aufzuwärmen.

Challenge #1

Finde heraus, warum Maine die wenigsten Gefängnisinsassen der USA hat!

Ich habe mich im Vorfeld der Reise gründlich in die USA eingelesen und bemerkt, dass die Staaten eine Unzahl an Menschen in Gefängnissen haben. Insgesamt sitzen über zwei Millionen Menschen im Knast, das ist fast jeder 100. Erwachsene! Der Bundesstaat Maine fällt aber auffällig aus der Statistik heraus. Nur jeder 300. Erwachsene sitzt hier im Kittchen. Was ist hier also anders als im Rest des Landes? Sind die Gesetze lascher, schläft die Polizei oder gibt es tatsächlich weniger Straftaten?

Ich laufe durch die recht ansehnliche Innenstadt von Portland, vorbei an historischen Backsteinbauten und einem Hafen. Dort treffe ich Peter, der mir erklärt, dass Maine sehr provinziell geprägt ist und die Menschen sehr naturverbunden sind. Dadurch käme wohl der fehlende Hang, mal ein krummes Ding zu drehen. Ryan, ein Arbeiter, der gerade Kartons in ein Auto lädt, meint, dass man in Maine einfach zu langsam drauf ist, um eine Straftat zu begehen. Jenny, eine Hausfrau, die gerade ihren Hund Gassi führt, erklärt, dass der Nordosten Amerikas eine hohe soziale Verantwortung besitzt. Sie beschreibt, dass es hier an jeder Ecke Spendenaktionen für diverse Hilfsprojekte gibt. Durch diese Haltung und eine gute Bildung lebt es sich einfach friedlicher.

Aber dann treffe ich Fouci, einen Psychologen aus Schweden. Er erzählt mir, dass er nach Maine gekommen ist, um eine Studie über genau dieses Thema zu machen. Denn in dieser Region der USA gibt es die höchste Selbstverantwortung und die Menschen in Maine, so Fouci, haben verstanden, dass alles, was ihnen passiert, auf sie selbst zurückzuführen ist. Erfolg, Misserfolg, Glück und Unglück. Wir haben es selbst in der Hand und unsere Aktionen lösen natürlich Reaktionen der Gesellschaft aus. Hier liegt nach Foucis Recherche der Hund begraben: Je mehr man Selbstverantwortung als Essenz des Lebens versteht, desto weniger neigt man zu destruktiven Handlungen.

Video-Tagebuch zur Challenge:

http://my-challenge-coach.de/blog/3382

Tag 2 – Staat 2: New Hampshire, Littleton (700 Kilometer)

Der Pizzastaat

Ich fahre von Maine nach New Hampshire, denke über Selbstverantwortung nach. Jeder ist für Reaktionen der Gesellschaft selbst verantwortlich. Am Anfang meiner Reise habe auch ich die Selbstverantwortung abgegeben, klagend über die Staus und die Kälte. Ich kann noch so viel klagen, es wird nichts ändern, schließlich liegt es an meiner eigenen Haltung, wie ich mit den Umständen umgehe. Ich habe mir diese Reise ausgesucht, auch, wann ich sie starte und in welchem Land ich sie umsetze, deshalb ist es meine Verantwortung, in welche Situationen ich gerate.

Ich fahre durch wunderschöne Landschaften, durch die White Mountains. Eine tolle Bergkette, schneebedeckt, zwischendrin kleine Orte im Architekturstil Neuenglands. Es ist ein kolonialer Architekturstil des 17. bis 19. Jahrhunderts. Die Häuser sind hauptsächlich aus Holz, oftmals weiß gestrichen mit englischen Einflüssen, wie der Name schon sagt. Die Hauptstraße des Örtchens Littleton wirkt hell und sympathisch durch die weißen Holzhäuser.

Challenge #2

Finde heraus, ob die Einwohner von New Hampshire eine Pizza oder 20 Dollar bevorzugen!

New Hampshire nenne ich den Pizzastaat, da statistisch gesehen hier die höchste Pizzarestaurantdichte ganz Amerikas herrscht.

Auf 10.000 Einwohner kommen 3,87 Pizzarestaurants (The 2015 Pizza Power Report, www.seitnotiz.de/WIGGE1). Durchschnittlich sind es nur etwas über zwei Pizzarestaurants in den USA. Und in Littleton sieht es noch krasser aus. Ich finde insgesamt sieben Pizzerien für ungefähr 5.000 Einwohner. Littleton ist also so etwas wie die heimliche Pizzahauptstadt Amerikas.

Was läuft hier also? Neigt man durch die schöne Natur und Architektur etwa dazu, sich konstant Pizzen reinzuziehen? Oder mangelt es vielleicht an Fleisch und Fisch und man greift einfach immer wieder auf Pizza zurück?

Ich kann es nur durch einen Test herausfinden: In der linken Hand halte ich eine große Pizza und in der rechten einen 20-Dollar-Schein. Wie viele Passanten werden sich für die Pizza und wie viele für das Geld entscheiden?

Bei meinem Streifzug durch die Hauptstraße Littletons höre ich verschiedene Reaktionen.

»Hab grad erst zu Mittag gegessen, nehme also das Geld!«

»Geld ist Amerikas Leidenschaft. Sorry, Geld geht immer vor Pizza!«

»Wow, das wird meine zweite Pizza heute, danke!«

Insgesamt teste ich 14 Passanten. Vier nehmen die Pizza, neun die 20 Dollar und eine Person ist unentschieden. Das sieht für mich eher nach der heimlichen Geldhauptstadt Amerikas aus. Was ist also los?

Ich gehe in eine Pizzeria an der Hauptstraße und spreche mit dem Besitzer Dimitris, der mir verspricht, dass auch er jeden Tag ordentlich Pizza isst. Aber er unterstreicht, was ich vorher schon gehört habe: Geld regiert die Welt. Bei aller Pizzaleidenschaft würde Geld in Amerika immer siegen, erklärt er mir.

»Schließlich befinden wir uns im hundertprozentigen Kapitalismus. Es geht im Endeffekt immer ums Geld, und davon kaufst du dir dann deine Pizza!«

Auf meiner Weiterfahrt denke ich lange über seine Aussage nach, schließlich ist das europäische Wirtschaftsmodell auch kapitalistisch. Aber meine USA-Erfahrungen in den letzten Jahren haben mir immer wieder ein anderes Level des Kapitalismus aufgezeigt. Seitdem ich beruflich auch amerikanische Kunden habe, Amerikaner Teil meines Freundeskreises sind und ich ebenfalls in den USA konsumiere und Dienstleistungen in Anspruch nehme, spüre ich einen deutlichen Unterschied zu Deutschland beim Thema Geld. Wenn ich zum Beispiel in den USA eine Dienstleistung vom Automechaniker, Versicherungsagenten oder vom Vermieter in Anspruch nehme, muss ich viel mehr aufpassen, dass ich nicht plötzlich ein leeres Portemonnaie habe. Letztes Jahr habe ich mein Auto reparieren lassen. Der Mechaniker meinte: »Ja ja, krieg ich hin, kein großes Ding!« Eine Woche später legte er mir eine Rechnung von 4.000 Dollar vor. Ich fiel aus allen Latschen, damit hatte ich nie gerechnet. Ja, der große Fehler war gewesen, dass ich ihm einfach vertraut hatte. Erst nachdem ich mir alle Ersatzteile habe auflisten lassen, die Arbeitsstunden überprüft habe und meinte, dass ich zuerst von anderen Mechanikern Vergleiche einholen möchte, ging er plötzlich mit dem Preis um 1.500 Dollar runter. Nicht dass mir das nicht auch in Deutschland hätte passieren können, aber die fehlende Regulierung des Marktes und der hohe Konkurrenzdruck scheinen hier für dreiste Forderungen ein fruchtbarer Boden zu sein.

Anderes Beispiel: Mein Auto in den USA ist natürlich versichert. Kurz vor dieser Reise habe ich meine Versicherungsagentin gebeten, eine Personenhaftpflichtversicherung hinzuzufügen, und habe ihr gesagt, dass ich nun länger verreise. Kurz vor der Abfahrt schaute ich in den Briefkasten und sah nicht eine Zusatzversicherung, sondern gleich vier für 500 Dollar extra. Klar, das konnte ein Missverständnis sein. Aber als ich die Agentin mit der Situation konfrontierte, wurde sie nervös, und nach einigem Hin und Her merkte ich, dass sie wohl wirklich gedacht hatte, ich sei schon längst verreist und hätte so ein bisschen mehr Versicherungsschutz nicht bemängeln können.

Also wechselte ich sofort den Versicherungsagenten und war nun für 100 Dollar monatlich versichert. Schon nach kurzer Zeit erhielt ich die erste Rechnung in Höhe von 129 Dollar. Ich war echt schockiert und rief die neue Agentin an. Sie erklärte mir, dass die vereinbarten 100 Dollar eher eine Schätzung gewesen waren, für den besprochenen Versicherungsschutz muss ich nun doch 29 Dollar mehr zahlen. Also erwähnte ich, dass ich dann noch mal den Agenten wechseln würde. Plötzlich gab sie mir ein Sonderangebot für 107 Dollar.

Ende letzten Jahres war ich im Sportgeschäft, um mir neue Sportschuhe zu kaufen. Ich bat direkt um ein gutes Angebot, da ich nicht so viel zahlen wollte. Der Verkäufer reichte mir sofort Laufschuhe für 199 Dollar und erzählte mir, dass das der beste Deal sei und es einfach nicht günstiger gehe. Ich schaute während seines Verkaufsmonologs auf das Schuhregal, erblickte Nike-Laufschuhe im Sonderangebot für schlappe 49 Dollar und konnte es kaum fassen, wie ich absichtlich fehlberaten wurde.

Warum das Ganze? In der Regel werden Angestellte in den USA nach Leistung bezahlt. Je höher die Verkaufszahlen, desto höher das Einkommen. Kulturell scheint es darüber hinaus akzeptiert zu sein, aggressive Verkaufsstrategien durchzuziehen. Ich bin mir sicher, dass viele Amerikaner die 29 Dollar extra monatlich bei der Versicherungsgebühr nicht beanstandet hätten. Ich empfinde Amerikaner in diesem Punkt oftmals großzügiger, man denkt sich: Egal, ich hab eh so viel um die Ohren.

Viele Geschäfte können in den USA durch die Zahlung mit der Kreditkarte die E-Mail-Adresse des Kunden bekommen. Nach dem Supermarkteinkauf beginnt dann der Spam. Auf Europäer mit gemäßigtem Konsumverhalten und der Gewohnheit, dass Verkaufsstrategien nicht zu agressiv sein dürfen, wirkt das befremdlich. Heute gebe ich nur noch meine angeblich neue E-Mail-Adresse raus: Iamsotiredofthis@yahoo.com.

Ich denke, in Deutschland geht man da viel schneller in die Auseinandersetzung, wenn man überrumpelt wird, plötzlich Zusatzkosten auftauchen etc., und man besteht einfach auf sein Recht. Da Amerikaner darauf aus Höflichkeit lieber verzichten, haben viele Amerikaner sicherlich höhere laufende Kosten als notwendig wäre.

Video-Tagebuch zur Challenge:

http://my-challenge-coach.de/blog/3406

Tag 3 – Staat 3: Vermont, Montpelier (810 Kilometer)

Der liberale Bundesstaat

Ich wache auf der Rückbank im Van auf, nach neun Stunden Schlaf. Im Leben hätte ich nicht gedacht, dass ich auf einer Rückbank so tief und fest schlafen kann, aber die Erschöpfung war gestern so groß, dass ich wahrscheinlich auch stehend in einer Menschenmenge neun Stunden geschlafen hätte.

Ich steige aus dem Van und gehe durch Montpelier, der Hauptstadt von Vermont. Montpelier ist in der Aussprache nicht mit dem französischen Montpellier zu verwechseln. Man spricht es aus wie »Montpällieeer«. Und diese Bundesstaatenhauptstadt ist ziemlich besonders:

In den Sechzigern sind viele Hippies in das Städtchen gezogen, sodass man heute viele ältere Herrschaften mit langen Haaren in den örtlichen Cafés sieht.

Challenge #3

Umarme 10 Passanten, finde darunter jemanden, der Donald Trump aufgrund seines Bad-Boy-Images wählen will!

In einem linksliberalen Hippieort ist diese Herausforderung wohl eine Mission Impossible. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Los geht’s!

Ich bitte 10 Passanten, mich aufgrund der Challenge zu umarmen, und während der Umarmung frage ich ganz unerwartet: »Do you vote for Donald Trump?«

Viele Passanten erschrecken sich über diese unerwartete Frage und antworten wie folgt:

An diesem Punkt ist mir klar, dass ich die Challenge nicht gewinnen kann. Nur einer von neun Passanten ist Republikaner gewesen, und dieser fand das Bad-Boy-Image von Trump auch nicht gut. Was nun?

Ich will unbedingt die Challenge gewinnen und schaue mir genau die Personen auf der Straße an. Für meinen letzten Versuch darf ich niemanden mit langen Haaren wählen, kein alternatives Outfit, am besten jemanden, der etwas kantiger daherkommt, jemand der auch zeigt, dass er gerne mal aneckt.

Da entdecke ich Garry, der gerade vorbeikommt und mich irgendwie frech angrinst. Das ist er! Ich frage ihn, wie er zum Trump-Image steht. In der Frage lege ich ihm eine positive Antwort schon nahe. So nach dem Motto:

»Findest du das Bad-Boy-Image von Trump auch so super?«

Zusätzlich strecke ich ihm ein großes Grinsen entgegen, das auf eine Bestätigung wartet.

Und Garry, sagt:

»Ja! Ich mag sein Bad-Boy-Image, so richtig Bad Ass, der Kerl!«

Ich jubele, der zehnte Passant bringt es raus. Garry ist total überrascht darüber, dass die Aussage so viel Freude in mir auslöst. Ich umarme ihn, was ja auch zur Challenge gehört. Jetzt wird Garry etwas misstrauisch.

»Alles gut bei dir?«

Ich bestätige und sage ihm, dass ich nun endlich in den nächsten Staat reisen kann. Garry winkt grinsend ab und kann den Zusammenhang natürlich nicht verstehen.

Zum Abschluss frage ich ihn noch, was so gut am Bad-Boy-Image von Trump ist. Garry erklärt, dass er den Wahlkampf dieses Jahr als große Unterhaltungsshow sieht, und das hat Trump bekanntlich drauf.

Video-Tagebuch zur Challenge:

http://my-challenge-coach.de/blog/3449